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USA: Gentechpflanzen vermehren sich - KritikerInnen auch

Teure Pollen vom Nachbarhof

Von Volker Lehmann, New York

Bisher galten die USA den BefürworterInnen der Gentechnik als konfliktfreies Terrain. Doch die Opposition gegen Gentechpflanzen findet immer mehr Verbündete.

Bis letzten September war die Welt der GentechnikerInnen in den USA in Ordnung. Gentechpflanzen wurden auf über dreissig Millionen Hektar angebaut - drei Viertel der weltweit mit solchen Gewächsen bebauten Fläche. Und die Öffentlichkeit war entweder nicht interessiert oder vertraute den Behörden.

Doch dann kam «StarLink», eine Maissorte des französisch-deutschen Konzerns Aventis. Dieser Genmais entpuppte sich als Kuckucksei. Er enthält ein Gen für ein Protein, von dem möglicherweise Allergien ausgehen, und war in den USA darum nur als Viehfutter zugelassen. Die Umweltorganisation «Friends of the Earth» (FoE) fand den Mais jedoch in Produkten, die für den menschlichen Verzehr bestimmt waren. Daraufhin mussten Nahrungsmittelhersteller über 300 Produkte aus den Regalen nehmen lassen. In einer für die Landwirtschaft beispiellosen Rückrufaktion wendete Aventis mehrere hundert Millionen US-Dollar auf, um den Mais von der Nahrungsmittelproduktion fern zu halten.

Dieser Zwischenfall hat der Gentechnologiekritik einen unerwarteten Auftrieb beschert. Umweltorganisationen wie Greenpeace und FoE schlossen sich zu einem Bündnis (Genetically Engineered Food Alert) zusammen und fordern ein Moratorium über genmanipulierte Nahrungsmittel, bis diese gekennzeichnet und unabhängig getestet sind und für Hersteller Haftbarkeit besteht.

Überall in der Nahrungskette

Neben den ökologischen und gesundheitlichen Bedenken mehrt sich der Unmut über die neuen Abhängigkeiten der Landwirte. Bauern, die Gentecherzeugnisse der Agrobiotechnologie-Firma Monsanto erwerben, müssen eine «Technologie-Übereinkunft» unterschreiben, welche die Wiederverwertung des patentrechtlich geschützten Saatguts verbietet. Monsanto hat mittlerweile zahlreiche Bauern gerichtlich zur Einhaltung dieser Verträge gezwungen. Das brisanteste Urteil wurde im März gegen einen kanadischen Bauern verhängt, stiess aber aufgrund der vergleichbaren Patentrechte auch in den USA auf Empörung. Monsanto wurde richterlich das Eigentumsrecht an seinen patentierten Genen zugesprochen, wenn diese durch Pollenflug auskreuzen. Sollte sich diese Rechtsauffassung durchsetzen, wäre bald jeder Bauer in der Nähe von Gentechpflanzen lizenzpflichtig, auch wenn er diese gar nicht haben will.

Nach sechs Jahren Anbau sind die Produkte gentechnisch veränderter Pflanzen - vor allem Soja und Mais - überall in der Nahrungskette zu finden. Die Ausbreitung der Gene erfolgte durch natürliches Auskreuzen durch Pollenflug, Vögel und Insekten, aber auch durch die Vermischung von verschiedenen Sorten nach der Ernte. Beispielsweise wies das US-Landwirtschaftsministerium StarLink-Mais in zehn Prozent aller untersuchten Proben nach. Diese Sorte wurde jedoch auf weniger als einem halben Prozent der Maisanbauflächen eingesetzt. Lebensmittelhersteller, die auf gentechnisch modifizierte Pflanzen verzichten wollen, haben es schwer. Eine Studie des «Wall Street Journal» fand Gentechspuren in elf von zwanzig Produkten, die als gentechfrei deklariert worden waren. Dies ist ein schwerer Schlag für den biologisch produzierenden Nahrungsmittelsektor, der derzeit achtmal schneller wächst als die konventionelle Agrarindustrie.

Die positive Kennzeichnung ist vor allem deshalb notwendig, weil es in den USA weiterhin keine Kennzeichnungspflicht für Nahrungsmittel mit genmanipulierten Pflanzen gibt. Die dafür zuständige Nahrungs- und Arzneimittelbehörde FDA lehnt eine Kennzeichnung bisher mit der Begründung ab, dass die Technologien keinen Unterschied zum normalen Lebensmittelanbau darstellten und darum sicher seien. Daran hat sich auch in der im Januar vorgestellten neuen Verordnung nichts geändert, die weder Sicherheitstest noch Kennzeichnung vorschreibt.

Trennen geht nicht

Dennoch machen die einzelnen Bundesstaaten von ihrem Recht auf weiter gehende Regulierung Gebrauch. Noch nie gab es so viele Gesetze zur Regulierung der landwirtschaftlichen Biotechnologie; allein in diesem Jahr traten bisher 77 neue Gesetze in Kraft. In North Dakota aber wurde im letzten Augenblick ein zweijähriges Moratorium über die Aussaat von Gentechweizen zu Fall gebracht. Der Staat ist eines der Hauptanbaugebiete für Weizen und wurde von Monsanto unter Druck gesetzt; der Konzern drohte mit einem Investitionsstopp.

GentechkritikerInnen erhalten inzwischen sogar Unterstützung aus dem Agrobusiness, welches das Exportgeschäft im Umfang von jährlich 52 Milliarden Dollar gefährdet sieht. Laut James Bair, Vizepräsident der North American Millers Association, ist die US-Landwirtschaft auf Massenproduktion ausgerichtet. Schon deswegen sei das System nicht darauf eingestellt, die Ernten von Gentech- und normalen Pflanzen zu trennen und für Exporte zu unterscheiden. Nun drängt die Vereinigung die Regierung auf eine Koordinierung mit anderen Ländern. Bevor genmanipulierte Pflanzen nicht in allen wichtigen Exportmärkten zugelassen seien, sollten sie auch auf amerikanischem Boden nicht ausgesät werden. So sind beispielsweise von den sechzehn verschiedenen Gentechmais-Sorten in den USA nur zehn in Japan und vier in Europa zugelassen. Neben Europa beschränkt vor allem Japan - das jährlich amerikanische Nahrungsmittel im Wert von neun Milliarden US-Dollar importiert - den Gebrauch von gentechnisch veränderten Produkten.

«Für den Bauern kommt der Zeitpunkt, Vor- und Nachteile von Gentechpflanzen abzuwägen», sagt Larry Mitchell, Direktor des US-Verbands der Getreideproduzenten. «Sind geringerer Schädlingsbefall oder einfachere Unkrautbekämpfung es wert, den Bestand des ganzen Betriebes aufs Spiel zu setzen?» Aber noch befinden sich die KritikerInnen in einer Minderheit. Ersten Umfragen zufolge werden Gentechpflanzen auch dieses Jahr noch einmal um zehn Prozent zulegen.

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