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Post, Swisscom und SBB gehen eigene Wege

von Roger Monnerat

Die Ankündigung der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), am 1. Juni 2000 die Arbeitszeit auf 39 Wochenstunden zu verkürzen, hat Hoffnungen geweckt. Als gälte es, solchen vorzubeugen, hat die Post diese Woche bekannt gegeben, dass sie die bisherige Arbeitszeit von 41 Stunden beibehalten will. Konsternation bei der neuen Gewerkschaft Kommunikation, die im Herbst 1998 aus der Fusion der PTT-Union mit verschiedenen Verbänden der Post-, Telekommunikations- und Flugsicherungsdienste hervorgegangen ist.

Raubbau bei der Post

Bei der Post haben 1997 erste Versuche mit neuen Arbeitszeitmodellen begonnen, um den Stellenabbau zu bremsen. Von 1991 bis 1996 war die Zahl der Beschäftigten von 42 400 auf 38 000 gesunken, ohne Massnahmen wurde für die kommenden Jahre ein weiterer Rückgang in der Grössenordnung von zehn Prozent oder 4000 Stellen befürchtet. Beim Stellenabbau der letzten Jahre gab es zwei grundsätzlich verschiedene Aspekte, einen technologischen und einen politischen.

Der technologische Sprung wird am deutlichsten bei der Briefsortierung sichtbar. Als die Briefe noch von Hand sortiert wurden, erreichten die schnellsten Sortiererinnen ein Stundenpensum von 4500 Briefen. Die heutigen Sortiermaschinen, die auch handgeschriebene Adressen lesen, schaffen pro Stunde achtmal mehr. Im Zahlungsverkehr waren 1990 noch 3300 Beschäftigte nötig, um 1,3 Millionen Postkonten zu bearbeiten, nach Abschluss der Automatisierung des Zahlungsverkehrs bewältigen heute 1800 Personen 1,7 Millionen Konten.

Wie viel Personal nötig ist, um die Arbeit zu bewältigen, wird - wenn das technische Rationalisierungspotenzial ausgeschöpft ist - eine betriebspolitische Frage. In einem verselbständigten Bundesbetrieb mit Service-public-Auftrag hat sie aber auch eine politische Dimension. Hans Ueli Ruchti, Generalsekretär der Gewerkschaft Kommunikation, sagt: «Unsere Beschäftigten arbeiten jenseits des Limits. Es fehlt der Post inzwischen eindeutig an Personal, es müssen eine Unzahl von Überstunden und Überzeit geleistet werden. Verantwortlich dafür war bis 1997 die Sparpolitik des Bundes. Seit der Verselbständigung ist es der Wille, à tout prix die Ertragskraft zu steigern.» Was in den Verwaltungsabteilungen durch die Abschaffung der Stempeluhren und dank gleitender Arbeitszeit an Verbesserungen für das Personal habe erreicht werden können, sei durch die Ausdünnung der Belegschaft wieder zunichte gemacht worden, sagt Ruchti.

Dass in den letzten Jahren bei der Post Raubbau betrieben wurde, dass die verbliebenen Angestellten nicht noch mehr arbeiten können, zeigte sich Ende 1998. Es stellte sich heraus, dass der Stellenabbau weit geringer als erwartet ausgefallen war. Ruchti geht inzwischen davon aus, dass in den kommenden Jahren statt der befürchteten 4000 nur noch rund 1000 Stellen verloren gehen. Diese beschäftigungspolitisch erfreuliche Entwicklung ist aber der Grund dafür, dass die Post keinen Anlass mehr sieht, den 1997 begonnenen Versuch mit neuen Arbeitszeitmodellen auszuweiten.

Geplante Projekte wie das Lebensarbeitszeit-Modell - von 41 Arbeitsstunden werden nur 38 ausbezahlt, die restlichen drei Stunden werden auf einem Freizeitkonto gutgeschrieben - will die Post ebenso aufgeben wie die Einführung der 39-Stunden-Woche, für die ein ausgearbeiteter Entwurf vorliegt. Dieser sieht bei einer paritätischen Lastenverteilung eine Lohnreduktion von 1,2 Prozent für das Personal vor und geht von 1000 Arbeitsplätzen aus, die so gesichert oder neu hätten geschaffen werden können. Die bisherigen Projekte, bei denen zum Beispiel drei Beschäftigte eine vierte, arbeitslose Person in ihre Gruppe aufnehmen, werden weitergeführt.

Bei der Swisscom, dem zweiten grossen Bereich der Gewerkschaft Kommunikation, gibt es laut Ruchti einerseits die Zusage, nach dem Auslaufen des Bundesbeamtengesetzes auf Anfang 2001 die 40-Stunden-Woche einzuführen. Andererseits wird zurzeit in einer paritätischen Arbeitsgruppe über neue Arbeitszeitmodelle diskutiert, um den im Herbst 1998 angekündigten Abbau von 4000 Stellen in den nächsten Jahren aufzufangen. Zur Diskussion stehen zwei Modelle. Das eine verbindet eine Wochenarbeitszeit von 39 Stunden mit Weiterbildungsverpflichtungen, das andere sieht in einzelnen Unternehmensbereichen eine Wochenarbeitszeit von 36 Stunden an vier Tagen vor. Beim zweiten Modell geht es darum, in einzelnen Bereichen Personalüberkapazitäten ohne Entlassungen abzubauen.

Klares SBB-Abkommen

Die gleiche Zielsetzung war bei den SBB ausschlaggebend für die Verkürzung der Arbeitszeit auf 39 Stunden. Die SBB hatten sich 1993 in einem «Contrat social» verpflichtete, keine Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen auszusprechen. Trotzdem ging die Zahl der Beschäftigten aufgrund von Rationalisierungen, Betriebsschliessungen oder -zusammenlegungen bis 1998 von 35 200 auf 30 800 Personen zurück. Abgänge wurden nicht ersetzt, Beschäftigte gingen vorzeitig in Pension, ein Überhang von rund 1000 Personen blieb aber bestehen. Diese wurden in unterschiedlichsten Funktionen als «SpringerInnen» eingesetzt und so auf Zusehen hin beschäftigt. Mit der Einführung der 39-Stunden-Woche im Sommer 2000 soll die Hälfte dieser SpringerInnen wieder eine klar definierte Funktion erhalten, die andere Hälfte durch Frühpensionierungen abgebaut werden.

Stephan Appenzeller, Informationsbeauftragter des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verbandes (SEV), sieht die ausgehandelte Vereinbarung nüchtern als einen «guten Deal» für beide Seiten. Der SEV bot Hand für die Flexibilisierung der Arbeitszeit, die Beschäftigten gewinnen fünf zusätzliche arbeitsfreie Tage, ermöglichen die reguläre Weiterbeschäftigung von 500 KollegInnen, und dies zum Preis des Verzichtes auf ein Prozent des Teuerungsausgleichs in den Jahren 2000 und 2001.

Mit der Grundsatzvereinbarung akzeptierte der SEV die Einführung der Jahresarbeitszeit und die Verlängerung der Dienstschichten. Innerhalb dieser Grenzen werden paritätische Ausschüsse von Bereich zu Bereich und von Fall zu Fall neue Arbeitszeitmodelle aushandeln und erproben. Im Vordergrund stehen wöchentlich schwankende Arbeitszeiten, Samstag-/Sonntagsarbeitszeit, Schichtmodelle und Brücken- oder Betriebsferien.

Die verlängerten Dienstschichten - Arbeitszeit plus Pause - wurden auf durchschnittlich maximal 11 Stunden, in Ausnahmefällen und höchstens zwölfmal pro Jahr auf 14 Stunden heraufgesetzt. Was auf den ersten Blick unzumutbar erscheint, unterliegt, wie Appenzeller versichert, stark einschränkenden Bedingungen. Die Arbeitszeit muss mindestens 8 Stunden betragen, die Pause dazwischen (und nur eine ist zugelassen) muss am Dienst- oder Wohnort verbracht werden können. «ZugbegleiterInnen werden also nicht am Morgen in Romanshorn losfahren, in St. Gallen zehn Stunden in der Kantine warten und in der Nacht nach Romanshorn zurückfahren müssen», sagt Appenzeller.

Sieht der Informationsbeauftragte des SEV die SBB-Vereinbarung zu nüchtern? Ist es übertrieben, von einem Durchbruch zu reden, wie es SEV-Präsident und SP-Nationalrat Ernst Leuenberger tut? Für Nüchternheit spricht die Tatsache, dass die 39-Stunden-Woche bei den SBB einen stark defensiven Charakter hat, und das Beispiel der Post zeigt, wie schnell «Rettungsmassnahmen» von einer Betriebsleitung wieder als überflüssig erachtet werden können.

Trotzdem von einem Durchbruch zu reden, hat zwei gute Gründe. Der erste ist historisch. 1976 wurde die 40-Stunden-Woche-Initiative der damaligen Progressiven Organisationen Schweiz (POCH) im Verhältnis 1,3 Millionen Nein- zu 370 000 Ja-Stimmen abgelehnt. Ein wenig besser schnitt 1988 die Initiative des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) für eine stufenweise Einführung der 40-Stunden-Woche ab, der Ja-Stimmenanteil betrug immerhin 34 Prozent, in den Kantonen Jura und Tessin mehr als 50 Prozent. Es scheint, als seien die Schweizer Männer nur durch Zwang dazu zu bringen, weniger als 40 Stunden in der Woche zu arbeiten.

Eine vereinte Gewerkschaft

Der andere Grund ist ein organisatorischer. Die Verselbständigung der früheren Bundesbetriebe erschwert ein gemeinschaftliches Vorgehen der Gewerkschaften, die unter dem Dach des Föderativverbandes des Bundespersonals (FöV) agieren, ein Prozess, der sich mit dem Auslaufen des Bundesbeamtenstatuts Ende 2000 noch verstärken wird. Die Auseinandersetzung um neue Arbeitszeitmodelle wie jenem der SBB wirkt dieser Tendenz entgegen, sie erlaubt, gemeinsame Erfahrungen zu machen und so die Grundlagen zu schaffen für eine Reorganisation der Gewerkschaften im öffentlichen Dienst. Für Doris Schüepp, Zentralsekretärin des Schweizerischen Verbandes des Personals des öffentlichen Dienstes (VPOD), ist klar, dass das Fernziel heisst: Zusammenschluss aller Verbände der Beschäftigten mit Service-public-Auftrag.

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