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Streikbereit für besseres Leben

von Kirsten Huckenbeck

Mitte der achtziger Jahre streikten in Westdeutschland Zehntausende wochenlang für Arbeitszeitverkürzung. Dabei waren die Bedingungen damals nicht viel besser als heute.

Wo früher Gespenster - mal als freundliche, mal als böse Geister - beschworen wurden, ziehen heute Tabus durchs Land: Über Arbeitszeitverkürzung redet man nicht. Der Geruch der alten Klamotte haftet ihr an, Konfektionsware ist out, individueller Stil und Massgeschneidertes sind gefragt. Nicht auffallen darf, dass es sich auch bei den neuen Modellen um Produkte aus der heissen Nadel handelt, wenngleich «shrink to fit» - und Stretch-Effekte die individuelle Passgenauigkeit der Massenware zu garantieren scheinen.

Jedenfalls gibt es im Wunderland der 35-Stunden-Woche derzeit kein breites Interesse an allgemeinen Standards der Arbeitszeitregulierung (im Unterschied zu Frankreich beispielsweise); auch in den Gewerkschaften setzt nur eine kleine Minderheit auf die Option einer weiteren radikalen Wochenarbeitszeitverkürzung. Mehrere Gründe sind für dieses Desinteresse ausschlaggebend. So hat sich während des letzten Jahrzehnts auch unter GewerkschafterInnen die Annahme durchgesetzt, dass Lohnverzicht Arbeitsplätze schaffen beziehungsweise sichern könne. Dass diese Annahme falsch ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Die letzte Tarifrunde, die unter dem Stichwort vom «Ende der Bescheidenheit» lief, hat demonstriert, dass Spielraum durchaus vorhanden ist - und dass er genutzt werden kann, wenn man denn will.

Auch die Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung hat zur Skepsis beigetragen. Denn im Kampf für die 35-Stunden-Woche hat es auch Rückschläge gegeben. Dieser Kampf begann, als in manchen Branchen die tarifliche Arbeitszeit noch über 40 Stunden pro Woche lag. Die Forderung nach 35 Stunden wurde erstmals 1977 auf einer Betriebsversammlung der Opel-Belegschaft in Rüsselsheim erhoben und noch im selben Jahr in den tarifpolitischen Forderungskatalog der IG Metall aufgenommen. «Streikbereit für ein besseres Leben», so die Parole, waren dann als Erste die Beschäftigten der Stahlindustrie 1978/79. Sie betonten damit vor allem die entlastenden, humanisierenden Dimensionen einer Arbeitszeitverkürzung, erreichten jedoch zunächst «nur» eine Ausdehnung des Jahresurlaubs auf sechs Wochen.

Der Leber-Haken

Die folgende Auseinandersetzung um die Einführung der 35-Stunden-Woche mit Lohnausgleich war einer der härtesten Arbeitskämpfe in der Nachkriegsgeschichte Westdeutschlands. Achtzehn Monate lang wurde die Tarifrunde 1984 intensiv vorbereitet, dann kam es zum Streik. 58 000 MetallarbeiterInnen standen sieben Wochen, 45 000 Beschäftigte der Druckindustrie gar dreizehn Wochen im Streik; die Unternehmer sperrten im Gegenzug über eine halbe Million aus.

Dabei waren die Ausgangsbedingungen damals der heutigen Situation ähnlich: 1982/83 gab es eine Krise, über mehrere Jahre hinweg sanken die Reallöhne bei steigenden Produktivitätszuwächsen, das Vertrauen in wachstumsbedingte Vollbeschäftigung schwand, gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit zwischen 1980 und 1983 um 1,1 auf 2,5 Millionen registrierte Erwerbslose. Ausserdem stand schon damals die Auseinandersetzung - auch dies scheint heute vergessen - unter der Prämisse Flexibilisierung versus Arbeitszeitverkürzung. Unter anderem auch deswegen lehnen heute noch viele Teilzeitarbeit ab: Sie war von den Unternehmern als eine ihnen genehme Variante einer Arbeitszeitverkürzung ins Spiel gebracht worden. Gegen alle Widerstände konnten die beiden Gewerkschaften, die IG Metall und die IG Druck und Papier (heute die IG Medien), damals einen grossen Teil der Öffentlichkeit davon überzeugen, dass Verteilungsspielräume vorhanden seien und dass der Lohnausgleich die Massenkaufkraft hebe und damit Arbeitsplätze schaffe.

Der Kampf endete nach der Sonderschlichtung unter dem ehemaligen Arbeitsminister Georg Leber mit einem Kompromiss: Ab April 1985 galt die 38,5-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich zuzüglich einer Tariferhöhung von zwei Prozent; die konkrete Umsetzung innerhalb der Unter- und Obergrenzen von 37 und 40 Stunden war jedoch den Betriebsparteien überlassen («Flexibilisierungsklausel»). Auch Betriebsnutzungs- und Maschinenlaufzeiten blieben unangetastet. Gewerkschaftliche Basisgruppen kritisierten schon früh diesen «Leber-Haken», mit dem die Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung auf die betriebliche Ebene verlagert worden war (oft wurden übertarifliche Pausen einfach angerechnet).

Schon damals gab es viele Stimmen, die sich für eine weitere Wochenarbeitszeitverkürzung - bis hin zur 30-Stunden-Woche - aussprachen. Dabei war die Umsetzung des «historischen Kompromisses» alles andere als einfach: Es brauchte noch vier Schritte und zehn Jahre, um bei jenen 35 Stunden anzukommen, die ursprünglich bis zum Ende des Jahrzehnts erreicht sein sollten. Reduziert wurde (jeweils durchschnittlich) 1988 auf 37,5, 1989 auf 37, 1993 auf 36 und 1995 schliesslich auf 35 Stunden. Bezahlt wurde dieser Fortschritt gleich mehrfach - mit Lohnzurückhaltung in den Tarifauseinandersetzungen.

Bei der 35-Stunden-Woche ist es bislang geblieben - aber noch nicht einmal überall. Nur in den westdeutschen Tarifbereichen der Metall- und Elektroindustrie, der Eisen- und Stahlindustrie, der Druckindustrie sowie der Holz- und Papierverarbeitung gilt «die 35», im Osten ist sie nirgends anzutreffen. Das Gros der tariflichen Wochenarbeitszeit liegt im Westen zwischen 37 und 38,5 Stunden, im Osten zwischen 38 und 40 Stunden.

Trotzdem hat sich der Kampf gelohnt. Nach einer Berechnung des gewerkschaftsnahen WSI-Instituts wurden zwischen 1985 und 1996 rund eine Million Arbeitsplätze gesichert oder geschaffen. Während das Arbeitsvolumen in diesem Zeitraum um rund 2,5 Prozent schrumpfte, liegt - so die Untersuchung - die Zahl der Erwerbstätigen nunmehr um 6,4 Prozent über dem Ausgangsniveau von 1985. Dazu hat freilich auch der Anstieg der Teilzeitarbeit von etwa 13 Prozent der Gesamtbeschäftigung auf 19 Prozent beigetragen. Die Gesamtzahl ist also mit Vorsicht zu geniessen, aber sie bestätigt die gewerkschaftliche Faustregel: Ohne kürzere Arbeitswochen wäre schon aufgrund der enormen Produktivitätsgewinne die Massenarbeitslosigkeit noch höher.

Alles wieder rückwärts?

Die Arbeitszeitverkürzung hat die bundesdeutschen Unternehmen nicht (wie anfangs vehement behauptet) in den Ruin getrieben. Im internationalen Vergleich sind Produktivitätsvorteile weiter gestiegen und die Lohnstückkosten (die Lohnkosten pro produzierte Einheit) drastisch gesunken - auch aufgrund der nicht verhinderten Flexibilisierung. Mittlerweile versuchen die Unternehmen, die Arbeitszeiten mit den Betriebszeiten wieder zu verkoppeln, etwa in Form von Nacht-, Abend-, Wochenend- oder generell von flexibilisierter Arbeitszeit. Begünstigt wurde dies durch das «Bündnis für Arbeit». Der erste Ansatz zu einem bundesweiten Bündnis (mit ihm sollten durch Lohnverzicht 300 000 Stellen geschaffen werden) scheiterte zwar am Widerstand der Unternehmen, aber das hinderte diese nicht, ähnliche «Bündnisse» auf Betriebsebene durchzusetzen.

Inzwischen gilt in manchen Firmen wieder eine 40-Stunden-Woche (ohne Mehrarbeitszuschläge oder Lohnausgleich), auch eine wöchentliche Arbeitszeit von durchschnittlich 55 Stunden (inklusive Überstunden) ist keine Seltenheit. Der neue Arbeitsminister (und ehemalige IG-Metall-Vize) Walter Riester geht mittlerweile mit einem Vorruhestand-Modell hausieren - dabei wusste die IG Metall 1985 noch, dass Vorruhestand für sich genommen weder die Beschäftigungseffekte einer allgemeinen radikalen Arbeitszeitverkürzung erbringt noch vor Leistungsintensivierung schützt.

Arbeitszeitverkürzung, das zeigt die bundesdeutsche Erfahrung, ist nicht nur eine tarifpolitische Frage. Sie hat auch beschäftigungspolitische, verteilungspolitische und emanzipatorische Dimensionen. Karl Marx bezeichnete einmal Arbeitszeitverkürzungen als «politische Ökonomie der Arbeiterklasse», die getragen sei von der «Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Voraussicht». Eine solche Ein- und Voraussicht kann sich nicht auf Konjunkturzyklen oder vorübergehend wirksame Investitionsprogramme verlassen; sie kann also auch durch das individuellste Arbeitszeitmodell nicht individuell verwirklicht werden.

Das wissen Gewerkschafter wie der IG-Medien-Vorsitzende Detlef Hensche. Und so ist es kein Zufall, dass in tendenziell linken Gewerkschaften (wie der IG Medien) von der Notwendigkeit gesprochen wird, eine wöchentliche Arbeitszeit von unter 30 Stunden durchzusetzen. Noch kann man nicht von einer Strömung in dieser Richtung sprechen, aber ein Anfang ist es schon.


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