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Zur Nachahmung empfohlen

Das französische Wunder

Beat Ringger

Heute arbeitet in Frankreich die grosse Mehrheit der Vollzeitbeschäftigten in der Privatwirtschaft 35 Stunden pro Woche oder weniger. Innerhalb von nur vier Jahren ist in unserem Nachbarland die Arbeitszeit um über zehn Prozent reduziert worden. Viele Betriebe haben die Viertagewoche eingeführt; an andern Orten beziehen die Beschäftigten fünf zusätzliche Ferienwochen pro Jahr.

Die grosse Mehrheit der ArbeiterInnen und Angestellten ist glücklich mit den neuen Arbeitszeiten. Und auch die Auswirkungen auf die Löhne sind geringer als erwartet. Viele Löhne wurden für ein bis zwei Jahre eingefroren oder nur geringfügig erhöht, um die zehnprozentige Reduktion der Arbeitszeit mitzufinanzieren. Rund die Hälfe aller Be- schäftigten konnte jedoch dank der guten Konjunkturlage trotzdem normale Lohnerhöhungen erreichen.

Der Bundesrat bekämpft die SGB-Arbeitszeitinitiative mit dem Argument, sie habe «negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft», ja sogar «weitreichende, nicht absehbare Konsequenzen».

Wie sieht das nun in Frankreich aus? Für bürgerlich denkende Leute muss es an ein Wunder grenzen: Die Wachstumszahlen der französischen Wirtschaft (plus 5 Prozent) liegen für die letzten zwei Jahre über denen fast aller anderen europäischen Länder. Nur Spanien schneidet besser ab; Deutschland (plus 3,75), Britannien (plus 4,4), Italien (plus 4,4), die Niederlande (plus 4,3) und die Schweiz (plus 4,6 Prozent) hinken hinterher.

Wirklich ein Wunder? Nein. Denn entgegen der landläufigen Auffassung heisst «viel malochen» noch lange nicht, dass es der Wirtschaft gut geht. Je länger wir arbeiten, umso stärker sinkt die Grenzleistung: In der letzten Stunde vor Feierabend schaut häufig nicht mehr viel raus. Zudem konnten in Frankreich viele Arbeitslose dank der Arbeitszeitreduktion wieder ins Erwerbsleben integriert werden: Dank dem verbesserten Einkommen können sie wieder mehr Geld ausgeben, was die Konjunktur zusätzlich stützt.

In Frankreich hat die 35-Stunden-Woche in vielen Betrieben Anlass zu einer Neuorganisation, Optimierung und Rationalisierung der Betriebsabläufe gegeben. Insgesamt ist die Bilanz erfreulich: 59 Prozent der Beschäftigten finden, die 35-Stunden-Woche habe sich positiv auf Beruf und Alltag ausgewirkt. In manchen Betrieben werden die Arbeitszeiten jedoch auch einseitig zulasten der ArbeitnehmerInnen flexibilisiert: Rund jedeR Achte sagt, der Stress bei der Arbeit habe zugenommen. Fazit: Neue Arbeitszeitmodelle brauchen Gewerkschaften vor Ort, die arbeitnehmerfreundliche Regelungen durchsetzen.

Das französische Wunder: insgesamt zur Nachahmung wärmstens empfohlen.

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