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Wissenschaft und Öffentlichkeit

In die Ecke, Besen! Besen!

Von Marcel Hänggi

Ein neuer Forschungszweig entsteht - die synthetische ­Biologie. Wie präsentiert sie sich der Öffentlichkeit? Bis jetzt sehr ungeschickt.

Vom 24. bis zum 26. Juni traf sich an der ETH die Forschungsgemeinde der synthetischen Biologie zu ihrem dritten internationalen Kongress. Die synthetische Biologie ist ein junger Zweig der Biotechnologie. Sie versucht, Organismen künstlich herzustellen, die beispielsweise als Bioreaktoren Medikamente und andere Stoffe produzieren sollen. WOZ-Redaktor Marcel Hänggi referierte auf Einladung des Forums Genforschung der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) über «Die Wahrnehmung der synthetischen Biologie in der Öffentlichkeit». Wir publizieren einen Auszug aus seinem Referat.

Wie nimmt die Öffentlichkeit die synthetische Biologie wahr? Bis dato so gut wie gar nicht. In welche Richtung es ­gehen wird, zeigen aber zwei Schlagzeilen: Über «Die Neuerfindung des Lebens» schrieb der «Spiegel» vergangenes Jahr; «Die Milliarden-Dollar-Mikrobe» titelte die «Süddeutsche Zeitung» Mitte Juni. Big Business einerseits; Frankenstein-Fantasien andererseits.

Das Forum Genforschung hat nun einen Comic übersetzt, der die synthetische Biologie einem breiten Publikum näher bringen will: Eine Frau im Labormantel erklärt einem Jungen, was DNA ist. Worauf dieser findet, wenn die DNA das Programm einer Zelle sei, müsse man Zellen doch programmieren können: «Stell dir mal vor, was alles möglich wär, wenn die Bakterien für uns arbeiten würden!» Er beschliesst, Bakterien so zu programmieren, dass diese einen Luftballon bilden, der sich selber mit Wasserstoff füllt. Ein erster Versuch misslingt: Der Junge hat vergessen, einen Stoppmechanismus einzubauen. Der Ballon wird immer grösser, bis er platzt. Der Junge beginnt noch mal von vorn, und siehe da, es geht.

Das ist eine Zauberlehrlinggeschichte: Auch Goethes Zauberlehrling kennt die Formel für das Stoppen seines «Programms» nicht, sein Besen schleppt mehr und mehr Wasser herbei; es kommt zur Überschwemmung. Und wie die Bakterien des Comics sich zu oft teilen, bringt es dem Zauberlehrling kein Glück, dass er den Besen mit dem Beil spaltet: Jetzt bringen einfach zwei Besen Wasser.

Ins Harmlose gewendet

Goethes Gedicht handelt von einem, der sich anmasst, was ihm nicht zusteht; zum glücklichen Ende kommt es, weil der Meister rechtzeitig eintrifft. Im Comic jedoch überholt der Junge seine «Meisterin» - und bekommt alles von allein in den Griff. Was im Gedicht ernsthafte Bedrohung ist, ist im Comic ins vollkommen Harmlose gewendet: ein Ballon, der platzt.

Diese Selbstdarstellung der synthetischen Biologie geht mit geradezu kaltschnäuziger Nonchalance über mögliche Bedenken hinweg. Wenn zu Beginn die Lehrerin fragt: «Hm ... bist du sicher, dass du genug von der Sache verstehst?», wischt der Junge ­diese Skepsis beiseite: «Das werden wir nur rauskriegen, wenn wirs ausprobieren!»

Der Comic lässt aber nicht nur die Risiken der Technologie aussen vor; er beantwortet auch die Fragen nach dem Nutzen mit einem blossen Luftballon. Damit umgeht er die Frage nach Sinn und Unsinn konsequent; es bleibt die Suggestion, dass im Prinzip alles möglich wäre.

Wer zahlt, bestimmt

Die Ballone im Comic sind mit Wasserstoff gefüllt. Eine der angestrebten Anwendungen der synthetischen Biologie ist tatsächlich die Herstellung von Wasserstoff und anderen Energieträgern. Der Biotech-Pionier Craig Venter hat, wie soeben bekannt wurde, sein ers­tes künstliches Bakterium zur Patentierung angemeldet. Dieses ist von einer Anwendung noch weit entfernt. Doch Venter kooperiert mit BP.

Damit beteiligt sich die neue Disziplin an einer der problematischsten Entwicklungen von «Big Science». ­Biotechnologisch hergestellte Energieträger sind eine hochgradig ineffiziente Methode, Sonnenenergie nutzbar zu machen. Ein sinnvoller Beitrag zur Lösung der Probleme dieser Welt ist das nicht. Doch in welche Richtung die Reise geht, bestimmt derjenige, der zahlt.

Von ForscherInnen hört man oft die Klage, die Menschen (speziell in der Schweiz) würden immer zuerst die Risiken sehen statt der Chancen, die das Neue biete. So wie die synthetische Biologie sich bisher präsentiert, bekommen wir es mit der explosiven Mischung von mächtigen Konzernen, patentgeschützten Monopolen und Allmachtsfantasien zu tun. Es sollte sich niemand wundern, wenn das mehr Ängste als Hoffnungen auslöst.





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