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Die Verbesserung des Menschen

Von Christian Mürner

Der Jungbrunnen war im späten Mittelalter ein bekanntes Motiv. Hans Sachs sang und träumte davon, im Jungbrunnen zu sitzen und die alte Haut wegzuschwitzen. Als er erwachte, lachte er über sich selbst. Lucas Cranach der Jüngere, der Sohn des bekannten Wittenberger Malers und Porträtisten Luthers, malte einen Jungbrunnen, der einem quadratischen Schwimmbad gleicht und mitten in einer idyllischen Landschaft liegt. Auf der linken Seite kommen nur Frauen, alte und behinderte, heran, zum Teil werden sie mit Schubkarren und Holzwagen herangebracht. Ein Arzt in roter Robe inspiziert sie, und dann steigen sie ins Schwimmbecken, das in der Mitte von einem Brunnen gespeist wird. Auf ihm stehen Venus und ihr Sohn Cupido, der Liebesgott. Rechts entsteigen sie dem Wasser als junge, begehrenswerte Frauen, werden neu eingekleidet, zum Tanz aufgefordert und zu einem prächtigen Essen eingeladen.

Das Bild, vor 450 Jahren entstanden, ist in letzter Zeit ziemlich aktuell, es wird auffallend häufig reproduziert. Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» veröffentlichte das Bild zu einem Bericht über die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Im Internet war es zu sehen als Illustration zu den Millenniumstagen über die «Zukunft der Gesundheit» in Kassel. Auch im Zusammenhang mit dem «therapeutischen Klonen» war von der neuen «Ära des biotechnischen Jungbrunnens» die Rede. Offenbar scheint die Biomedizin mit molekularbiologischen Mitteln auf der Suche nach diesem Wasser zu sein.

Genetische Optimierung

Ist durch die erklärte Entschlüsselung des menschlichen Erbguts zu erwarten, dass die humangenetische Verbesserung des Menschen bevorsteht? Wieso soll nicht gemacht werden, was möglich ist, wird unbefangen gefragt. Selbst GenetikerInnen gestehen, dass Manipulationen am Genom oder der Eingriff in die Keimbahn ethisch umstritten sind, aber sie nehmen an, dass «genetische Optimierung» und «Embryoselektion», wie der Molekularbiologe Lee M. Silver aus New Jersey sagt, sich selbstverständlich verbreiten werden. Vor allem, da Eltern es sich nicht nehmen liessen, ihre Kinder genetisch zu korrigieren, um ihnen bessere Berufschancen oder Talente zu verschaffen und in der guten Absicht, sie vor Krankheiten und Behinderungen zu schützen.

Der französische Genomforscher Daniel Cohen hat die Hoffnung, nach der medizinischen Kurierung der alten, kranken und behinderten Menschen bald den «Schritt hin zur Verbesserung unseres genetischen Erbes» zu tun. Das werde zwar «eine Art Eugenik sein, gewiss, aber eine Eugenik, die bewahren will, nicht eliminieren, eine humanitäre, nicht eine totalitäre Eugenik, die mir nicht mehr Angst macht als die Praxis des Impfens, die Entdeckung der Antibiotika oder das Verschwinden der Kindersterblichkeit und des Kindbettfiebers.» Von der «Beherrschung der Gesetze der Genetik» sei «nichts Schlimmes zu erwarten». Eugenik, «das heisst zur Verbesserung der biologischen Verfassung des Menschen» beizutragen, ist für Cohen eine «gute Sache, wenn sie in aller Freiheit der individuellen Entscheidung praktiziert wird».

Der kalifornische Biophysiker Gregory Stock schreibt: «Einer Gentechnik, die zuverlässig und sicher Verbesserungen ermöglicht, können wir nicht widerstehen. Sie erlaubt uns, die genetische Blaupause unserer Kinder zu korrigieren und ihnen einen schärferen Intellekt, einen robusteren Körper, erhöhte Widerstandskraft gegen Krankheiten oder ein längeres Leben mit auf den Weg zu geben.» Nach diesen erhabenen Eigenschaftszuschreibungen des perfekten Menschen bleibt nichts mehr zu wünschen übrig.

Der Einwand zählt nicht mehr, den Fjodor Dostojewskij in seinen «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch» vorbrachte, damals gegen den Fortschrittsglauben in Russland Mitte des 19. Jahrhunderts gerichtet: «Meine Herrschaften, ich werde von Fragen gequält; antworten Sie mir darauf. ... Woraus wollen Sie schliessen, dass das menschliche Wollen einer Verbesserung so dringend bedürfe? Mit einem Wort, woher wollen Sie wissen, dass eine solche Verbesserung dem Menschen wirklich einen Vorteil brächte?»

Optimale Berichterstattung

1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, werden die in Edinburgh versammelten GenetikerInnen von einer amerikanischen wissenschaftlichen Presseagentur angefragt, sich zur folgenden Frage zu äussern: «Wie liesse sich die Weltbevölkerung genetisch am wirksamsten verbessern?» Etwa zwanzig Genetiker, nur Männer, die meisten Antifaschisten, antworteten unter Federführung von Hermann Josef Müller mit einem Manifest. Es sei zwar nicht allein die Biologie zuständig, aber «Grundvoraussetzung für eine wirksame genetische Verbesserung ist die Legalisierung, allgemeine Verbreitung und wissenschaftliche Weiterentwicklung immer wirkungsvollerer Mittel zur Geburtenkontrolle» (zitiert nach Ludger Wess: Die Träume der Genetik). Und obwohl die «Verbesserung der Umweltbedingungen» sich nicht unmittelbar auswirke, steigere sie doch «die Möglichkeiten der genetischen Verbesserung», heisst es weiter. Gesundheit, Intelligenz und das Gemeinschaftsgefühl zählten zu den zentralen Eigenschaften des perfektionierten Menschen. Würden diese auf den höchsten Stand gebracht, könne jeder «Genialität» für sich beanspruchen. In der Erklärung wurde allerdings die Freiwilligkeit eugenischer Massnahmen angemahnt. Die Antwort der Genetiker wurde kaum beachtet, die Weltlage war wichtiger als ihr Manifest. In Nazideutschland hiess Eugenik «Rassehygiene» und ging konform mit der «Euthanasie», dem Massenmord an behinderten und psychisch kranken Menschen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts grenzten sich die HumangenetikerInnen von der Eugenik ab. Ihre Beratung sei «non-direktiv». Sie betrachteten und betrachten jeden Hinweis auf eine geschichtliche Kontinuität als Diffamierungskampagne gegen ihre Wissenschaft. Sie fühlen sich falsch verstanden und sind der Ansicht, dass zu negativ über ihre Arbeit berichtet wird. Medienwissenschaftler von der Universität Jena haben in einer empirischen Studie für den Zeitraum von 1991-1996 jedoch festgestellt, dass dies nicht zutrifft. Nur in 5 Prozent von ausgewählten 600 Artikeln ist ausschliesslich negativ zum Thema Genetik und Gentechnologie berichtet worden, bei 55 Prozent hingegen ausgesprochen positiv.

Doch die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Lily E. Kay hält viele biotechnologische Verlautbarungen für leere Versprechungen. «Da die Wissenschaftler diejenigen sind, die den Medienrummel zum Laufen gebracht haben, sind sie auch dafür verantwortlich», sagte Kay in einem Gespräch mit der taz. Sie hob hervor, dass «80 Prozent der Molekularbiologen an eigenen kommerziellen Biotech-Unternehmen beteiligt» seien und dementsprechend wirtschaftliche und wissenschaftliche Interessen ineinander flössen. Laut Kay sollten die GenetikerInnen offen sagen: Es ist nicht so einfach, wie es in der Zeitung steht, es ist viel komplizierter.

Die Optimierung der Medienberichte kann blosslegen und verbergen. Welcher Didaktik folgt die Genetik? Ist denkbar, dass die Darstellung der Biologie als Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts tradierten pädagogischen Modellen gehorcht? Können sich über gegensätzliche Ausgangspunkte genetische Vorstellungen und sozialpolitische Absichten in der Berichterstattung und Problematisierung angleichen?

Es geht nicht um die individuelle Frage, die eine süddeutsche Zeitung regelmässig Prominenten vorlegt: «Was hat Sie in letzter Zeit zum besseren Menschen gemacht?» Sondern von besonderem Interesse wären, meine ich, die Mechanismen der Vermittlung und die Grundlagen der Kritik.

Aufklärung als Optimum

Die grösste deutsche liberale Wochenzeitung, die auf der Titelseite Pro und Contra des therapeutischen Klonens und der «Organzucht» diskutierte, begann die Ablehnung der Embryonenexperimente mit dem Satz: «Ein Jahrzehnt nach dem Untergang des Kommunismus ist der Traum vom neuen Menschen wieder da.» Ist diese Verknüpfung biotechnologischer Verfahren und politischer Ideologie aus der Luft gegriffen? Begründet scheint mir, dass der Begriff der Verbesserung allgemeiner Art ist, oft mit missionarischem Unterton. Eine Regelung zur Realisierung des Rechts auf Arbeit und der betrieblichen Integration von behinderten Menschen konnte 1976 in der DDR heissen: «Verordnung zur weiteren Verbesserung der gesellschaftlichen Unterstützung schwerstgeschädigter Bürger». Eine Sammlung von Märchen von AutorInnen aus der DDR trug 1982 die Überschrift: «Die Verbesserung des Menschen». Da die Sammlung im Westen erschien, klingt ihr Titel im Nachhinein polemisch. Aber das pädagogische und didaktische Moment ist unverkennbar und hat eine lange Tradition.

«Es gibt gewisse Gebrechen, mit denen einige Kinder auf die Welt kommen. Hat man denn nicht Mittel, diese fehlerhafte, gleichsam verpfuschte Gestalt wieder zu verbessern?», fragte Immanuel Kant in seiner vor zweihundert Jahren veröffentlichten Vorlesung über Pädagogik. Kant beantwortete die Frage dahingehend, dass «Schnürbrüste hier nichts helfen» würden. Das Kind solle «frei gelassen» werden, am besten sei, «dass das Kind sich selbst übe». Kants «Instrumentalisierungsverbot» des Menschen ist, wie die Göttinger Politologin Kathrin Braun belegt, heute noch das stärkste Argument gegen biomedizinisch geplante Übergriffe.

Im Hintergrund des Weltverbesserungsplans des tschechischen Theologen und Pädagogen Johann Amos Comenius stand die im 17. Jahrhundert bekannte Pansophie, die universale Weisheit. Comenius’ «Grosse Didaktik» trug den Untertitel: «Die vollständige Kunst, allen Menschen alles zu lehren.» Ihm war der Einwand klar, dass doch «manche Menschen von Natur aus träge und dumm erscheinen». Er erwiderte optimistisch: «Man findet keine so unglückliche Geistesanlage, dass sie durch Pflege nicht verbessert werden könnte.»

Wenn die Parallelisierung der Didaktik der Genetik und des unerledigten Projekts der Aufklärung zutrifft, lässt sich fragen: Fällt das Eingeständnis schwer, dass auch die Kritik an den zurzeit dominierenden Biowissenschaften unausgesprochen davon ausgeht, den besseren Menschen für eine gerechtere Gesellschaft zu wollen? Wie lässt sich Selbstkritik propagieren, wie mehr Mitgefühl oder den Respekt vor Unterschieden und Ebenbürtigkeit entwickeln, ohne die Probleme der Stellvertretung und der Selbstbestimmung zu verwischen?

Aufklärung hat einen bewusst ganzheitlichen Standpunkt. Während die Genforschung, worauf erst kürzlich ein unverdächtiger Zeuge wie Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, hinwies, ein «typisch reduktionistischer Ansatz» ist, der viele biologische Fragen beantworten könne, «aber genauso viele offen» lasse. Besorgniserregend findet Winnacker «den Rückgang des allgemeinen Interesses an der Naturforschung» an den Schulen. Und er fordert hier mehr «Dialogfähigkeit» der Naturwissenschaft. Andere, wie der Publizist Willi Wottreng, klagen mehr Skepsis der WissenschaftlerInnen ihrer Wissenschaft gegenüber ein. Aufklärung kann sich im Pluralismus verlieren, doch Widersprüche sind ihr Elixier.

Schon im 16. Jahrhundert scheinen die Holzschnitzer und ihre Kundschaft nicht mehr ganz an die Verbesserungskur im Bad geglaubt zu haben. Einige Motive sind unzweifelhaft Karikaturen. Auf dem Brunnensockel steht dann nicht Cupido, der Liebesgott, sondern ein Narr, der in den Brunnen pisst. Obwohl der britische Gerontologe Tom Kirkwood «Altern biologisch unnötig» findet, wollen auch heute laut einer Umfrage nur noch 30 Prozent der Menschen ein «biblisches Alter» erreichen. 1956 waren es noch 55 Prozent. Das Wasser des Jungbrunnens verjüngt im Übrigen nur. Es ist zu unterscheiden vom Lebenswasser, das unsterblich macht.

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