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Frankreich: Die 35-Stunden-Woche hat viel verändert
Eine leise Revolution des Alltags
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Das Urteil stand schon vorher fest: Die Wirtschaft versinke im Chaos, kein Unternehmen könne kürzere Arbeitszeiten verkraften. - Lange hatten Frankreichs Unternehmen gegen die Einführung der 35-Stunden-Woche polemisiert. Und sie tun es immer noch. Dabei sind die Ergebnisse höchst bemerkenswert.
Dominique Balduini ist ein moderner Manager, er kennt seine Belegschaft und die Gesetze, und das ist wohl auch der Grund, weshalb er die im Juni 1998 vom französischen Parlament erstmals beschlossene Arbeitszeitverkürzung ganz nüchtern zu beurteilen vermag. Und so beteiligt er sich auch nicht an den Klagen, die Unternehmer immer anstimmen, wenn von kürzeren Arbeitszeiten die Rede ist. «Für die Firma ist die Regelung ein grosser Gewinn», sagt er, «die Produktivität ist höher, unsere Sozialabgaben haben sich um vier Millionen Francs verringert, und ein Teil der früheren Überzeitabgeltung fällt weg.» Die Firma, das ist das Schweizer Unternehmen Isola im französischen Delle nahe der Grenze zur Ajoie, und Dominique Balduini ist ihr Président Directeur Général. Isola stellt elektronische Isoliermaterialien für Leiterplatten, -folien und -bänder sowie Wicklungen für Elektromotoren und Transformatoren her. Balduini stammt aus einem Arbeiterhaushalt, ist Ingenieur sowie Ökonom und war in seiner Jugend Mitglied des Parti Socialiste Unifié (PSU).
Für viele Beschäftigte, sagt er, sei die Arbeitszeitregelung jedoch «mit Nachteilen verbunden, insbesonders die Arbeit am Samstag für Beschäftigte mit Familie». Zudem sei eine Arbeitszeitreduktion nur durch die Optimierung der Abläufe zu realisieren. Folge: «Der Arbeitsrhythmus wird intensiver, die Anforderungen an die Einzelnen werden grösser. Wenig qualifizierte Leute, aber auch solche, die beim neuen Tempo nicht mithalten können, kippen aus dem System heraus und werden entlassen. Auch bei uns.»
Philippe Bau, Vertreter der Gewerkschaft CGT in der Betriebskommission, spricht lieber von den Vorteilen. Er bestreitet nicht, dass die Einführung der 35-Stunden-Woche mit Problemen behaftet war, zum Bespiel beim Salär. «Für die bisherigen Beschäftigten konnten wir direkte Lohnreduktionen verhindern, aber die Zusagen für den dreizehnten Monatslohn sind sehr vage, und die neu Eingestellten erhalten geringere Betriebsangehörigkeitszulagen als früher.» Auch seien bei Isola keine neuen Arbeitsplätze geschaffen worden. Aber immerhin: «Statt 120 Arbeitsplätzen bei den Wicklungen wurden nur 100 Stellen abgebaut. Die Entlassungen waren unvermeidlich, weil die Nachfrage seit langem rückläufig ist.» Dass tatsächlich 120 Entlassungen geplant waren, wird von anderen Belegschaftsvertretern hingegen bestritten: «Wir gehen davon aus, dass Isola einfach eine höhere Zahl genannt hat, um von den flankierenden Massnahmen zur 35-Stunden-Woche zu profitieren und staatliche Gelder abzuholen.»
350 000 neue Jobs
Es herrscht also Nüchternheit in manchen Betrieben. Weitaus euphorischer ist die Regierung - und die von ihr vorgelegten Zahlen können sich sehen lassen. So stieg in den zweieinhalb Jahren von Anfang 1999 bis im Juli 2001 die Zahl der Beschäftigten im privaten Sektor von 13,84 Millionen auf 14,95 Millionen, also um mehr als eine Million (Zahlen für das 2. Halbjahr 2001 liegen noch nicht vor). Ein Drittel dieser Zunahme - rund 350 000 Stellen - ist auf die Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit auf 35 Stunden zurückzuführen, die Anfang 1999 ihre Wirkung zu zeigen begann.
Die erste Loi Aubry (benannt nach der damaligen Arbeitsministerin Martine Aubry) wurde im Juni 1998 verabschiedet. Sie führte für Betriebe mit mehr als zwanzig Beschäftigten die 35-Stunden-Woche ein und beschränkte sich auf den Privatsektor. Unternehmen, die auf Grundlage dieses Gesetzes die Arbeitszeit reduzierten, konnten ihre Beiträge zur Sozialversicherung senken. Die zweite Loi Aubry (sie trat Ende Januar 2000 in Kraft) sah weitere finanzielle Hilfen für die Unternehmen vor. In einem dritten Schritt gilt das Gesetz ab Beginn dieses Jahres nun für alle Unternehmen, also auch für jene, die bisher ausgespart waren (wie der öffentliche Dienst).
Das wird weitere Arbeitsplätze schaffen. Allein für den Gesundheitsbereich und die Kleinkinderbetreuung wird mit einem zusätzlichen Bedarf von jährlich 30 000 bis 50 000 Beschäftigten in den nächsten drei Jahren gerechnet. Seriöse Schätzungen über den zusätzlichen Bedarf bei den Kleinbetrieben - Bäckereien, Bistros, Garagen, Coiffeursalons - sind zurzeit kaum möglich. Wie vor Jahren die Grossunternehmen der Industrie, so hält nun der gewerbliche Sektor, in dem rund die Hälfte der Beschäftigten angestellt sind, den Einstieg in die 35-Stunden-Woche für undurchführbar. Ob tatsächlich Schwierigkeiten bestehen oder die Weigerung politisch motiviert ist, kann in diesem Bereich kaum unterschieden werden. Sicher ist, dass das Gewerbe die Arbeitszeitverkürzung benützen wird, um ein Maximum an Steuererleichterungen herauszuholen. Das individuelle Interesse der Händlerinnen und Handwerker trifft sich in diesem Punkt mit dem politischen Willen der Gewerbeverbände, dem Staat die Steuermittel abzuluchsen, die für die Umsetzung der Loi Aubry bereitgestellt wurden. (Der Widerstand war nicht ganz erfolglos - so soll für gewisse kleine Gewerbebetriebe die 35-Stunden-Woche erst ab 2008 gelten.)
Mit einer Beschäftigungszunahme um jährlich drei Prozent lag Frankreich in den Jahren seit 1999 hinter Spanien und Irland an der Spitze der EU-Länder. Ähnliche Steigerungen werden sich im nächsten Jahr aufgrund der Wachstumsabschwächung vermutlich nicht halten lassen. Da weiterhin jährlich rund 150 000 Personen neu auf den Arbeitsmarkt drängen, könnte die Zahl der Erwerbslosen und Unterbeschäftigten trotz Ausweitung der 35-Stunden-Regelung wieder leicht zunehmen.
Wachstum dank kurzer Arbeitszeit?
KritikerInnen der 35-Stunden-Woche hatten behauptet, die Arbeitszeitverkürzung werde Frankreichs Wirtschaftswachstum bremsen. Tatsächlich aber lag Frankreich mit einem kumulierten Wachstum von sieben Prozent in den zweieinhalb Jahren seit 1999 über dem EU-Durchschnitt und vor Grossbritannien, Italien und der Bundesrepublik. Da das robuste Wachstum die KritikerInnen widerlegt hat, kehren sie heute einfach den Spiess um. Sie behaupten, nicht die Arbeitszeitverkürzung der 35-Stunden-Woche, sondern das aussergewöhnliche Wirtschaftswachstum sei für die Beschäftigungszunahme verantwortlich. Nur in einem Punkt haben die KritikerInnen Recht bekommen: Die Produktionskosten sind in Frankreich seit 1999 stärker angestiegen als im EU-Durchschnitt. Allerdings ist die Differenz minimal: Sie beträgt gerade 0,1 Prozent (2,8 Prozent statt 2,7 Prozent). Dass die Differenz so gering ausfiel, ist die Kehrseite der 35-Stunden-Wochen-Regelung: Die Mehrkosten wurden in der Hauptsache auf die Beschäftigten und zu einem kleineren Teil auf die öffentliche Hand abgewälzt.
Erfahrungen mit der Viertagewoche
Bei der Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung hatten die Betriebe viel Spielraum. In einem Punkt waren sich viele Geschäftsleitungen und Belegschaften einig, auch Président Directeur Général Balduini und die Isola-Belegschaft: Die Betriebsorganisation sollte allen Beschäftigten so oft wie möglich statt einer stundenweisen Reduzierung zwei, drei freie Tage am Stück ermöglichen. Eine Untersuchung des Arbeitsministeriums zeigt, dass viele andere Betriebe dieses Arbeitszeitmodell beschlossen haben. Bei sechzig Prozent der von der ersten Loi Aubry Betroffenen wurden statt täglicher Zeitreduktionen zusätzliche arbeitsfreie Tage vereinbart und in den meisten Fällen weit im Voraus festgelegt. Die arbeitsfreien Tage wurden dabei auf das Wochenende gelegt, auf den Ferienbeginn oder als Brücken zwischen die Feiertage.
Mittlerweile gibt es eine Reihe von Untersuchungen zu diesem Thema. Unerwartetes Resultat einer dieser Untersuchungen (sie wurde von einem Marktforschungsinstitut angestellt) war, dass Frauen und Männer klar andere Präferenzen haben. Männer streben den freien Freitag an, Frauen den arbeitsfreien Mittwoch. Männer wollen zusätzliche Freizeit - «temps libre». Frauen wollen zusätzliche erwerbsarbeitsfreie Zeit und sprechen von «temps libéré». Die Frauen wählen den Mittwoch, weil der Mittwochnachmittag schulfrei ist.
«Machen wir uns doch nichts vor, die Realität der 35-Stunden-Woche ist, dass unsere Männer drei Tage nacheinander zum Angeln gehen wollen und wir Frauen statt wie bisher fünf Tage nur noch vier Tage haben, um den Alltag zu organisieren», fasst ein Leserbrief in der Monatsschrift «Alternatives économiques» die aktuelle Situation zusammen. Die Zeitschrift (sie hat eine Auflage von 100 000 Exemplaren und wird von einer BürgerInnen-Vereinigung herausgegeben) berichtet seit ihrer Gründung 1980 kontinuierlich über Veränderungen in der Erwerbswelt und ihre Auswirkungen im Alltag. Aufgrund ihrer Beobachtungen kam die Redaktion zum Schluss, dass die Einführung der 35-StundenWoche nichts weniger bedeute als eine Revolution, eine Alltagsrevolution - eine «révolution capillaire».
Ausgangspunkt dieser Revolution sind die Haushalte, in denen die Arbeitspläne aufei-nander abgestimmt werden müssen. Die 35-Stunden-Woche verkleinert die Differenz zwischen dem traditionell männlichen Vollarbeitstag und der notwendigen, aber als Zusatz betrachteten Lohnarbeit der Frauen. Die Unsicherheit der Beschäftigung - über sechzig Prozent der Beschäftigten in Frankreich sind inzwischen zeitlich befristet angestellt, zunehmend auch in traditionellen Männerberufen und hoch qualifizierten Tätigkeiten - schwächt die innerfamiliäre Verhandlungsposition der Männer zusätzlich.
Eine ausgeglichenere Verteilung der Erwerbsarbeit in den Haushalten ist jedoch nur möglich, wenn es genügend Kindertagesstätten gibt. Das stellt Betriebe und Gemeinden, aber auch private bürgerliche und kirchliche Vereinigungen vor neue Herausforderungen - sie müssen ihr Angebot ausbauen.
Die Alltagsrevolution beschränkt sich aber nicht nur auf die Familie. Wenn sich zwei Menschen neben dem Job um Haushalt, Einkauf, Kinder kümmern, stehen Transportprobleme an - die meisten Familien haben nur ein Auto. Sie müssen aber zur Arbeit fahren (auch nachts oder am Wochenende), die Kinder in die Schule bringen oder von der Krippe abholen. Das erfordert ein zusätzliches Verkehrsangebot, das von öffentlichen, betrieblichen oder privaten Anbietern organisiert werden muss.
Auch die Kaufgewohnheiten ändern sich, wie Marktforscher bereits festgestellt haben. Die Einkaufszentren am Stadtrand könnten zu den Verlierern gehören, da die Menschen mehr Zeit haben und nicht mehr den gesamten Einkauf einer Woche am Samstag erledigen müssen. Wahrscheinliche Nutzniesserinnen sind die kleinen Geschäfte in den Innenstädten.
Was «Alternatives économiques» für den Alltag beschreibt, gilt auch für die traditionellen Sozialpartner. Unternehmen, Gewerkschaften und politische Gremien sind seit 1999 gezwungen, ständig neue Modalitäten auszuhandeln. «Dies ist vielleicht die wichtigste Auswirkung der Loi Aubry», sagen Balduini und Bau übereinstimmend, «statt der ritualisierten Auseinandersetzungen früherer Zeiten geht es heute wieder um substanzielle Entscheidungen, die getroffen werden müssen.» - «Nur dass das Kräfteverhältnis für uns kein günstiges ist», fügt Bau abschliessend hinzu. Aber es ist besser als vor der Arbeitszeitverkürzung.
WOZ 07/02
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Inhalt Dossier «Die Vier-Tage-Woche kommt»
WOZ 07/02
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