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Die Erfolgsgeschichte der Biotech-Firma Serono

Von Günter Spaar

Sie sind die reichsten Schweizer und besitzen eine munter wachsende Firma, doch kaum jemand kennt sie: die Westschweizer Familie Bertarelli - mit ihrem Biotech-Unternehmen Serono.

Die Hausbesetzerszene lebt im Genfer Plainpalais-Quartier neben luxusrenovierten Altbauten. In einer dunklen, verlassenen Fabrikhalle steht ein kleines, seltsam geformtes weisses Zelt. In Säulen laufen kurze Endlosfilme über die verschiedenen Zellteilungen von der Befruchtung einer menschlichen Eizelle bis zur Einnistung in die Gebärmutter. Das Zelt soll einen Eileiter darstellen. Ein Mann erklärt einer Gruppe von BesucherInnen geduldig, was in den ersten Schwangerschaftswochen alles schief laufen könnte und was seine Firma Serono tun kann, um zu helfen.

So unauffällig und versteckt präsentierte sich im Rahmen der Dialogwoche Science et Cité das drittgrösste Biotech-Unternehmen der Welt mit einem aktuellen Börsenwert von 25 Milliarden Franken und über 4000 Angestellten in 45 Ländern. Die Firma machte im letzten Jahr einen Umsatz von 1,2 Milliarden Dollar, einen Gewinn von 300 Millionen Dollar und gehört zu den dreissig grössten Kapitalgesellschaften der Schweiz. Wer also ist Serono?

EINE VATIKAN-FIRMA

Die Firma wurde 1906 unter dem Namen Ares-Serono gegründet. Irgendwann kaufte sie der Vatikan, der mit den reichlich fliessenden Spendengeldern ein weit verzweigtes Industrie-Imperium aufgebaut hatte: von Rüstungsbetrieben bis eben hin zur Ares-Serono, die Hormone zur Steigerung der Fruchtbarkeit herstellte.

Im Rahmen der grossen vatikanischen Finanzskandale geriet Ares-Serono an den Financier Michele Sindona, der jedoch im Gefängnis vergiftet wurde. Danach übernahm der Unternehmer Fabio Bertarelli die kleine Firma, die ihre Hormone vor allem auf dem südeuropäischen Markt absetzte.

In den wilden sechziger Jahren der italienischen Arbeiterbewegung knüpften sich die Gewerkschaften auch die Ares-Serono vor und sollen - nach Angaben eines welschen Gewerkschaftssekretärs - Fabio Bertarelli in seinem Chefbüro eingeschlossen haben. Was sie Bertarelli konkret vorwarfen, ist nicht überliefert. Der italienische Patron wollte sich dann aber nicht länger mit den streitbaren Gewerkschaften herumschlagen und liess sich 1973 im waadtländischen Coinsins nieder. Vier Jahre später verlegte er die Firmenzentrale nach Genf.

URINIEREN FÜR SERONO

Die Firma gewann die Fruchtbarkeitshormone aus weiblichem Urin. Tausende von Frauen mussten zweimal täglich für die Serono ihren Urin auffangen. Zuerst waren es Frauen in Europa. Später dehnte die Serono das Geschäft aus und liess Frauen von Osteuropa über China bis nach Lateinamerika für sich urinieren. Das Geschäft war mühselig: Hunderttausend Serono-Angestellte waren damit beschäftigt, jeden Morgen und jeden Abend bei jeder einzelnen Frau vorbeizugehen, um den Urin abzuholen. Pro Jahr wurden so etwa fünfzig Millionen Liter Urin gewonnen.

Ende der siebziger Jahre beschloss die Firma, auf die damals neue Gentechnik umzusteigen, da es einfacher und billiger ist, einen Bioreaktor zu betreiben, als in allen Erdteilen sterilem Urin nachzujagen. Oder wie es ein Manager einmal ausdrückte: «Die Frauen in China und Lateinamerika machen Pipi, wie sie es wollen, und nicht, wie wir wollen.»

Die Serono schleuste ein menschliches Gen in Hamstereizellen ein, wodurch die Hamsterzellen beginnen, humane Fruchtbarkeitshormone zu produzieren. Das Verfahren gilt nicht als besonders riskant, da keine genveränderten Organismen freigesetzt werden. Selbst wenn die Genschutz-Initiative angenommen worden wäre, hätte dies die Produktion der Serono kaum betroffen. Auch genkritische Kreise opponieren nicht gegen dieses Herstellungsverfahren, gibt es doch inzwischen weltweit kaum mehr ein Labor, das nicht damit arbeitet. Zudem sind gentechnisch produzierte Medikamente nicht mehr aus der Medizin wegzudenken.

Die Serono produziert heute nur noch etwa zehn Prozent der Fruchtbarkeitshormone auf die herkömmliche Weise, der Rest stammt aus dem Bioreaktor.

Für ihre Hormone hat die Serono eine feste Kundschaft: Man schätzt, dass etwa ein Zehntel der Paare Schwierigkeiten hat, die gewünschten Kinder zu bekommen. Das ist heute ein Markt von 900 Millionen US-Dollar, der jährlich um fünf bis zehn Prozent wächst. Diesen Markt beherrscht Serono zu etwa siebzig Prozent. Heute werden die Fruchtbarkeitspräparate oft bei In-vitro-Fertilisation (Besamung der Eizelle im Reagenzglas) angewendet. Man bringt mit den Hormonen die Eizellen künstlich zur Reife, was bei den Frauen höchst unangenehme Nebenwirkungen haben kann - da nicht nur zwei, drei Eier reifen, sondern gleich tausende.

EFFIZIENTES PRINZIP

In den siebziger Jahren begann sich der Pharmamarkt zu konsolidieren, zahlreiche Firmen fusionierten. Die Familie Bertarelli, die damals noch fast neunzig Prozent der Aktien besass, wollte ihr Unternehmen selbständig halten. Sie konzentrierte sich deshalb auf hochprofitable, schnell wachsende Nischenmärkte, weil dort der Konkurrenzdruck nicht so brutal ist und man neue Märkte mit weniger Aufwand erschliessen kann. Serono suchte sich deshalb ein weiteres Standbein. Sie verfolgte eine einfache und effiziente Strategie: Sie setzte auf ein bereits entwickeltes Hormon und suchte nach neuen Anwendungsbereichen. Ein heute allgemein übliches Vorgehen in der Pharmaindustrie: Man hat ein Produkt und sucht das dazu passende Leiden. So zum Beispiel auch geschehen bei Viagra: Der Pharmamulti Pfizer hatte eigentlich ein Herzmittel entwickeln wollen, als solches taugte es jedoch nicht viel - doch merkte man in der Versuchsphase, dass Viagra als Potenzmittel wirkt.

Bei Serono war es ein Anfang der neunziger Jahre entwickeltes Hormon, das heute unter dem Namen Saizen auf dem Markt ist und als Wachstumsförderer eingesetzt wird. Dieses Mittel kommt vor allem bei zwergwüchsigen Kindern zum Einsatz. Daneben interessieren sich aber auch Gesunde für das Mittel: Man schätzt, dass dreissig Prozent der verkauften Wachstumshormone von Leistungssportlern und Bodybuildern für den Muskelaufbau verbraucht werden. Die letzten zwei Olympischen Spiele galten zu Recht als die Wachstumshormon-Spiele. Nach einem Bericht des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) kann man das Mittel problemlos auf dem Schwarzmarkt kaufen - eine Ampulle kostet 280 Mark. Der unkontrollierte Konsum dieser Wachstumsförderer birgt jedoch grosse, wenn nicht gar tödliche Risiken, weil die inneren Organe - wie Herz oder Lunge - zu wachsen beginnen können.

Dasselbe Hormon wird unter dem Namen Serostim auch zur Bekämpfung des Muskelabbaus, der als Nebenwirkung von Aids-Medikamenten eintreten kann, eingesetzt.

1998 führte Serono das Medikament Rebif (Rekombinates Interferon) ein, das bei Multipler Sklerose (MS) den Krankheitsverlauf verlangsamen soll. Rebif entwickelte sich seither zum bestverkauften MS-Präparat in Europa. In den USA konnte Serono das Produkt noch nicht lancieren, weil es dort schon ein ähnliches Medikament gibt, das durch das Orphan Drug Law geschützt ist. Dieses Gesetz wurde eigens für die Entwickler von Medikamenten für kleine Patientengruppen eingeführt, um sie vor Konkurrenz zu bewahren. Die Serono müsste nun belegen, dass ihr Produkt für die MS-PatientInnen eine drastische Verbesserung bringt. Ansonsten kann sie ihr Medikament frühestens 2003 in den USA anbieten. Allerdings sind diese MS-Medikamente in Medizinerkreisen höchst umstritten, weil sich ihre Wirksamkeit wegen des langsamen Krankheitsverlaufes erst nach Jahren definitiv belegen lässt.

Die Serono hat jedoch in den letzten Wochen eine Studie publiziert, die genau diese Verbesserung nachzuweisen versucht - was ihre Aktienkurse prompt um etwa acht Prozent ansteigen liess. Getreu der Serono-Strategie, mit bereits entdeckten Mitteln möglichst viele Leiden abzudecken, soll Rebif künftig auch zur Behandlung von Hepatitis B und C eingesetzt werden.

Inzwischen produziert Serono rund neunzig Prozent mittels gentechnischer Verfahren, da die Kosten bei der gentechnischen Produktion deutlich niedriger sind - wenn sie auch enorme Investitionskosten verlangen. Die Firma ist jedoch kaum in der gentechnischen Grundlagenforschung tätig, sondern setzt bereits entwickelte Gentechverfahren sehr pragmatisch und praxisbezogen zur Herstellung von Wirkstoffen ein.

DAS FAMILIENUNTERNEHMEN

Die Familie Bertarelli hat es wie die Roche geschafft, die Familienkontrolle über die Firma zu behalten. 1996 ging die Firma vom autoritären Patriarchen Fabio kurz vor dessen Tod an den erst 30-jährigen Sohn Ernesto über. Im Jahr 2000 sank der Aktienanteil der Familie von fast neunzig Prozent auf etwas über fünfundfünzig Prozent, weil fast eine Million Aktien verkauft wurden und beinahe die gleiche Menge neu ausgegeben wurde, um der Firma Zugang zur US-Börse zu verschaffen. Mit den neu ausgegebenen Aktien schaffte sich die Firma eine Tauschwährung für die Übernahme anderer Firmen, ohne Bargeld aufwerfen zu müssen oder Bankschulden zu machen. Heute ist das auf drei Personen verteilte Familienpaket je nach Börsenkursen zwischen elf und dreizehn Milliarden Franken wert und macht die inzwischen eingebürgerten Bertarellis zu den reichsten Schweizern. Der Firmenchef Ernesto kann es sich denn auch locker leisten, für hundert Millionen Franken ein Hochseesegelboot zu bauen, mit dem er das nächste America’s-Cup-Rennen gewinnen will.

Arbeitnehmerorganisationen irgendwelcher Art existieren in der Firma mit ihren über tausend Beschäftigten in der Schweiz nicht - nicht einmal der LaborantInnenverband ist präsent. Fabio Bertarelli, der ja wegen den Gewerkschaften Italien verliess, wollte keine organisierten Angestellten. Dennoch hat die Firma bei den Westschweizer Gewerkschaften keinen schlechten Ruf. Nach Auskunft eines Waadtländer GBI-Sekretärs soll sich die Firma bei verschiedenen Gelegenheiten als seriöser Arbeitgeber gezeigt haben. Bei der Schliessung von kleineren Firmen in der Region hat die Serono Angestellte ohne grosses Theater gesamthaft übernommen. Und als 1997 Glaxo Wellcome die Schliessung ihres Genfer Forschungslabors bekannt gab, entschloss sich Serono innert Tagen, das ganze Labor mit allen 150 Angestellten zu übernehmen. Ein kluger Entscheid, verschaffte sich die Firma so in den Bereichen Immunologie, Neurologie und Onkologie einen gewaltigen Entwicklungssprung. Erst kürzlich hat die Firma auch 410000 Inhaberaktien für Mitarbeiter-Beteiligungsprogramme bereitgestellt.

DAS ERFOLGSGEHEIMNIS?

Der Börsenkurs von Serono hat sich seit 1995 mehr als verzehnfacht, die Umsätze wachsen pro Jahr um fünfzehn bis zwanzig Prozent und der Gewinn um dreissig Prozent. Während andere Biotechfirmen nur durch ständige Geldinfusionen am Leben gehalten werden, nähert sich bei Serono die Profitmarge den pharmaüblichen fünfundzwanzig Prozent. Was ist das Erfolgsrezept? Die Firma hat sich auf profitable Nischen konzentriert, alle Subventionen und Beihilfen selbst um den Preis geografischer Zersplitterung ausgenützt, systematisch durch Gentechproduktion höhere Margen erreicht und Absatzmärkte globalisiert. Da sie bereits ein gut gehendes Produkt hatte, verdiente sie genügend Geld, um nicht auf GeldgeberInnen angewiesen zu sein. Die Firma ist klein und wendig genug, um schnell reagieren zu können und nicht in Forschungsbürokratie zu erlahmen. Sie ist aber auch gross genug und finanziell so solide, dass sie weiter wachsen kann.

Angesichts des wild expandierenden Zürcher Kapitals empfindet die Romandie die florierende Serono als Lichtblick. Während heute Roche und einige Zürcher Giganten eher müde dahintaumeln, hat im als wirtschaftsfeindlich verschrienen Genf ein italienischer Einwanderer eine der grossen Erfolgsgeschichten der letzten zwanzig Jahre geschafft. Allerdings ist es merkwürdig, dass die prosperierende Firma keinen Sinn für Öffentlichkeitsarbeit hat: Trotz zahlreicher Kontakte von Februar bis Mai war es nicht möglich, mit Serono einen Gesprächstermin zu vereinbaren.

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