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Zeit zum Arbeiten, Zeit zum Leben

von Beat Ringger

Wir wollen Arbeit für alle. Wir wollen mehr Lebens- und Lernzeit. Wir wollen neue Gestaltungsräume für Frauen und Männer, die ihre Kinder partnerschaftlich betreuen. Wir wollen eine Gesellschaft, die allen Menschen faire Lebenschancen bietet.

Nach Jahren der Stagnation kommt in der Schweiz endlich Bewegung in die Arbeitszeitfrage. Jahrelang konnten die Unternehmer und ihre Verbände die 40-Stunden-Woche halten. Nun bröckelt das Bollwerk: Letzte Woche haben die SBB und die Eisenbahnergewerkschaften die 39-Stunden-Woche vereinbart.

Die Gewerkschaften machen auch auf politischer Ebene Druck: Der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB sammelt Unterschriften für die Arbeitszeitinitiative**, die eine schrittweise Reduktion der gesetzlich zulässigen Höchstarbeitszeit auf das Niveau der 36-Stunden-Woche vorsieht - bei vollem Lohnausgleich für Löhne bis zu 7200 Franken im Monat. Die maximale Dauer der Arbeitszeit soll dabei auf Jahresbasis festgelegt werden.

Der SGB lanciert dieser Tage zudem das Komitee «Die Vier-Tage-Woche kommt». Prominente Mitglieder sind Ursula Koch, Präsidentin der Sozialdemokratischen Partei, Ruedi Baumann, Präsident der Grünen Partei, Alexander Tschäppät, Präsident des Schweizerischen Kaufmännischen Verbandes, die Professoren Eberhard Ulich und Jost Krippendorf sowie Christiane Brunner, Präsidentin der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen (Smuv), und Paul Rechsteiner, Präsident des SGB.

Die niederländische Warenhauskette KBB kennt sie, ebenso - gleich ennet der Grenze - die Konstanzer Niederlassung des Kaufhauskonzerns Hertie. Viele europäische Gewerkschaften (zum Beispiel in Belgien) haben sie sich auf die Fahnen geschrieben. In der Schweiz gibt es Solidaritätsmodelle bei der Post und im Pflegedienst, die der Vier-Tage-Woche nahe kommen. Und die Gewerkschaft «Kommunikation» verhandelt aktuell mit der Swisscom über die Vier-Tage-Woche für Abteilungen, die besonders stark vom Arbeitsplatzabbau bedroht sind.

Der zusätzliche freie Wochentag verbessert die Zeitsouveränität, bietet mehr Lebenszeit und schafft neue Möglichkeiten, Beruf- und Privatleben zu kombinieren. Die vorhandene Arbeit wird zwingend und einleuchtend auf mehr Menschen verteilt.

Viele kleine und mittlere Firmen können die Vier-Tage-Woche nicht im Alleingang einführen. Eine staatliche finanzielle Unterstützung solcher Firmen ist mehr als gerechtfertigt, weil damit neue Stellen geschaffen werden und so die Arbeitslosenkasse direkt entlastet wird. Der Pilotartikel des Arbeitslosengesetzes macht eine solche Unterstützung schon heute möglich. Die SGB-Initiative wird diese Finanzierungsmöglichkeit zusätzlich erleichtern.

Klar ist: Die Vier-Tage-Woche muss so eingeführt werden, dass die Löhne eine befriedigende Sicherung der materiellen Lebensbedürfnisse erlauben. Die tiefen bis mittleren Löhne müssen erhalten werden, im Interesse der Betroffenen ebenso wie im Interesse einer wirtschaftspolitisch bedeutsamen Kaufkraft.

Klar ist auch: Arbeitszeitverkürzungen dürfen nicht dazu missbraucht werden, die Arbeitszeit ohne Mitbestimmung der Beschäftigten zu flexibilisieren. Das zeigt die teilweise ernüchternde Bilanz bei VW in Deutschland. Freizeit verliert entscheidend an Qualität, wenn sie kurzfristig widerrufen werden kann.

Das französische Komitee «4 Jour - Nouvel Equilibre» dokumentiert zwanzig Unternehmen, die in Frankreich in den letzten zwei Jahren die Vier-Tage-Woche eingeführt haben. Darunter finden sich Kleinstunternehmen mit vier Personen und industrielle Grossbetriebe mit 1400 Beschäftigten. Wichtigstes Fazit: Diese zwanzig Firmen haben zusammen über 600 neue Stellen geschaffen - das sind vierzehn Prozent neue Jobs.


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Inhalt Dossier «Die Vier-Tage-Woche kommt»

WOZ 07/02

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WOZ 00/00

Zeit zum Arbeiten, Zeit zum Leben: von Beat Ringger

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