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Die Krise in der Kantine (3)

Alle auf Koks?

Aufgezeichnet von Dominik Gross

Nicht nur der Börsenkurs der Swiss Re ist arg ins Schlingern geraten. Die WOZ hat einen entlassenen Versicherungskaufmann der Firma getroffen.

Wir treffen uns nach Feierabend im Buffet Les Arcades im Zürcher Hauptbahnhof. Der Versicherungskaufmann, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen möchte, kommt gerade von einem seiner letzten Arbeitstage bei der Swiss Re, der weltweit zweitgrössten Rückversicherin, und bestellt einen Cappuccino.

«Ich habe mehr als zehn Jahre bei der Swiss Re in Zürich gearbeitet. Meine Stelle habe ich bei der letzten Reorganisation verloren. Vor lauter Reorgs ist es in der Swiss Re heute nicht mehr möglich, irgendein geschäftliches Ereignis an einer bestimmten Person festzumachen. In unserer Abteilung schauten wir gar nicht mehr, wie unsere Einheit eigentlich hiess, die Bezeichnung wechselte in zehn Jahren bestimmt fünfzehnmal. Auch mein Büro wechselte ich wohl annähernd so oft.

Früher galt die Swiss Re als ein langweiliger, aber zuverlässiger Rückversicherer, bei dem es aber absolut weltklassige Arbeitsbedingungen gab und Leute mit distinguiertem Auftreten, Kultur und Stil wichtig waren. In meiner Zeit hat Walter B. Kiehlholz, heute Vizepräsident der Swiss Re und Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse, aus dieser etwas konservativen, patriarchalen Firma einen Gamblerladen gemacht. Darunter litten auch die Arbeitsbedingungen: Das Rentenalter stieg von 60 auf 63, die lebenslange Krankenkassenfinanzierung für alle Angestellten wurde gestrichen. Früher, wenn es um Geschäfte mit grossen Risiken ging, war der Direktion die Meinung der Belegschaft wichtig, heute werden brillante Querdenker früh pensioniert oder entlassen. In der Firma kursiert der Spruch: Wenn das Kiehlholz oben steht, ist das Schiff am Sinken.

Wischiwaschizeugs

Wir wollten die Grössten sein. Wir sind aber ein Finanzdienstleister, was eigentlich zählt, sind also Dienst und Leistung. Wir können Sicherheit bieten, das ist unser Kapital, damit hätten wir nicht ins Casino gehen sollen. Kielholz und sein CEO Jacques Aigrain, ein ehemaliger Investment­banker, sollten daraus die Konsequenzen ziehen und endlich gehen. Diese Firma geht drauf, wenn dieses Matrix-McKinsey-Wischiwaschizeug nicht durch eine klare, stabile Vertriebsorganisation ersetzt wird! Mit Chefinnen und Chefs, die bereit und fähig sind, wirklich Verantwortung zu übernehmen. Denn im Moment übernimmt niemand irgendwelche Verantwortung.

Es sollte mal untersucht werden, welchen Einfluss Kokain auf die­se Finanzkrise hat. Bei gewissen Leuten in der Swiss Re hatten wir das Gefühl, dass die auf Koks sind, so überdreht waren die. Mit einem klaren Kopf ist es doch nicht möglich, solche haarsträubenden Finanzdeals wie die der letzten Jahre abzuschliessen.

Obwohl wir in der Belegschaft vermuteten, dass es nicht gut herauskommt, haben wir unsere Mitarbeiteraktien trotzdem behalten - ein irrationales Verhalten. Wir hofften halt, dass sich bald etwas ändert. Gleichzeitig hatte niemand den Mut, der Direktion Fragen zu stellen. Auch ich nicht, auch ich bin Mitverursacher dieses Schlamassels. Dass wir über Jahre einfach still auf unseren Stühlen sassen, beschäftigt mich persönlich sehr. Wir waren einfach bequem. Und es wollte sich natürlich niemand blamieren, wenn ein Mathematiker wieder ein neues, hyperkompliziertes Finanzmarktprodukt vorstellte. Keiner sagte dann: «Entschuldigung, aber das ist mir zu hoch!» Alle sagten nur: «Wow, was haben wir hier wieder für ein ausgefeiltes Spielzeug gebastelt!» Und trotz Zweifeln war es immer besser, an diese Modelle zu glauben, denn wir hatten keine Wahl: Es musste richtig sein! Weil sonst - ja, sonst würde das passieren, was jetzt passiert ist.

Ob all dieser Börsenstürze, Pleiten und gigantischen Rettungspakete knallt einem schon der Kiefer auf den Tisch. Dagegen sind Stürme wie Lothar und Katrina - für solche Schadensfälle sind Rückversicherungen ja da - laue Lüft­chen gewesen, Pipifax! Es ist phänomenal: Seit Jahren streiten wir, ob wir uns dies oder das leisten sollen, und in ein paar dunklen Weihnachtstagen werden 60 000 Millionen Franken für die UBS mir nichts, dir nichts durchgewinkt, ­ohne echte politische Debatte, zack!

Kriminelle Energie

Jetzt müssen es wieder die Ärmsten ausbaden. Ich warte auf den Tag, an dem einer der Schweizer Topmanager endlich in den Knast geht. Mir gehts nicht um Rache, aber ein Banker, der mit irgendwelchen Spezialisten, Anwälten und weiss der Geier was irgendein abstruses Konstrukt von Finanzinstrument zusammenbaut, verfügt doch über viel mehr kriminelle Energie als ein kleiner Handwerker, der seine Bilanz ein bisschen fälscht.

Ich will die Branche trotz allem nicht wechseln, ich bin da ziemlich emotionslos. Auch in der Swiss Re würde ich wieder eine Stelle annehmen, wenn sie mir zusagt. Wenn sie finanziell attraktiv ist, auch eine, die mir nicht hundertprozentig gefällt. Wenn ich die Zeitung aufschlage, kommen mir aber schon Existenzängste. Trotzdem rechne ich damit, dass ich in den nächsten Monaten wieder eine Stelle finde. Es gibt immer Verlierer und Gewinner. Vielleicht heilt ja die Zeit gewisse Wunden, und die Märkte erholen sich. Oder vielleicht heisst es bald auch: Die Hoffnung starb zuletzt.»

Sein Handy klingelt, vielleicht eine Anfrage für ein Jobinterview.



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