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Kapitalismus als Religion

Am Geld wird nicht gerüttelt

Von Paul L. Walser

Mit der weltweiten Finanzmarktkrise ist das kapitalistische System wieder zum Thema geworden. Doch die Kritik hat es schwer. Zu verwurzelt scheint der Glaube an das System.

Der Kapitalist kann sich auf die Bibel berufen, auf ein Jesuswort aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 25: «Denn jedem, der hat, wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.» Andere Botschaften von Jesus - wie etwa «Die Letzten werden die Ersten sein» - können den ebenso fundamentalen wie fatalen Spruch nicht entkräften.

Mit der Heiligen Schrift im Rücken lässt sich gut Geld verdienen, Skrupel sind fehl am Platz. Die KapitalistInnen, die für sich Gottvertrauen in Anspruch nehmen, setzen auf die Gottergebenheit der grossen Herde. Das höchste denkbare Gut ist indes nicht Gottvertrauen, sondern Vertrauen in mitmenschliches Handeln, Menschenvertrauen. Ist Vertrauen mal verloren, kann es kaum zurückerlangt werden, der Schaden ist zu gross. Vertrauen lässt sich nicht kaufen. Auch nicht mit unendlich viel Geld.

Welche «Vertrauenskrise»?

Die Riesensummen, die der krisengeschüttelten Finanzbranche entgegengeschleudert wurden, sind so gewaltig, dass der normale Mensch sich keine klare Vorstellung davon machen kann. Die unzähligen Nullen sind die perfekteste Tarnung und Täuschung, die sich denken lässt. Die Milliardenlawine gilt der Rettung der für die Krise verantwortlichen Finanzinstitute und nicht denen, die um ihr Erspartes gebracht wurden und vielleicht sogar der Armutsfalle ausgeliefert sind. Das alte neoliberale System der Finanzmärkte wird nur repariert, mit unendlich viel Geld, die VerursacherInnen des Desasters lässt man in Ruhe.

Weshalb diese Ruhe? Weil das in den letzten Jahrzehnten entstandene Grundvertrauen ins Kapital immer noch da ist. Es scheint, als habe der moderne Kapitalismus in unserem Unterbewusstsein einen festen Platz errungen. Trifft das zu, handelt es sich nur vordergründig um eine Vertrauenskrise: Oberflächlich ist das Vertrauen in «die da oben in den Banken» gestört, aber das untergründige Vertrauen in das «sichere Geld» ist weiterhin vorhanden.

Seit es Geld gibt, gibt es den Glauben ans Geld. Fragt sich nur, welchen Stellenwert dieser Glaube erhält. Tritt er ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, wird er zum Problem, über das freilich mit Vorliebe nicht diskutiert wird. In der frühen Neuzeit begann der Aufstieg des Geldglaubens parallel zur Befreiung von den bisher unbedingt geltenden Glaubensvorstellungen. Es wäre freilich zu einfach, wollte man die Reformatoren für den modernen Kapitalismus verantwortlich machen. Anderseits steht fest, dass die Abkehr vom Katholizismus auch eine Abkehr von der christlichen Soziallehre war, die den hilfsbedürftigen unbemittelten Menschen und dessen Würde ernst nimmt und Geld nicht als Ausdruck göttlichen Segens betrachtet. All jene, denen es materiell besser geht, sind aufgefordert, dem Armen beizustehen und ihn nicht um seine Ehre zu bringen. Auch der Islam kennt das Gebot der Barmherzigkeit.

Die reformierte Gesellschaft

Bei Zwingli und Calvin sieht das anders aus. Die Eigenverantwortung des Menschen tritt in den Vordergrund: Wer wirklich will, kann es zu etwas bringen, und das «etwas» hat immer mit Geld zu tun. Nach einer vulgären Auslegung der calvinistischen Prädestinationslehre ist der Reiche, der das Geld arbeiten lässt, der von Gott bevorzugte Mensch. Nicht zuletzt diesem Glauben verdankt US-Amerika seinen fulminanten materiellen Aufstieg und seine Anziehungskraft.

Der Arme, am sichtbarsten in der Person des Bettlers verkörpert, hat in dieser reformierten Gesellschaft keinen Platz. Er ist nach Ansicht vieler, denen es gut geht, an seinem Schicksal selbst schuld. Natürlich muss ihm geholfen werden, Reformierte sind ja schliesslich keine Unmenschen, aber die Hilfe vollzieht sich unsichtbar. Der Bettler ist ein öffentliches Ärgernis und muss daher verschwinden, das heisst versorgt und damit für die Öffentlichkeit entsorgt werden. Dieser Weisung folgen jene heutigen Arbeitslosen, die nicht auf der Strasse protestieren, sondern sich vor ihren Fernsehapparat zurückziehen.

Im 16. und 17. Jahrhundert hielt sich der Glaube ans Geld beharrlich im Hintergrund reformierter Glaubensrichtungen und fand insgeheim immer mehr AnhängerInnen. So wuchs der Kapitalismus in jener westlichen Welt, die man später die Erste nannte. Eine Doppelstrategie begann die europäische und die nordamerikanische Neuzeit zu prägen: vorne der in verschiedene Strömungen und Gemeinschaften aufgesplitterte moderne christliche Glaube und hinten - unsichtbar - der feste Glaube ans sichere Geld. Dieses Chris­tentum mit doppeltem Boden wurde und wird als Erfolgsmodell zelebriert.

Nach der Reformation (und der Gegenreformation) kam als weitere Befreiungsbewegung die Aufklärung. Sie öffnete die Augen für die Schattenseiten des Glaubens, der leicht zum Irrglauben verkommen kann; die Menschenrechte und der Solidaritätsgedanke wurden zum Thema. Ohne diese Werte ist sozialer Fortschritt undenkbar. Die Aufklärung war eine Schule der Kritik und des Misstrauens. Misstrauen ist für die Emanzipation des einzelnen Menschen unerlässlich. Das Misstrauen war aber nicht so gross, dass es das Vertrauen und den Glauben ans sichere Geld hätte verdrängen können - im Zuge des Kolonialismus und der Industrialisierung entwickelte sich der Kapitalismus konsequent weiter, bis er sich schliesslich nach dem Einsturz der Berliner Mauer und dem Untergang der Sowjetunion als unangefochtenen globalen Sieger feiern liess. Dann kam es zu dem hemmungslosen neoliberalen Feldzug, der uns nun die Finanz- und Wirtschaftskrise eingebrockt hat, dessen Ausmass und Ausgang noch lange nicht abzusehen sind.

Nach den beispiellosen Rettungs­paketen verschiedener Staaten für die ins Straucheln geratenen Riesenbanken ist anzunehmen, dass am tief verankerten Glauben ans sichere Geld nicht gerüttelt wird. Die Glaubenssache Kapitalismus bleibt unangetastet. Der Kapitalismus ist gemäss den Einschätzungen der zuständigen MachthaberInnen kein Irrglaube, der nach aufklärerischen Massstäben verschwinden müsste. ­Grosse Teile der Bevölkerung scheinen ihnen mit ihrem Stillhalten Recht zu geben.

Passivität als Grundsünde

Wie geht es nun weiter? Passivität ist die Grundsünde des demokratischen Bürgers. Man kann sich wehren, indem man nicht stumm und isoliert bleibt. Einsicht allein nützt nicht viel, man muss sie umsetzen, gemeinsam. Der Betroffene darf nicht blosser Beobachter bleiben, er muss Akteur werden, zusammen mit den Mitbetroffenen. Das geht dann auch in die Milliarden: Milliarden von Menschen. Die Kapitulation der Linken begann freilich nicht erst 1989/90, sondern bereits zuvor mit dem Aufstieg der Chicago-Boys (eine Gruppe von chilenischen Ökonomen, die in den siebziger Jahren in Chicago studiert hatten und als Berater des chilenischen Diktators Augus­to Pinochet eine entscheidende Rolle in der Durchsetzung der neoliberalen Politik hatten) und der Eisernen Lady Margaret Thatcher. Gut drei Jahrzehnte später haben wir das Debakel der globalen Finanzmärkte: ein Debakel, das längst zu einem Umdenken hätte führen sollen, aber wahrscheinlich die Schuldigen ungeschoren davonkommen lässt, weil das kapitalis­tische System ja nun halt einmal gott­gewollt ist und damit resistent bleibt.

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