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Klima und Gesellschaft

Funken einer besseren Welt

Von Bettina Dyttrich

Wärmer wird es auf jeden Fall – auch im Winter. Wie kann man den Katastrophenprognosen begegnen, solange noch zu viele denken, mit Minergiehäusern und Hybridautos sei die Welt zu retten?

Wir haben, so scheint es, vor allem ein technisches Problem. Denn in der Klimadebatte wird viel über Technik gesprochen: über Revolutionen in der Energieversorgung und über Pläne, das CO2 im Boden zu speichern. Auch viele Linke und Grüne hoffen darauf. Kein Wunder: Jene, die sich eingehender mit der Klimaerwärmung beschäftigen, haben häufig einen technisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund. Sie verfügen über viel Ingenieurswissen, aber haben sich wenig mit der Komplexität von Gesellschaften auseinandergesetzt. Die GeisteswissenschaftlerInnen hingegen sind mit kulturellen Fragen beschäftigt und kümmern sich nicht um so «banale» Themen wie Energieversorgung.

Doch die entscheidenden Fragen, die die Klimakatastrophe aufwirft, sind nicht nur technischer, sondern auch sozialer und kultureller Natur: Wie geht eine Gesellschaft mit knapperen Ressourcen und einem chaotischen Klima um? Wie bereitet sie sich auf die unvermeidlichen Verteilungskämpfe vor? Welche politischen Veränderungen drängen sich auf? Wie ist ein gutes Leben mit viel weniger Energie- und Materialverbrauch möglich?

Kapitalismus wie gehabt

Es gibt bisher kaum Diskussionen über diese Fragen. Aus dem Augenwinkel nehmen wir Katastrophenprognosen wahr, dann geht es weiter wie bisher. Die einen warten gerade auf einen Krippenplatz, und bis sie einen bekommen, haben sie sowieso keine Zeit. Die anderen wissen nicht, wie sie die Krankenkassenprämien bezahlen sollen, und leiden unter Schlafstörungen, weil die Autos vor dem Schlafzimmerfenster dröhnen. Einer fürchtet, dass sein Sohn keine Lehrstelle findet, weil er einen bosnischen Namen hat. Die andere nimmt Antidepressiva, weil sie so allein ist.

Die Gegenwart ist Zumutung genug. Wer will da noch Horrormeldungen über die Zukunft des Klimas hören?

Es wird erst Bewegung in die Klimafrage kommen, wenn sie nicht mehr nur vom Klima handelt. Bisher entwickelten ökologische Bewegungen immer dann Kraft, wenn es um mehr als um ein paar technische Verbesserungsvorschläge ging: nämlich um einen anderen Alltag. Die Anti-Atomkraftwerk-AktivistInnen von einst wollten viel mehr als nur eine bestimmte Sorte Kraftwerke verhindern. Jede wichtige Bewegung nimmt etwas von dem vorweg, was sie erreichen will. In ihrem Alltag muss ein Funken jener besseren Welt spürbar sein, auf die sie hinarbeitet. Eine solche Bewegung zum Klima ist bisher (zumindest hierzulande) noch nicht entstanden. Das hat auch mit der Institutionalisierung der Umweltszene in den letzten Jahrzehnten zu tun. In professionellen, hierarchisch geführten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Bundesämtern erloschen die Funken, auch wenn der gesellschaftliche Einfluss scheinbar wuchs. Die grossen Fragen wurden auf Probleme von Technik und Public Relations (PR) reduziert.

Und so fordern jene, die sich zum Klima überhaupt zu Wort melden, vor allem eines: dass es weitergeht wie bisher – mit Minergiehäusern und Hybrid­autos und neuen Klimaschutzabkommen, aber mit dem gleichen Kapitalismus wie gehabt. Der Zürcher Grüne Balthasar Glättli fragte letztes Jahr im «Widerspruch» zu Recht, «ob eine system­immanent gedachte ‹ökologische Marktwirtschaft› unter dem Leitstern einer technokratisch verstandenen Nachhaltigkeit jene politische Kraft des Wandels freisetzen kann, welche angesichts der heutigen dramatischen Problemlage erforderlich ist».

Grüner Konsum hilft nicht

Es hat keinen Sinn, auf internationale Verhandlungen zu hoffen, solange dort das Entscheidende nicht infrage gestellt wird: eine Wirtschaftsform, die ihre eigenen Grundlagen zerstört, weil sie zu unaufhörlichem Wachstum gezwungen ist. Und auch der «grüne Konsum» wird die Welt nicht retten. Er bringt zwar sinnvolle Arbeit und gute Produkte für einige, aber er wird den Kapitalismus nicht grundsätzlich verändern. Solange wir ein System haben, in dem grosse Mengen von Kapital nach Anlagemöglichkeiten suchen, wird immer jemand in ausbeuterische Projekte investieren. Daran ändert auch ein erfolgreicher «grüner» Sektor nichts.

Wenn weder Regierungen noch Wirtschaft die dringenden Veränderungen in die Wege leiten können, wer dann? Vielleicht die Menschen selbst. Selbsthilfe, Selbstorganisation und Selbstverwaltung, die libertären Traditionen der Linken, sind heute aus linken Parteiprogrammen verschwunden. In der Praxis haben sie dennoch weitergelebt, vor allem in ärmeren Ländern. Aber auch bei uns betreiben Menschen gemeinschaftliche Landwirtschaft, entwickeln etwa freie Software oder bieten in einer besetzten Schule unentgeltlich Kurse an. Eine Klimabewegung könnte hier anknüpfen. Sie könnte versuchen, Strukturen für schwierige Zeiten aufzubauen und gleichzeitig die Probleme der Vereinzelung, Entfremdung und Sinnlosigkeit anzupacken. Rudi Berli vom Genfer Gemeinschaftsgartenprojekt Jardins de Cocagne formuliert es so: «Die Leute werden Teil eines Beziehungsnetzes, das über die Nahrung einen Inhalt bekommt. So können sie die verbreiteten Gefühle von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein durchbrechen.»

Hilfreich beim Nachdenken ist ein im Rotpunktverlag erschienenes Büchlein von André Gorz, dem 2007 verstorbenen französischen Philosophen mit Wiener Wurzeln: «Auswege aus dem Kapitalismus». In einem seiner letzten Texte beschrieb Gorz, wie in den modernen, extrem arbeitsteilig organisierten Gesellschaften das Sinndefizit schon angelegt sei: Das spezialisierte Wissen der Einzelnen enthalte «keine ausreichenden kulturellen Ressourcen mehr, um den Individuen die Möglichkeit zu geben, sich in der Welt zu orientieren, dem, was sie tun, einen Sinn zu geben oder den Sinn dessen, wozu sie beitragen, zu verstehen». Das System «überwuchere» die dem sinnlichen Erfassen zugängliche Welt. «Es nimmt den Individuen die Möglichkeit, eine Welt zu haben und sie gemeinsam zu haben.»

Vorbereiten ist Widerstand

Die ökologischen Bewegungen interpretierte Gorz als Reaktion gegen diese Entwicklung. Er wusste aber, dass das Unbehagen auch nach rechts führen kann: «Auch Chauvinismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus sind Ablehnungen der unbegreiflichen und bedrohlichen Komplexität einer sich verändernden Welt. Sie erklären das Verschwinden deren vertrauten Gefüges mit der Verschwörung fremder unheilvoller Kräfte und der Korruption der herrschenden Kreise.»

Wenn diese Einschätzung stimmt, dann braucht es gar keine Wirtschaftskrise, um rechte «Lösungen» populär zu machen. Auf die Schweiz bezogen trifft das zu: Auch während Zeiten guter Konjunktur sind Asylgesetze verschärft worden und fanden ausgrenzende Vorlagen häufig grosse Zustimmung. Dass sich die «bedrohliche Komplexität» in Krisenzeiten verschlimmert, liegt auf der Hand. Wenn Gorz recht hat, heisst das aber auch: Versuche, den Alltag solidarisch zu organisieren, sind aktive Faschismusprävention. Auch sie werden wohl weder das Ende des Kapitalismus herbeiführen – das kann Peak Oil besser – noch die Klimaerwärmung verhindern. Für Letzteres ist es sowieso zu spät: Wärmer wird es auf jeden Fall. Die Vorbereitung darauf sollten wir aber lieber nicht den Mächtigen überlassen. Und Vorbereitung kann zugleich Widerstand sein.

Lernen können wir von jenen, die schon mittendrin stecken. Dort, wo sich Klima-, Wirtschafts- und Ernährungskrise zu einer einzigen grossen Krise zusammengebraut haben: im globalen Süden. KlimaaktivistInnen aus dem Süden zu treffen, ist jedes Mal eindrücklich. Zum Beispiel die Karawane, die an der Klimakonferenz in Kopenhagen Klimagerechtigkeit einfordert (siehe WOZ Nr. 49/09). Was diese Menschen aus Indien, Paraguay oder Mexiko erzählen, ist grauenhaft. Aber wie sie es erzäh­len ... Beim Zuhören mischt sich die Angst, dass es bei uns bald ähnlich schlimm wird, mit einer unerwarteten Hoffnung. Der Hoffnung, dass ein würdiges Leben auch unter schwierigsten Umständen möglich ist.

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