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Von der Rückeroberung eines geraubten Traumes

von Hans Schäppi

Auch Begriffe haben ihre Konjunktur. Der Begriff «Flexibilisierung» zum Beispiel nahm nicht zufällig in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre seinen Aufschwung: Es war dies die Zeit, in der sich weltweit die Probleme der Weltwirtschaft akzentuierten, am sichtbarsten im zyklischen Wirtschaftseinbruch 1974/76. Die Rendite des eingesetzten Kapitals sank: Die Expan- sion von Massenkonsum und Massenproduktion geriet aus dem Gleichgewicht. Zugleich aber eröffneten sich neue Möglichkeiten der Rentabilisierung: Die Aufhebung der fixen Wechselkurse, die Liberalisierung der internationalen Finanz- und Dienstleistungsmärkte und nicht zuletzt die Anwendung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien.

Die Krise der Profitabilität und die hohen Inflationsraten begünstigten nicht nur den Wechsel von den nachfrageorientierten zu den angebotsorientierten Wirtschaftsstrategien und damit den Übergang zur möglichst flexiblen und kostengünstigen Produktion. Sie führten auch zu einer Neukonzeption der unternehmerischen Betriebspolitik: verstärkte Automatisierung des Produktionsbereichs, Rationalisierungswelle im Gemeinkostenbereich, Neukonzeption der Personal- und Leistungspolitik mit neuen Formen der Arbeitsorganisation, Revision der Lohnpolitik und -systeme und - in unserem Zusammenhang wichtig - eine neue Arbeitszeitpolitik.

Eine wichtige Zielsetzung dieser neuen Betriebs- und Personalpolitik war die Förderung der «inneren Produktivität» der Beschäftigten, das heisst eine Förderung ihrer Innovationsbereitschaft, Kreativität und Flexibilität. Unter dem Einfluss der 68er Bewegung gewannen so selbst im Management Fragen der wirtschaftlichen Demokratie an Einfluss - mindestens in abgeschwächten Formen wie teilautonomen Arbeitsgruppen und kooperativen Führungsmodellen. Gerade im Bereich der Arbeitszeitpolitik wurde von SoziologInnen die Idee der Flexibilisierung der Arbeit mit einem emanzipatorischen Anspruch vorgetragen. Neue Arbeitszeitformen versprachen mehr Zeitsouveränität und damit eine Erweiterung der Freiheitsräume für die individuelle Lebensgestaltung. Endlich sollten auch die Hierarchie und die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau aufgebrochen werden können. Und welch schöneren Traum gibt es aus gewerkschaftlicher Sicht als Zeitsouveränität? Denn die spürbarsten Zwänge, denen die Lohnabhängigen heute ausgesetzt sind, sind zweifellos jene der Arbeitszeit.

Bei aller Euphorie war allerdings schon in den achtziger Jahren klar, dass die neuen Strategien nicht primär dazu entwickelt wurden, die Beschäftigten zu beglücken. Was auf individueller Ebene durchaus als eine Erweiterung der Entscheidungsmöglichkeiten wahrgenommen wird, erweist sich betriebswirtschaftlich als eine erweiterte Instrumentalisierung des Subjekts, bei der zusätzlich soziale und personale Kompetenzen genutzt werden und die Effizienz steigt. Die Zwiespältigkeit der neuen Strategien zeigt sich an den meisten neuen Arbeitsformen. Die Gruppenarbeit etwa eröffnet für die Beschäftigten neue Handlungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten und Aussichten auf eine weniger entfremdete Arbeit. Dies verpflichtet auch das Management, da die Effizienzvorteile nur genutzt werden können, wenn die Entscheidungskompetenzen der Beschäftigten gesteigert werden. Andererseits werden Rationalisierungseffekte von 15 bis 20 Prozent erwartet. Dasselbe gilt für die Flexibilisierung der Arbeitszeit. Unter bestimmten Bedingungen eröffnet sie neue Möglichkeiten einer freieren Zeitgestaltung. Andererseits erwarten die Unternehmer Produktivitätssteigerungen bis zu 25 Prozent.

Heute ist die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation bereits wieder anders: Seit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten in Osteuropa hat sich der Neoliberalismus voll durchgesetzt. Der Traum der Flexibilisierung ist von Unternehmerseite weitgehend geraubt worden: Aus der neuen Arbeitszeitpolitik zur Verwirklichung von mehr Zeitsouveränität für die Beschäftigten wurde eine umfassende Strategie, um gewerkschaftliche Forderungen nach einer Arbeitszeitverkürzung abzuwehren und gesamtarbeitsvertragliche und gesetzliche Arbeitszeitregelungen zu unterlaufen. Die krasseste Form ist die so genannte Arbeit auf Abruf, bei der das unternehmerische Risiko völlig auf die Beschäftigten abgewälzt wird. Es ist klar, dass heute beim Begriff «Flexibilisierung» bei vielen Lohnabhängigen die Alarmglocken läuten - mit Recht.

Sollen sich die Gewerkschaften in dieser Situation darauf beschränken, traditionelle Arbeitszeitformen zu verteidigen? Das wäre wenig aussichtsreich, und wir würden das Feld der konkreten Arbeitszeitgestaltung der Unternehmerseite zur einseitigen Nutzung überlassen. Zudem haben sich die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten in den letzten Jahren stark differenziert. Auch dem müssen wir Rechnung tragen.

Wir müssen uns folglich einmischen und darum kämpfen, dass Freizeit Freizeit bleibt: Lohnabhängige und Belegschaften können über Formen und Mass der Flexibilisierung und die Ausgestaltung der Arbeitszeiten mitbestimmen, und unbezahltes Warten auf Arbeit (Arbeit auf Abruf) darf es nicht geben.

Wir brauchen zudem gesetzliche Leitplanken, insbesondere eine Beschränkung der jährlich zulässigen Überstunden und eine rechtliche Besserstellung der Teilzeitarbeit. Vor allem aber wollen wir heute eine markante Verkürzung der Arbeitszeit, und zwar für alle Beschäftigten in der Schweiz. Für all dies ist die Arbeitszeitinitiative der Gewerkschaften ein gutes Instrument; sie verdient deshalb unsere volle Unterstützung. Damit wir doch noch ein Stück unseres Traumes retten können.


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