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Energie

Mein kleines Kraftwerk

Von Heini Glauser

Warum die Zukunft der Energieversorgung nicht in grossen Gaskraftwerken und AKW liegt, sondern in der dezentralen Produktion - und was es dazu braucht.

Letzte Woche gab Heinz Karrer, der Chef des grössten Schweizer Strom­unternehmens, der Axpo, bekannt, dass das Unternehmen vorläufig darauf verzichte, zwei grosse Gaskraftwerke in Perlen LU und Pratteln BL zu bauen. Die politischen Rahmenbedingungen, die durch den Bundesrat und das Parlament vorgegeben wurden, seien zu streng. Dieser Entscheid ist gut für das Klima, und er spart Energie. Denn die beiden Axpo-Gaskraftwerke würden pro Jahr 2,5 Millionen Tonnen CO2 ausstossen und ihre Abwärme - sie entspräche dem Wärmebedarf von 200 000 unisolierten Einfamilienhäusern - wäre kaum zu nutzen.

Karrer hätte bei dieser Gelegenheit gleich auch noch die AKW-Pläne der Axpo sistieren sollen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist der Bau von neuen AKW nämlich viel riskanter als der Bau eines Gaskraftwerks und der politische Widerstand viel grösser. Und eine gigantische Energieverschwendung wäre es ausserdem: Ein AKW würde neben grossen Mengen Atommüll siebenmal mehr Abwärme produzieren als die beiden sistierten Gaskraftwerke oder so viel Abwärme wie vierzig Prozent aller schweizerischen Wohnbauten.

Mit dem Verzicht auf die beiden Gaskraftwerke will Karrer aber genau das Gegenteil erreichen: Er will politischen Druck machen und die Bevölkerung dazu bringen, neue AKW zu akzeptieren. Dazu wiederholt er die Energie­politik der siebziger Jahre: Stromengpässe prognostizieren, Optionen sistieren und dann die AKW-Lösung aus dem Hut zaubern. Es sei wichtig, dass sich die Schweizer Bevölkerung schnell klar werde, wie sie die Energieversorgung der Zukunft gestalten wolle, sagte Karrer letzte Woche. Die Axpo wolle bis Ende 2008 die Grundlagen für ein AKW-Rahmenbewilligungsgesuch erarbeiten.

Indem Axpo den Bau der Gaskraftwerke sistiert, versucht sie aber auch das CO2-Gesetz und die darin geforderten Kompensationsmassnahmen zu unterlaufen. Statt Klimaschutz will sie einen Freipass für fossile Grosskraftwerke in der Schweiz. Druck wird vom schweizerischen Strombusiness auch für weitere Grossanlagen wie Pumpspeicherwerke (Grimsel KWO plus) und die für ihren Betrieb notwendigen Hochspannungsnetze aufgebaut.

Mit seiner Strategie stellt sich Karrer aber gegen grosse Teile seiner Kundschaft. Knapp die Hälfte der Bevölkerung lehnt AKW grundsätzlich ab. Ein weiterer Teil findet AKW zwar notwendig, würde aber bei genügend Alternativen gerne darauf verzichten. Ähnlich dürfte die Stimmung gegenüber grossen Gaskraftwerken aussehen. Eine Mehrheit der Bevölkerung möchte eine andere Stromversorgung, auf Basis erneuerbarer Energien und von effizienten Geräten. Wenn Karrer die KundInnen also ernst nehmen will, braucht es grosse Investitionen in erneuerbare Energien, vor allem Sonne und Biomasse, ernsthafte Beiträge und Anreize für effizienten Stromverbrauch und eine dezentrale Stromproduktion in kleinen und mittleren Anlagen.

Selbst Gas lässt sich in den Jahrzehnten bis zur Umstellung auf eine vollständig erneuerbare Stromproduktion besser als in grossen Gaskraftwerken einsetzen. Das zeigt die Atel, die grösste Konkurrentin der Axpo. In Monthey baut sie ein mittelgrosses Gaskraftwerk mit sechzig Megawatt elektrischer Leis­tung. Die Abwärme wird dort in Industrieanlagen genutzt. Mit dieser kombinierten Strom- und Wärmeproduktion liegt der CO2-Ausstoss pro genutzte Energieeinheit um ein Drittel tie­fer als bei den von der Axpo nun sistierten Gaskraftwerken ohne Wärmenutzung. Gegenüber durchschnittlichem Eurostrom (inklusive Schweizer Strom) mit 400 bis 500 Gramm CO2 pro Kilowattstunde und einem Drittel Atomstromanteil wird dieses Atel-Kraftwerk mit Wärmenutzung eine Umweltbelas­tung von «lediglich» 250 Gramm CO2 pro Kilowattstunde verursachen.

Neben solchen industriellen Wärmekraftkopplungsanlagen (WKK), wie sie die Atel in Monthey erstellt, können kleinere und kleinste WKK-Anlagen in jeden Heizkeller gestellt werden. Statt einen alten Heizkessel durch einen neuen Heizkessel zu ersetzen, der wieder­um nur niedertemperaturige Wärme erzeugt, lohnt es sich aus Energie- und Umweltgründen eine WKK-Anlage zu installieren. Die Anlage läuft, wenn im Haus Wärme benötigt wird, und dank eines Warmwasserspeichers kann der Betrieb auf die Stunden mit hohem Bedarf konzentriert werden. Eine grosse Anzahl solcher dezentraler WKK-Anlagen kann Atom- und grosse Gaskraftwerke, Netzausbauten und neue Pumpspeicherkraftwerke ersetzen. Pro Jahr werden in der Schweiz rund 50 000 Heizungen erneuert.

Die vorläufige Krux für diesen dezentralen Energiepfad liegt bei den Investitionen. Da darf nicht auf IdealistInnen gehofft werden. Ein Teil der zehn Milliarden Franken Investitionen, die die Axpo bis 2020 in Kraftwerke und Netze investieren will, ist nötig für die Finanzierung der dezentralen und erneuerbaren Stromproduktion. Mit drei Milliarden Franken Investitionen in dezentrale WKK kann bis 2020 die gleiche Leistung erzeugt werden wie durch ein neues AKW. Mit weiteren drei Milliarden Franken Investitionen in Solarstromanlagen und Biomasse-WKK liesse sich ein substanzieller Teil Stromproduktion auf erneuerbare Energien umstellen. Wichtigster Nebeneffekt dieses dezentralen Stromproduktionspfades wäre der Gewinn an Know-how und ein starker Industrie- und Gewerbebereich im Bereich der erneuerbaren und dezentralen Energiegewinnung. Die Kantone, als Besitzer der Axpo, müssen den unbelehrbaren Axpo-Chef Karrer zurückpfeifen und beweisen, dass sie den Klimaschutz und den Volkswillen ernst nehmen und deshalb auf eine dezentrale und auf erneuerbaren Ressourcen basierende Energieproduktion setzen.



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