«Cocainlove»

Chasch öppis zahle?

Interview: Johanna Lier

Panoramafotos von Michael von Graffenried erzählen von der Drogensucht und werben auf Plakatwänden für mehr Toleranz.

Zwölf SchweizerInnen begleitete Michael von Graffenried, Fotograf aus Bern mit Wohnsitz in Paris, über eine längere Zeit. Dabei entstanden zahlreiche Panoramafotos zum Thema «Illegale Drogen». Je dreissig davon sind ab 15. Dezember im Format von 1,2 auf 2,7 Meter in mehreren Schweizer Städten auf den öffentlichen Plakatwänden zu sehen. Gleichzeitig findet im Berner Kornhausforum eine Ausstellung aller Bilder statt. Die Arbeit wird im Buch «Cocainlove» publiziert und im Katalog «Risk» von Contact Netz, der Berner Gruppe für Jugend-, Eltern- und Suchtarbeit. Die Arbeit des Fotokünstlers versteht sich nicht als Kampagne, sondern als Kunstprojekt im öffentlichen Raum.

WOZ: In den neunziger Jahren waren Sie mehrmals in Algerien, und während der letzten achtzehn Monate begleiteten Sie Drogensüchtige in ihrem Alltag. Wie wählen Sie Ihr Thema?

Michael von Graffenried: Da ist viel Zufall im Spiel. Die Schweizer Botschaft wollte 1991 anlässlich der 700-Jahr-Feier in Algerien ein Fussballspiel Schweiz-Algerien organisieren, das dann wegen der islamistischen Wirren abgesagt werden musste, und so riefen sie mich an und fragten, ob ich nicht meine kritischen Schweizer Bilder «Swiss Image - Ausstellung» in Algerien zeigen wolle. Ich hingegen schlug vor, ein Treffen mit algerischen Fotografen zu organisieren. In Algier lernte ich dann zehn Fotografen kennen, hatte plötzlich zehn neue Freunde - jeder mit einer riesigen Familie. Gleichzeitig waren Wahlen, die im ersten Durchgang zugunsten der Islamisten ausfielen, worauf sie abgebrochen wurden, was das Land in einen Bürgerkrieg riss. Es wurde immer schwieriger mit dem Fotografieren, was mich dazu gebracht hat, eine Panoramakamera mit Wasserwaage zu kaufen, mit der ich Fotos machen kann, ohne sie vor das Auge halten zu müssen - die Geburt meines Querformats, das ich bis heute benutze. Algerien hatte mich einfach nicht mehr losgelassen, und ein grosses Abenteuer begann.

Mit einer alten Kamera ...

... ja, und so habe ich jahrelang gegen den Willen der Beteiligten Fotos gemacht und hatte ein wahnsinnig schlechtes Gewissen dabei. Im Jahre 2000 brachte ich diese gestohlenen Bilder anlässlich der Ausstellung «Algerien - Krieg ohne Bilder» nach Algier zurück und suchte die Menschen auf, die ich heimlich fotografiert hatte. Daraus entstand dann der Dokumentarfilm «Guerre sans Image - Algerien, ich weiss, dass du weisst».

Wie kam es zu der Geschichte mit den Drogensüchtigen?

Jakob Huber vom Contact Netz in Bern fragte mich, ob ich nicht etwas zum Thema machen wolle, denn trotz der Debatten um die Liberalisierung der Drogen dächten noch viele Leute, Drögeler seien Aussätzige und Ausgestossene. Ich war sofort interessiert. Und da ich mit Gesichtern und Namen arbeiten wollte - die Drögeler also aus der Anonymität herausholen -, ging ich während vieler Wochen immer wieder ins Fixerstübli. Zögerlich fingen einige an, sich für mein Anliegen zu interessieren. «Wieviel chasch zahle», war immer die erste Frage. «Ich biete dir einen biografischen Ausschnitt aus deinem Leben in Bildern», war meine Antwort.

In Algerien weigerten sich die Menschen, sich fotografieren zu lassen, die Drogenabhängigen wollten auch nicht so recht ...

... Sicher, um Realitäten zu zeigen, die niemand sehen will, muss ich an die Grenze vorstossen. Die Drögeler sieht man auf der Strasse, täglich, aber wer beschäftigt sich mit ihnen?

Katastrophen, Elend und Gewalt sind doch die häufigsten Themen in den Medien.

Bei uns in der Schweiz ist ja alles gut, sagt man, darum muss sich hier auch nichts wirklich verändern. Lieber nicht hinschauen. Die Kriege und das Elend im Ausland brauchen die Medien als «Aufregerli», und oft sind diese Berichte auch sehr oberflächlich.

Politische Gewalt in Algerien, Drogenelend in der Schweiz - was sind Ihre persönlichen Erwartungen an die Wirkung Ihrer Bilder?

Drogenelend! Ist das wirklich ein Elend? Peter zum Beispiel - das ist einer, den ich porträtierte -, hat dieser Peter ein elendes Leben? Es ist einfach seines, es ist das, was er hat, und es ist ja nicht grauslig. Der Mann ist auch nicht aggressiv. Er lebt die Konsequenzen der Konsumgesellschaft, denn er konsumiert den ganzen Tag. Eigentlich machen wir das ja auch. Einfach auf andere Art und Weise.

In «Cocainlove» montieren Sie die Geschichte von Peter und Astrid zu einem Fotoroman, in einer sich steigernden Dramaturgie. Erholt sich Peter im Gefängnis, geht es Astrid draussen schlechter - und umgekehrt. Mir ist aufgefallen, dass die Bilder ihre Aussagekraft oft durch die Geschichten in den Bildlegenden entfalten.

Ein Bild kann nie das Wort ersetzen, und das Bild alleine, das reicht mir nicht. Ich möchte Transparenz erzeugen, zeigen, wie ich etwas gemacht habe, mit wem ich es gemacht habe, warum ich es gemacht habe, was heute in den Medien oft fehlt.

Eine der Bildlegenden lautet: «Endlich findet Peter etwas Ruhe.» Durch dieses «Endlich» wird das ganze Bild erst emotional aufgeladen ...

... Das Gefängnis ist wie eine Klinik, in der Astrid und dann später Peter endlich zur Ruhe kommen, in der ich auch die ersten wirklichen Gespräche mit den beiden führen konnte. Vor Peters erstem Besuch brauchte Astrid zwei Tage, um sich schön zu machen, ihre Freundinnen wuschen ihr die Haare und machten ihr Locken. Dann backte sie ihrem Schatz eine Rüeblitorte. Peter kam an und sah aus wie ein sauberer Bürger - Astrids Traum: ein bürgerliches Leben, heiraten und Kinder. Peter träumt diesen Traum nicht mehr, er macht sich keine Illusionen. Vor zwölf Jahren habe er auch so gedacht, sagt er, aber so leicht stehe man das Methadonprogramm nicht durch und kriege eine Sozialwohnung. Und dann, als Astrid aus dem Knast raus kam, war sie nach zwei Tagen wieder voll auf Drogen. Es ist eine hochemotionale Geschichte, die ich so erzählen will, und sie erzählt genau das, was ich in diesen achtzehn Monaten erlebte. Ich bin nicht nur Fotograf, sondern auch Autor und Künstler.

Wie wird wohl die Reaktion von Astrid und Peter sein?

Letzthin besuchte ich Peter. Und da er gerade gut drauf war, versorgt mit Stoff und Geld, habe ich ihm eines der Plakate gezeigt. Ich hatte eine solche Panik. Würde er das Bild zurückweisen, müsste ich die ganze Sache absagen. Ich rollte die Serigrafie aus, und er sagte: «Oh, das ist cool!»


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