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Der arbeitsfreie Mittwoch

von P.M.

Sehen wir's endlich ein: die Zeiten der Vollzeiterwerbsarbeit sind vorbei. Auch ein allfälliger Wirtschaftsaufschwung wird keine Vollbeschäftigung mehr bringen, weil er mit weiteren Rationalisierungen verbunden sein wird. Lean Production und Computerisierung in der Herstellung und im Dienstleistungsbereich werden trotz besserer Konjunktur weiter Arbeitskräfte freisetzen. Die grössere Beweglicheit der Kapitalien im Weltmasstab wird generell zu einer Senkung unserer Löhne führen, weil Standortvorteile sofort und rücksichtslos ausgenützt werden können.

Die Verhandlungsposition der Lohnabhängigen hat sich aus beiden Gründen drastisch verschlechtert: man braucht uns nicht mehr, und wenn, dann bezahlt man weniger. Alle Versuche, das Rad zurückzudrehen, z.B. mit staatlichen Zuschüssen, Konjunkturspritzen usw., sind nostalgisch und untauglich, können allenfalls den Prozess verzögern.

Das Schrumpfen der Erwerbsarbeit und der Löhne ist eine Tatsache, mit der wir offensiv umgehen müssen. Denn dass die Erwerbsarbeit rarer wird, heisst überhaupt nicht, dass es weniger zu tun gibt. Dass die Löhne sinken, braucht nicht zu bedeuten, dass unsere Lebensqualität abnehmen muss.

Die frei werdende Zeit kann im Gegenteil für vielfältige Nutzarbeiten eingesetzt werden, die uns direkt zugute kommen können. Eine ganze Palette von lebenswichtigen Arbeiten - vor allem in den Bereichen Landwirtschaft, Erziehung, Gesundheit, Beziehungen, Ökologie, Kultur - sind heute zu wirtschaftskonformen Löhnen nicht mehr bezahlbar. Entweder werden sie also subventioniert (Landwirtschaft) oder man verzichtet auf sie (Krise des Sozialstaats, "Sparen".) Eine andere Lösung bestünde eben darin, Zeit und Orte zu schaffen, die es ermöglichen, diese Nutzarbeiten ausserhalb der normalen Wirtschaft zu leisten und auszutauschen.

Die Vereinzelung im Leben der Erwerbstätigen und noch mehr der Arbeitslosen behindert den Einsatz und direkten Austausch von Nutzarbeit. Gegenseitiges Aushelfen ist immer nur punktuell möglich und wird zu keinem zuverlässigen Bestandteil des alltäglichen Haushaltens. Da wegen ihrer niedrigen Produktivität kein Geld in diese Bereiche fliesst, fehlt es als das nötige Tauschmittel. Neben dem formalen Wirtschaftsmarkt würden dafür lokale, relativ grosse, geschützte "Märkte", die eng mit den Haushalten verflochten sind, benötigt. Zum externen Wirtschaftsbereich müsste ein nachbarschaftlicher Haushaltsbereich kommen, wo die frei werdende Zeit im regelmässigen, direkten Austausch für Nutzarbeit eingesetzt werden kann.

Es wäre dies nicht bloss eine "Freizeitkultur" (wie André Gorz das sieht), sondern jene dringend notwendige Arbeit, die vom Wirtschaftssystem nicht mehr erbracht werden kann, weil Arbeit am Menschen nicht ausreichend rationalisierbar ist. Es zeigt sich heute, dass unsere sogenannte "Freizeit" immer nur Zeit war, die wir von Schwächeren geborgt hatten. Dies ist krass sichtbar an den fast unlösbaren Problemen, die sich im Gesundheitswesen und der Altersversorgung stellen und noch mehr stellen werden. Wenn bald 30% der Bevölkerung über 65 Jahre alt sind, wer soll dann für sie aufkommen? Mit Lohnabzügen allein ist das nicht mehr zu lösen. Der Mensch und seine Bedürfnisse (und auch die Natur, vgl. Landwirtschaft) sind zu "archaisch" für die Logik der Wirtschaft - obwohl diese behauptet, für ihn da zu sein.

Zudem ist die Umstellung auf direkte Nutzarbeit auch darum notwendig, weil unsere Wirtschaft immer noch als Ganze subventioniert wird durch die Ausbeutung von Niedriglohngebieten in aller Welt. Früher oder später fällt dieser Transfer weg, und müssen wir wirklich wieder ganz für uns selbst aufkommen - und das ist dann "weltmarktmässig" nicht mehr "rentabel".

Die Lösung dieser Krise der Wirtschaftsgesellschaft bestünde also darin, die bisher vereinzelte, unbezahlte Haushaltarbeit (ca. 5 Milliarden Stunden pro Jahr) teilweise in lokalen Nutzgemeinschaften etwas zu "sozialisieren" und damit zugleich die Schrumpfung der Wirtschaftsarbeit aufzufangen. Das Lohneinkommen würde proportional sinken, aber durch Naturalleistungen aller Art aufgebessert werden.

Der neue Nutzarbeitsbereich würde zum Teil die bisherige Hausarbeit erleichtern (Nachbarschaftswäschereien, Kantinen, Kinderhorte), und es damit vor allem den Frauen, die sie bisher zu leisten hatten, ermöglichen im Nutzarbeitsbereich und im Wirtschaftsbereich tätig zu sein. Umgekehrt könnten Männer vermehrt im Nutzarbeitsbereich und in der Hausarbeit beschäftigt werden. Der Nutzarbeitsbereich wäre offen für die Betätigung von bisher von der Arbeit Ausgeschlossenen: gesunde Alte, Kinder, Jugendliche, Behinderte.

Der heutigen Tendenz der Aufspaltung der Arbeitstätigen in wirtschaftlich voll integrierte Lohnbezügerinnen und unbezahlte oder staatsabhängige Ausgeschlossene, bzw. Neue Arme, muss ein Modell entgegengestellt werden, dass es allen erlaubt, in beiden Bereichen - Wirtschaft und Hauswirtschaft - tätig zu sein. Der Nutzarbeitsbereich ermöglicht es uns, sozusagen mit einem Bein in der "harten" Wirtschaft und mit einem andern in der neuen erweiterten Hauswirtschaft zu stehen. Es wäre verhängnisvoll, sich ganz aus der Wirtschaft zurückzuziehen und eine Art Reservat des einfachen Lebens parallel dazu aufzubauen. Solange es die Wirtschaft gibt, müssen wir darauf bestehen, an ihr beteiligt zu sein. Sonst verlieren wir den letzten Rest an Mitbestimmungsmöglichkeiten, und wird der unwirtschaftliche Bereich zu einem beliebig erpressbaren Ghetto und die darin Lebenden zu machtlosen (Sozial-) Staatsabhängigen.

Die Schaffung eines Bereichs für Nutzarbeit hat grosse soziale und politische Auswirkungen. Er bedingt z.B. den Aufbau von Alltagsgemeinschaften, die zwischen Kleinhaushalten und Grossorganisationen stehen. Damit Synergien aller Art ausgenützt werden können, müssen diese "inneren Märkte" lokal kompakt sein, genügend gross für ein gewisses Minimalangebot an Fähigkeiten und Diensten, souverän in ihrem inneren Funktionieren, also eigentliche "Alltagsunternehmen". Die Rolle sowohl des Staates als auch der Wirtschaft würde abnehmen. Direkte politische Mitwirkung aller würde stark gefördert. Es entstünde das, was mit dem Wort Demokratie einmal gemeint war: die Herrschaft der souveränen Haushalte. ("demos" heisst auf griechisch ursprünglich "Gemeinschaftshaushalt", "Gemeinde", nicht Volk; für Volk steht der Begriff "laios").

Die Besinnung auf lebensfähige Gemeinschaften bedeutet auch, dass wir uns von allen möglichen, teils gut gemeinten und genialen (bürokratischzentralistischen) "Regulationssystemen" verabschieden: Bürgerlohn, Existenzlohn, staatlicher Grundlohn, Schwundgeldsysteme, obligatorischer Sozialdienst usw. All diese Systeme sind vom wirtschaftlichen harten Kern abhängig und nur so gut wie die Steuererträge, die Motivation der Beamtinnen, die Stabilität der politischen Repräsentation usw. Man kann nicht zentralistische Absicherung und dezentrale Lebensgestaltung. zugleich haben - beides hat seinen Preis. Wir müssen uns wirklich umeinander kümmern - kein System kann uns davon entlasten.

Der Aufbau solcher Nachbarschaften oder Zusatzhaushalte würde die bisherige Anonymität vor allem der Städte und Agglomerationen aufheben helfen und mehr inneres Leben am Wohnort ermöglichen. Viele Grossstadtprobleme (von Drogen bis Kriminalität und Heimatlosigkeit) könnten so an der Wurzel angegangen werden. Echte Urbanität würde in den Quartieren und damit auch in den Zentren, die von rein administrativen und Versorgungsaufgaben entlastet würden, wieder möglich. Es gäbe wieder ein Leben nach Ladenschluss.

Diese souveränen Demokratien würden ein Gegengewicht bilden zu den anonymen politisch/-wirtschaftlichen Mächten und damit dazu beitragen, eine weltverträgliche, friedliche Zukunft zu gestalten.

Der arbeitsfreie Mittwoch würde erwerbstätige Männer zwischen 20 und 60 in die Wohnquartiere zurückbringen, wo sich tagsüber sonst nur Frauen, Kinder und Alte aufhalten. Dies würde zu einer echten Urbanität beitragen und bisherige Schlafquartiere aufwerten. Männer könnten mit Frauen zusammen vernachlässigte Haus- und Beziehungsarbeiten, Kindererziehung, Gartenarbeiten, kurz: Frauenarbeiten, erledigen. Die Gesellschaft würde dadurch etwas weniger "vaterlos", die Frauen wären weniger auf ihre Mütterrolle fixiert.

Durch die Arbeitszeitreduktion würden in der Wirtschaft mehr Arbeitsplätze frei für bisher Arbeitslose, vor allem für Frauen und für Junge. So wäre es möglich, dass alle Erwerbswilligen auch einen Platz in der "externen" Wirtschaft finden und damit Zugang zu Geld, Information, Spitzentechnologien, allgemeiner Anerkennung und Macht bekommen. Die hohen Ansprüche an Kreativität, Teamfähigkeit und Weiterbildung, die heute in der Wirtschaft bestehen, machen einen "Ruhetag" in der Mitte einer sonst allzu erschöpfenden Arbeitswoche geradezu zu einer Notwendigkeit. Die Abwechslung am Mittwoch würde die Produktivität steigern helfen und damit das Innovationspotenzial steigern. Das auch darum, weil durch ihre Entlastung mehr Frauen berufstätig sein könnten. Die vermehrte Teilnahme der Frauen an der "Normal"-Wirtschaft und der Einfluss des Nutzarbeitsbereichs überhaupt würde zum dringend nötigen ökologisch/sozialen Umbau der Wirtschaft beitragen. Da ja Alltagsgemeinschaften auch ein neuer Markt sind, müsste sich die Wirtschaft darauf einstellen und daher auch entsprechend verändern.

Die Wirtschaft würde sich ohne katastrophale soziale oder politische Folgen auf jene Bereiche zurückziehen können, wo sie gemäss ihren eigenen Gesetzen noch funktionieren kann. Das Resultat wäre eine wahrhaft pluralistische gesellschaftliche Ordnung, wo Privathaushalte, Nachbarschaftshaushalte, Staat und Wirtschaft ihre je besten Leistungen erbringen können.

Der arbeitsfreie Mittwoch ist ein erster Schritt auf dem Weg dahin.

Phase 1:
Arbeitsfreier Mittwoch

Phase 2:
Ausdehnung des Nutzarbeitsbereichs

Phase 3:
Optimales Gleichgewicht der drei "Wirtschaftsbereiche"

Für die einzelnen Erwerbsfähigen wäre es in einer Übergangszeit möglich, sich ihre Arbeitszeit aus den drei Bereichen à la carte zusammenzustellen, also z.B.:
- 20 Stunden Erwerbsarbeit
- 10 Stunden Nutzarbeit
- 10 Stunden Hausarbeit (d.h. ca. 20 Std. pro Haushalt)

Dabei ist es sehr wichtig, dass alle Erwerbsfähigen in allen drei Bereichen tätig sein können., weil sich sonst automatisch das heutige Klassensystem wieder einspielt (unbezahlte Hausarbeiterinnen - bezahlte Erwerbsarbeiter; unterbezahlte "Sozialarbeiterinnen" - normalbezahlte "Sponsorinnen").

Das Grundkonzept

Alle Erwerbstätigen haben am Mittwoch frei und arbeiten stattdessen in ihren Quartieren oder auf Bauernhöfen in verschiedensten Projekten mit.

Es könnten dies z.B. sein:
- Umbauarbeiten zur Einsparung von Energie
- Abfallbewirtschaftung
- Gestaltung von Gärten und Begrünungen
- Pflege und Bau von Spielplätzen, Höfen, Plätzen, Strassen
- Aufbau von Nachbarschaftszentren (inkl. Foyers, Lebensmitteldepots)
- Mitarbeit auf Bauernhöfen der Region, mit denen Belieferungsabkommen bestehen
- Landschaftspflege, Forstarbeiten
- Erteilung und Besuchen von Kursen zur nötigen Fortbildung für all diese Arbeiten
- Kochen für Mittwochsküchen
- Mitarbeit in einem Dienstleistungszentrum (als Schneiderin, Übersetzerin, Malerin, Ärztin, Rechtsanwältin, Elektrikerin usw.)
- Organisationsarbeiten für Car-pools, Share-coms, Spieleverleih, Videoverleih, Mediatheken, Dienstleistungsbörsen usw.
- Sprachkurse für Ausländerinnen und Inländerinnen
- Renovationen, Reinigungen, Grosswäsche, Umbauten, Reparaturen (z.B. Velos)
- Betreuung von Kranken, Einsamen, Alten, Drogensüchtigen
- Gymnastik, Meditation, individuelle Gesundheitspflege
- Theater, Gestaltung, Lektüre
- Information, Planung, Diskussion, Finanzierung zu all diesen Tätig-keiten (Kommunikationsarbeiten)

Trotz der Fülle der Möglichkeiten und angesichts der Dringlichkeit vieler Aufgaben sollte aber der Mittwoch nicht in einen weiteren hektischen Arbeitstag ausarten. Es sollte vielmehr eine neue Arbeitskultur erprobt werden, die eine gewisse Entspannung und Besinnung miteinschliesst. Auch als blosser Ruhetag trägt der Mittwoch viel zur Lösung z.B. der Gesundheitsprobleme (Stress) und der sozialen Spannungen (AusländerInnen/Inländerinnen) bei. Damit er eine Art Zäsur in der Arbeitswoche ist, könnten folgende Massnahmen eingeführt werden (sie gleichen den bestehenden Regelungen für Sonntage): - reduzierter öffentlicher Verkehr
- autofrei (ausser nötigen Materialtransporten)
- Geschäfte geschlossen (oder nur Lebensmittelgeschäfte bis zum Mittag offen)
- öffentliche Verwaltungen geschlossen (ausser Notdienste)
- keine Tageszeitungen

Während Kinos, Spielsalons usw. geschlossen sein könnten, sind Theater, Konzerte, Tanzanlässe usw. an Mittwochen besonders erwünscht, vor allem in den Quartieren. Auch sie sind menschliche Dienstleistungen an Menschen und aktivieren das gesellschaftliche Leben.
Mein (männlich, 51) arbeitsfreier Mittwoch (ein unverbindliches Beispiel)

8.00 Aufstehen
8.30 die fünf Tibeter (Gymnastik)
9.00 Quartier-Frühstück im Hinterhof
10.00 Kinderhüten
12.00 Vorstellung der Strassentheatertruppe Pipistrello
13.00 Mittagsimbiss und Kaffee
14.00 Mitarbeit beim Umbau leerer Laden- und Bürolokale in ein Nachbarschaftszentrum
18.00 Risottata auf der Strasse
20.00 Konzert und Tanz

Finanzielles

Der durch den arbeitsfreien Mittwoch entstehende Lohnausfall (ca. 20 Prozent) wird aus den Produktivitätsfortschritten der Unternehmen, von der Arbeitslosenversicherung, durch Steuerreduktionen (möglich wegen der Eigendienstleistungen in den Nachbarschaften), in Härtefällen durch einen Mittwochs-fonds und schliesslich von den Lohnabhängigen selbst getragen. Ein Mittwochsfonds ist auf jeden Fall auch zur Finanzierung der oben erwähnten Aktivitäten notwendig. Er kann aus den durch Mittwochsarbeit reduzierten Agrarsubventionen, allgemeinen Steuermitteln usw. geäufnet werden.

Da der freie Mittwoch in Etappen (Nachmittag, dann ganzer Tag) eingeführt werden kann, wird der Lohnverlust kaum spürbar sein. Allein der Produktivitätsfortschritt beträgt heute schon über 3 Prozent pro Jahr, und er würde dank der Erholungspause am Mittwoch noch schneller wachsen. Arbeitszeitverkürzungen führen immer zu erhöhter Produktivität in der Arbeitszeit.

Da es wahrscheinlich ist, dass Grossverdienerinnen (z.B. Direktorinnen, Chefärztinnen, Grossunternehmerinnen usw.) und selbständige Unternehmerinnen kein besonderes Interesse daran haben, an unbezahlten Mittwochsaktivitäten teilzunehmen, könnte für sie eine Ersatzsteuer (analog zum Militärersatz, zur Feuerwehrsteuer) geschaffen werden, die dann gerade für den Lohnausgleich der aktiven Teilnehmerinnen verwendet wird. Immerhin müssten aber auch diese Personenkreise zu einem minimalen Mitmachen verpflichtet werden, nur schon, damit ihre beruflichen Qualifikationen ausgenützt werden können (z.B. vier Mittwoche pro Jahr).

Organisatorisches

Das Hauptproblem beim Aufbau von nachbarschaftsbezogenen Unternehmungen ist die Verschiedenheit der Nachbarschaften. Idealerweise wären es Einheiten von einigen hundert Personen, die von sich aus motiviert sind, solche Unternehmungen zu organisieren. Es gibt jedoch höchst unterschiedliche Siedlungssituationen in der Schweiz, sehr anonyme Einpersonenhaushaltquartiere, solche mit vielen eher provisorisch lebenden Ausländerinnen, die keine Absicht haben, etwas für "ihr" Quartier zu tun, Einfamilienhaussiedlungen, Villenquartiere, Dörfer, Unterhaltungszonen usw. Als Übergangslösung könnten hier die Mittwochsaktivitäten auf höherer Ebene (Stadtteil) organisiert werden, oder müssten gar stadtweite Börsen und Vermittlungsstellen eingerichtet werden. Die Mittwochsaktivitäten würden dazu beitragen, dass alle Quartiere mit der Zeit ein reichhaltiges Eigenleben entfalten können.

Es ist nicht für alle Berufskategorien möglich, den Mittwoch arbeitsfrei zu machen (Spitäler, Energieversorgung, Verkehr, Polizei usw.). Für diese Erwerbstätigen kämen daher auch andere Wochentage (Dienstag, Donnerstag) oder je zwei Stunden pro Tag in Frage. Überhaupt ist es so, dass Nutzarbeit jederzeit möglich und nötig sein kann, und dass zur Aufrechterhaltung gewisser Dienste eine Verteilung auf die ganze Woche sogar sinnvoll ist. Eine Konzentration auf die Mittwoche ist jedoch darum wichtig, dass Synergien, grössere Veranstaltungen und kumulative Effekte entstehen können. Auch die allgemeine Atmosphäre und Mobilisierung erfordern einen bestimmten Tag.

Denkbar ist es auch, dass halb- oder vollamtliche Stellen geschaffen werden, um die Mittwochsaktivitäten zu organisieren und eventuell die Teilnahme zu bestätigen (wenn finanzielle Abgeltungen erfolgen sollen). Es muss in jedem Quartier ein Zentrum geschaffen werden, wo man sich treffen und informieren kann.

Auswirkungen auf die Wirtschaft

Wenn Dienstleistungen gegenseitig ausgetauscht werden, ist es möglich, dass dadurch bisher bestehende Gewerbe beeinträchtigt werden und somit weitere Arbeitsplätze verloren gehen. Allerdings ist es so, dass Kleinbetriebe noch weniger Überlebenschancen haben, wenn die bisherige Entwicklung weitergeht. Nachbarschaftsläden, Kleingewerbe, Landwirtschaftsbetriebe werden heute zunehmend durch die Konkurrenz von Grossbetrieben, bzw. durch die von diesen verursachten Bodenpreise und Lebenskosten ruiniert (Bank verdrängt Metzgerei). Andere Dienstleistungen sind so teuer geworden, dass nur noch die Reichsten sie sich leisten können. Dieser Nischen-Markt würde also durch das Entstehen von Nutzarbeitsdiensten für weniger Verdienende nicht beeinträchtigt. Die Einbindung solcher Dienste in Nutzarbeitsnetze würde bisherigen Kleinunternehmerinnen wenigstens das weitere Ausüben ihres Berufes gestatten, sei es als Angestellte von Nach-barschaften, als Organisatorinnen von Nutzarbeit, als Expertinnen usw. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass 80 Prozent der Erwerbstätigen ohnehin Lohnabhängige sind, dass also das Schicksal der Selbständigen ein Randproblem ist.

Der ökologisch/soziale Umbau in den Quartieren schafft aber auch einen neuen Markt für die gesamte Wirtschaft, z.B. in den Bereichen Energie, Bau, Gemeinschaftstechnologie usw. Es werden noch einmal grössere Investitionen nötig sein, um Häuser, Quartiere und Bauernhöfe "nutzarbeitstauglich" zu machen. Obwohl dieser Umbau zugleich langfristig die Wirtschaft schrumpfen lässt, ist es mittelfristig der einzig mögliche neue Markt. Vor allem innovative Betriebe, Handwerkerinnen, haushaltnahe Dienstleistungsbetriebe, können so eine Überlebenschance bekommen.

Für die Landwirtschaft wäre der arbeitsfreie Mittwoch geradezu Ausgangspunkt eines ganz neuen Verhältnisses mit den Konsumentinnen. Diese sind nämlich angesichts der Arbeitslosigkeit immer mehr daran interessiert, bei der Arbeit auf dem Land persönlich mitzuhelfen, statt über Steuern und Preise eine unrentable Landwirtschaft mitzufinanzieren. Direktbelieferungsabkommen mit Nachbarschaften können Bauernbetrieben eine neue Sicherheit bieten und ihnen zugleich zu den für eine ökologischere Bewirtschaftung nötigen Arbeitskräften verhelfen. Für die Bäuerinnen ergeben sich wiederum neue Spielräume. Sie können auch einmal Ferien nehmen und haben einen direkten Zugang zum Stadleben "ihrer" Nachbarschaft.

Realisierung

Bisherige Ansätze:
- Der Mittwoch ist seit jeher kein gewöhnlicher Arbeitstag, sondern eine Pause in der Arbeitswoche für Begegnungen, Austausch, Gemeinschaftsangelegenheiten, Gerichtstermine usw.
- Er ist der traditionelle Markttag und daher dem Gott des Handels, Merkur (franz. mercredi), gewidmet. Merkur oder Hermes selbst ist ein hermaphroditischer Gott, also sowohl Frau als auch Mann. Der Mittwoch ist also ein Tag der Partnerschaft zwischen Frauen und Männern, während z.B. der Dienstag dem männlichen Gott Mars und der Freitag der Göttin Venus (vendredi) gewidmet sind.
- Für viele Bäuerinnen ist der Mittwoch heute noch eine Art "Untag", an dem man nichts wichtiges beginnt.
- In vielen Kantonen ist der Mittwochnachmittag traditionell schulfrei.
- In vielen Gemeinden haben Geschäfte am Mittwochnachmittag geschlossen.
- In einigen Städten tagen Parlamente am Mittwoch.
- Parteien, Vereine, Gremien tagen vorzugsweise am Mittwoch.

An all diesen Traditionen kann angeknüpft werden.

Freiwillige, private Aktionen

Mit Mittwochsaktivitäten kann also sofort freiwillig und auf privater Basis begonnen werden. Niemand braucht auf staatliche oder wirtschaftliche Unterstützung zu warten.

Es gibt heute schon sehr viele aktive Selbsthilfegruppen, Quartiergruppen, soziale und ökologische Initiativen, die sich zu einer Bündelung ihrer Aktivitäten an Mittwochen zusammenfinden und damit weitere Bürgerinnen zum Mitmachen motivieren könnten.

Es versteht sich von selbst, dass Gemeinden, aber auch Unternehmen und Gewerkschaften durch die Unterstützung solcher Gruppen einen wichtigen Beitrag leisten können.

Kredite, Gesetze, gesellschaftliche Verträge

Um eine grössere Verbindlichkeit und Wirksamkeit zu erreichen wären jedoch allgemeine Massnahmen auf Gemeinde- und Bundesebene wünschbar. Gewerk-schaften könnten in Gesamtarbeitsverträgen eine erste Reduktion der Arbeitszeit, z.B. am Mittwochnachmittag, zu erwirken versuchen. Gemeinden, Gewerkschaften und Unternehmerverbände könnten sich vorerst auf Versuchsprogramme, z.B. jeden zweiten Mittwoch, einigen.

Patenschaften zwischen Quartieren, Unternehmen und landwirtschaftlichen Betrieben könnten aufgebaut werden, um Bereiche für Nutzarbeit zu finden. Die Ausdehnung der Nutzarbeit muss auf jeden Fall graduell geschehen, weil zugleich die dafür nötigen Infrastrukturen aufgebaut werden müssen. Dafür könnten in Gemeinden Rahmenkredite geschaffen werden. Der Bund könnte ebenfalls Förderungsmassnahmen (als Gesetz) und weitere Kredite beschliessen.

Die Einschränkung der Erwerbstätigkeit und des Verkehrs an Mittwochen kann durch Gesetze (ähnlich den Ladenschlussgesetzen) bewirkt werden.

Damit der arbeitsfreie Mittwoch Wirklichkeit wird, ist ein ganzes Paket von Massnahmen notwendig, inklusive einer oder mehrerer Volksinitiativen.

Es liegt an Bürgerinitiativen, Parteien und Verbänden aktiv zu werden und am runden Tisch die nötigen Schritte in die Wege zu leiten (Mittwochsrunden).

Der arbeitsfreie Mittwoch ist nicht Angelegenheit einer einzigen Partei oder einer bestimmten Interessengruppe; er ist ein gesamtgesellschaftliches Anliegen, das dazu benützt werden kann, starre politische und soziale Fronten aufzuweichen und eine Erneuerung der Gesellschaft jenseits alter Ideologien und Feindbilder zu fördern.

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