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Weniger arbeiten

Das Tabu brechen

von Paul Rechsteiner

Die Fünftagewoche und der Anspruch auf wenigstens vier Wochen Ferien sind Errungenschaften, für die die Gewerkschaften jahrzehntelang gekämpft haben. Noch in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts war die Fünftagewoche eine in weiter Ferne liegende Utopie - genauso wie zuvor der Achtstundentag. Die Arbeitszeit-Forderungen markieren die grossen gesellschaftlichen Fortschritte in der Lebensqualität: Am Schnittpunkt Arbeitszeit-Lebenszeit liegt für die grosse Mehrheit der abhängig Beschäftigten der Ausgangspunkt für eine selbständige Lebensgestaltung.

Die Schweiz - arbeitsrechtlich einst ein fortschrittliches Land - ist bei den Arbeitszeiten in Kontinentaleuropa stark in Rückstand geraten, wobei sich der Rückstand in den letzten Jahren vergrössert hat. Kaum je zuvor ist in der Schweiz die Arbeitsproduktivität derart erhöht worden wie in den neunziger Jahren, ohne dass dies den Beschäftigten in Form von Lohnerhöhungen oder Arbeitszeitverkürzungen zugute gekommen wäre. Die Produktivitätszunahme spiegelt sich wider in einer enormen Steigerung der Arbeitsverdichtung und in der Zunahme von Stress, von bezahlten und unbezahlten Überstunden und einer Besorgnis erregenden Vielfalt irregulärer Arbeitsformen, mit denen die Unternehmerrisiken auf die Beschäftigten verlagert werden - am extremsten bei der Arbeit auf Abruf. Eine Seco-Studie hat die durch arbeitsbedingten Stress verursachten Kosten auf inzwischen 4,2 Milliarden Franken pro Jahr beziffert. Die Arbeitszeitverkürzung fördert somit nicht nur die Lebensqualität, sondern wird immer mehr auch zum gesundheitspolitischen Gebot.

Wer behauptet, der Wohlstand der Schweiz sei auf die überlangen Arbeitszeiten zurückzuführen, der verdreht die Fakten und verschleiert den Verteilungskampf, der nicht nur beim Lohn, sondern auch bei der Arbeitszeit geführt wird. Ein Blick in die Statistiken zeigt, dass sich nicht Branchen mit hoher, sondern solche mit geringer Produktivität durch längere Arbeitszeiten auszeichnen. In günstigeren Zeiten konkurrierten die produktivsten Branchen sogar um kürzere Arbeitszeiten - zum Vorteil von Fortschritten bei Arbeitszufriedenheit und Lebensqualität. Heute kämpfen die Arbeitgeberverbände dafür, dass jede Unterschreitung der 40-Stunden-Woche tabuisiert und die 39-Stunden- Woche bei den SBB rückgängig gemacht wird. Aus durchsichtigen Motiven.

Die Durchsetzung höherer Löhne, besserer Arbeitsbedingungen und einer kürzeren Arbeitszeit hängt vom Kräfteverhältnis ab. Dieses ist für die Kapitalseite dann besonders günstig, wenn solche Veränderungen zugunsten der Beschäftigten nicht einmal mehr thematisiert werden und wenn die Vorgabe allgemein akzeptiert ist, dass das Kapital stets die profitabelsten Verwertungsbedingungen antreffen muss. In der Lohnfrage haben die Gewerkschaften den negativen Trend der neunziger Jahre stoppen und eine Reihe von Fortschritten erzielen können. Bei der Arbeitszeit steht eine derartige Entwicklung bis heute aus - zum Nachteil der Beschäftigten.

Mit seiner Initiative bricht der SGB ein Tabu: das Tabu der 40-Stunden-Woche. Die Initiative verknüpft die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung auf durchschnittlich 36 Stunden pro Woche mit Massnahmen gegen prekäre Arbeitsformen wie Arbeit auf Abruf und gegen die Diskriminierung der Teilzeitbeschäftigten. Der Bruch dieses Tabus ist die Voraussetzung dafür, dass wir die Arbeitszeit-Blockade der letzten Jahre überwinden können.


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Inhalt Dossier «Die Vier-Tage-Woche kommt»

WOZ 07/02

Weniger arbeiten: Das Tabu brechen

Eine ruhige Kontroverse: Gewerkschaften und Arbeitszeitverkürzung

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