Am 7. und 8. Juli findet in Hamburg der G20-Gipfel statt, an dem die mächtigsten StaatschefInnen der Welt ihre «vernetzte Welt gestalten» wollen. Mit der Zusammenkunft von Donald Trump, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan ist der Gipfel auch ein Gipfeltreffen der Autokraten. In Hamburg werden 100 000 DemonstrantInnen erwartet, die zu einem Gegengipfel und Protesten laden. Die WOZ berichtet ab Dienstag, dem 4. Juli, an dieser Stelle in einem Blog über die Ereignisse: aus dem Sonderzug nach Hamburg, von den Demonstrationen sowie vom G20-Gipfel selbst. Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter!

09.07.2017

Tschüss Hamburg!

Vom WOZ-ReporterInnenteam

Oben: «This is what democracy looks like» ruft die queerfeministische Sambatruppe an der «Welcome-to-hell»-Demo. Mitte: Die Köhlbrandbrücke zum Hamburger Hafen ist blockiert, die Aktion versteht sich als Angriff auf die Logistik des Kapitals. Unten: Die Polizei schikanierte bis zum Ende und wollte die Passagiere des Sonderzugs auf der Heimreise abfilmen. Das unermüdliche «Legal Team» wusste es zu verhindern. Fotos: Florian Bachmann

Der G20-Gipfel und die Proteste dagegen sind vorbei. Das WOZ-ReporterInnenteam – Raphael Albisser, Florian Bachmann, Anna Jikhareva, Kaspar Surber und Raul Zelik – ist gut nach Hause gekommen. (Nur einer hinkt ein bisschen, weil er einem brüsk wendenden Wasserwerfer ausweichen musste.) Wir bedanken uns bei allen LeserInnen für das Interesse, die vielen sehr positiven Reaktionen und auch für die erwartbare Kritik. Ein spezieller Dank gilt dem Medienzentrum FC/MC im St.Pauli-Stadion sowie dem ProWOZ-Recherchierfonds für die finanzielle Unterstützung.

09.07.2017

Auf der anderen Seite des Empires

Von Kaspar Surber und Florian Bachmann (Foto), Hamburg

Da kommt sie durch die unauffällige Tür: Angie!

Alle Blicke und Kameras sind auf die weisse Tür gerichtet. Das weitläufige Medienzentrum am G20-Gipfel ist an Künstlichkeit nicht zu übertreffen: Speziell hässlich ist die Plastikpflanzenlounge geraten, knapp gefolgt von einer wellenförmigen Neondeckenlampe. Die weisse Tür dagegen nimmt sich fast schon bescheiden aus, als könne sie so umso mehr zu einem grossen Auftritt beitragen. Als sie sich endlich öffnet, knipsen die Kameras im Stakkato. Die deutsche Bundeskanzlerin betritt den Saal, um die Resultate des G20-Gipfels zu verkünden.

Merkel wertet den Gipfel als Erfolg: Man habe versucht, sagt sie in ihrer bekannten Sowohl-als-auch-Sprache, «Kompromisse zu finden, ohne den Dissens zu übertünchen». Wenig überraschend konnte man sich schon am Vortag auf die Bekämpfung des Terrorismus einigen, bis zum Schluss wurde um den Klimaschutz gestritten: Die USA konnten nicht überzeugt werden, ihre Kündigung des Pariser Klimaabkommens zurückzunehmen.

Merkel lobt die Polizei

Die Schlusserklärung der G20 will «Stabilität sicherstellen, Zukunftsfähigkeit verbessern und Verantwortung übernehmen». In den Beschlüssen wird das gegenwärtige Wirtschaftsregime neu justiert. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Stabilität der «Lieferketten» von Waren, die Merkel auch in ihrer Pressekonferenz mehrmals betont. Die Protestierenden hatten also durchaus recht, wenn sie mit der Besetzung des Hamburger Hafens die Logistik der «Just-in-Time»-Produktion unterbrechen wollten.

Merkel findet im Verlauf der Pressekonferenz zu einer immer festeren Stimme und bedankt sich am Schluss bei den Sicherheitskräften: «Ich verurteile die entfesselte Gewalt und ungehemmte Brutalität aufs Schärfste». Auch die übrigen Staatschefs würden sich dem Dank ausdrücklich anschliessen. Merkel bleibt für einmal beim Sowohl: Auf die Verletzungen der Grundrechte und die massive Polizeigewalt geht sie mit keinem Wort ein.

Erdogan kreist um sich

Einen Pressesaal weiter tritt im Anschluss der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf. Er hat eine überraschend sanfte Stimme, die bisweilen ins Weinerliche kippt. Umgeben von Bodyguards gibt Erdogan den armen Mann vom Bosporus: verfolgt von «Terroristen», zu denen er die AnhängerInnen der Gülen-Bewegung zählt wie auch die Spitze der Oppositionspartei HDP. Gefragt, wann er die inhaftierten JournalistInnen endlich freilasse, kann Erdogan wieder nur von sich selbst reden: «Ich war wegen eines Gedichts auch einmal vier Monate inhaftiert und deshalb sensibilisiert für Fragen der Meinungsfreiheit.»

Einem kurdischen Journalisten wird das Theater zuviel. Wie ihm gestern die Elbphilharmonie gefallen habe? Erdogan war dem Konzert ferngeblieben, weil Merkel ihn nicht öffentlich in Deutschland auftreten liess. «Ich habe die Elbphilharmonie am Fernsehen gesehen, sie sah schön aus», antwortet Erdogan. Am Fernseher habe er sicher auch die Proteste gesehen, die an jene auf dem Taksimplatz im Jahr 2013 erinnerten. Was er denn zum Einsatz der Polizei meine? «Die Sicherheitskräfte haben sich bemüht, gegen die Proteste anzugehen, aber es bleibt offen, ob ihre Strategie richtig war», sagt Erdogan. Ob er weniger heftig oder noch heftiger zugeschlagen hätte, führt er nicht aus. Er wolle sich nicht weiter in die Innenpolitik einmischen, meint Erdogan.

Von wegen künftiger Polizei- und Proteststrategien: Der G20-Gipfel findet 2018 in Argentinien, 2019 in Japan und 2020 in Saudiarabien statt.

09.07.2017

Hamburg – rebellische Stadt

Ein Kommentar von Raul Zelik

Einer der vielen Versuche, den G-20 Gipfel zu stoppen: Sitzblockade nahe der Landungsbrücken. Foto: Florian Bachmann

Auch wenn in den Medien fast nur über angezündete Autos, Polizeigewalt und die Strassenschlachten vom Schanzenviertel geredet wird, ist das Entscheidende der vergangenen Tage doch etwas anderes: Hamburg hat sich der G20-Weltordnung aus neoliberalem Freihandel, Krieg, wachsender Ungleichheit, Umweltzerstörung und Demokratieabbau auf vielfältige und bunte Weise widersetzt. Jene KritikerInnen, die die Mobilisierung zum G20-Gipfel schon im Vorfeld als «in die Jahre gekommenes Ritual» abstempelten, haben Unrecht behalten. Die Proteste von Hamburg waren jenseits der Strassenschlachten von einer Kreativität und Lebendigkeit geprägt, wie sie auch die meisten OrganisatorInnen des Gipfelprotests wohl nicht für möglich gehalten hätten.

Die zweite gute Nachricht lautet: Obwohl die Polizei auch gegen friedliche Proteste mit grösster Brutalität vorging und am Ende sogar mit Sturmgewehren gegen Protestierende vorrückte, haben sich Hunderttausende nicht einschüchtern lassen. Unmittelbar nach dem Polizeiangriff auf die «Welcome to Hell»-Demonstration am Donnerstagabend fanden sich an die zehntausend Menschen erneut zusammen und demonstrierten weiter. Auch die Blockadeaktionen am frühen Freitagmorgen, die immer wieder zusammengeschlagen und mit Pfefferspray angegriffen wurden, fanden wie geplant statt: Unter dem Motto «Shut down the Logistics of Capital» blockierten antikapitalistische und gewerkschaftliche Gruppen den Frachtverkehr am Hamburger Hafen, um auf den Zusammenhang von freien Warenströmen und repressiver Migrationsbekämpfung hinzuweisen.

Breit und verankert

An anderen Stellen der Stadt wurden die Zufahrtsrouten zu den Messehallen blockiert, weshalb sich die Eröffnung des offiziellen Gipfels verzögerte. Durch die Innenstadt zog eine Bildungsdemonstration von SchülerInnen, im Millerntor-Stadion des FC St.Pauli arbeiteten rund hundert Freiwillige eine Woche lang ununterbrochen in einem selbstorganisierten Medienzentrum. Mit Dampfern, LKWs und Soundsystems hat das Netzwerk «Recht auf die Stadt» Elbe, Plätze und Strassen zu ständig wechselnden Protestorten gemacht. Und bei der Grossdemonstration «Grenzenlose Solidarität statt G20», von der sich SPD, Grüne und die grossen Gewerkschaftsverbände distanziert hatten, beteiligten sich rund 80 000 Menschen: kurdische Organisationen, die «interventionistische Linke», St. Pauli-Fans, Attac, die Partei Die Linke, das antikapitalistische «Ums Ganze»-Bündnis und viele andere mehr.

Beeindruckend war auch, wie stark der Protest in der Bevölkerung verankert war. Überall in der Stadt öffneten Kirchengemeinden, Theater und Genossenschaften ihre Türen für Protestierende, nachdem die rotgrüne Landesregierung die Protestcamps verboten hatte. Aus vielen Fenstern hingen Transparente, in den Schaufenstern kleiner Geschäfte waren Protestplakate gegen den Gipfel zu sehen.

Autoritäre Übung

Das alles fand unter schwierigen Voraussetzungen statt. Denn schon lange vor den Strassenschlachten im Schanzenviertel hatten Innensenat und Polizeiführung alles unternommen, um die Protestbewegungen einzuschüchtern. 20000 PolizistInnen aus fast allen Bundesländern und Österreich, mehr als hundert Wasserwerfer und Räumungspanzer, Dutzende Helikopter und schwer bewaffnete Einsatzkommandos der Polizei waren in der Hansestadt zusammengezogen worden. Und so peinlich die vermummte Selbstinszenierung vieler Randalierer vor brennenden Sofas Freitagabend im Schanzenviertel auch gewesen ist, wahr ist eben auch, worauf Christoph Kleine, Sprecher der «G20-Plattform», hingewiesen hat: Schon vor den Strassenschlachten hatte «die Polizei mehrmals Tote in Kauf genommen».

Von einem «Fest der Demokratie», wie es die Landesregierung angekündigt hatte, war wahrlich nichts zu spüren. Die Polizeistrategie wirkte, als solle die Einführung des autoritären Ausnahmestaats geprobt werden.

Doch die gute Nachricht lautet eben auch: Hamburg hat sich davon nicht beeindrucken lassen. In der Hansestadt sind die Verbindungen zwischen Fussball, Politik, ehemaligen HausbesetzerInnen, Nachbarschaft und kritischer Kunst- und Musikszene durchlässiger als anderswo. Und viele Gruppen, vor allem aus der Kulturszene, machen seit vielen Jahren konkrete Stadtteilprojekte. Das zusammen hat dafür gesorgt, dass immer wieder neue Aktionsformen erfunden wurden, die die Polizeimassnahmen ins Leere laufen liessen.

Kollektive Antworten

Jene KapitalismusgegnerInnen, die vor brennenden Sofas posierten, um ein Selfie mit dem IPhone zu schiessen, wären gut beraten, sich diese anderen Aktionsformen zu eigen zu machen. Denn in Zeiten, in denen der Einsatz von Sturmgewehren gegen Protestierende zur Normalität zu werden droht, sorgt die Randaleinszenierung vor allem für Entpolitisierung.

Die grosse Frage der Zeit lautet, wie sich öffentliche Orte gegen den drohenden Autoritarismus – und die alltägliche Kommerzialisierung – behaupten lassen. Gruppen wie das Hamburger Netzwerk «Recht auf Stadt», das Medienzentrum im St.Pauli-Stadion, aber auch viele andere Gipfel-GegnerInnen haben in den vergangenen Tagen immer wieder gezeigt, dass es viele intelligente und kollektive Antworten gibt. Und das ist (auch wenn kaum jemand darüber redet) das Entscheidende an den Gipfelprotesten in Hamburg. 

09.07.2017

Mit der «Olga» auf der Elbe

von Raphael Albisser, Hamburg

Die Elbphilharmonie kommt in Sichtweite: Die «Olga» im Hamburger Hafen. Foto: Peter Bisping

Als Olga loslegt, klingt Udo Jürgens aus den Boxen: «Wir haben alles im Griff auf dem sinkenden Schiff.» Die «Olga» ist ein kleines Boot, das am Freitagnachmittag versucht, möglichst nahe zur Elbphilharmonie zu gelangen. Dort werden sich die Staatschefs der G20 ein Beethovenkonzert anhören. Olga hat ein Soundsystem auf dem Dach, mit dem sich die dreissig AktivistInnen bemerkbar machen wollen, die auf der «Olga» und einem zweiten Boot, der «Gothmund», mitfahren.

Ein Boot der Wasserschutzpolizei fährt kurz backbord. Ihre einzige Auflage für die Demo: nicht näher als fünfzig Meter an die Sperrzone vor der Elbphilharmonie heranfahren. Daran will sich die gemütliche AktivistInnengruppe halten; mit der «Waschpo» pflege man ein gutes Verhältnis, sagt einer, die sei viel entspannter drauf als andere Abteilungen der Hamburger Polizei. Es herrscht viel Verkehr auf der Nordelbe an diesem Nachmittag. Zwischen Polizeischiffen und TouristInnenfähren flitzen gegen zehn kleine Schlauchboote von Greenpeace über die Wellen.

«Borders»

Ein Band aus gelben Bojen markiert die Grenze der Sperrzone, dahinter kreisen Waschpo-Schiffe und einige Schlauchboote mit BundeswehrsoldatInnen. Näher wird man nicht herankommen. Durch das Fernglas erkennt man auf dem Balkon des Gebäudes von Herzog und de Meuron viele  Menschen in schöner Abendkleidung. Doch erst in einigen Stunden werden die Staatschefs eintreffen. Über Olgas Lautsprecher richtet sich ein Aktivist an die Menschen auf dem Balkon: Die Zurschaustellung globaler Macht durch die G20 sei in Hamburg nicht willkommen. Er kritisiert die europäische Abschottungspolitik, die an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten sei. «Freihandel erzeugt Flucht!», ruft er, und fordert: «Fähren statt Frontex!». Aus der Ferne sieht es aus, als schauten die Adressierten belustigt aufs Hafenbecken herunter. Vom sicheren Balkon eines erst vor kurzem eröffneten Prestigebaus, der die Stadt Hamburg fast 800 Millionen Euro gekostet hat.

Derweil lassen die sechs Helikopter am Hamburger Himmel stets erahnen, wo in der Innenstadt gerade protestiert wird. Von der Hafenstrasse steigt eine gelbe Reizgaswolke auf. Ein riesiges Polizeiaufgebot ist auszumachen. Olga fährt in Ufernähe, schickt «Ich hab Polizei» von Polizistensohn Jan Böhmermann zur Unterstützung. Dann fährt sie langsam vorbei an den St. Pauli-Landungsbrücken, unter dem Applaus vieler Flanierender. Olga schickt «Borders» von M.I.A.

«Radio Nowhere»

Vor der Sperrzone hat Greenpeace seinen Zweimaster «Beluga II» medienwirksam in Stellung gebracht, dazu eine riesige Pappfigur: Donald Trump als trotziges Baby, dessen vollgekackte Windel auf den Planeten überquillt. Rundherum spielen die wendigen Schlauchboote von Greenpeace Katz-und-Maus mit der Waschpo. Das gigantische Zollschiff «Borkum» von der Küstenwache ist ebenfalls vor die Sperrzone gefahren und bewässert die Elbe mit der Löschkanone. «Abstoppen, drehen!», kommt die Weisung über Lautsprecher. Augen und Kehlen fangen an zu brennen, als von der Hafenstrasse die nächste Reizgaswolke über das Hafenbecken schwebt. Olga schickt Worte der Solidarität an die Protestierenden: «Auch wenn ihr euch davon nichts kaufen könnt: Ihr seid super!» Die Luftpolizei sammelt sich gerade über dem Hafenbecken. Fast scheint es, als würde zu Olgas Lärm von Ska-P ein kurzes Helikopterballett aufgeführt.

Ein doppelstöckiges Schiff mit «Seawatch»-Banner gesellt sich ins Getümmel. «Free Movement, not Free Trade» steht auf einem Transparent. Und auf der Rückseite: «G kack’n». Auch ein Presseschiff kommt angefahren, um Medienleute möglichst nah an die Elbphilharmonie zu karren. Aus Olgas Lautsprechern werden sie aufgefordert, bei der Berichterstattung nicht bloss Pressemitteilungen der Polizei zu kopieren. «Wer keine Ahnung hat, sollte besser die Fresse halten», ruft der Steuermann eines Waschpo-Schiffs. Olga spielt Bruce Springsteens «Radio Nowhere».

«Clandestino»

Als die Ankunft der G20-TeilnehmerInnen endlich bevorsteht, pfeift die Küstenwache die Protestboote zurück. «Nähern Sie sich nicht weiter der Absperrung, sonst müssen wir Massnahmen gegen Sie ergreifen», tönt es von der «Borkum». Olga dreht ab und antwortet mit Manu Chao, «Clandestino». Oben an der Reling führt ein Uniformierter hinter seiner Gewehrhalterung ein Tänzchen auf. Bald darauf sind vor der Elbphilharmonie Karawanen schwarzer Staatskarossen zu erkennen. Und während die Polizei das Greenpeace-Schiff entert und abschleppt, krächzt die Gitarre von Jimi Hendrix «Star Spangled Banner» durch Olgas Boxen.

Während die Weltoberhäupter im Prachtsaal der Elbphilharmonie wohl bereits Beethovens Neunter lauschen, schickt Olga noch «Guns of Brixton» von The Clash über die Bojengrenze. Dann machen sich die beiden Boote auf den Rückweg zum Fischmarkt. Vorbei an den Werften, wo eine deutsche Denkfabrik irrwitzig gross den Slogan «Hamburg ahoy! Keep Global Trade Open!» platziert hat. Olga spielt beim Anlegen Tocotronic: «Im Zweifel für den Zweifel».

 

08.07.2017

Die Nacht im Schanzenviertel (ohne Bild)

Von Kaspar Surber, Hamburg

Krawallbilder gibts anderswo genug. Grafik: WOZ

«Presse?», fragt die Polizistin. «Presse ohne Kamera?». Sie schaut ihren Kollegen ratlos an. «Ja, ich schreibe.» Die beiden winken mich durch ihre Kette. Für einen Moment komme ich mir vor wie ein Journalist aus dem 20. Jahrhundert. Doch vielleicht ist es auch eine Chance, die Ereignisse an diesem Abend im Schanzenviertel nur zu beschreiben. Auf die Fotos der Gewaltszenen, die sich hier ereignen, sind sowieso alle aus. Nicht nur die Polizei trägt ihre Robocop-Anzüge, nicht nur RandaliererInnen ziehen ihre Kapuze hoch, auch die FotografInnen und Kameraleute rennen behelmt herum. Was vor Ort klein wirkt und lokal, wird auf den Tickern der Newsportale bereits zum weltbewegenden Krawall. «Im Schanzenviertel brennen ganze Strassenzüge», heisst es auf meinem Handy. «Es ist wie im Krieg», schreibt «Spiegel Online».

Aus der Nähe

Es brennt im Schanzenviertel, aber nicht das ganze Viertel brennt. Es sind einzelne Barrikaden, die hier brennen. Sie sind in einem Abstand von hundert Metern aufgerichtet in der Hauptstrasse, die Schulterblatt heisst und sich quer durchs ganze Viertel zieht. Aus der Nähe wirken sie wie grosse Lagerfeuer, manche lodern nur, andere schiessen in die Höhe. Vermummte werfen darauf, was gerade in der Nähe zu finden ist: Kartons, Äste, Velos. Wann immer ein Böller im Feuer explodiert, johlen einige der Umstehenden. Es bleibt sehr viel Zeit, die Feuer zu entfachen. Die Polizei, die in den letzten Tagen praktisch bei jeder Gelegenheit ihre Wasserwerfer einsetzte, hat sie auch jetzt wieder in Sichtweite positioniert. Doch sie setzt sie lange nicht ein. Es wirkt, als hätte auch sie ein Interesse daran, es erstmal ein bisschen brennen zu lassen.

Als die Polizei schliesslich auf der anderen Seite der Hauptstrasse vorrückt, schleppen Vermummte aus den Kneipen Sonnenschirme heran. Unter der S-Bahn-Brücke rückt einer den Schirm langsam gegen die Wasserwerfer vor. Es ist ein absurdes Schauspiel, der weisse Schirm, auf den die Härte des Wasserstrahls trifft. Doch der Schirm hält dem Druck des Wassers stand, aus seinem Schutz fliegen Steine und Flaschen in Richtung Polizei. Einige Minuten dauert das Schauspiel, das Publikum applaudiert dem Schirm. Dann setzt die Polizei Tränengas ein, alle flüchten sich in die Seitengassen.

«Das ist die Bank!»

Was sich hier im Schanzenviertel ereignet, ist keine Demonstration, es war auch nie eine solche angekündigt. Es ist vielmehr ein Auflauf: Viele Schaulustige sind hier, die AnwohnerInnen stehen vor ihren Häusern. Immer wieder kurvt eine Velodemo durch die Seitenstrasse. Über allen rattern Polizeihubschrauber, mit ihren Suchscheinwerfern leuchten sie in die Strassen. Sprechchöre manifestieren zwar immer noch ein politisches Anliegen, doch wer genau sich eine Kapuze übergezogen hat, ob Autonome oder junge Erwachsene oder beides, ist längst nicht mehr zu erkennen: Was sie verbindet, ist die Wut – und die Lust auf den Kick.

Gespräch unter jungen AnwohnerInnen in einem Seitengang. Er: «Ich habe mit meinen Steuern auch für die Elbphilharmonie bezahlt. Die hören sich da unten jetzt Mozart an, und wir haben das hier.» Sie: «Beethoven, nicht Mozart.» Er: «Egal, wir haben jetzt diese Scheiss-Bullen.» Sie: «Sag nicht ‹ Scheiss-Bullen.» Er: «Ich habe gar nichts gegen die Polizei. Aber was soll denn das, immer friedlich zu sein? Damit verändert sich doch nichts.»

Mittlerweile werden auch einzelne Läden angegriffen und geplündert, vornehmlich von grossen Ketten wie dem Handyshop von O2. Gegenüber leuchtet die Werbung der Hamburger Volksbank. Die beiden Türen am Rand sind mit einem Metalladen abgeschlossen, die beiden in der Mitte sind aus Glas. Ein Vermummter wirft Steine in die Scheiben. Ein Anwohner kommt und zeigt auf eine Metalltür: «Das ist die Bank!» Die Steine fliegen weiter. «Das ist die Bank!» Der Vermummte schaut verdutzt auf. Die Türen mit Glas seien die Eingänge zu den Wohnungen, erklärt der Anwohner. «Oh Mann, sorry!», ruft der Steineschmeisser. Die beiden geben sich die Hand. «Das ist normal bei uns, wir sind uns das gewohnt», meint der Anwohner.

Logischer Effekt

In den Stunden im Viertel schiessen mir viele Gedanken durch den Kopf: Was hat das zu bedeuten, was sich hier gerade abspielt?

Der Tag in Hamburg hatte mit einem Demonstrationsverbot begonnen, das ab 6 Uhr morgens in der Innenstadt auf einer Fläche von 38 Quadratkilometern galt. Mit Blockadeaktionen versuchten DemonstrantInnen, die Zufahrtswege zum Messeviertel und zur Elbphilharmonie zu blockieren, wo der G20-Gipfel stattfindet. Es gelang ihnen, in die verbotene rote Zone vorzudringen, ein Treffen des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble zu verhindern und Melania Trump, die Gattin des US-Präsidenten, in ihrem Hotel zu blockieren. Doch immer wieder stoppte man die DemonstrantInnen mit Wasserwerfern und Tränengas.

Die Versammlungsfreiheit, eines der wichtigsten Güter in einem Rechtstaat, wurde ausgesetzt, um autoritäre Staatschefs wie Recep Tayyip Erdogan oder Wladimir Putin zu beschützten. Versuchen von DemonstrantInnen, sich dieses Recht zurückzuerkämpfen, wurde seitens der Polizei mit Gewalt begegnet. Als die Blockaden längst beendet waren, brach sich im Schanzenviertel ziellose Gewalt Bahn. Doch man rechtfertigt noch keine Plünderungen, wenn man die Ereignisse als Effekt einer sicherheitspolitischen Hysterie liest: Werden grundrechtliche Freiheiten derart massiv ausgehebelt, muss man sich nicht wundern, wenn die Stimmung in Anarchie kippt.

Dass Hamburg gestern kein demokratisches Gebiet mehr war, brachte der Polizist, der uns auf dem Heimweg zuerst nicht passieren liess, treffend auf den Punkt: «Das hier ist Störer- und Presse-freie Zone». Irgendwo ging es trotzdem hinaus.

 

 

07.07.2017

Weltregierung oder Papiertiger?

Interview: Raul Zelik

Worin liegt genau die politische Bedeutung des G20-Gipfels? Dieser Frage ging Thomas Sablowski in der unlängst mit Samuel Decker veröffentlichten Studie «Die G20 und die Krise des globalen Kapitalismus» nach. Die WOZ sprach mit Sablowski auf dem Gipfel für globale Solidarität in Hamburg über Verschiebungen in der Weltordnung, die wachsende Konkurrenz zwischen den G20-Staaten und den Aufstieg des autoritären Populismus. Sablowski ist Referent für Politische Ökonomie der Globalisierung im Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

In Ihrer Studie stellen Sie die Frage: »Sind die G20 eine informelle Weltregierung oder ein Papiertiger?» Was ist die Antwort?

Thomas Sablowski: Die G20 tragen Züge von beidem. Die Regierungen haben gemeinsame Interessen an der Reproduktion des Kapitalismus, aber sie stehen eben auch in Konkurrenz zueinander, was das gemeinsame Handeln blockiert. Es stimmt also, dass über die G20 Regeln für die globale Ökonomie festgelegt wurden und dass sie in diesem Sinne gemeinsam mit Organisationen wie dem IWF Teil eines Dispositivs sind. Aber gleichzeitig sind sie eben auch ein Forum, wo der Streit zwischen unterschiedlichen Interessen ausgetragen wird.

Eure Studie bietet einen sehr präzisen Überblick darüber, wie der Kapitalismus im 20. Jahrhundert unterschiedlich reguliert wurde. Für die letzten Jahre konstatiert Ihr wichtige Veränderungen. Was ist neu an der Situation?

In den 1990er Jahren hat sich die neoliberale Weltordnung global durchgesetzt. China und Osteuropa wurden mit Hunderten Millionen Arbeitsplätzen und Konsumenten integriert, und damit entstand ein wirklich globaler Kapitalismus. Man könnte den WTO-Beitritt Chinas 2001 wohl als Höhepunkt dieser Entwicklung bezeichnen.

Heute ist die neoliberale Weltordnung in der Krise, und es gibt eine Tendenz zu einer gewaltförmigeren Austragung von Konflikten. Weil es beim G20 in Hamburg ja auch um Afrika gehen wird, sollte man vielleicht daran erinnern, dass in Deutschland nicht zum ersten Mal auf einer internationalen Konferenz über Afrika gesprochen wird. 1884 haben sich die europäischen Kolonialmächte in Berlin getroffen, um den Kontinent unter sich aufzuteilen. Dreissig Jahre später haben diese Staaten dann gegeneinander Krieg geführt. Es gab also auch damals schon beides: imperialistische Kooperation und imperialistische Konkurrenz.

Wo verlaufen die Konfliktlinien heute?

Aufstrebende Länder wie die BRICS-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, der Iran oder die Türkei wollen sich nicht länger auf ihre Rolle als semiperiphere Staaten festlegen lassen. Sie verfolgen eigene Entwicklungsstrategien, durch die sie dann in Konflikt mit den Interessen der alten Industriestaaten geraten. Chinas Multis sind das deutlichste Beispiel dafür.

Ausserdem gibt es noch eine zweite Konfliktlinie, nämlich die zwischen Ländern mit Leistungsbilanzüberschuss und denen mit einem Defizit. Das Problem haben wir in der EU aber auch global. Donald Trump vertritt wegen des US-Defizits teilweise protektionistische Ideen, und dadurch gerät die Führungsmacht USA in einen Konflikt mit jenen Staaten, die weiter auf Freihandel setzen. Das hat nun Deutschland und China einander näher gebracht.

Wenn das neoliberale Freihandelsregime weiter zerfällt, können wir aber auch vom Regen in die Traufe kommen: Wir haben den Neoliberalismus völlig zurecht kritisiert, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es noch schlimmer kommen kann.

Sind offene, kriegerische Konflikte zwischen den grossen Staaten wirklich so leicht vorstellbar? Immerhin sind die Kapitalverflechtungen und damit auch die gemeinsamen Interessen durch die Globalisierung viel grösser geworden.

Es gab schon vor dem 1. Weltkrieg eine Phase der Globalisierung, auf die dann ein Zerfall des Weltmarkts und ein massiver Protektionismus in den 1930er Jahren folgte. Sicherlich ist richtig, dass die Globalisierung der letzten drei Jahrzehnte transnationale Produktionsnetzwerke hervorgebracht hat, wie es sie früher nicht gab. Aber der Prozess der Internationalisierung des Kapitals verläuft nicht linear. Rückfälle sind möglich, und dann können Konflikte eskalieren. In dieser Hinsicht gibt es leider durchaus Anzeichen für eine Phase des Chaos.

Wenn wir ansehen, wie die USA im Mittleren Osten agieren oder wie sich der Ukraine-Konflikt entwickelt hat, dann sehen wir sehr deutlich, wie instabil die Lage geworden ist. Mit den ökonomischen Interessen der grossen Kapitalfraktionen lässt sich das Verhalten der Staaten nämlich nicht mehr befriedigend erklären. Im Ukraine-Konflikt müsste die EU aus ökonomischen Gründen eigentlich den Ausgleich mit Russland suchen. Aber genau das passiert nicht. Es lassen sich also starke Verschiebungen beobachten. Wir haben eine Krise der US-Hegemonie, und damit kehren offene Konflikte zurück. In Asien versuchen die USA China als aufstrebende Macht einzukreisen. China wiederum versucht durch das Seidenstrassenprojekt, also die Partnerschaft mit Staaten in Eurasien, daraus auszubrechen.

Wie real ist diese Krise der USA überhaupt? Die Vereinigten Staaten haben zwar Industriestandorte verloren, verdienen aber über Patente und Direktinvestitionen weiter munter mit. Ausserdem profitieren sie massiv von der Leitwährungsfunktion des Dollar. Die Krise ist also gar nicht so eindeutig.

Schon in den 1970er Jahren, am Ende des Vietnam-Kriegs wurde eine Krise der US-Hegemonie konstatiert. Die Recycling der Petrodollars der Golfstaaten und die neoliberale Offensive der 1980er Jahre, die die USA zum globalen Finanzzentrum machten, haben diese Krise dann erst einmal wieder aufgefangen.

In der Imperialismusdebatte der letzten Jahre gab es mindestens drei kontroverse Positionen: Antonio Negri und Michael Hardt sprachen von einem transnationalen Imperium, in das die Nationalstaaten eingegliedert werden. Leo Panitch und Sam Gindin haben dagegen die Herausbildung eines US-Empire diagnostiziert, in dem die USA als «globaler Staat» die Reproduktion der kapitalistischen Verhältnisse garantieren. Andere haben sich auf die klassische Imperialismustheorie gestützt und eine erneute Zuspitzung imperialistischer Rivalitäten prognostiziert. Der reale Prozess bewegt sich wohl zwischen diesen Polen.

Wo müsste sich die Linke in dieser Situation positionieren?

Sie sollte sich auf jeden Fall davor hüten, nur einzelne imperialistische Mächte oder einen Teil der jeweiligen Machtblöcke zu kritisieren. Der Logik des kleineren Übels – Clinton statt Trump, Macron statt Le Pen – sollten wir uns verweigern. Ansonsten werden wir vom neoliberalen Machtblock vereinnahmt.

Das Problem des Rechtspopulismus ist ja nicht neu, und hier den richtigen Weg zu finden, ist nicht einfach. Um eine rechte Regierung unter Silvio Berlusconi zu verhindern, hat die italienische Rifondazione Comunista, damals eine bewegungsnahe und ganz gut verankerte Partei, in den 1990er und 2000er Jahren zweimal eine Mitte-Links-Regierung unterstützt. Bei dem Zickzackkurs zwischen Opposition und Regierung hat die Partei zuerst ihren rechten Flügel verloren und dann ist ihr organisches Verhältnis zu den sozialen Bewegungen zerbrochen. Schliesslich war sie nicht mehr im Parlament vertreten und weitgehend bedeutungslos.

Was ich sagen will: Statt uns der Logik des kleineren Übels zu unterwerfen, sollten wir eine eigene Alternative aufbauen, die sich gleichermassen gegen den autoritären Populismus und gegen die neoliberalen Kosmopolitismus richtet.

Was wäre schlecht daran, «kosmopolitisch» zu sein?

Bei Antonio Gramsci gibt es eine Unterscheidung zwischen linkem Internationalismus und Kosmopolitismus, die ich für wichtig halte. Der Internationalismus erkennt die Notwendigkeit an, Transformationsstrategien auf der Basis der Analyse der jeweiligen konkreten Situation in einer Gesellschaft, in einem Nationalstaat zu entwickeln. Linker Kosmopolitismus setzt sich über die Analyse konkreter Situationen einfach hinweg und kann daher nichts erreichen.

Im Übrigen trifft die Unterscheidung zwischen «autoritärem Populismus» à la Trump und vermeintlich progressivem Neoliberalismus à la Clinton auch nicht die realen Verhältnisse. Stuart Hall hat den Begriff des autoritären Populismus für die Analyse des Thatcherismus der 1970er und 1980er Jahre entwickelt. Margaret Thatcher konnte nur durch den autoritären Populismus die Regierung erobern und betrieb zugleich neoliberale Politik par excellence. Das können wir aber auch für Trump oder Le Pen heute sagen: Es gibt da zwar protektionistische Versatzstücke, aber in vieler Hinsicht haben sie neoliberale Programme.

07.07.2017

Protokoll einer Eskalation

Von Anna Jikhareva und Florian Bachmann (Fotos), Hamburg

In der engen Strassenschlucht am Hamburger Hafen: Die Demonstration setzt sich durch.

Am Ende hat die Hamburger Polizei die gewünschten Schlagzeilen bekommen. Wochenlang hatte sie «8000 Militante» und den «grössten schwarzen Block aller Zeiten» herbeigeschrieben, hatte vor Eskalationen bei der antikapitalistischen «Welcome to Hell»-Demonstration, vor vermummten KrawallmacherInnen, brennenden Autos und Barrikaden gewarnt, hatte versucht den Protest zu delegitimieren. Der Donnerstag Abend wurde zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Am Nachmittag herrscht auf dem Fischmarkt gelöste Stimmung. Bei strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen berichten AktivistInnen aus Mexiko, Russland und den USA, der Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun wünscht den zu dieser Zeit mehreren Tausend DemonstrantInnen «einen erfolgreichen Abend», die Hamburger Band Neonschwarz übt Kapitalismuskritik in Rapform. Aus den Lautsprechern ertönen die Nummer des anwaltlichen Notdiensts und Verhaltenstipps bei Festnahmen. «Sagt der Polizei Namen und Wohnort, sonst nichts.» In einer Volksküche wird Kartoffelgulasch mit Tofuwurst serviert, an einem Wagen gibt es «Kaffee gegen Spenden». Nach der «gewalttätigsten Demonstration» der Gipfeltage sieht es hier nicht aus.

Bildet Ketten!

Um 19 Uhr soll es losgehen, kurz zuvor formiert sich die Demonstration langsam auf der Hafenstrasse, ein geschlossener schwarzer Block in Kettenformation, KurdInnen, pinkgekleidete Samba-Trommlerinnen, ein bunter Haufen von etwa 12000 Leuten. Aussenrum steht die Polizei bereit, behelmte Hundertschaften in Zweierreihen rahmen den Umzug ein, dahinter auf beiden Seiten Mauern, Wasserwerfer und Räumpanzer versperren vorne den Weg – obwohl die Demonstration bewilligt war, es von Seiten der Behörden keinerlei Auflagen gab. Die Aufstellung in der Hafenstrasse ist eine Falle. Aus den Lautsprechern dröhnt laute Musik, dazwischen immer ungehaltener werdende Statements. Die Veranstalter bitten die Polizei, den Weg freizugeben, diese will den Zug wegen «Tausend Vermummten» nicht loslaufen lassen. Es sind deutlich weniger. Beinahe eine Stunde vergeht, die Stimmung wird immer angespannter. Im schwarzen Block legen die meisten ihre Vermummung ab, aus den geschlossenen Reihen ertönen Rufe, die Polizei unter keinen Umständen anzugreifen.

Dann greift die Polizei selbst an. Sie stürmt mitten in die Demonstration rein – angeblich, weil Hunderte DemonstrantInnen noch immer vermummt waren. Die Polizei setzt Schlagstöcke ein, versprüht Reizgas. Die Protestierenden bilden Ketten, lassen sich nicht in «friedliche» und «gewaltbereite» DemonstrantInnen spalten, wie es die Strategie der Polizei vorgesehen hatte. Panik bricht aus in der engen Strassenschlucht, die Polizei drückt die DemonstrantInnen an die Seitenmauer, Leute klettern über Geländer, flüchten sich auf Treppen, rennen in unterschiedliche Richtungen. Flaschen fliegen in Richtung der Polizei, diese prügelt wahllos auf DemonstrantInnen ein.

Nach diesen chaotischen Szenen, nach dem ersten Schock, findet sich die Demonstration neu. Minutenlang sieht es aus, als würden die Protestierenden die Polizei vor sich herdrängen. Die Leute holen sich die Strasse zurück. Nach langen Verhandlungen wird die Strasse freigegeben. Aus den Boxen dröhnt wieder wummernder Techno, die Leute skandieren «A, Anti, Anticapitalista!» oder «Ganz Hamburg hasst die Polizei». Und: «Wir sind friedlich, was seid ihr?». Die Sprüche werden an diesem Abend noch oft zu hören sein. Parallel startet in St. Pauli eine spontane zweite Demonstration mit geschätzten tausend Leuten.

Solidarität statt Spaltung

Als der Umzug auf der Reeperbahn ankommt: wieder Pfefferspray, BeamtInnen, die ohne ersichtlichen Grund drauflos stürmen, Umstehende rücksichtslos zur Seite drängen. Weil sie sich von der Polizei «nicht weiter schikanieren lassen wollen», lösen die Veranstalter die Demonstration an diesem Punkt auf. Weiter geht es bei mehreren spontanen Aktionen im und rund ums Schanzenviertel, vor dem autonomen Kulturzentrum Rote Flora, das schon vor ein paar Jahren zum Schauplatz brutaler Polizeigewalt wurde, brennen kleine Barrikaden. Andernorts setzt die Polizei bereits wieder wahllos Wasserwerfer ein – noch während aus dem Wagen die Ansage kommt, die Strasse zu räumen.

Die gesamte Nacht kreisen Helikopter über dem Kiez, dröhnen Polizeisirenen. Die Polizei spricht heute von über hundert verletzten BeamtInnen, von 29 Festnahmen, von 15 Leuten in Gewahrsam. Auf Seiten der DemonstrantInnen sind laut den Veranstaltern 14 Personen verletzt, davon drei schwer, eine Person befindet sich in einem kritischen Zustand. Die Protestbewegung zu spalten ist den Behörden nicht gelungen. «Friedlicher Protest sieht anders aus», hatte die Polizei gestern Abend per Twitter verkünden lassen. Eine Strategie der Deeskalation allerdings auch. Langsam ändern sich auch die Schlagzeilen: Polizei und Politik geraten zunehmend in die Kritik.

06.07.2017

«Die Gewerkschaften stehen enorm unter Druck»

Interview: Raul Zelik

Ohne Gegenmacht keine Veränderung: Am «Solidarity Summit» im Kulturzentrum Kampnagel. Foto: Raul Zelik

In Hamburg findet nicht nur der G20-Gipfel statt, sondern auch der Gegengipfel «Solidarity Summit». BasisgewerkschafterInnen aus Indien, Frankreich, Argentinien und Deutschland diskutierten über dabei über die Möglichkeiten einer Gewerkschaftsarbeit von unten. Dass es ohne Gegenmacht keine Veränderung gibt, dürfte bekannt sein. Doch gerade jene Bewegung, die im 20. Jahrhundert am meisten Druck zu mobilisieren verstand, nämlich die Arbeiterbewegung, steckt in einer tiefen Krise. Die WOZ sprach mit Vervaine Angeli, Aktivistin der französischen Basisgewerkschaft SUD, und Ezéquiel Roldán von der argentinischen Branchengewerkschaft Aceiteros – CGT (Agraröl verarbeitende Industrie).

Ihr habt bei euren Beiträgen die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Organisierung verteidigt. Das Problem ist doch aber, dass es immer mehr untypische Arbeitsformen gibt: Prekarisierte, Ich-Unternehmer usw. Die werden von den klassischen Gewerkschaften überhaupt nicht mehr erreicht. Habt ihr da neue Ideen?

Angeli: Bei SUD sehen wir vor allem zwei Mittel. Zum Einen kooperieren wir mit den – allerdings ebenfalls geschwächten – Arbeitslosenverbänden. Das sind vier Organisationen in Frankreich. Ausserdem organisieren wir Arbeitslose in der Gewerkschaft selbst. Das Wichtigste aber scheint mir, dass in der Bewegung gegen das Arbeitsgesetz vergangenes Jahr neue Organisierungsformen entstanden sind. Um «Nuit Débout» herum gab es lebendige Debatten, und jetzt beginnen sich Ich-Unternehmer wie die Radfahrer von Deliveroo zu organisieren. Solche Ansätze müssen wir stärken.

Roldán: In Argentinien ist die Prekarisierung extrem weit verbreitet. Selbst in Ministerien arbeiten Menschen in prekärer Beschäftigung. Durch die Regierung von Mauricio Macri, die seit 2015 im Amt ist, verschärft sich die Lage konstant weiter. Massenentlassungen sind erleichtert worden, jede Woche schliesst eine Fabrik im Land. Immer mehr Leute müssen sich anders durchschlagen. Das Einzige, was wir dem entgegensetzen können, ist eine Stärkung des Klassenbewusstseins von unten. Ob in sozialen Bewegungen oder in Gewerkschaften. Und das geht leider nur gegen die Gewerkschaftsführung, wir heute haben.

Ihr habt es schon angesprochen: In euren Ländern ist eine neoliberale Offensive im Gang. Präsident Macri hat in Argentinien viele Arbeitsrechte bereits abgebaut, in Frankreich plant der frisch gewählte Staatschef Macron ebenfalls eine Reihe gewerkschaftsfeindlicher Massnahmen.

Angeli: Ja, Macron will schnelle Veränderungen. Er möchte ein zweites Arbeitsgesetz, eine Rentenreform und Veränderungen in der Arbeitslosenversicherung. Wir versuchen, mit den Gewerkschaften, die gegen das Arbeitsgesetz letztes Jahr mobilisiert haben, den Widerstand zu organisieren. Und wir sind nicht ganz pessimistisch: Die Bewegung letztes Jahr hat zwar nicht gewonnen, aber die Leute fühlen sich auch nicht besiegt. Es könnte also eine neue Protestwelle in Gang kommen – allerdings wohl erst nach den Sommerferien.

Roldán: Präsident Macri hat in Argentinien einen Angriff auf das Streikrecht gestartet. Unser Problem ist die Haltung der Gewerkschaftsführung. Ein Teil des CGT-Apparats hat kein Problem damit, sich von der Regierung einkaufen zu lassen. Das Einzige, was dagegen hilft, ist die Mobilisierung der Basis. Im April 2017 hatten wir einen Generalstreik in Argentinien. Der ist der Gewerkschaftsspitze gegen ihren Willen von der Basis aufgezwungen worden. Daran müssen wir anknüpfen.

Ihr habt bei der Veranstaltung immer wieder betont, dass es Bündnisse mit sozialen Bewegungen braucht, weil die Gewerkschaften nur noch einen Teil der Beschäftigten erreichen. Eigentlich wird darüber schon seit über dreissig Jahren diskutiert. Was kann man Neues versuchen?

Angeli: Na ja, zunächst messen nicht alle Gewerkschaften solchen gesellschaftlichen Bündnissen die nötige Bedeutung bei. Ich denke, dass sich solche Allianzen nur stärken lassen, wenn es konkrete Projekte gibt. Zum Beispiel Plattformen gegen Klimawandel und für einen ökologischen Umbau der Gesellschaft. Oder feministischen Bündnisse. Dieses Jahr haben französische Gewerkschaften zum Beispiel zum ersten Mal aktiv zum Frauenstreik mit aufgerufen.

In Buenos Aires wird im Dezember der Gipfel der WTO stattfinden und im Juli dann der nächste G20. Wird es dort auch Proteste geben?

Roldán: Wir werden sicherlich mit anderen Gewerkschaften und Bewegungen darüber sprechen. Aber man muss auch sehen, dass wir in Argentinien enorm unter Druck stehen. Präsident Macri ist dabei, die argentinische Industrie zu zerschlagen. Es gibt Massenentlassungen, und die Binnennachfrage ist eingebrochen. Der Widerstand dagegen hat für uns Priorität.

06.07.2017

Postkarte aus dem Sonderzug

Von Raphael Albisser und Florian Bachmann (Fotos), Sonderzug Basel-Hamburg

Oben: Die Schweizer Grenzwache verzögert den Einlass am Badischen Bahnhof in Basel; Mitte: 800 Mitreisende fahren ungestört durch die Sommernacht; unten: Wo die Zugfahrt endet, beginnt der Protest.

Nach dem verzögerten Start in Basel flog der Sonderzug förmlich nach Hamburg. Die Zwischenstopps von Stuttgart bis Dortmund verliefen reibungslos; sie hätten an den Bahnhöfen keine Polizeikontrollen angetroffen, berichteten die Zugestiegenen. So verbrachten die rund achthundert Mitreisenden in den zwölf Waggons eine weitgehend ungestörte Nacht: Sie verspiesen Vegi-Gulasch, deckten sich am Infopoint mit Lesestoff ein, genossen die pumpende Musik im Gemeinschaftswagen, fanden etwas Schlaf in den Ruheabteilen. Als der Zug morgens schliesslich in Hamburg einfuhr, war die Verspätung von vier auf rund zwei Stunden geschrumpft, und auch der polizeiliche Empfang war zurückhaltender als befürchtet. Hallo Hamburg, dein Widerstand kriegt Nachschub!

05.07.2017

Die Abfahrt verzögert sich um einige Stunden

Von Raphael Albisser, Sonderzug Basel-Hamburg

Die Provokationen beschränken sich auf aufgesetzte Höflichkeit. Foto: Florian Bachmann

Um 18.18 Uhr rollt der Zug endlich los in Richtung Hamburg. Gut vier Stunden später als geplant. «Von uns aus hätte der Zug auch um 15 Uhr schon losfahren können», sagte kurz zuvor einer der vielen deutschen BundespolizistInnen auf dem Perron – nicht, ohne dabei ein überlegenes Grinsen aufzusetzen.

Natürlich hätte der Zug schon früher fahren können, doch bloss ein Bruchteil der geschätzten zweihundert Passagiere hätte zu diesem Zeitpunkt mitreisen können. Denn der grosse Rest wartete vor dem Basler Badischen Bahnhof noch immer auf Einlass. Eine Handvoll BeamtInnen der Schweizer Grenzwache hatten sich im Eingang aufgebaut, um bloss tröpfchenweise Leute durchzuwinken. Und wer dann endlich drin war, musste sich oben auf dem Perron von der deutschen Bundespolizei durchsuchen lassen. Man wurde abgetastet, während nebenan der Inhalt von Rucksäcken und Reisetaschen wie auf Wühltischen ausgebreitet wurde. Eilig hatten es die BeamtInnen dabei nicht – und auch nicht ihre Dutzenden von KollegInnen, die zwischen den Gleisen gelangweilt herumstanden, bereit für einen Einsatz mit Schutzhelm.

In Reiselaune

Kaum jemand von den Wartenden liess sich von der Hinhalte- und Verzögerungstaktik der Polizei jedoch die Vorfreude und Aufbruchstimmung nehmen. Denn wer dieser Tage nach Hamburg fährt, um gegen die Mächtigen zu demonstrieren, rechnet schon auf dem Weg dorthin mit polizeilicher Machtdemonstration. So beschränkten sich die Provokationen zwischen Passagieren und PolizistInnen auf dem Perron zumeist auf die aufgesetzte Höflichkeit, mit der man einander begegnete.

Erst jetzt, beim Losfahren, schallen die expliziten Schmähgesänge aus den Zugfenstern an die Adresse der Polizei. Leider haben es bei weitem nicht alle Reisewilligen in den Sonderzug geschafft: 33 Personen kamen gemäss einer Polizeisprecherin aus unterschiedlichen Gründen nicht durch die Kontrolle. Die zwölf Protestwaggons fahren nun mit rund 160 Menschen los in Richtung Abendhimmel. Dort liegt irgendwo Stuttgart, der nächste Stopp. Fragt sich, wie lange die nächste Kontrolle dauert. Zum Glück hat der Zug einen Partywagen.