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Nouvelle Cuisine

Von Benno Vogel

Die Agroindustrie will die Akzeptanz gentechnisch veränderter Produkte erhöhen - mit vitaminreicherem Reis, länger haltbaren Bananen, gesundem Öl.

Ob mit dem Wahl- oder mit dem Einkaufszettel: Die europäische Bevölkerung wird demnächst darüber mitentscheiden, ob und in welchem Umfang Gentechpflanzen diesseits des Atlantiks Einzug halten. Noch sind die Felder Europas fast gentechfrei. In der Schweiz ist noch nie ein Antrag für den kommerziellen Anbau einer Gentechpflanze gestellt worden, in der Europäischen Union (EU) herrscht seit 1998 ein Zulassungsstopp für neue genveränderte Pflanzen. Während weltweit auf rund 4,5 Prozent der globalen Ackerfläche Gentechpflanzen wachsen, bleiben die europäischen Felder weitestgehend verbotenes Gelände für die Gewächse aus dem Labor. Lediglich in Spanien wird Bt-Mais kommerziell angebaut.

Doch dies soll sich bald ändern. Ende April könnte die EU ihr Moratorium aufheben und beginnen, die 25 im Genehmigungsverfahren wartenden Gentechpflanzen zuzulassen. Wie es in der Schweiz weitergeht, dürfte sich nächstes Jahr entscheiden: Dann wird voraussichtlich die Gentechfrei-Initiative zur Abstimmung kommen, die ein fünfjähriges Moratorium verlangt. Dass sich die europäische Bevölkerung möglichst gentechfreundlich entscheidet, dafür will die Industrie sorgen. Seit rund fünf Jahren kündigt sie deshalb die zweite Generation der Gentechpflanzen an. Während die erste Generation Vorteile beim Anbau bringt - etwa Insekten- oder Herbizidresistenz -, werden nun «optimierte» Produkte angestrebt. Länger haltbare Bananen, fettarme Pommes frites, samenlose Melonen, Rapsöl mit gesunden Fetten - die Palette der angekündigten Produkte ist breit; mit vitaminreichem Reis sollen gar Probleme der Unterernährung gelöst werden.

Die Industrie erhofft sich von der Ankündigung vor allem eines: Sie soll der Agro-Gentechnik ein positives Image bringen.

Grosse Worte

Mit den bisherigen Gentechpflanzen ist dies nicht gelungen. Wo die Menschen auch befragt werden, ob in der Schweiz oder in der EU, das Resultat ist stets dasselbe: Die Mehrheit will keinen Gentechfood auf dem Teller. Den Grund für die breite Ablehnung vermuten die Konzerne im fehlenden Nutzen für die KonsumentInnen. «In Europa wird es wichtig sein, mit Produkten zu starten, die einen klar erkennbaren Nutzen für den Konsumenten aufweisen», heisst es auf der Website von Syngenta. Der Basler Konzern gehört zu den fünf Konzernen, die das Geschäft mit Gentechpflanzen weltweit dominieren.

Eine Milliarde Franken stecken die Giganten jährlich in die Entwicklung neuer Gentechprodukte. Doch so vielversprechend dies klingen mag: Die Ankündigung der zweiten Generation ist vor allem eine PR-Strategie. Zwar wird an den neuen Produkten gearbeitet, doch die eigentlichen Interessen der Konzerne liegen woanders. Wo, zeigt ein Blick in die Freisetzungsdatenbanken der EU und der USA. Dort lässt sich ablesen, welche Gentechpflanzen mit welchen Eigenschaften getestet und somit für den Weltmarkt vorbereitet werden: Die Anzahl der Versuche mit Gentechpflanzen, die Produkte mit verbesserter Qualität hervorbringen sollen, nimmt seit Mitte der neunziger Jahre ab. In den USA sank deren Anteil von 29 auf 14 Prozent, in der EU von 25 auf 12 Prozent. Von mehr Vitaminen oder weniger Fetten kann kaum die Rede sein. Hier herrschen weiterhin die Eigenschaften vor, die bisher schon den Markt dominieren und die bei der europäischen Bevölkerung auf breite Ablehnung stossen, allen voran die Herbizid- und Insektenresistenz. Sie waren letztes Jahr in über der Hälfte der Freisetzungsversuche die getesteten Eigenschaften.

Geringes Interesse

Auch finden sich auf den Testfeldern nur selten die Pflanzenarten, die in den Broschüren über die zweite Generation auftauchen. Gemüse und Früchte, die direkt verspeist werden, sind kaum anzutreffen. Stattdessen dominieren Futtermittelpflanzen wie Mais und Soja. In den USA sind letztes Jahr in rund 800 Versuchen 54 Arten getestet worden, doch wuchsen bei über der Hälfte der Versuche entweder Mais oder Soja auf den Feldern.

Das geringe Interesse der Gentechkonzerne, Produkte mit einem Nutzen für die KonsumentInnen zu entwickeln, hat primär ökonomische Gründe. Die Entwicklung einer neuen Gentechpflanze ist ein teures und riskantes Geschäft. Nur eine von 250 Entdeckungen schafft es vom Labor auf den Markt. Der Weg dorthin dauert bis zu zwölf Jahre und kostet 65 bis 80 Millionen Franken. Der Aufwand lohnt sich nur, wenn die erfolgreich entwickelte Gentechpflanze die Entwicklungskosten rasch wieder einspielt. Ökonomisch attraktiv sind deshalb Pflanzen mit einem grossen Absatzmarkt. Mais, Soja, Raps und Baumwolle sind deshalb derzeit die einzigen Arten, die kommerziell angebaut werden.

Attraktiv ist auch die Herbizidresistenz. Da die Konzerne sowohl die Herbizide wie auch das dazu passende resistente Saatgut produzieren, können sie die gleichen Verteilungskanäle benutzen und die Preise regeln. Letztes Jahr waren 82 Prozent der kommerziell angebauten Gentechpflanzen resistent gegen ein Herbizid.

Neben den ökonomischen gibt es auch technische Gründe dafür, dass die Konzerne die Entwicklung der zweiten Generation scheuen: Die Veränderung von Qualitätseigenschaften gestaltet sich schwieriger als erwartet. Eine dieser Hürden liegt darin, dass viele der gewünschten Qualitätseigenschaften das Einfügen mehrerer Fremdgene voraussetzen. Das gelingt nur selten, weil die vorhandenen Techniken Mängel aufweisen. Zudem muss bei der Veränderung der Qualität in komplexe und gut ausbalancierte Stoffwechselwege der Pflanze eingegriffen werden, was öfter unerwünschte Nebeneffekte zur Folge hat.

Vergebliche Liebesmüh

Noch wachsen Gentechpflanzen weltweit erst in achtzehn Ländern grossflächig auf den Feldern. Spitzenreiter des kommerziellen Nutzens sind die USA, Argentinien und Kanada. Hier liegen 90 Prozent der weltweiten Anbauflächen. Geht es nach den Wünschen der Gentechkonzerne, werden in Zukunft die Länder Europas oben auf der Liste stehen. Doch dazu müssten die KonsumentInnen Gentechpflanzen akzeptieren.

Marktreif sind die neuen Produkte noch nicht. Der Start in Europa wird ohne den erkennbaren Nutzen für die KonsumentInnen erfolgen. Keine der 25 in der EU zur Kommerzialisierung beantragten Gentechpflanzen gehört zur zweiten Generation, und auch in den USA, wo die meisten Gentechpflanzen entwickelt werden, lässt diese auf sich warten. Wenn die Ankündigung der Gentechkonzerne bereits jetzt erfolgt, so steckt dahinter vor allem der rhetorische Versuch, das Image der Agro-Gentechnik zu verbessern. Ob die Strategie aufgehen wird? Als letztes Jahr im Rahmen einer Eurobarometer-Umfrage 16 500 EuropäerInnen gefragt wurden, ob sie Gentechfood kaufen würden, wenn dies besser schmeckte oder weniger Fett enthielte, war die Antwort der Mehrheit: Nein.

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