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Europameister in Flexibilität
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Der 1. Mai ist ein normaler Arbeitstag in den Niederlanden. Der Tag vorher aber ist ein gesetzlicher Feiertag: An ihm wird der Geburtstag der Königin gefeiert. Die wurde zwar an einem 31. Januar geboren, aber der 30. April ist immerhin der Geburtstag der Königinmutter, die ja wiederum mit der Königin zu tun hat - und dieser Anlass stellt den Tag der ArbeiterInnenbewegung in den Schatten. Aber nicht nur deswegen sind die Niederlande Europameister in der Flexibilität.
Teilzeitarbeit, Arbeitsfrieden und Lohnzurückhaltung - dafür steht das Poldermodell, das als Inbegriff erfolgreicher Sozialpartnerschaft gilt (Polder ist der niederländische Begriff für eingedeichtes Marschland). Was damit gemeint ist, erläuterte vor einem Jahr Lodewijk de Waal, der Vorsitzende der grössten niederländischen Gewerkschaftsföderation FNV, als er vor zu starken Gewerkschaften warnte: «Ein gewisses Mass von Ohnmacht gehört dazu», sagte er, «damit die Beziehungen zu den Arbeitgebern und dem Staat nicht aus dem Gleichgewicht geraten.» Alle drei Parteien des niederländischen Korporatismus «brauchen ein Bewusstsein von Ohnmacht».
Für ihn müssen sich die Gewerkschaften mit der Macht arrangieren. Das taten sie bereits 1982 mit dem Abkommen von Wassenaar, einer Art Stabilitätspakt. In dieser Zeit erreichte die internationale Wirtschaftskrise, die während der siebziger Jahre ausgebrochen war, auch die Niederlande. Der Einbruch kam spät, fiel aber umso heftiger aus: Waren 1980 noch 7,4 Prozent der berufstätigen Bevölkerung erwerbslos, so betrug die Arbeitslosenrate 1982 bereits 14,2 und 1984 gar 17,3 Prozent. Angesichts dieser Entwicklung unterschrieben 1982 die Tarifparteien und der Staat das Poldermodell: Verzicht auf Lohnerhöhungen, allmähliche Verkürzung der Arbeitszeit, Schaffung von Teilzeitstellen.
Die Arbeitszeitverkürzung ermöglichte den Unternehmern, Überkapazitäten abzubauen; gleichzeitig mussten die Belegschaften weitgehende Flexibilisierung und Leistungsverdichtung hinnehmen. So nahm die Produktivität zwischen 1982 und 1989 um fast 20 Prozent zu, während die Löhne gleich blieben und sich die Gewinne verdreifachten. Zur gleichen Zeit wurde am Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen gespart; die Sozialhilfe sank um über zwanzig Prozent.
In den Betrieben erleichterte der Stabilitätspakt eine radikale Umstrukturierung der Arbeitsprozesse: Die Verkürzung der Arbeitszeit führt fast immer zu einer Verdichtung der Arbeitsleistung; in kürzerer Zeit wird ebenso viel oder mehr produziert. Jede ruhige Minute wurde wegrationalisiert. Damit verschwand die Erholung während der Arbeitszeit, im Gegenzug wuchs das Bedürfnis nach Erholungszeit am Ende des Arbeitstages - und das wiederum führte zur Kürzung der tatsächlichen Freizeit. Parallel dazu nahmen zeitlich befristete Jobs, Kontraktarbeit und Jobagenturen zu. Auch die Grösse der Belegschaften wurde so den Produktionsnotwendigkeiten angepasst. Die Unternehmensleitungen zwingen die Beschäftigten oft zu Höchstleistungen jenseits physischer und psychischer Grenzen. Arbeitsstress ist in diesem System kein Nebenprodukt mehr, sondern strukturelles Kennzeichen: Management-by-Stress.
In Zahlen:
• Teilzeitjobs machen heute 37 Prozent
aller Arbeitsverhältnisse aus (1988 waren es 22 Prozent). Drei Viertel der Teilzeitjobs werden von Frauen erledigt.
• Heute sind über 10 Prozent aller Stellen zeitlich befristet (1992: 5 Prozent), sie werden zu zwei Dritteln von Frauen eingenommen. Rund 40 Prozent der neuen Stellen sind befristete Teilzeitjobs.
• Die von Jobagenturen vermittelten Beschäftigten leisten inzwischen 4,5 Prozent der Gesamtarbeit (1992: 2 Prozent).
• Zwischen 15 und 20 Prozent der Gesamtarbeit werden während Überstunden erledigt.
• Rund ein Viertel aller Löhne und Gehälter variiert je nach Arbeitseinsatz.
• Klagten 1982 noch 35 Prozent der Beschäftigten über zu schwere Arbeit, so sind es heute 60 Prozent. 1982 beklagten 17 Prozent zu hohes Arbeitstempo, heute tun das 38 Prozent.
Diese Fakten sind bekannt. Und doch wird über Alternativen kaum diskutiert. Dafür gibt es mehrere Gründe. So hat das korporatistische Poldermodell zu einer Entpolitisierung der Gewerkschaften und der gesamten Gesellschaft geführt; Kritik wird marginalisiert. Wenn die Unternehmen eine schärfere Gangart einlegen (was sie immer wieder tun), reagieren FNV-Chef de Waal und seine Kollegen empört auf die «Regelverstösse». Die ideologische Vereinnahmung wurde durch die offiziell ausserordentlich niedrige Arbeitslosigkeit von rund 4 Prozent erleichtert. Die Unternehmen klagen über Personalmangel und sind bereit, qualifizierte Arbeitskräfte mit relativ guten Arbeitsbedingungen, individuellen Arbeitsverträgen, Leistungszuschlägen, Gewinnbeteiligung und Aktien zu privilegieren.
Die offiziell niedrige Arbeitslosigkeit ist jedoch Ergebnis eines Ausscheidungsprozesses. Die Zahl der Arbeitsunfähigen steigt kontinuierlich und hat derzeit 17 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter erreicht; ein Drittel davon - vor allem jungen Leute - leidet unter psychischen Beschwerden. Dies ist der Preis einer Arbeit unter Hochdruck. Rechnet man zu diesen vorzeitig Ausgesteuerten noch die Beschäftigten in subventionierten Jobs, klettert die Arbeitslosenrate auf etwa 22 Prozent. Diese kollektive Entwicklung wird immer mehr individualisiert durch eine Moral, die die Einzelnen zu Schuldigen erklärt.
Angesichts der Tatsache, dass Arbeitszeitverkürzung in den Niederlanden vorwiegend die Form von Teilzeitarbeit angenommen hat (mithin Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich), welche oft nicht aus freien Stücken gewählt wird, geniesst die Forderung nach allgemeiner Arbeitszeitverkürzung derzeit keine hohe Priorität unter den Beschäftigten. Seit 1982 hat sich die Arbeitswoche (ohne Überstunden) für die Mehrheit der Lohnabhängigen von durchschnittlich 40 auf 37 Stunden reduziert, aber die negativen Auswirkungen überwiegen. Derzeit sprechen die Sozialpartner über eine weitere Individualisierung von Arbeitszeitverkürzung. Es wird also noch einsamer und sumpfiger im Polderland.
WOZ 00/00
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WOZ 07/02
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