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Ist Gentech gesünder als Bio?
Interview: Pieter Poldervaart
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WoZ: Am Dienstag kam die Schweizer Biogemeinde zur Kasse: Die Vereinigung Internutrition, mit der die Gentech- und Lebensmittelindustrie für ihre Ziele die Trommel rührt, kanzelte Biolandbau als «Ideologie» ab.
Christof Dietler: Ich fühle mich nicht angegriffen, im Gegenteil: Im Vergleich zur Polemik vor wenigen Jahren ist heute der Tonfall gemässigter, inhaltlich gibt es sogar einen wesentlichen Fortschritt. Damals wurde Biolandbau verteufelt und davor gewarnt, die Menschen vergifteten sich an Salmonellen oder gingen an Hungersnöten zugrunde. Heute räumt selbst die Agrochemie ein, der Biolandbau habe seine Daseinsberechtigung.
Offenbar aber nur als sehr kleine Nische. Internutrition spricht von einem mittelfristigen Ziel von 5 Prozent Kundschaft im Biosegment, während 21 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer für Gentech zu haben seien.
Solche Zahlenvergleiche sind falsch. Unsere Erwartung betrifft das Marktpotenzial - 5 Prozent Marktanteil würde bedeuten, dass 80 Prozent der Kundschaft regelmässig oder sporadisch Bio kauft. Zudem sind unsere Erwartungen nicht einfach aus der Luft gegriffen, sondern Bioware gibts - anders als Genfood - schon heute, und sie wird in einzelnen Bereichen deutlich stärker nachgefragt als die erwähnten 5 Prozent. Bio-Pastmilch etwa hat bei Coop schon einen Anteil von 40 Prozent.
Wer Bio wählt, will Pestizide vermeiden. Internutrition behauptet, dass 99,9 Prozent der Chemikalien, die der Mensch aufnimmt, natürlichen Ursprungs seien und der Rest somit zu vernachlässigen.
Das hindert den Biolandbau nicht daran, weitestmöglich auf chemisch-synthetische Produkte zu verzichten. Zum einen belasten sie nicht nur die Nahrung, sondern Boden, Gewässer und Luft. Zum andern sind Pestizide immer wieder gut für negative Überraschungen und Nebeneffekte. Bei Internutrition herrscht aber offenbar nach wie vor der «Glaube an das gute Gift», an so genannt moderne Pestizide, die für alle Beteiligten harmlos sein sollen.
Auch Bio-Pestizide sind aber offenbar nicht immer unproblematisch. Die Gentech-Lobby zitiert das Beispiel Rotenon, das eine Studie kürzlich in Zusammenhang mit der Entstehung von Parkinson brachte.
Rotenon wird tatsächlich aus einer natürlichen Wurzel gewonnen, Biobetriebe setzen es im Obstbau gegen Sägewespen ein. Allerdings verschweigt das Internutrition-Communiqué, dass der Stoff auch bei uns praktisch nicht mehr angewendet wird. Trotzdem verfolgen wir selbstverständlich die Forschungsresultate; derzeit diskutiert die zuständige Bio-Suisse-Kommission, Rotenon von der Liste erlaubter Pflanzenschutzmittel zu streichen. Nur nebenbei: In der erwähnten Studie erhielten Ratten das Insektizid intravenös verabreicht - eine eher ungewöhnliche Form, Pestizide auszubringen ...
Ein anderes Pflanzenschutzmittel des Biolandbaus ist immer wieder im Gerede, auch Internutrition greift das Thema genüsslich auf: Kupfer im Rebberg.
Dass wir im Biorebbau Probleme mit den Kupferfrachten haben, dazu stehen wir. Bio Suisse und das Forschungsinstitut für biologischen Landbau arbeiten denn auch mit anderen Instituten an Alternativen. Bestimmt akzeptieren wir aber nicht, dass es bloss die Varianten Kupfer oder Gentech geben soll. Der Kartoffelanbau hat gezeigt, dass man mit anderen Massnahmen, etwa einer richtigen Bodenpflege und -belüftung oder einer geeigneten Vorfrucht, in vielen Lagen auf Kupfer verzichten kann.
Biolebensmittel werden häufiger von Insekten befallen, auf ihre Frassschäden folgen oft Pilze. Internutrition behauptet nun, Biofood könne stärker mit Krebs erregenden Mykotoxinen belastet sein als konventionelles Essen. Stimmt die Gleichung?
Internutrition zitiert sieben Studien. Fünf davon haben keine Unterschiede gefunden, in je einer schneidet der Bio- respektive der konventionelle Anbau besser ab. Der eine Fall, wo Bio deutlich stärker mit Mykotoxinen belastet war, betraf Apfelsaft - die Mosterei hatte zu viele faule Äpfel akzeptiert. Die Verunreinigung war also nicht eine Folge des ungenügenden Pflanzenschutzes, sondern der mangelnden Qualitätssicherung. Gegen fehlerhaftes Handwerk und Schlamperei ist natürlich auch Bio nicht gefeit. Im Übrigen gibt es keine weiterführende Untersuchung, die einen erhöhten Mykotoxin-Wert für Ware gezeigt hätte, die aus Bioanbau kommt.
Wenn Bioessen nicht schadet, nützt es dann der Gesundheit? Internutrition bestreitet dies und wirft den «Bio-Promotoren» vor, im Marketing ihre Lebensmittel unter anderem als gesünder zu bewerben.
Der Vorwurf, wir würden mit dem Gesundheitsargument werben, ist eine glatte Falschaussage. Wir operieren mit Trümpfen wie Vertrauen, Kontrolle und der naturnahen Anbaumethode. Wenn jemand den Zusammenhang von Gesundheit und Lebensmitteln herstellt, dann sind es gerade jene Firmen, die Internutrition finanzieren - Konzerne wie Nestlé etwa, die ihr Functional Food auf den Markt werfen und entsprechend bewerben. Mit genügend Geld lässt sich auch garantiert eine «wissenschaftliche» Studie beschaffen, die dem eigenen Produkt eine gesundheitsfördernde Wirkung zuschreibt. Bio Suisse kann sich der Stellungnahme der Stiftung für Konsumentenschutz nur anschliessen, die ein umfassendes Verbot von Heilanpreisungen im Zusammenhang mit Lebensmitteln fordert.
Internutrition fährt mit einer umfassenden Literaturrecherche auf. Stimmt der Gegensatz ideologische Bioverfechter kontra wissenschaftliche Gentechforschung eben doch?
Nein, natürlich nicht. Es geht um etwas ganz anderes. Auch aus rein wirtschaftlichen Gründen hat die grosse Mehrheit der Schweizer Landwirtschaft beschlossen, die Finger von Gentech zu lassen. Denn die Bäuerinnen und Bauern haben die Nase voll von einem System, das von aussen gesteuert und kontrolliert wird, das die Landwirte aber im Schadensfall allein lässt - BSE lässt grüssen. Im Weiteren hat die Schweizer Landwirtschaft eher ein Problem mit Überschüssen als mit Insekten wie dem Maiszünsler. Ökonomisch ist hierzulande Gentechnologie in der Landwirtschaft schlicht nicht einsetzbar, zumal sie auch für den konventionellen Bereich keine verlockenden Produkte anbietet. Die Denkpause des Freisetzungsmoratoriums bewahrt uns vor unschönen Überraschungen. Doch eine Organisation wie Internutrition kann die erdrückende Ablehnung durch Landwirtschaft und Konsumentinnen schlecht akzeptieren und gebärdet sich jetzt als schlechte Verliererin.
WOZ 47/00
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Inhalt Dossier «Gentechnologie»
WOZ vom 17.02.2011
WOZ vom 23.09.2010
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WOZ vom 21.01.2010
WOZ vom 10.12.2009
WOZ vom 12.03.2009
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Gentechpflanzen kennen keine Grenzen: Weder in Kanada noch in Spanien und auch nicht in Rheinau
WOZ vom 01.11.2007
WOZ vom 04.10.2007
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