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Auf dem Weg zum Bruch eines Tabus

Von Florianne Koechlin

Die auch in der Schweiz angelaufene Debatte über das Klonen, das mit dem Zusatz «therapeutisch» akzeptabel gemacht werden soll, lässt wichtige Aspekte unberücksichtigt. Forschungen, die erst in den Anfängen stecken, werden als gesichert ausgegeben.

Eine Forschergruppe um den Italiener Severino Antinori will schon im nächsten Jahr Menschen klonen, um unfruchtbaren Paaren zu helfen. Doch weltweit schlagen ÄrztInnen Alarm. Bis zu 97 Prozent der bisherigen Klonexperimente an Säugetieren seien ein «Desaster» gewesen - monströs grosse Missbildungen mit genetischen und körperlichen Abnormalitäten. Menschen zu klonen sei «kriminell», «unverantwortlich» und «ethisch verwerflich», meinen auch die vehementesten Verfechter moderner Reproduktionstechnologien.

Sehr viel leiser etabliert sich eine andere Art des Menschenklonens: Es wird «therapeutisches Klonen» genannt und ist zum Beispiel in England erlaubt. Das englische Parlament hat im Januar 2001 das therapeutische Klonen von menschlichen Embryonen bis zum 14. Tag bewilligt, um «den medizinischen Fortschritt nicht zu blockieren». Mit den geklonten Embryonen sollen so genannte embryonale Stammzellen gewonnen werden. Stammzellen sind noch nicht ausdifferenzierte Zellen, die sich im Prinzip zu jeder Art Zelle weiterentwickeln können, zu einer Augenzelle zum Beispiel oder einer Muskelzelle. In einem späteren Entwicklungsstadium differenzieren sich die Zellen - da bleibt dann eine Muskelzelle Muskelzelle und teilt sich nur zu weiteren Muskelzellen. Embryonale Stammzellen sind für die Transplantationsmedizin interessant: Aus ihnen soll Ersatzgewebe für Transplantationen (beispielsweise Haut-, Nerven- oder Muskelgewebe) hergestellt werden. ForscherInnen hoffen, dereinst mit Stammzellen zerstörte Hirnzellen bei Parkinson- und Alzheimer-Kranken zu ersetzen oder zerstörte Herzmuskelzellen nach Herzinfarkten zu erneuern.

Klonverfahren funktioniert nicht

Um Embryonen zu klonen, wird heute vor allem mit dem «Dolly»-Verfahren experimentiert: Menschliche Zellen werden in einem Reagenzglas kultiviert und speziell behandelt. Dann wird eine dieser Zellen mit einer weiblichen Eizelle, deren Zellkern vorgängig entfernt wurde, fusioniert. Aus bisher nicht bekannten Gründen wird der neu eingeschleuste Zellkern quasi in seinen embryonalen Zustand zurückversetzt und kann nun erneut mit der embryonalen Entwicklung beginnen. Die Eizelle mit dem «fremden» Zellkern beginnt sich im Reagenzglas zu teilen und entwickelt sich zu einem Embryo, von dem die Stammzellen entnommen werden. Die embryonalen Stammzellen werden millionenfach geklont (also identisch vermehrt), um sie nachher zu dem gewünschten Ersatzgewebe zu entwickeln. Diese Forschung steht noch ganz am Anfang. Es gibt noch keine etablierten Verfahren; ob es jemals funktionieren wird, steht in den Sternen.

Zudem ist zumindest zurzeit die Erfolgsrate des Klonens sehr gering. Es mussten 277 Schaf-Eizellen geklont werden, bis das Dolly-Experiment gelang. Die Effizienz hat sich seit 1997 - also seit Dolly - kaum verbessert. Das heisst: Die Herstellung einer menschlichen Stammzelle würde nach dem heutigen Stand der Technik mindestens 280 Eizellen erfordern. Woher nehmen? Bei Unfruchtbarkeitsbehandlungen bei Frauen entstehen zwar einige «überflüssige» Eizellen, aber diese werden nie genügen. Gespendete Eizellen sind bereits heute eine Mangelware, und es ist kaum abzusehen, dass sich Heerscharen von Frauen freiwillig schmerzhaften Hormonbehandlungen und der Punktion von Eibläschen unterziehen werden, um den Bedarf an Eizellen auch nur annähernd zu decken. ForscherInnen haben deshalb auch schon versucht, menschliche Zellen mit Kuh- oder Schweine-Eizellen zu fusionieren. Die Mensch-Kuh- und Mensch-Schwein-Embryonen haben auch tatsächlich für kurze Zeit überlebt, doch scheint man inzwischen davon abgekommen zu sein. Die «tierische Umgebung» ist mit den menschlichen Stammzellen offenbar doch nicht ganz kompatibel.

Undifferenzierte Stammzellen gibt es aber nicht nur in Embryonen, sondern auch in erwachsenen Menschen. Heute geht man davon aus, dass erwachsene Säuger (also auch Menschen) rund 20 verschiedene Arten von Stammzellen besitzen. Bekannt sind beispielsweise Blut-Stammzellen und Nerven-Stammzellen, auch in der Leber und im Gehirn sind Stammzellen gefunden worden. Obwohl auch auf diesem Gebiet die Forschung noch ganz in den Anfängen steckt, scheint immer deutlicher zu werden, dass adulte Stammzellen ein fast ebenso grosses Potenzial haben wie embryonale Stammzellen. Ein Team um Catherine Verfaillie von der Universität Minnesota (USA) hatte im Knochenmark Blut-Stammzellen von Erwachsenen isoliert. Diese konnten sich dann zu Gehirn-, Leber- und Muskelzellen entwickeln. Und einem italienischen Team in Mailand gelang es, aus Gehirn-Stammzellen Skelettmuskeln wachsen zu lassen.

«Wenn ich Embryonal- und Erwachsenen-Stammzellen vergleiche», sagt der österreichische Parkinson-Spezialist und Neurologe Christian Müller, «so denke ich, dass die Zukunft den adulten Stammzellen gehört, insbesondere deshalb, weil die ethischen Probleme mit einem Schlag vom Tisch sind.» Und Regine Kollek, Molekularbiologin und Medizinethikerin an der Universität Hamburg, doppelt nach: «Das Problem liegt in der einseitigen Fixierung auf die Embryonenforschung.» Gerade die Erforschung adulter Stammzellen zeichne sich als faszinierende Alternative ab. «Mit steigender Frequenz werden wir inzwischen fast wöchentlich mit neuen Befunden über die Isolierbarkeit, Kultivierbarkeit und erstaunliche Flexibilität dieser Zellen konfrontiert. Das sind unter anderem die feinen Instrumente der Zukunft. Da brauchen wir nicht auf so eine archaische Technik wie das Embryonenklonen zurückzugreifen.»

Hinter der rasanten Entwicklung in diesem Bereich stehen auch mächtige wirtschaftliche Interessen. Jetzt ist der Zeitpunkt, da Patente auf menschliche Gene, Stammzellen, auf Klonverfahren, ja sogar auf menschliche Embryonen erteilt werden. Es findet ein aggressives Wettrennen um diese Patente statt, denn wer zuerst das Patent hat, hat die ausschliessliche Kontrolle über seinen Patentgegenstand - in diesem Fall menschliches Leben. Es ist dies wohl der grösste Ausverkauf in der menschlichen Geschichte - die Privatisierung menschlicher Bestandteile, vom Gen bis hin zum Embryo. Schon vor einigen Jahren hat die US-Firma SyStemix ein Patent auf menschliche Blut-Stammzellen erhalten - und wurde kurz darauf eben wegen dieses Patentes von Sandoz (heute Novartis) für rund 350 Millionen Franken aufgekauft. Auch Patente auf menschliche Embryonen sind offenbar kein Tabu mehr. So besitzt die australische Firma Amrad, die eng mit dem Schweizer Unternehmen Ares Serono zusammenarbeitet, ein Patent, das Mensch-Tier-Embryonen mit einschliesst. Menschliche Embryonen als patentiertes Monopoleigentum einer Privatfirma? Eine gewiss entsetzliche Vorstellung. Gerade dieser Handelskrieg um menschliche Patente macht deutlich, wie sehr der menschliche Embryo in diesem Forschungszweig bereits reduziert wird zu einem Zellhäufchen, das geklont, manipuliert und folgerichtig auch patentiert werden kann.

Schutz von Embryos - eine offene Frage

Befürworter wenden da ein, dass der Embryo durch die Zulassung der Abtreibung längst nicht mehr unantastbar ist. Reinhard Merkel, Rechtsphilosoph an der Universität Hamburg, bemerkt: «Unsere Rechtsordnung kennt kein Lebens- und Würderecht des Embryos mehr. Das mag man bedauern. An dem Befund ändert sich nichts. Aber die Nachfrage sei erlaubt: Bedauert diese Gesellschaft hier irgendetwas? Vermisst sie die jedes Jahr abgetriebenen 250 000 Embryonen? Beglaubigt sie die Behauptung, die ‘Menschheitsethik’ beziehe den Embryo in den Schutzbereich ihrer Normen ein? Ganz gewiss nicht.» Darum, so Merkel, sei auch nichts gegen das Klonen von Embryonen einzuwenden, zumal damit grosse Hoffnungen auf Heilung für schwer kranke Menschen verbunden seien. Doch so einfach ist die Sachlage nicht. Wie Regine Kollek betont, steht bei einer Abtreibung der grundsätzliche Schutz des Embryos nicht zur Disposition. Es handelt sich vielmehr um einen schwer wiegenden Konflikt zwischen den Lebensinteressen einer Frau und denen des Embryos, in einer Situation, in der die Weiterführung der Schwangerschaft der Frau nicht zugemutet werden kann. Beim Klonen von Embryonen hingegen geht es nicht um einen Schwangerschaftskonflikt, sondern um die Herstellung von potenziell menschlichem Leben auf Vorrat. «Das ist eine Entmoralisierung von Reagenzglas-Embryonen, die zu einer biologischen Ressource degradiert werden», meint Regine Kollek. Ein weiteres gewichtiges Argument gegen das therapeutische Klonen von Embryonen besteht darin, dass mit diesem ersten Schritt die Schleusen aufgemacht werden für alle weiteren Schritte in Richtung Menschenklonen. Wenn wir schon das therapeutische Klonen zulassen wollen für die Heilung schwerster Krankheiten, warum dann nicht auch für nicht so schwere Krankheiten, etwa für Kleinwuchs oder Glatzköpfigkeit? Und wenn wir schon das Klonen im Reagenzglas zulassen, warum dann diese Embryonen am Ende abtöten und ihnen nicht in der Gebärmutter eine Chance geben? Und damit einem verzweifelten Paar helfen, das unbedingt Kinder haben möchte? Und warum sollen wir dann nicht auch darauf achten, dem Klon bestmögliche Startchancen im Leben zu geben und die Klonperson danach auszuwählen? Die Erosion ethischer Normen passiert nicht auf einmal, sondern scheibchenweise, und jeder neue Schritt impliziert bereits die darauf folgenden Teilschritte.

Gerade die Tatsache, dass sich im Bereich der Stammzellen sehr aufregende und innovative Alternativen abzeichnen, sich aber trotzdem ein grosser Teil der Mainstream-ExpertInnen auf das therapeutische Klonen eingeschworen haben, zeigt doch auch auf, dass es bei dieser Debatte noch um eine ganz andere Dimension geht. Zum Beispiel darum, dass viele ForscherInnen jede Einschränkung der Forschungsfreiheit als unzumutbar empfinden. Dazu nochmals Regine Kollek: «Die freiwillige Respektierung ethischer Grenzen behindert das innovative Potenzial der Forschung nicht, sie kann es auch freisetzen. Deshalb haben wir heute neben der Chance, neue Therapiemöglichkeiten zu entwickeln, vor allem die Chance, uns von der scheinbaren Zwangshaftigkeit wissenschaftlich-technischer Entwicklungsoptionen zu emanzipieren. Nutzen wir sie.»

Bleibt der Mensch unantastbar?

Die Gruppe um den Italiener Antinori vertritt mit ihrer Ankündigung, bald Menschen zu klonen, gewiss eine unhaltbare Extremposition. Und während Extremist Antinori weltweit verteufelt wird, erscheint im Gegensatz dazu das «therapeutische Klonen», das bereits durch das Wörtlein «therapeutisch» semantisch entskandalisiert und verharmlost wird, als gar nicht so schlimm. Das ist ein wohl bekannter Mechanismus: Mit dem Ausschluss von skandalträchtigen Praktiken wird das weniger Offensichtliche normal.

In der Schweiz, in Deutschland und andern Ländern ist das Klonen von und das Experimentieren an menschlichen Embryonen verboten. Wir tun gut daran, diese Verbote beizubehalten: Menschliche Embryonen sind tabu. Menschliche Embryonen - also potenziell einzigartige Menschen - sollten nicht auf diese Weise instrumentalisiert und zu einem industriellen Rohstoff reduziert werden. Nur weil die Forschung in einer Frühphase steckt und weil es heute vielleicht als der einfachste und wirtschaftlichste Weg erscheint, über Embryonenklonen zu den gewünschten Stammzellen zu gelangen, ist dieser eminent wichtige Tabubruch nicht zu rechtfertigen, ganz im Gegenteil. Auch wenn der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder gegenüber der Hamburger «Woche» meinte, solche «ideologischen Scheuklappen» müssten neu überdacht werden.

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