Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ
Artikel  weiterempfehlen |  drucken | Textgrösse [+] / [-]

Designerrasen für den Vorgarten

Von Florianne Koechlin

«Genetik für die Vororte: Forscher suchen nach dem perfekten Rasen», überschrieb die «New York Times» ihre Titelgeschichte über die Entwicklung von genmanipuliertem Gras durch die beiden US-Konzerne Monsanto und Scotts. Sieht sich Monsanto, nachdem Gentechnik in der Landwirtschaft nicht nur in Europa unter Druck geraten ist, nach einem neuen Betätigungsfeld um?

Der genmanipulierte Rasen für Amerikas Vorgärten ist resistent gegen einen der potentesten Unkrautvertilger: «Round up» von Monsanto. Dieses Herbizid tötet alles ab, was an Grünem spriesst, ausser es ist entsprechend manipuliert wie das Gentechgras. Dieses blieb auch nach der Herbizidbesprühung grün und gesund, wie Versuche im Gewächshaus der Firma Scotts laut «New York Times» gezeigt haben.

Scotts und Monsanto wollen Gras aber nicht nur round-up-tauglich machen, Gras soll gentechnisch auch zu einem langsameren Wachstum veranlasst werden. Der Rasen, der weniger oft gemäht werden muss - «mow-me-less» heisst die einprägsame Formel im Amerikanischen -, soll ein grosses Geschäft werden. «Wir verschönern die Welt, wir ermöglichen mehr Schönheit mit weniger Aufwand und wir wollen damit Geld verdienen», sagt Charles Berger, Generaldirektor von Scotts. Monsanto und Scotts haben aber nicht nur die Grünflächen in den Vororten im Auge, ihr spezielles Interesse gilt dem «creeping bent grass», das auf der ganzen Welt für Golfplätze verwendet wird.

Dieses Gras ist zwar sehr robust, sein Unterhalt aber sehr teuer und Unkräuter sind daraus kaum fernzuhalten. Ein herbizidresistentes, langsam wachsendes und genügsames Golfgras wäre die ideale Lösung. Dem stimmt auch die US-Vereinigung der Golfplatzverwalter zu und rechnet mit massiven Kosteneinsparungen, wenn genmanipuliertes «creeping bent grass» auf den Markt kommt. Anders sieht dies die «Anarchistische Golf-Koalition», eine Gruppe militanter UmweltschützerInnen, die im Juni einige Testgelände mit Gentechgras eines Forschungsinstitutes im Bundesstaat Oregon beschädigt hat.

Ob der unkrautfreie Designerrasen die Herzen und Köpfe der VorstadtbewohnerInnen gewinnen und der Gentechgolfplatz die BörsianerInnen überzeugen wird, bleibt indessen fraglich. «Nicht in unseren Vorgärten!», sagt der bekannte Gentechkritiker Jeremy Rifkin. Zusammen mit der Amerikanischen Gesellschaft für Gartenarchitektur fordert er die US-Regierung mit einer Petition auf, wegen der ökologischen Risiken sofort alles Gentechgras von den Versuchsfeldern zu entfernen.

Feldexperimente haben ergeben, dass Graspollen bis zu einen Kilometer weit verweht werden und andere Gräser kontaminieren können. Gentechpollen kreuzen sich auch mit andern Grassorten. Doch dagegen hat die Firma Scotts eine Lösung bereit: Gemäss dem Bericht der «New York Times» erwägt die Firma die Verwendung einer Monsanto-Entwicklung, die unter dem Namen Terminatortechnologie bekannt ist und Samen von genmanipulierten Pflanzen steril macht. Damit soll verhindert werden, dass die manipulierten Gräser sich weiter fortpflanzen können.

Die Terminatortechnologie hatte vor einigen Jahren einen weltweiten Proteststurm ausgelöst, als Monsanto und das US-Landwirtschaftsdepartement dafür drei Patente erhielten. Mit der Terminatortechnologie werden Pflanzen so manipuliert, dass sie sich nur noch dann fortpflanzen, wenn sie mit der richtigen und firmeneigenen Chemikalie behandelt werden.

Pat Mooney von der gentechkritischen Organisation RAFI (Rural Advancement Foundation International) hat als einer der Ersten die Terminatortechnologie als eine Bedrohung für die Umwelt verurteilt. Im Mai 2000 haben die Vertragsstaaten der Biodiversitätskonvention an einer Konferenz in Nairobi allen Staaten dringend empfohlen, über solche Terminatortechnologien ein Moratorium zu verhängen.

Ob die Terminatortechnologie beim Gentechrasen tatsächlich angewendet wird, ist auch aus anderen Gründen fraglich. Ende letzten Jahres hatte Robert Shapiro, Generaldirektor von Monsanto, öffentlich bekannt gegeben, dass Monsanto auf diese umstrittene Technologie verzichten und nie sterile Samen herstellen werde. Scotts ForscherInnen müssen da wohl noch intern bei Monsanto nachfragen.

Doch Bob Harrimann, Forschungsleiter bei Scotts und früher bei Monsanto beschäftigt, hat noch weitere Visionen. Er träumt von blauen und violetten Rasen, allesamt gentechnisch hergestellt. Wem dies alles abstrus vorkommt, sollte sich nicht täuschen lassen. Scotts ist der weltweit grösste Hersteller von Rasen-Produkten - von Pestiziden bis Saatgut -, und Monsanto spielt seit Jahren eine dominante Rolle in der Gentechbranche.

Mit dem unkrautfreien, langsam wachsenden Gentechrasen erhoffen sich Scotts und Monsanto endlich grosse Gewinne. Sie prognostizieren einen Umsatz von 10 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Der gesamte kommerzielle Markt für Pflanzensaatgut beträgt in den USA jährlich rund 5 Milliarden US-Dollar.

TopTop

Inhalt Dossier «Gentechnologie»

WOZ vom 17.02.2011

Wie die Industrie die Forschung kontrolliert: In Deutschland wird darüber diskutiert, die gentechnisch veränderte Maislinie MON810 wieder zuzulassen

WOZ vom 23.09.2010

Genfrei kommt weit vernetzt und langsam voran: Interview mit der Biologin Florianne Koechlin

WOZ vom 21.01.2010

Katastrophe auf dem Teller: Mit Bt-Auberginen steigt Indien gross in die Gentechlandwirtschaft ein – mit verheerenden Folgen

WOZ vom 10.12.2009

Unfreundliche Koexistenz: Zwischen Gentechpflanzen und herkömmlichen Gewächsen liegen im besten Fall Welten

WOZ vom 12.03.2009

Umstrittene Studie: Was haben Selbstmorde von indischen BäuerInnen mit Gentechbaumwolle zu tun?

Gentechpflanzen kennen keine Grenzen: Weder in Kanada noch in Spanien und auch nicht in Rheinau

WOZ vom 01.11.2007

Verschlusssachen und statistische Ausreisser: Eine französische Organisation versucht, der Schönwetterrhetorik der Gentech-Industrie wissenschaftliche Argumente entgegenzusetzen

Die Exkommunikation der Ketzerin: Eine russische Forscherin behauptet, Gentech-Soja sei für Ratten giftig. Ein bekanntes Fachjournal liess sie ins Messer laufen

WOZ vom 04.10.2007

Achtung, Stufe! Das Bundesamt für Umwelt bewilligt die Freisetzung von Pflanzen, die noch gar nicht existieren

WOZ vom 12.07.2007

Genesis im Labor: Gentechnik war nur ein Vorspiel. Die Synthetische Biologie will künstliche Lebensformen schaffen

alle Artikel zum Dossier