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Gleichgewicht zwischen Beruf, Familie und Freizeit

Die Chancen der Initiative

von Regula Rytz

Statt immer mehr Stress sichere Arbeitsplätze, statt traditioneller Rollenverteilung ein neues Verhältnis der Geschlechter - die Arbeitszeit-Initiative kann unser Leben verbessern.

Gemessen an den überlangen Arbeitszeiten in der frühindustriellen Phase haben die Gewerkschaften mit ihrer Politik der Arbeitszeitverkürzung wichtige Erfolge erzielt. Der grösste Schritt konnte nach dem Generalstreik von 1918 durchgesetzt werden: Im Eiltempo wurde die Arbeitszeit um 6 bis 11 Stunden auf 48 Wochenstunden gesenkt - und das ohne Lohneinbussen. Nach diesem ersten Durchbruch war die Arbeitszeitverkürzung jedoch lange Zeit kein Thema mehr: Die Schweiz geriet im Vergleich zur europäischen Entwicklung immer mehr ins Hintertreffen. Heute verbringen Vollzeitarbeitende in der Schweiz deutlich mehr Zeit am Arbeitsplatz als in den Nachbarländern.

Seit statistische Daten für die Schweiz verfügbar sind (1890), hat sich die Arbeitszeit in keinem Jahrzehnt so wenig bewegt wie in den neunziger Jahren. In einigen Branchen ist die effektiv geleistete Arbeitszeit sogar gestiegen, vor allem aufgrund der (oft unbezahlten) Überstunden. Während neue Produktionsformen wie «just in time», Konkur- renz- und Kostendruck oder Automatisierungen zu einer Verdichtung und einseitigen Flexibilisierung der Erwerbsarbeit führten - auch prekäre Arbeitsverhältnisse nehmen zu -, hat sich an der Länge der Arbeitszeit praktisch nichts geändert. Die Folgen sind bekannt: Stress, Gesundheitsprobleme und Schwierigkeiten bei der Planung des sozialen Lebens. JedeR zweite Beschäftigte arbeitet regelmässig unter Termin- und Leistungsdruck. Rund zwanzig Prozent der Lohnabhängigen arbeiten oft oder immer bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

Eingreifen und gestalten

Angesichts der neuen wirtschaftlichen und betrieblichen Voraussetzungen darf sich eine gewerkschaftliche Arbeitszeitpolitik nicht auf eine Verkürzung der Normalarbeitszeit beschränken; sie muss auch in die Organisation der Arbeit eingreifen. Grenzen zum Schutz der Gesundheit und der sozialen Rechte der ArbeitnehmerInnen sind nötig. Hier setzt die SGB-Initiative für eine kürzere Arbeitszeit an. Sie verkürzt und reguliert die Arbeitszeit für alle Arbeitnehmenden in der Schweiz mit folgenden Mitteln:

• Schrittweise Verkürzung der Arbeitszeit auf 1872 Arbeitsstunden pro Jahr, das sind umgerechnet 36 Stunden pro Woche. Die Berechnungsgrundlage der Jahresarbeitszeit erlaubt eine Umsetzung der Initiative in Form von kürzeren Tagesarbeitszeiten, in Form einer 4 1/2-Tage-Woche (verlängertes Wochenende), in Form einer Viertagewoche, in Form einer 39-Stunden-Woche mit zusätzlichen Ferien oder in Form eines Jahresarbeitszeitmodells, das zum Beispiel auf die Schulferien der Kinder zugeschnitten ist.

• Begrenzung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit (inklusive Überzeit) auf 48 Stunden in der Woche. Heute kann legal bis zu 66 Stunden gearbeitet werden. Spitzenreiter bei den langen Arbeitszeiten sind strukturschwache Branchen wie Transport und Landwirtschaft. Lange Höchstarbeitszeiten sind aber auch im Gesundheitswesen verbreitet und stellen ein Sicherheitsrisiko für alle dar.

• Reduktion der Überzeit auf 100 Stunden im Jahr (heute sind bis zu 170 Stunden erlaubt).

• Lohngarantie bis zu einem Einkommen von 7600 Franken im Monat. Da die Initiative schrittweise bis ins Jahr 2009 umgesetzt wird, können die höheren Lohnkosten durch Produktivitätsfortschritte aufgefangen werden. In den krisenbelasteten neunziger Jahren ist die Arbeitsproduktivität um über vierzehn Prozent angestiegen. Nur ein Viertel dieses Zuwachses kam den Lohnabhängigen in Form von Reallohnerhöhung oder kürzeren Arbeitszeiten zugute. Hier gibt es ein erhebliches Umverteilungspotenzial.

• Festlegung einer «üblichen Arbeitszeit» zum Schutz vor prekären Arbeitsverhältnissen ohne Zeit- und damit ohne Einkommensgarantie (Arbeit auf Abruf).

• Diskriminierungsverbot von Teilzeitarbeit und damit Gleichstellung bei sozialer Sicherheit, Weiterbildung und gesamtarbeitsvertraglichem Schutz.

Fairplay at home

Gerade der letzte Punkt macht deutlich, dass gewerkschaftliche Zeitpolitik auch die unbezahlte Arbeit mit einbeziehen muss, allem voran die Haus- und Betreuungsarbeit. Diese wird in der Schweiz immer noch vorwiegend von Frauen geleistet. Es erstaunt deshalb nicht, dass die lange Vollzeiterwerbsnorm hierzulande mit einer hohen Teilzeitquote kontrastiert. Vollzeit plus Überstunden für die Männer und Teilzeit plus Haushalt für die Frauen lautet die aktuelle Formel der traditionellen bürgerlichen Rollenteilung. Damit mehr «fairplay at home», mehr Fairness zu Hause, möglich ist, wie dies das eidgenössische Gleichstellungsbüro fordert, ist eine generelle Arbeitszeitverkürzung notwendig. Mit kürzeren Erwerbsarbeitszeiten haben Männer mehr Zeit für die Haus- und Betreuungsarbeit und Frauen mehr Spielraum für ihre berufliche Entwicklung. Ergänzt durch den Ausbau einer familienbegleitenden Kinderbetreuung könnten so die Lebensbedingungen von Frauen und Männern angeglichen werden. Damit ein solches Gleichgewicht von Familie und Beruf funktioniert, muss die Lohnarbeitszeit langfristig planbar sein. Auch dafür setzen sich die Gewerkschaften ein.


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