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Gewerkschaften und Arbeitszeitverkürzung

Eine ruhige Kontroverse

Alex Schärer

Gewerkschafterinnen und Feministinnen sind mehrheitlich für die Arbeitszeitinitiative des SGB - sofern sie sich überhaupt damit beschäftigen.

Die Arbeitszeitinitiative des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), die am 3. März zur Abstimmung kommt, ist bei den Gewerkschaften zum Teil umstritten. Vor allem in der lateinischen Schweiz plädieren einzelne Sektionen für ein Nein. Eine prominente Vertreterin des Nein in der Deutschschweiz ist Ursula Urech, Vizepräsidentin des VPOD Zürich. Sie ist für eine Verkürzung der Arbeitszeit, aber gegen die Initiative.

Kritische Stimmen

Der Initiativtext versucht, der Gefahr einer weiteren Flexibilisierung zuungunsten der ArbeitnehmerInnen mit der Formulierung einer maximalen Wochenarbeitszeit von 48 Stunden zu begegnen. Ausserdem heisst es da: «In jedem Arbeitsverhältnis ist eine übliche Arbeitszeit festzulegen.» Damit will man zu starke wöchentliche Schwankungen der Arbeitszeit verhindern, die von Unternehmerseite angeordnet werden könnten: zum Beispiel in der einen Woche 15 Stunden und in der nächsten 40 Stunden, was eine vernünftige Freizeitplanung verunmöglichen würde. Urech hält die Passage des Initiativtextes mit der «üblichen Arbeitszeit» aber für unzulänglich, er sei zu wenig zwingend formuliert und bei den momentanen Kräfteverhältnissen zwischen Gewerkschaften und ArbeitnehmerInnen nicht durchsetzbar.

Tatsächlich sind die Jahresarbeitszeit und die Flexibilisierung bereits vielerorts eine Realität. Urech hält es für falsch, diesen Trend mit der Initiative zu verstärken. Die Gewerkschaften «wollen mit ihrem Wohlverhalten und mit ihrem Ja zur Jahresarbeitszeit eine Arbeitszeitverkürzung erkaufen». Die Kombination von Jahresarbeitszeit und Abmachung einer üblichen Wochenarbeitszeit sei aber ein Widerspruch in sich.

Die Auseinandersetzung um die Initiative wurde auch bei der Mediengewerkschaft Comedia geführt. Das Ergebnis: Stimmfreigabe. Der Präsident der Comedia, Christian Tirefort, erklärt, man sei generell für eine Arbeitszeitverkürzung, aber gegen die Jahresarbeitszeit, weil diese zu mehr Flexibilisierung führe. Ausserdem gebe es bereits jetzt Branchen, wo weniger als die gemäss Initiative maximalen 48 Stunden gearbeitet werde. Er befürchtet bei Annahme der Initiative Nachteile für die Leute in diesen Branchen.

Ja der lateinischen Schweiz?

Regula Rytz, Sekretärin des SGB, spricht bezüglich der Nein-stimmen von «einer klaren Minderheit», und Rita Schiavi, Vizepräsidentin und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), vertritt die Ansicht, dass die Opposition gegen die Initiative etwa in der lateinischen Schweiz nicht in erster Linie von der Basis ausgehe, sondern von den FunktionärInnen. Sie vermutet gar, dass diese Kantone höhere Jastimmenanteile haben werden als die Deutschschweiz: «Das war auch schon bei früheren Abstimmungen zur Arbeitszeitverkürzung der Fall.»

Die BefürworterInnen nennen vor allem zwei Gründe für ein Ja. Der Stress bei der Arbeit habe massiv zugenommen und müsse durch mehr Freizeit kompensiert werden, dies sei gleichzeitig die angemessene Form, die Produktivitätsgewinne der letzten Jahre an die Beschäftigten weiterzugeben. Das Argument, mit der Verkürzung würden Arbeitsplätze geschaffen, wird immer noch angeführt, ist aber angesichts der seit der Lancierung gesunkenen Arbeitslosigkeit etwas in den Hintergrund getreten.

«Bevor ich sterbe, will ich einmal noch Freizeit haben. Das muss doch möglich sein, vor dreissig Jahren hatten wir ja auch längere Arbeitszeiten als heute. Die Männer können machen, was sie wollen, ich will die 36-Stunden-Woche.» So das Statement einer Frau aus dem Publikum, die sich an einer Veranstaltung der Zürcher Frauenpartei FraP zur Arbeitszeitinitiative zu Wort gemeldet hat. Sie ist allein erziehende Mutter und gleichzeitig erwerbstätig. Die FraP hat an dieser Veranstaltung die Ja-Parole beschlossen, und am Montag hat das Komitee «Frauen für eine kürzere Arbeitszeit», dem Frauen von der SP, den Grünen und den Gewerkschaften angehören, an einer Pressekonferenz ebenfalls ein Ja empfohlen.

Gemäss Initiative soll wahlweise die Möglichkeit bestehen, Teilzeitpensen entsprechend zu verkürzen oder den Stundenlohn anteilsmässig zu erhöhen. Ausserdem ist ein generelles Diskriminierungsverbot gegenüber der Teilzeitarbeit in der Initiative verankert worden. Teilzeitarbeit wird bekanntlich vor allem von Frauen geleistet. Die Formulierung der «üblichen Arbeitszeit» soll Teilzeitangestellte schützen vor unplanbaren Arbeitszeiten und letztlich auch vor Arbeit auf Abruf. Zumindest der Intention nach schafft dies die Voraussetzung einer egalitären Verteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern.

Erfahrungen in der BRD

Sybille Stamm ist Landesbezirksleiterin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Stuttgart, sie war in der BRD an mehreren grossen Arbeitskämpfen zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche massgeblich beteiligt. Im IG-Metall-Streik von 1984 um die 35-Stunden-Woche kämpften viele Frauen in Baden-Württemberg mit der Kampagne «Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen» für kürzere Arbeitszeiten. Daraus entstand die Forderung nach dem 6-Stunden-Tag: «Die Möglichkeit, täglich Arbeit zu teilen, ist wichtig», sagt Sybille Stamm. Wie waren die Auswirkungen der Verkürzung auf die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern? «Ein bisschen was hat sich geändert», erklärt Stamm. Man müsse allerdings nach Branche differenzieren: In der Industriearbeit habe sich nicht so viel geändert wie etwa im Medienbereich. Die Arbeitszeitverkürzung sei notwendig, aber nicht hinreichend für eine gerechtere Verteilung der bezahlten und der unbezahlten Arbeit.

Fehlende Frauenallianz

Erika Trepp ist Vizepräsidentin und Gleichstellungsbeauftragte der Gewerkschaft VHTL (Verkauf, Handel, Transport, Lebensmittel). Ursprünglich war Trepp gegen die Initiative. Als die Initiative aber schliesslich im SGB beschlossen wurde, änderte sie die Strategie: Das Schlimmste verhindern, hiess es nun. Sie war Mitglied einer VHTL-Frauengruppe, die durchgesetzt hat, dass zwei wichtige Punkte in den Initiativtext aufgenommen wurden: Die Formulierung der «üblichen Arbeitszeit» und einen Passus, der sicherstellen soll, dass auch Teilzeitarbeitende wahlweise in den Genuss einer Arbeitszeitverkürzung oder einer Lohnerhöhung kommen. Sie ist heute für die Initiative, auch wenn eine zusätzlich erhobene Forderung nach flankierenden Massnahmen gegen die Gefahr der «Verdichtung der Arbeit» SGB-intern nicht erfolgreich war.

Es brauche in dieser Frage eine Allianz aller Frauen, findet Erika Trepp. Damit ist es aber nicht weit her. Die Frauenszene in der Schweiz sei mittelständisch geprägt. Diese Frauen mit guter Ausbildung «können sich individuelle Lösungen dieser Frage leisten» und engagierten sich deshalb nicht, erklärt sie. Wie sehen denn die Gewerkschafter die Sache? Laut Trepp wollen die Männer lieber mehr Geld als mehr Zeit: «Stutz ist mehr Macht als Zeit.» Das kommt gemäss Erika Trepps Erfahrung auch in den männlich dominierten VHTL-Gremien zum Ausdruck.

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