Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ
Artikel  weiterempfehlen |  drucken | Textgrösse [+] / [-]


Juristische Folgen

«Service für die Schattenindustrie»

Interview: Kaspar Surber

Mark Pieth, Basler Strafrechtsprofessor und Experte für Wirtschaftsdelinquenz, über eine Strafuntersuchung gegen die UBS, Fabriken der Steuerumgehung und einen Telefonanruf von Marcel Ospel.

WOZ: Mark Pieth, die UBS und die US-Justiz haben einen Vergleich abgeschlossen. Darin steht zu lesen, dass Berater ihre Kunden bei der Steuerflucht unterstützten. Dass sie sich selbst ohne Arbeitsbewilligung in den USA aufhielten. Dass ihre Tätigkeit mit einem Bonisystem unterstützt wurde. Und dass die Führungsspitze über all das informiert war. Ist die UBS eine kriminelle Organisation?

Mark Pieth: Gegen die Grossbank wurde in den USA wegen «conspiracy» ermittelt. Der Terminus der Verschwörung wird im amerikanischen Recht jedoch häufig verwendet und bezeichnet noch keine mafiaähnliche Tätigkeit.

Immerhin. Wäre nicht auch in der Schweiz eine Strafuntersuchung angebracht? Muss die UBS-Leitung hinter Gitter?

Das Schweizer Steuerrecht schützt nicht US-Interessen. Wir geben bei Steuerbetrug allenfalls Amts- oder Rechtshilfe. Denkbar ist aber, dass geschädigte Kundinnen oder Aktionäre gegen die Bank und ihre Leitung zivilrechtlich vorgehen. Aber reden wir lieber über den Hintergrund der aktuellen Entwicklung.

Nur zu.

Die USA, aber auch Deutschland, sind mit einer Steuerumgehung in grossem Ausmass konfrontiert. Das Geld der Reichen fehlt - für die Aufrechterhaltung des Sozialstaates und jetzt, in der Wirtschaftskrise, sowieso.

Wo liegt das Geld?

Zu einem beträchtlichen Teil wurde es in den letzten fünfzehn Jahren in die Schweiz transferiert. Heute wird ein Drittel der weltweiten Privatvermögen hier verwaltet.

Ein Drittel! Darum der internationale Druck?

Die Schweiz hat eine lange Tradition der Serviceleistungen für alle möglichen Schattenindustrien. Sie hat die Apartheid finanziell am Leben erhalten und die Vermögen von Potentaten wie dem philippinischen Exdiktator Ferdinand Marcos verwaltet. Auch Schmiergeldzahlungen im Oil-for-food-Programm liefen zum Teil über hiesige Konten. Man könnte die Liste verlängern, zum Beispiel um Waffen- oder Rohstoffhandel. Eine Konstante bleibt: Die Schweiz hat sich immer nur auf Druck von aussen bewegt.

Serviceleistungen für Schattenindustrien - wie kamen die Privatvermögen steuerfrei in die Schweiz?

Vorweg: Fabriken der Steuerumgehung gibt es weltweit, beispielsweise auch jene Grossbritanniens auf den karibischen und den Ärmelkanalinseln. Typisch für diese ist der Bau von entsprechenden Strukturen, das heisst die Kombination von Anwaltsgeheimnis, starkem Bankgeheimnis und dem Einsatz von Briefkastenfirmen. So entstehen dreifach kumulierte Geheimnisse. Solche Dienstleis­tungen offeriert auch der Finanzplatz Schweiz.

Sie sprechen pauschal von Steuer­umgehung.

Der Unterschied zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung interessiert mich nicht. Das Bankgeheimnis hat einen liberalen Kern, denn es schützt Persönlichkeitsrechte, es sollte aber keinem deliktischen Zweck dienen. Das haben mittlerweile selbst die bürgerlichen Kommentatoren eingesehen. Es gibt allerdings keinen Grund, jetzt überrascht zu tun.

Weshalb?

Es war absehbar, dass sich die Trennung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung in der internationalen Kooperation auf Dauer nicht aufrechterhalten lässt. Ich habe schon vor fünf Jahren, aus Anlass der bilateralen Verträge, in einem Artikel geschrieben, die Grossbanken würden ein Leben nach dem Bankgeheimnis planen. Darauf hat mir der damalige UBS-Präsident Marcel Ospel telefoniert und gesagt: «Mir liegt daran, dass Sie wissen, dass ich das nicht so sehe.» Man wollte alle auf die Durchhalteparole einschwören.

Ospel hat das Ende nicht kommen sehen?

Man wollte jedenfalls fünf, zehn weitere Jahre Geschäfte machen. Und nicht nur Ospel: Die Privatbanken stehen den Grossbanken in der Unterstützung der Steuerumgehung in nichts nach.

Wie beurteilen Sie als Rechtsprofessor, dass mit dem Vergleich zwischen UBS und US-Justiz in ein laufendes Verfahren am Bundesverwaltungsgericht eingegriffen wurde?

Dieser Entscheid liegt quer zur Gewaltenteilung und ist eines Rechtsstaates unwürdig. Zum zweiten Mal wurde Notrecht angewendet. Letztlich war es aber eine Abwägung, ob man die Freiheitsrechte von Bürgern, die sicher übermässig und am falschen Ort reklamiert werden, höher gewichten will als den Fortbestand der UBS.

Und die Grossbank wurde juris­tisch höher gewichtet.

«Notrecht» ist kein Recht. Kommt es zum Einsatz, so ist das nicht ein juristischer, sondern ein politischer Entscheid.

Der stets mit dem gleichen Argument begründet wird: Die UBS ist «too big to fail».

Vermutlich gibt es im Moment tatsächlich keine Wahl. Warum wurde die Schweiz zu einem solchen Bankenplatz? Es war die Hinterzimmerstrategie der Grossbanken und einzelner Mitglieder des Bundesrates, einen solchen Bankenplatz aufzubauen. Jetzt braucht es eine neue Strategie. Eine kreative Taskforce soll sie erarbeiten.


TopTop

Inhalt Dossier «Finanzkapitalismus»

WOZ vom 24.11.2011

Kommt es wieder zum Kollaps? Muss die UBS bald erneut vom Staat gerettet werden?

WOZ vom 10.11.2011

Occupy Obama! Der US-Präsident wird nicht um eine Konfrontation mit der Occupy-Bewegung herumkommen

Occupy Paradeplatz: Die Bewegung braucht jetzt Mut zu ein paar Entscheidungen

WOZ vom 15.09.2011

Der Franken und der Sonderfall: Wie die Schweizer Politik auf die Finanzmarktkrise reagiert

WOZ vom 23.06.2011

Bankenrettung 2.0: Die Eurostaaten beraten über ein zweites Rettungspaket für Griechenland. Wo liegen die Ursachen dieser Krise? Wer bezahlt, wer verdient?

WOZ vom 02.06.2011

Too big to fail: Wie die Regulierung funktionieren soll, wie die PolitikerInnen reagieren und die Grossbanken Druck machen

WOZ vom 02.12.2010

Rettungsschirm im Finanzsturm: Mit ihren Rezepten wird die EU ihren angeschlagenen Mitgliedsstaaten nicht aus der Patsche helfen

WOZ vom 04.11.2010

Banker im Aufwind: Der Schweizer Finanzplatz erkauft sich einen Aufschub und tritt wieder aggressiv auf

WOZ vom 28.10.2010

Schuld sind wieder die anderen: Ein Buch berichtet über die «strukturierte Verantwortungslosigkeit» in der Bankenwelt

WOZ vom 07.10.2010

Bei falscher Diagnose nützt die beste Medizin nichts: Die neuen Regeln für Grossbanken gehen am Kern der Sache vorbei

alle Artikel zum Dossier