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Landwirtschaft in Paraguay

Mehr Soja - weniger Regen

Von Reto Sonderegger, Tekojojá

Monokulturen und Profitsucht zerstören die Lebensgrundlage der BäuerInnen - und sind verantwortlich für spürbare Klimaveränderungen.

Ende Oktober hat in Paraguay die Saison für die Sojaaussaat begonnen. Seither kommt es wie schon in früheren Jahren zu Protestaktionen von KleinbäuerInnen. Sie wollen verhindern, dass die SojafarmerInnen ihre Felder mit Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln besprühen. Viele Soja­produzentInnen ignorieren jegliche Umweltschutzbestimmungen, werden aber von der Polizei und privaten bewaffneten Milizen beschützt.

Damit die gentechnisch veränderten Sojapflanzen überhaupt noch angebaut werden können, müssen immer mehr Chemikalien eingesetzt werden, da die Anbauflächen bereits nach kurzer Zeit ausgelaugt sind. Doch damit zerstören die FarmerInnen auch die Lebensmittel­produktion der in der Umgebung lebenden KleinbäuerInnen. Die Chemikalien vergiften die Wasserläufe und zerstören die Artenvielfalt. Durch grossflächige Rodungen wird das bereits stark gestörte ökologische Gleichgewicht zusätzlich beeinträchtigt.

Die Basisbewegung Movimiento Agrario y Popular (MAP) setzt sich in ganz Paraguay für die Rechte von KleinbäuerInnen und Landlosen ein. Auch in der Gemeinde Tekojojá im Departement Caaguazú organisiert der MAP den Widerstand und den Kampf gegen den Sojaanbau. In Tekojojá leben rund 200 Familien. Die Gemeinde erlangte im Juni 2005 eine traurige Berühmtheit. Damals räumten brasilianische SojafarmerInnen, die einen Grossteil der Plantagen in Paraguay kontrollieren, zusammen mit StaatsanwältInnen, der Polizei und bewaffneten Schlägern das Dorf. Dabei wurden 56 Häuser niedergebrannt, die Feldkulturen platt gewalzt, 150 Personen verhaftet und zwei Bauern erschossen.

Jetzt erst recht

Die Medien verbreiteten die Version, wonach es sich um ein Feuergefecht zwischen Beamten und einer BäuerInnenguerilla gehandelt habe. Nur dank der Fotos eines kana­dischen Anthropologen konnte dies richtiggestellt werden. Nach zwei Tagen schliesslich durften alle Verhafteten zurückkehren, der Mörder der beiden Bauern ist vermutlich nach Brasilien geflüchtet.

Für Jorge Galeano, einer der Mitgründer des MAP, kam ein Aufgeben nie infrage: «Wo sollten wir denn hingehen? Etwa in eine der grossen ­Städte oder gleich ins Ausland, wo schon Hunderttausende unserer Landsleute leben?», fragt er, und weiter: «Damit am Schluss in ganz Paraguay Futter für europäische oder chinesische Tierfabriken und Agrodiesel für den Mobilitätswahn im Norden produziert werden?»

Der MAP erreichte, dass die nationale Wohnungsbaukommission in Tekojojá neue Häuser errichten musste. Zudem gewann der MAP im ­September 2006 vor dem Obersten Gericht einen Prozess gegen die nationale Agrarreformbehörde, die über Jahre hinweg Landbesitz illegal an brasilianische Soja­farmerInnen verkauft hatte.

Profit statt Reform

Trotz der Erfolge bleibt vieles unverändert. Am 24. August wurde ein Landlosencamp des MAP auf Anordnung des Umweltstaatsanwaltes geräumt. Die sechzig Familien hatten zuvor bei der Umweltbehörde das Abholzen von 800 Hektar Restwald auf dem Grossgrundbesitz von Sapriza Núnez angezeigt. Der Wald war gerodet worden, um noch mehr Fläche für den Soja­anbau zu schaffen.

Laut Joel Barrios, Gründer des Biolandbaukomitees in Tekojojá, ist im pa­ra­guayischen Umweltgesetz festgelegt, dass die SojafarmerInnen zu Strassen und Häusern einen Abstand von hundert Metern einhalten müssen. Ausserdem müssen sie am Rand ihrer Ländereien Baumreihen zum Schutz vor den Chemikalien pflanzen. Doch davon ist nichts zu sehen. «Unsere Gesundheit ist ihnen egal», sagt Barrios. «Oft werden unsere Subsistenzkulturen zerstört. Nutztiere sterben oder bringen tote und missgebildete Junge auf die Welt.» Auch die Menschen sind betroffen. In den Gebieten um die Sojafelder kommt es häufig zu Fehlgeburten. Immer wieder werden auch Kinder mit Missbildungen geboren. Inzwischen reisen Schwangere, wenn sie es sich leisten können, zu Verwandten in andere Landesteile.

Abhängig von Soja

Trotzdem lehnte das paraguayische Parlament mit grosser Mehrheit Ende August ein neues Pestizidgesetz ab, das von BäuerInnenorganisationen und nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) ausgearbeitet worden war. Die SojafarmerInnen hatten mit einer Traktorblockade der Hauptstadt Asunción gedroht, falls das Gesetz angenommen werde. Sie bezeichneten den Vorschlag als «Antiproduktionsgesetz», die KleinbäuerInnen betrachten sie als ein Hindernis für den Fortschritt.

Die paraguayische Wirtschaft hängt immer stärker von den Sojaexporten ab. In der ersten Hälfte dieses Jahres machten sie bereits über vierzig Prozent der Exporte aus. Dennoch gibt es laut Miguel Lovera, Präsident der Umweltschutzorganisation Global Forest Coalition, in Paraguay noch immer keine gesetzliche Grundlage für den Anbau von transgener Soja: «Sie wurde illegal aus Argentinien eingeführt, wo der damalige Präsident Carlos Menem bereits 1996 den Anbau gentechnisch veränderter Soja zugelassen hatte.» Erst als in Paraguay schon zwei Drittel der Anbauflächen mit dem gentechnisch veränderten Sojasaatgut besetzt waren, sei die Produktion legalisiert worden.

Miguel Lovera führt weiter aus, dass «von den zehn Millionen Hektaren Wald, die die Ostregion noch vor dreissig Jahren bedeckten, nur noch 300 000 Hektaren übrig sind.» Zusammen mit den Sojamonokulturen hat dies zu Veränderungen des Wasser- und Regenhaushaltes sowie zu extremen Temperatur­schwankungen geführt.

Diesen Klimawandel spüren auch die KleinbäuerInnen immer mehr. ­Joel Barrios aus Tekojojá ist der Verzweiflung nahe: «Seit fünf Monaten hat es nicht mehr geregnet. Wir konnten nicht aussäen und haben nur noch Maniok im Boden. Ich habe Fruchtbäume, die ich hier pflanzen will. Aber bei der Trockenheit kann ich nichts machen.»

Das Biolandbaukomitee in ­Tekojojá hat diesen Sommer Kurse in alternativen Landbaumethoden, biologischer Schädlingsbekämpfung, Mischkulturen und Agroforstsys­temen organisiert. Doch die Klimaveränderung hat den Elan gebremst. «Und wenn der Regen dann endlich kommt, müssen wir uns zuerst gegen die Sojafarmer wehren.»

Während die SojaunternehmerInnen um die Rückendeckung in der Politik wissen, leben die AnführerInnen der Bäuer­Innenorganisationen in Angst. So bleibt Jorge Galeano vorerst in Asunción, weil er Todesdrohungen erhalten hat. Dort versucht er, die Medien, NGOs und PolitikerInnen für die Sache des MAP zu gewinnen.

Laut Galeano ist die Lage sehr ernst. «Vor kurzem sind drei Staatsanwälte mit der Polizei nach Tekojojá gekommen.» Für sie seien die neuen Häuser kein Hinderungsgrund für eine weitere Räumung, sagt Galeano. Allerdings hat sich der Widerstand in Tekojojá bereits bis ins nördlich angrenzende Departement San Pedro herumgesprochen. Auch dort beginnen sich nun KleinbäuerInnen gegen die Sojaaussaat und die Anwendung von chemischen Pflanzenschutzmitteln zu wehren.



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