![]()
WoZ-Online
Ein Weg aus der Defensive
![]()
ie Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ist untrennbar verknüpft mit dem Kampf für die Verkürzung der Arbeitszeit. Der 1. Mai war vorerst nichts anderes als eine internationale Grosskundgebung für die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages, beschloss doch der Internationale Arbeiter-Congress in Paris im Juli 1889, am 1. Mai 1890 «eine grosse internationale Manifestation zu organisieren, und zwar dergestalt, dass gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen». Bekanntlich dauerte der Kampf für den Acht-Stunden-Tag (bei sechs Arbeitstagen) dann fast dreissig Jahre, bevor diese Forderung - in der Schweiz in der Folge des Generalstreiks von 1918 - realisiert werden konnte. Die wöchentliche Arbeitszeit wurde damals in kürzester Zeit um sechs bis elf Stunden reduziert, und das ohne Lohnsenkung. Nachher dauerte es dann rund fünfzig Jahre, bis die Arbeitszeit um drei weitere Stunden verkürzt werden konnte.
Über hundert Jahre später steht die Arbeitszeitfrage - unter veränderten Bedingungen und bei veränderten Verhältnissen - erneut im Zentrum. Die Krise der neunziger Jahre hat gezeigt, dass sich der neoliberale Druck nicht nur bei den Löhnen, sondern genauso bei der Arbeitszeit negativ auswirkt. Die vorher wenigstens in kleinen und kleinsten Schritten erfolgten Verkürzungen der Arbeitszeit sind seit sechs Jahren vollständig zum Erliegen gekommen. Und trotz hoher Erwerbsarbeitslosigkeit müssen Überstunden wie noch nie geleistet werden. Wo der Schutz durch Gesamtarbeitsverträge fehlt, wird sogar die Normalarbeitszeit erhöht. Ein Beispiel dafür ist das Gastgewerbe, wo die betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeiten zwischen 1995 und 1997 von 42,3 um eine halbe Stunde auf 42,8 Stunden verlängert wurden, als der Landes-Gesamtarbeitsvertrag nicht erneuert wurde. Über diese kurzfristigen Entwicklungen hinaus wird immer offensichtlicher, dass auch in der Schweiz die Erwerbsarbeitslosigkeit ohne drastische Verkürzung der Arbeitszeiten nicht wirksam bekämpft werden kann.
Die Initiative des SGB für die Einführung der 36-Stunden-Woche setzt die zentralen Eckpfeiler für eine neue Arbeitszeitdebatte in der Schweiz. Sie verlangt nicht nur die spürbare Reduktion der Arbeitszeiten, die den Einstieg in die Vier-Tage-Woche erlaubt, sondern sichert gleichzeitig, dass diese für tiefe und mittlere Löhne keine Lohnkürzung zur Folge haben darf. Dazu kommen als Leitplanken die massive Reduktion der höchstzulässigen Überzeit und Wochenarbeitszeiten sowie das Verbot der Diskriminierung der Teilzeitarbeitenden. Diese Leitplanken sorgen dafür, dass die erzielten Fortschritte nicht durch die Hintertür faktisch wieder unterlaufen werden können.
Eine gewerkschaftliche Strategie der Arbeitszeitverkürzung, die auf der Höhe der Zeit ist, kann es sich nicht mehr leisten, die Geschlechterfrage auszublenden, sie muss mit bedenken, was es heisst, dass Nichterwerbs-, Betreuungs-, Haus- und Erziehungsarbeit auch heute noch weit überwiegend von Frauen geleistet wird, und darf die Arbeit nicht mehr ausschliesslich unter dem Blickwinkel der Erwerbsarbeit sehen. Normen, die den Zwang zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung fortschreiben, entsprechen den Anforderungen an eine fortschrittliche Arbeitszeitpolitik nicht mehr. Der SGB befürwortet deshalb zukunftsweisende flexible Arbeitszeitformen. Diese dürfen aber nicht wie heute häufig dem Diktat der Unternehmen folgen, sondern müssen den Interessen der Beschäftigten entsprechen. Die SGB-Initiative eröffnet dafür Perspektiven.
Die Strategie der Arbeitszeitverkürzung verfolgt damit eine doppelte Zielsetzung. Einerseits ist sie auf das Leben ausserhalb der Erwerbsarbeit ausgerichtet, das immer wichtiger wird. Andererseits müssen alle, die wollen, die Möglichkeit haben, sich zu anständigen Bedingungen an der Erwerbsarbeit zu beteiligen. Die Erwerbsarbeit ist und bleibt ein zentraler Bereich der gesellschaftlichen und der individuellen Entwicklung. Niemand darf davon ausgeschlossen werden.
In einer nächsten Phase wird es darum gehen, vorerst ein paar Selbstverständlichkeiten, die nicht mehr als solche wahrgenommen werden, in der öffentlichen Debatte wieder deutlich zu machen. Zu diesen Selbstverständlichkeiten gehört die Beschäftigungswirksamkeit von Arbeitszeitverkürzungen. Man kam nur staunen, wie Kreise, welche die Beschäftigungswirksamkeit verkürzter Arbeitszeiten bestreiten, ungerührt Sparmassnahmen im Personalbereich verordnen, die nichts anderes als eine Arbeitszeitverlängerung für die Verbleibenden bedeuten (Beispiel: die Zürcher Verkehrsbetriebe).
Die Kampagne gegen Tieflöhne («Keine Löhne unter 3000 Franken») und die Initiative für kürzere Arbeitszeiten ergänzen sich im Übrigen gegenseitig. Der SGB macht damit im Gegensatz zu jenen, welche die Erwerbsarbeitslosigkeit mit einer Billiglohnstrategie bekämpfen möchten, klar, dass die Arbeit nicht weiter entwertet und der Weg nicht in eine neofeudale Dienstbotengesellschaft führen darf.
Weil die Gewerkschaften mit der Strategie der Arbeitszeitverkürzung nicht nur die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, sondern ebenso sehr - wenn nicht noch stärker - gesamtgesellschaftliche Perspektiven und Orientierungen vermitteln, werden sie versuchen müssen, die gesellschaftliche Debatte auszuweiten. Punktuell, wenn vorerst auch defensiv, ist das beispielsweise beim erfolgreichen Referendum gegen die Arbeitsgesetzrevision (Dezember 1996) gelungen. Damals kämpften neben den Gewerkschaften auch die Kirchen bei der Verteidigung des grundsätzlich erwerbsarbeitsfreien Sonntags gegen die Dominanz eines rein ökonomischen Denkens. Angesichts der Bedeutung der Arbeitszeitverkürzung für die gesellschaftliche Entwicklung entstehen auch offensiv Möglichkeiten, die Diskussionen über bisher schwer überwindliche Gräben hinaus zu entwickeln. Was über die ökumenische Konsultation zu hören war, lässt jedenfalls aufhorchen.
Wie die Geschichte zeigt, wurde sozialer Fortschritt jeweils dann möglich, wenn er von einer sozialen Bewegung vorangetrieben wurde, die das Bewusstsein der Notwendigkeit der Reform hatte und gleichzeitig bereit war, mit langem Atem und im entscheidenden Moment entschlossen für das als richtig erkannte Ziel zu kämpfen. In der Schweiz geht es jetzt darum, in die Debatte um die konkreten Forderungen und den Aufbau der für die Durchsetzung der Arbeitszeitverkürzung nötigen sozialen Bewegung einzusteigen. Ein ermutigender Auftakt ist jetzt getan: Die Eisenbahner-Gewerkschaft hat jetzt die in der Schweiz bisher unüberwindliche Schallmauer der 40-Stunden-Woche durchbrechen können.
WOZ 00/00
![]()
Inhalt Dossier «Die Vier-Tage-Woche kommt»
WOZ 07/02
Weniger arbeiten: Das Tabu brechen
Eine ruhige Kontroverse: Gewerkschaften und Arbeitszeitverkürzung
Die Chancen der Initiative: Gleichgewicht zwischen Beruf, Familie und Freizeit
Eine leise Revolution des Alltags: In Frankreich hat die 35-Stunden-Woche viel verändert
Zur Nachahmung empfohlen: Das französische Wunder
Atempause an der Spitze: Was kommt nach der 35-Stunden-Woche in Deutschland?
WOZ 00/00
Zeit zum Arbeiten, Zeit zum Leben: von Beat Ringger
Endlich unter 40 Stunden: Post, Swisscom und SBB gehen eigene Wege
Zurück in die Zukunft: Schritt für Schritt ein Stückchen Utopie
Was bietet die SGB-Initiative? Was verhindert sie? - Ein Disput.: Die Chance, die Kapitulation



Top