Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ
Artikel  weiterempfehlen |  drucken | Textgrösse [+] / [-]


Tage der Unruhe

Ein neuer Big Bang?

Von Pit Wuhrer

Überall in Westeuropa gehen an diesem Wochenende Zehntausende auf die Strasse. Und fast überall kooperieren etablierte Organisationen und spontane Basis­initiativen, die vor kurzem noch nichts voneinander wissen wollten.

Es dürfte bunt werden in den nächs­ten Tagen - besonders in London, der Hauptstadt des Finanzkapitalismus. Hier hatte Margaret Thatcher vor über zwanzig Jahren mit einer «Big Bang» genannten Deregulierung die Finanzmärkte sich selber überlassen - und so richtig geknallt hat es ja dann auch, wenn auch erst im letzten Jahr. Um das ein bisschen zu korrigieren, was die frühere Premierministerin angerichtet hat, wird Britanniens Regierungschef und bekennender Thatcher-Fan Gordon Brown nächste Woche die anderen neunzehn Staats- und RegierungschefInnen der G20, der «wichtigsten» Industrie- und Schwellenländer, empfangen. Doch nicht nur er bereitet sich auf den hohen Besuch vor.

Angemeldet hat sich auch eine Vielzahl von Organisationen, Gruppierungen und Ad-hoc-Komitees, die sich das Londoner Bankenviertel zumindest für einen Tag wieder aneignen wollen. Die Londoner Polizei plant bereits massive Einsätze - und dürfte doch Mühe haben, die Lage unter Kontrolle zu behalten. Denn zum Protest aufgerufen haben nicht nur AnarchistInnen, die am 1. April - dem «Tag der Finanztrottel» - unter dem Motto «Bereit zum Aufruhr» ein paar Banken stürmen wollen. Am Vortag des Gipfeltreffens werden auch vier Demonstrationen in einem Sternmarsch zur Bank of England ziehen - angeführt von vier apokalyptischen Reitern, die als Boten eines neuzeitlichen Weltuntergangs (Krieg, Finanzchaos, Klimakatastrophe, Ausbeutung) auftreten.

Vom WWF bis zur Heilsarmee

Die breite Protestallianz mit dem Namen «Kernschmelze in der [Londoner] City» ist nicht allein unterwegs. Öko-AktivistInnen, die in letzter Zeit wiederholt die Rollbahnen britischer Flughäfen blockierten, haben ebenfalls Aktionen im Londoner Bankenviertel angekündigt. Und dann versammeln sich am selben Tag auch noch die Kriegsgegner­Innen der Stop-War-Coalition vor der US-Botschaft, um dem US-Präsidenten Barack Obama zu zeigen, was sie von den Kriegen in Afghanistan, im Irak und in Palästina halten. Der Londoner Polizeichef ist nicht zu beneiden. Denn am nächsten Tag will die Coalition noch zum G20-Tagungsort in den Londoner Docks marschieren. Dort findet, nur wenige hundert Meter vom G20-Treffen entfernt, ein Gegengipfel statt.

Das Spektrum der geplanten Proteste ist beeindruckend - und so umfassend wie die Allianz der Organisationen, die an diesem Samstag in London für Jobs, Gerechtigkeit und eine grüne Ökonomie demonstrieren werden. Selten zuvor haben sich so viele Gruppierungen verbündet: Die Allianz reicht von Gewerkschaften, Hilfswerken wie Oxfam und dem Muslim Council of Britain bis hin zum Tax Justice Network, dem WWF, der Anti-Aids-Kampagne und der Heils­armee. Dass sich so unterschiedliche Gruppierungen zuammenraufen konnten, zeigt: Ein grosser Teil der britischen Bevölkerung hat begriffen, dass die aktuellen Finanz-, Wirtschafts-, Klima- und ­Hungerkrisen keine vor­übergehenden Erscheinungen sind. Und dass die ­Krisen über Jahrzehnte hinweg die sozialen und politischen Verhältnisse bestimmen ­werden.

Generalstreik in Irland?

Diese Erkenntnis hat natürlich auch damit zu tun, dass in Britannien fast jeder Haushalt mittlerweile die Folgen des Crashs spürt. Allein im Februar wurden 150000 Beschäftigte entlassen, die Arbeitslosigkeit nimmt rasant zu, der Wertzuwachs der Immobilien - auf dem ein Grossteil des privaten Konsums basierte - hat sich ins Gegenteil verkehrt, die privaten Pensionskassen (die staatliche Rente ist fast vernachlässigbar) sind praktisch bankrott und stehen mit 330 Milliarden Franken in der Kreide. Und was tut die Labourregierung? Sie verzichtet darauf, die mit Steuergeldern verstaatlichten Banken zu kontrollieren und ihnen eine neue Finanzpolitik zu verordnen. Stattdessen will sie die Post privatisieren, das letzte staatseigene Grossunternehmen.

Ist das Ausmass der Proteste ein Massstab dafür, wie die Bevölkerung die Krisensignale deutet? Die Manifestatio­nen in Irland sprechen für diese ­These. Mitte Februar marschierten 120000 durch Dublin. Eine so mächtige Demonstration hat es in Irland mit seinen 4,4 Millionen EinwohnerInnen (in der Deutschschweiz leben mehr Menschen) schon lange nicht mehr gegeben. Und für den kommenden Montag haben die bisher eher sozialpartnerschaftlich orientierten irischen Gewerkschaften einen Generalstreik angekündigt. Die Angestellten des Service public und viele Beschäftigte des Privatsektors werden nicht nur die Arbeit niederlegen; sie wollen auch Banken, Firmenzentralen und Flughäfen blockieren - sofern das Kabinett nicht noch einlenkt. Denn auch die von der Finanz- und Immobilien­krise (siehe WOZ Nr. 6/09) angeschlagene Regierung sucht ihr Heil in alten Rezepten - und will massive Lohnkürzungen durchsetzen.

Krisen ohne Ende

Auch im krisengeschüttelten Spanien wird am Samstag in vielen Städten demonstriert: «Wir zahlen nicht für eure kapitalistischen Krisen - Zeit für einen Wechsel.» Dasselbe Motto haben die OrganisatorInnen der bundesweiten Demonstrationen in Deutschland (Frankfurt und Berlin) gewählt. Wie in Spanien rufen auch hier viele gewerkschaftliche ­Basisgruppen, Umweltverbände, Hilfswerke und globalisierungskritische Initiativen zur Teilnahme auf - nicht aber die grossen Gewerkschaften. Gerade jetzt könne man sich keinen Flop leisten, argumentieren die SPD-nahen Vorstände des Gewerkschaftsbunds DGB, der IG Metall und der Dienstleis­tungsgewerkschaft ver.di; es könnten ja zu wenig Leute auf die Strasse gehen. Das ist durchaus möglich. In Deutschland pendelt die Stimmung zwischen Empörung, Angst und der Erkenntnis, dass es im Kapitalismus halt immer so war, dass «wir da unten alles ausbaden müssen». Noch ist die Wut nicht gross, noch hoffen viele, dass «Deutschland gestärkt aus der Krise hervorgeht» (wie Bundeskanzlerin Angela Merkel am Wochende versicherte), noch verhindert die Verlängerung der Kurzarbeit von sechs auf achtzehn Monate Massenentlassungen, noch glauben die deutschen Gewerkschaftsbosse, dass sie die Basis mal einbeziehen und dann deren Protest je nach Gusto wieder ausknipsen können.

Und so tun auch sie, als sei da nichts gewesen. Dabei sind die Konsequenzen der staatlichen Massnahmen zur Rettung der Banken und der Konjunktur absehbar: Der Staat braucht Geld, kürzt sein Budget - und verkauft, was den BürgerInnen noch gehört. Verhindern kann so was nur eine breite Bewegung. Ansonsten blüht auch dem Norden, was die Weltbankdirektorin Ngozi Okonjo-Iweala Anfang dieser Woche in einem verzweifelten Appell an den G20-Gipfel für die Staaten im Süden prophezeite: soziale Unruhen und politische Krisen ohne Ende.

TopTop

Inhalt Dossier «Finanzkapitalismus»

WOZ vom 24.11.2011

Kommt es wieder zum Kollaps? Muss die UBS bald erneut vom Staat gerettet werden?

WOZ vom 10.11.2011

Occupy Obama! Der US-Präsident wird nicht um eine Konfrontation mit der Occupy-Bewegung herumkommen

Occupy Paradeplatz: Die Bewegung braucht jetzt Mut zu ein paar Entscheidungen

WOZ vom 15.09.2011

Der Franken und der Sonderfall: Wie die Schweizer Politik auf die Finanzmarktkrise reagiert

WOZ vom 23.06.2011

Bankenrettung 2.0: Die Eurostaaten beraten über ein zweites Rettungspaket für Griechenland. Wo liegen die Ursachen dieser Krise? Wer bezahlt, wer verdient?

WOZ vom 02.06.2011

Too big to fail: Wie die Regulierung funktionieren soll, wie die PolitikerInnen reagieren und die Grossbanken Druck machen

WOZ vom 02.12.2010

Rettungsschirm im Finanzsturm: Mit ihren Rezepten wird die EU ihren angeschlagenen Mitgliedsstaaten nicht aus der Patsche helfen

WOZ vom 04.11.2010

Banker im Aufwind: Der Schweizer Finanzplatz erkauft sich einen Aufschub und tritt wieder aggressiv auf

WOZ vom 28.10.2010

Schuld sind wieder die anderen: Ein Buch berichtet über die «strukturierte Verantwortungslosigkeit» in der Bankenwelt

WOZ vom 07.10.2010

Bei falscher Diagnose nützt die beste Medizin nichts: Die neuen Regeln für Grossbanken gehen am Kern der Sache vorbei

alle Artikel zum Dossier