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Deutschland: Was kommt nach der 35-Stunden-Woche?

Atempause an der Spitze

Pit Wuhrer

In Deutschland sind weitere Arbeitszeitverkürzungen derzeit kein Thema. Zuerst müssen die anderen etwas aufholen.

Die gute Nachricht vorweg: Überall dort, wo in den achtziger und neunziger Jahren eine Arbeitszeitverkürzung mit langen Streiks durchgesetzt werden konnte, gilt auch heute noch die 35-Stunden-Woche. Das ergab eine kleine Umfrage bei deutschen Gewerkschaften. Im Metallbereich und in der Druck- und Papier- industrie konnte die Errungenschaft verteidigt werden, obwohl die Unternehmerverbände seit langem die Tarifverträge auch in dieser Hinsicht ändern wollen. In manchen Betrieben wie etwa bei VW ist die Arbeitszeit sogar weiter gesunken (auf 28 Stunden in der Woche); dort gilt in manchen Abteilungen auch die Viertagewoche.

Aber es gibt auch schlechte Nachrichten. Eine lief letzte Woche über den Ticker: Im Jahre 2001 wurden in der deutschen Wirtschaft insgesamt 1,9 Milliarden Überstunden geleistet - mehr als je zuvor. Nach Gewerkschaftsschätzungen könnten durch einen gezielten Abbau dieser Überzeit und unter Berücksichtigung von Auftragsschwankungen rund 500 000 neue Stellen geschaffen werden. Doch die Firmenleitungen legen sich quer - allen Beteuerungen der Kapitalvertreter im «Bündnis für Arbeit» zum Trotz. Die zweite schlechte Nachricht: Die Tarifflucht hält weiter an. Immer noch verlassen Unternehmen die Verbände, damit entfällt ihre Bindung an tarifvertragliche Bestimmungen. Dazu kommt, dass die Flexibilisierung - etwa Arbeit am Wochenende - in vielen Bereichen zugenommen hat mit der Folge, dass der Beschäftigungseffekt der Arbeitszeitverkürzung so langsam verpufft. Die schlechteste Nachricht aber ist, dass in keiner Branche eine weitere Reduktion der Arbeitszeit auf der Tagesordnung steht.

Wie kommt das? Wieso fordert keine Gewerkschaft angesichts von offiziell vier, tatsächlich aber eher sechs Millionen Arbeitslosen eine 32- oder 30-Stunden-Woche, obwohl sich doch viele ÖkonomInnen einig sind, dass kürzere Regelarbeitszeiten Arbeitsplätze schaffen? Ohne die Durchsetzung der 35-Stunden-Woche gäbe es beispielsweise allein in der Metallindustrie 350 000 Arbeitslose mehr - so viele Jobs wurden geschaffen oder zumindest gesichert. Es gibt mehrere Antworten auf diese Frage. Erstens: Die deutschen Gewerkschaften haben lange Zeit eine Vorreiterrolle bei der Durchsetzung der Arbeitszeitverkürzung gespielt. Auf die Dauer ist eine Spitzenposition mit zu grossen Abständen aber nicht haltbar. Inzwischen haben Frankreich, Belgien und andere Deutschland zwar eingeholt - aber noch immer wird den Beschäftigten etwa das Beispiel Schweiz vorgehalten. Deren relativ niedrige Arbeitslosigkeit sei ein Ergebnis langer Arbeitszeiten, behauptet die Unternehmerseite. Den deutschen KollegInnen könnte am 3. März geholfen werden. Zweitens: Weitere Arbeitszeitreduktionen bilden einerseits zwar einen Weg aus der Krise, andererseits aber blockiert das von der Krise verstärkte Ohnmachtsgefühl der Beschäftigten eine Offensive in diese Richtung. Drittens: Nach einem Jahrzehnt stagnierender Reallöhne und wachsender Abgaben und Sozialbeiträgen brauchen die Beschäftigten eine Lohnsteigerung. «Unsere Mitglieder würden zwar gerne kürzer arbeiten, sie wollen vor allem aber mehr Geld», heisst es beim Vorstand der IG Metall. Beides zusammen - höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten - ist derzeit aber kaum durchzusetzen in einem Land, das tariflich weiterhin gespalten ist (im Osten liegen die Löhne teilweise immer noch beträchtlich unter dem Niveau der alten Bundesländer, und das bei ähnlich hohen Preisen).

Die besonderen Probleme, die durch die Vereinigung entstanden sind, sind sicherlich ein Grund dafür, weshalb diverse Vorstösse schnell scheiterten. So debattierte die IG Metall Mitte der neunziger Jahre kurzzeitig über die 32-Stunden-Woche, beendete die Diskussion aber rasch. Auch die alte IG Medien, einst die kämpferischste Gewerkschaft (sie ist mittlerweile in der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft «ver.di» aufgegangen), unternahm mehrere Vorstösse. Zwischenzeitlich war da von einer 30-Stunden-Woche, gar von einer 25-Stunden-Woche die Rede. Heute jedoch, sagt IG-Medien-Sprecher Hermann Zoller (jetzt «ver.di»), «kommen solche Forderungen bei den Mitgliedern nicht an». Warum? «Die Beschäftigten wollen mehr Geld. Ausserdem haben sie den Eindruck, dass die Arbeit partiell verdichtet wurde, dass sie in kürzerer Zeit mehr arbeiten müssen. Und dann haben sie in den einzelnen Betrieben nur selten erlebt, dass aufgrund der Arbeitszeitverkürzung mehr Leute eingestellt werden.»

Diese Einschätzung zeigt das Dilemma, in dem viele aktive GewerkschafterInnen stecken: Sie wissen, wie nötig eine weitere Arbeitszeitverkürzung ist, sie wissen, dass die meisten Unternehmen auch das Geld dafür haben - aber die KollegInnen konnten in ihrem Erfahrungsraum kaum nachvollziehen, dass kürzere Arbeitszeiten Jobs schaffen oder zumindest sichern. Dafür haben natürlich auch die Unternehmen gesorgt: Welcher Firmenchef verkündet auf Betriebsversammlungen schon, dass dank dem gewerkschaftlichen Druck niemand entlassen wurde? Die Unternehmen erklärten stattdessen lieber, welch grosse Opfer jetzt wegen der «unsinnigen» Arbeitszeit-Reduktion von allen gebracht werden müssten. Das leuchtet allen ein, die nur ihre eigene Erfahrung im Betriebsalltag zum Massstab einer Beurteilung machen. Dabei, sagt Zoller, «müssten die Beschäftigten auch dann mehr arbeiten und an noch schnelleren, noch moderneren Maschinen stehen, wenn wir noch die 48-Stunden-Woche hätten».

«ver.di»-Sprecher Zoller ist dennoch optimistisch. «Im Moment ist nicht die richtige Zeit für weitere Reduktionen. Aber das wird sich ändern.» Wenn die Löhne wieder steigen und die erhöhte Kaufkraft die Wirtschaft ankurbelt, könnten weitere Arbeitszeitverkürzungen angegangen werden - allerdings eher in Form längerer Bildungsurlaube oder vorübergehender Freistellungen («sabbaticals»). Auch die rot-grüne Regierung könnte mehr tun. «Wenn sie die gesetzlich erlaubte Wochenarbeitszeit von 60 auf 48 Stunden begrenzen würde, wäre schon viel gewonnen.» Genau diese Forderung ist auch Teil der SGB-Initiative.

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