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Wie Gen-Kartoffeln und Bt-Mais arbeitslos machen
Arpad Pusztai hat über 300 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Seine Arbeitsmethoden wurden gelobt, sein Ruf galt als einwandfrei. Die Welt des untadeligen, fleissigen Wissenschaftlers war in Ordnung, bis er diese Versuche mit den gentechnisch veränderten Kartoffeln machte. Dabei war er am Anfang ziemlich enthusiastisch. Er glaubte an die Möglichkeiten der Gentechnologie.
Als er aber herausfand, dass die untersuchten Gen-Kartoffeln bei Ratten Organschädigungen und Störungen des Immunsystems hervorrufen, wurde er skeptisch. Die Resultate beunruhigten ihn, und er erdreistete sich, dies im britischen Fernsehen zu sagen: «Ich würde keine Genkartoffeln essen und halte es für äusserst unfair, unsere Mitbürger als Versuchskaninchen zu missbrauchen.»
Heute ist Pusztai arbeitslos. Seine Aussagen vor laufenden Kameras haben ihn die Stelle gekostet und heftige Reaktionen ausgelöst. Es geschah, was immer geschieht, wenn die Resultate eines Forschers nicht ins Konzept der Gentechnik-Industrie passen. Heerscharen von namhaften Kritikern treten auf den Plan und zweifeln die Qualität der Arbeiten und die Integrität des Autors an. Eine Hexenjagd beginnt. Denn was nicht sein darf, das kann nicht sein. Gentechpflanzen sind sicher. Und wenn ein Wissenschaftler etwas anderes herausfindet, dann muss er ganz einfach ein schlechter Wissenschaftler sein.
Heute wirkt Pusztai müde. Die Diffamierungskampagne gegen ihn hat ihm offensichtlich zugesetzt: «Ich müsste das Vermögen eines Rockefellers ausgeben, wenn ich alles widerlegen wollte, was Unwahres über mich geschrieben worden ist.»
Wenig stichhaltige Kritik
Nichts ist beleidigender für einen Wissenschaftler als der Vorwurf, seine Arbeiten seien voreingenommen und fehlerhaft. Dieser Vorwurf wurde zwar lauthals vorgebracht, konnte indessen nie erhärtet werden.
«Die Frage, was falsch war an meiner Forschung, wurde mir nie beantwortet», stellt der Brite ungarischer Abstammung verbittert fest. In der Tat, die Kritiken greifen zu kurz. Man wirft Pusztai vor, zu wenig Versuchstiere (sechs pro Versuch) verwendet zu haben. Die Reduktion auf wenig Tiere entspricht bei Ernährungsversuchen jedoch dem Standard. Denn Ernährungsversuche sind im Gegensatz zu toxikologischen Versuchen sehr teuer. Alles in allem wurden 42 Versuchstiere in teuren Spezialkäfigen verwendet. Der ganze Versuchsaufbau ohne Arbeitsstunden kostete alleine 50 000 Franken. Hinzu kamen aufwendige Analysen. Rund 1000 Gewebe wurden auf dutzende von Messgrössen hin untersucht. Nicht alleine die Anzahl Tests ist ausschlaggebend, es kommt darauf an, dass sie korrekt durchgeführt werden und statistisch einwandfrei sind. Und das sind sie. Eine Gruppe unabhängiger WissenschaftlerInnen hat das inzwischen bestätigt.
Die Kritiker warfen Pusztai auch vor, die Tiere falsch gefüttert zu haben. Doch auch hier sind ihm nach wie vor keine Fehler bewusst. Genau die gleichen Fütterungsmethoden hatte er schon mehrfach für Lebensmitteltests angewendet. Nie wurden sie kritisiert. Im Gegenteil: Sein Versuchsaufbau wurde in wissenschaftlichen Publikationen sogar gerühmt. Erst jetzt, wo es um das Image von milliardenschweren Biotech-Unternehmen geht, ist nichts mehr gut genug.
Die grösste Kritik gilt jedoch Pusztais Verallgemeinerung. Er schliesse von einer Genkartoffel, die bisher gar nicht in der Nahrungskette sei, auf alle anderen Gennahrungsmittel, wird moniert. Doch sogar diese verallgemeinernde Folgerung hält auch einer genaueren Betrachtung stand. Denn Pusztais Versuch lässt den Schluss zu, dass nicht ein einzelnes Gen zu den Organschädigungen führte, sondern ein ganzes Genkonstrukt. Und dieses Genkonstrukt gehört zur Standardausrüstung heute bereits zugelassener Gentech-Nahrungsmittel.
Pusztai betont selbst, dass seine kritischen Aussagen zum Genfood vorläufigen Charakter haben und dass es dringend mehr Forschung braucht. Seine Versuche wurden bisher nirgends weitergeführt. Die Universität Utrecht wollte zwar, fand aber kein Geld. Somit sind die hochbrisanten Zweifel an der Sicherheit von Genfood wissenschaftlich nicht widerlegt.
Dennoch ist Pusztais Ruf massiv angeschlagen. Die gigantische Hetze gegen ihn, an der sich viele Medien mit teilweise haarsträubenden Vorwürfen beteiligten, hat Wirkung gezeigt. Die «Basler Zeitung» zum Beispiel schrieb am 2. November 1999: «Pusztai hat das Gespräch mit Novartis bisher nicht gesucht, obwohl sie - ein pikantes Detail - ausgerechnet die Patentrechte für das Gen besitzt, das er in die Kartoffeln geschleust hat.» Einmal abgesehen davon, dass Pusztai keine Gene in Pflanzen schleust, sondern solche Pflanzen lediglich untersucht, ist die BaZ-Aussage erstaunlich: Wäre es nicht die Pflicht von Novartis gewesen, den Kontakt zu Pusztai zu suchen?
Was es heisst, in die Schusslinie von Gentech-Firmen zu geraten, musste auch Angelika Hilbeck erfahren. Die Ökologin arbeitete bis vor kurzem an der Forschungsanstalt Reckenholz bei Zürich. Sie hatte im Labor entdeckt, dass gentechnisch veränderter Mais mit eingebautem Insektengift (Bt-Mais) eben nicht nur Schädlinge, sondern über die Nahrungskette auch Nützlinge töten kann. Novartis war darüber wenig erfreut und versuchte den Schaden zu begrenzen. Sofort wurde versucht, Hilbeck zu diskreditieren und in die «Greenpeace-Ecke» zu drängen. Novartis schreckte auch vor Unwahrheiten nicht zurück. In Pressemitteilungen wurde der Forscherin unterstellt, sie hätte die Nützlinge mit toten anstatt mit lebendigen Schädlingen gefüttert. Dieser Vorwurf war massiv. Denn eine entsprechende Versuchsanordnung wäre lebensfremd und müsste zwingend zu falschen Resultaten führen. Für Professor Beda Stadler von der Universität Bern, der sich gerne über gentechnikkritische Kreise lustig macht, war das ein gefundenes Fressen. Genüsslich erklärte er vor laufenden Radiomikrofonen, dass auch er sterben würde, wenn seine Diät ausschliesslich aus faulem Fleisch bestünde. Nur eben, der Vorwurf war falsch. Hilbeck hatte mit lebenden Tieren gearbeitet, und die Leute von Novartis, die im Besitz sämtlicher Unterlagen waren, mussten das wissen.
«Am Schluss ging es nicht mehr um Daten», meint Hilbeck rückblickend. «Man unterstellte mir eine gentechnikfeindliche Motivation. Nur schon die Tatsache, dass ich Risikoforschung machte, reichte offenbar in den Augen gewisser Kreise aus, um mich als Technologie-Kritikerin abzustempeln.» Ihr Anstellungsvertrag an der Forschungsanstalt Reckenholz lief in diesen Tagen aus und wurde nicht verlängert, obwohl ihre Arbeiten weitergeführt werden sollen.
Mit anderen Ellen gemessen
Kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden gut kontrolliert. Doch wie steht es mit den andern?
Einer, den man mit Sicherheit nicht zu den Kritischen zählen muss, ist Klaus Ammann. Der umtriebige und sprachgewandte Botaniker mit dem langen weissen Bart hat an vorderster Front gegen die Genschutz-Initiative gekämpft. Auch seither lässt er keine Gelegenheit aus, um an der Seite der Gentech-Lobby für gentechnisch veränderte Pflanzen zu werben. Sein öffentliches Amt als Direktor des Botanischen Gartens in Bern lässt ihm erstaunlich viel Zeit, um «im Namen der Wissenschaftlichkeit» gegen alle Gentech-Kritiker ins Feld zu ziehen. Ammann hat sich wissenschaftlich mit dem Risiko der Auskreuzung von Gentech-Pflanzen beschäftigt. Kann ein gentechnisch eingeführtes Gen zum Beispiel durch Pollenflug auf Wildpflanzen überspringen und sich dort unkontrolliert verbreiten? Ammanns Antwort fällt differenziert aus: Für einige Arten gebe es ein Risiko, für jene, die in der Schweiz keine verwandten Wildpflanzen hätten, nicht. Er unterteilt die Pflanzen also in verschiedene Risikogruppen. Unter Ammanns Pflanzen «ohne Auskreuzungsrisiko» finden sich zur Überraschung von Urs Tester Arten wie Zuckerrüben, Weiss- und Rotklee. Tester ist Artenschützer bei «Pro Natura» und schüttelt den Kopf: «Ich kann nicht nachvollziehen, wie man zu einem solchen Resultat kommen kann. Rotklee zum Beispiel wächst fast in jeder Naturwiese. Also ist zu erwarten, dass gentechnisch eingeführte Fremdgene auf wilden Klee übergehen und sich rasch und weit verbreiten können.» Auch für Walther Dietl von der Forschungsanstalt Reckenholz kann die Sache nicht stimmen. Für ihn als Spezialisten für Futterpflanzen ist klar: «Risiko null gibt es nicht. Wir wissen, dass ein erheblicher Genfluss zwischen gezüchtetem und wildem Klee besteht.»
Die Theorie mit den Arten ohne Auskreuzungsrisiko hat Ammann schon an verschiedenen Kongressen ausgeführt. Man findet sie sogar in Broschüren des Bundes. Trotz berechtigter Zweifel wurde sie noch nie öffentlich kritisiert. Die Kontrolle der Wissenschaftler funktioniert offenbar nur dann gut, wenn grosse wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel stehen.
Angelika Hilbeck und Arpad Pusztai möchten weiter forschen. Sie sind davon überzeugt, dass es zu wenig unabhängige Forschung über die Risiken von Gentechnik gibt. Ihre Arbeiten gehören zu den wenigen, die nicht von der Industrie finanziert wurden. Zum Glück, sonst wären sie möglicherweise nie an die Öffentlichkeit gelangt. Die allermeisten Forschungsarbeiten laufen im Auftrag von Novartis, Monsanto und all den anderen Firmen, die Patentrechte auf Gentech-Pflanzen besitzen. Die Industrie gibt das Geld den Instituten und behält damit die Kontrolle über die Resultate. Pusztai beschreibt das Dilemma so: «Die Forschungsinstitute, die mit dem Geld der Industrie arbeiten, sind interessiert an positiven Resultaten, damit sie später weitere Aufträge erhalten und keine Leute entlassen müssen.» Für Wolfgang Nentwig vom zoologischen Institut in Bern ist das «eine unbefriedigende Situation, denn so kommt nicht alles raus, was geforscht wird». Er fordert deshalb mehr Geld für öffentliche Forschung: «Was mich in die Opposition treibt, ist, dass bestimmte Informationen nicht da sind und dass immer so getan wird, als ob. Man hat als kritischer Wissenschaftler kaum Möglichkeiten und wird nicht ernst genommen.»
Es braucht die Risikoforschung
Die zunehmende Skepsis gegen Genfood ist der beste Beweis für die angeschlagene Glaubwürdigkeit der Gentech-Industrie. Die Leute glauben die Versprechungen einfach nicht mehr. Ein unabhängiger Fonds, gespeist aus Industriegeldern, könnte Abhilfe schaffen. Doch die Biotech-Firmen ziehen es vor, selbst über ihre Forschungsgelder zu verfügen. Es bleibt also der öffentlichen Hand vorbehalten, die Unabhängigkeit und die Glaubwürdigkeit in diesem wichtigen Forschungszweig zu gewährleisten. Während verschiedene Regierungen jedoch Gentechnik mit grossen Summen fördern, bleibt für die begleitende Risikoforschung wenig übrig.
Die britische Regierung lässt sich die Biotechnologie 60 Millionen Pfund pro Jahr kosten. Für die Erforschung der Sicherheit budgetiert sie weniger als ein Prozent davon. Analog funktioniert die Forschungspolitik in der Schweiz: Das mit Steuergeldern finanzierte Schwerpunktprogramm für Biotechnologie kostete in den letzten sieben Jahren 93 Millionen Franken - für die Frage der Sicherheit blieben gut 11 Millionen. Jährlich 1,6 Millionen Franken sind angesichts der erkannten Risiken wenig Geld. Es ist nicht zu erwarten, dass sich daran Wesentliches ändert. Der Leiter des Schwerpunktprogramms Biotechnologie arbeitet bei Novartis.
WOZ 47/00
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Inhalt Dossier «Gentechnologie»
WOZ vom 17.02.2011
WOZ vom 23.09.2010
Genfrei kommt weit vernetzt und langsam voran: Interview mit der Biologin Florianne Koechlin
WOZ vom 21.01.2010
WOZ vom 10.12.2009
WOZ vom 12.03.2009
Umstrittene Studie: Was haben Selbstmorde von indischen BäuerInnen mit Gentechbaumwolle zu tun?
Gentechpflanzen kennen keine Grenzen: Weder in Kanada noch in Spanien und auch nicht in Rheinau
WOZ vom 01.11.2007
WOZ vom 04.10.2007
WOZ vom 12.07.2007



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