04.11.2004

Ein Dorf im Dienst der Abschreckung

Nachdem ein abgewiesener Asylbewerber gewalttätig geworden ist, verlangt die Gemeinde Vallorbe die Schliessung des eidgenössischen Empfangszentrums; Chronik eines absehbaren Konflikts.

Von Helen Brügger

Es geschah am 11. Oktober 2004 im Regionalzug nach Vallorbe: Ein abgewiesener Asylbewerber griff zwei Jugendliche und eine schwangere Frau mit einem Messer an. Die Motive des Angreifers sind unklar, er gab an, unter innerem Zwang gehandelt zu haben. Die Opfer sind ausser Lebensgefahr, doch die Tat giesst Öl ins Feuer, das vor vier Jahren vom Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) angezündet worden war.

Damals beschloss Bern aus Spargründen, das Genfer Empfangszentrum, eines der vier eidgenössischen Empfangszentren für Asylbewerber, in die abgelegene Kleinstadt Vallorbe am Jura­bogen zu verlegen. Schon damals vermuteten die Flüchtlings- und Solidaritätsorganisationen andere als nur wirtschaftliche Motive hinter der Verlegung. «Es geht darum, die Asylsuchenden aus dem dichten Genfer Solidaritätsnetz zu entfernen, sie zu isolieren und damit verstärkt abzuschrecken», sagte Michel Ottet von der Genfer Solidaritätsorganisation Elisa gegenüber der WOZ (siehe WOZ Nr. 44/2000).

2000 Stunden freiwillig

Die Verlegung nach Vallorbe stand dann auch von Anfang an unter einem schlechten Stern. Das Bundesamt für Flüchtlinge übte Druck auf die skeptische Bevölkerung aus: In der Kaserne, einst Stolz und Einnahmequelle des Ortes, werde entweder ein Empfangszentrum für Asylbewerber oder ein Wohnheim für Flüchtlinge eingerichtet, die Gemeinde könne wählen. Vallorbe entschied sich für das Empfangszentrum. Der solidarische Teil der Bevölkerung gründete die Aravoh (Association auprès des Requérants d’Asile de Vallorbe, Œcuménique et Humanitaire), die den Asylbewerbern die Integration in Vallorbe erleichtern will – sie zählt 167 Personen und 34 Gemeinden zu ihren Mitgliedern; auch Vallorbe unterstützte zu Beginn die Organisation. Die Aravoh leistet mit rund 2000 Stunden Freiwilligenarbeit pro Jahr Erstaunliches: 45 Freiwillige betreuen jeden Tag 60 bis 120 Asylbewerber. «In dieser Zeit sind sie nicht auf der Strasse, also arbeiten wir auch für die Bevölkerung», sagt Christiane Mathys, die Präsidentin der Organisation. Um die Spannungen zwischen der Bevöl­­kerung und den Asylsuchenden zu mildern, wurden gemeinsame Feiern veranstaltet und Aussprachen organisiert: «Wir tun, was wir können, aber es sind immer die Gleichen, die sich beklagen.» Etwa, dass die Fremden «um den Bahnhof herumlungern», «Picknick­papiere wegwerfen», im Sommer «das Schwimmbad besetzen» oder gar «Ladendiebstähle verüben», fasst Mathys die Klagen zusammen. «Als wir sagten: ‹Schickt doch ein paar Polizisten in die Einkaufsstrasse›, ging die Kleinkriminalität zurück.»

Die Aravoh arbeitet auch mit einer unabhängigen juristischen Beratungsstelle der Asylsuchenden zusammen, die den Betroffenen im Ämterdschungel den Rücken stärkt. Das ging jedoch der Gemeinde zu weit. Die Aravoh müsse die Zusammenarbeit aufgeben oder auf weitere Unterstützung durch die Gemeinde verzichten, verlangte sie. Doch Christiane Mathys beharrte auf der Zusammenarbeit. Darauf strich die Gemeinde die bescheidene Subvention für die Miete des Aravoh-Treffpunkts.

Der SPler «Lebensqualität»

Die Spannungen in Vallorbe wuchsen. Sogar zwei sozialdemokratische Gemeinderatsmitglieder verlangten, Vallorbe müsse seine «Lebensqualität zurückerhalten», die ihrer Ansicht nach durch das Empfangszentrum beeinträchtigt wird. Die Kirchen suchten den Unmut mit einem Fragebogen einzudämmen. Doch das wenige Tage vor dem Messerangriff veröffentlichte Resultat schlug wie eine Bombe ein: Sechzig Prozent der Befragten sprachen sich für die Schliessung des Zentrums aus. Jean-François Bédert, diakonischer Mitarbeiter der reformierten Kirche, ist sichtlich verlegen: «Wir suchten nach einem Ausweg aus der Krise, nach Hinweisen, wie die Bevölkerung die Situation erlebt, wie man das Zusammenleben für beide Seiten besser gestalten könnte.» Stattdessen kam es zur Gewalttat, dann folgte die Forderung der Gemeindebehörden nach eingeschränkten Ausgangszeiten für die BewohnerInnen des Zentrums und schliesslich die Forderung des Gemeinderats nach dessen Schliessung.

Nun ist guter Rat teuer: Bédert will Diskussionen mit den Gemeindebehörden und den beiden Kirchen abwarten, bevor er sich dazu äussert, wie es weitergehen könnte. Am 4. November ist ein Treffen mit dem BFF geplant. Im Vorfeld des Treffens aber will niemand etwas sagen: Gemeindepräsident Laurent Francfort reagierte auf Anfragen der WOZ nicht, und beim Bundesamt für Flüchtlinge heisst es: «Vor der gemeinsamen Sitzung zwischen BFF und Gemeindebehörden nehmen wir weder in Vallorbe noch in Bern Stellung.» Für Michel Ottet hingegen ist klar: «Das Drama war absehbar.» Grosse psychologische Kenntnisse brauche es nicht, um zu verstehen, dass ein paar hundert Asylsuchende in einer Stadt wie Vallorbe mehr Probleme stellten als in einer Stadt wie Genf. Christiane Mathys geht noch weiter: «Der Täter ist ein Asylbewerber, den man mehrere Tage vor seiner Tat mit einem Zugbillett in der Hand auf die Strasse gestellt und dem man nichts mehr ausser Nothilfe gewährt hat. Mich hat die Tat erschüttert, aber wenn man Menschen so behandelt, muss man damit rechnen, dass einmal einer ausrastet.»

Und die junge Frau, deren Baby nach dem Messerangriff durch einen Kaiserschnitt gerettet werden konnte? «Ich will nicht, dass man alles vermischt, die Flüchtlingsfrage und was mir passiert ist», sagte sie der Zeitung «Le Matin». «Das könnte den Rassismus gegenüber diesen Leuten schüren.»

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