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Afghanistan: Schaler Frieden zu einem hohen Preis
Gestutzte Bärte, alte Schnäuze und ein neuer Hut / Neue Machthaber, neue Flüchtlinge.
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Der Weg zur heutigen oberflächlichen Stabilität in Afghanistan ist mit faulen Kompromissen, uneingelösten Versprechen und Propagandalügen gepflastert.
Sein Bildnis ist allgegenwärtig. Ahmad Schah Massud, der Löwe des Pandschir, der Held des antisowjetischen Widerstands, der nach dem Abzug der Sowjettruppen in einem sinnlosen Fraktionskrieg ganze Stadtteile des einst blühenden Kabul in Schutt und Asche legte. Er blickt von jeder Strassenkreuzung herab, ziert jede Amtsstube, jedes zweite Schaufenster. In der Nacht werden seine Porträts von Kränzen blinkender Lämpchen umrahmt. Bevorzugte Darstellung: staatsmännische Pose, mit einem verklärten Lächeln, den Blick weit in die Ferne gerichtet. Strassenhändler verkaufen Teppiche mit dem Konterfei des betenden Kriegsherrn, Jugendliche tragen T-Shirts mit der Aufschrift «Hero of Afghanistan», und auf dem zentral gelegenen Bibi-Mahro-Hügel, von wo er Anfang der neunziger Jahre die Stadt unter Feuer nahm, wird ihm zu Ehren eine gigantische Gedenktafel errichtet. Die männlichen Einwohner von Kabul, zu Taliban-Zeiten in einen Turban gehüllt, tragen jetzt vorzugsweise den Pakol, den runden wollenen Hut, der das Haupt Massuds schmückte. Sie haben in bitterer Erfahrung gelernt, wie wichtig es ist, die Fahne in den Wind zu hängen. Die im Herbst von französischen Journalisten gegründete Zeitschrift «Les Nouvelles de Kaboul» überbietet sich in peinlichen Lobeshymnen auf den Kriegsherrn. Jeder versucht auf seine Weise, aus dem im September letzten Jahres Ermordeten Kapital zu schlagen.
Die bewaffneten Milizen, die in ihren fabrikneuen Geländewagen rücksichtslos durch die Strassen Kabuls brausen, haben ein Foto des Kommandanten an die Windschutzscheibe geklebt - um Kontrollen zu entgehen, wie man sich erzählt. Doch das haben sie gar nicht nötig: Sie, die Kampfgefährten Massuds aus dem Pandschir-Tal, sind die neuen Herren des Lan- des. Dank den Bomben der USA. Dass in der Übergangsregierung nicht Präsident Hamid Karsai, sondern Verteidigungsminister Mohammed Fahim und die «Pandschiri»-Fraktion den Ton angeben, bleibt niemandem verborgen. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Porträt Karsais in der Öffentlichkeit nicht annähernd so präsent ist wie jenes von Massud. Die Einwohner von Kabul wissen genau, dass sie dem Stärkeren ihre Loyalität bezeugen müssen und nicht jenem, dem sie persönlich den Vorzug geben würden. «Wäre Massud nicht ermordet worden, hätte es nie Frieden gegeben», sagt Dschawed A., dessen Familie vor Massuds Willkürherrschaft aus dem Pandschir-Tal nach Kabul geflüchtet ist: «Er hätte nie fremde Truppen im Land geduldet.» Die Pandschiris, die seit dem Fall der Taliban die Hauptstadt dominieren, sind den alteingesessenen Kabulern verhasst. Sie seien primitiv, ungebildet, kriegsbesessen, so das verbreitete Vorurteil. Die Untaten von Massuds Männern und anderen Mudschaheddin-Fraktionen im Kabul der neunziger Jahre, nach dem Fall der prorussischen Regierung, sind keineswegs vergessen. Sie sind mitschuldig daran, dass die Taliban 1996 beim Einzug in die Stadt mit Blumen begrüsst wurden, in der Hoffnung, dass nun wieder Recht und Ordnung einkehrten. Die zur Schau gestellte Verehrung des Kommandanten Massud ist hier, in der kriegsversehrten afghanischen Hauptstadt, blanker Hohn.
Sehnsucht nach Dr. Nadschib
Kabul, Anfang November. Die Stadt platzt aus allen Nähten. Auf den Basaren herrscht dichtes Gedränge, die Strassen sind hoffnungslos verstopft, Kleingewerbe aller Art schiesst überall aus dem Boden: Velowerkstätten, Fotostudios, Bäckereien, Schaschlikbuden, Teppichknüpfereien. Buchhändler halten neben neu gedruckten Koranausgaben alte Wörterbücher feil, Persisch-Russisch, die wie alle in der Sowjetunion gedruckten Bücher stark nach Farbe riechen. In Trümmern hausen zurückgekehrte Flüchtlinge in Zelten aus Lumpen. Im Exil zu Geld gekommene RückkehrerInnen bauen ihre zerstörten Häuser wieder auf. Auf den Dächern der Lehmhäuser lassen Knaben bunte Drachen steigen. Mit künstlichen Blumen geschmückte Autos einer Hochzeitsgesellschaft fahren hupend durch die Stadt. Der Rest der Gäste tanzt auf dem Dach eines klapprigen Busses. Blaue, gesichtslose Schemen huschen vorbei. Nach wie vor wagen nur wenige Frauen, ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zu zeigen. Das afghanische Fernsehen sendet allabendlich neben Verlautbarungsjournalismus Musikprogramme von fast unerträglichem Kitsch, mit Sängern aus kommunistischer Zeit. Statt der heute üblichen Bärte tragen sie wohl gepflegte Schnäuze und halblange Haare. Aufgezeichnet wurden die Schnulzen in dem von den sowjetischen Freunden gebauten Haus der Kultur, das seit Jahren in Trümmern liegt. Die Zeit unter Dr. Nadschib, wie der letzte kommunistische Staatspräsident Mohammed Nadschibullah fast zärtlich genannt wird, erscheint den AfghanInnen heute wie ein schöner ferner Traum.
Ab und zu schluckt das tiefe Brummen eines Kampfhelikopters der International Security Assistance Force (Isaf) jedes andere Geräusch. Anzutreffen sind die ausländischen SoldatInnen am ehesten beim Shopping in der legendären «Chicken Street», einem orientalischen Souvenir-Basar wie aus dem Bilderbuch. Die bartlosen, glatten Gesichter der Soldaten wirken zwischen all den bärtigen Gestalten mit ihren dunklen, zerfurchten Antlitzen fast obszön nackt. Unweit vom Markt blockiert die Isaf mit ihren schweren Militärfahrzeugen und ihrer westeuropäisch-manierlichen Fahrweise eine Strassenkreuzung. «Hier gelten keine Verkehrsregeln, das ist ein freies Land», pflegen die afghanischen Automobilisten zu sagen. Und halten sich daran. Dem Isaf-Soldaten, der ausgestiegen ist und verzweifelt mit den Armen rudert, um den Verkehr in geregelte Bahnen zu leiten, wird keine Beachtung geschenkt.
Nach dem frühen Einbruch der Dunkelheit sind die Strassen wie leer gefegt. Taxis, FussgängerInnen, Busse sind verschwunden. Am Morgen machen Gerüchte über geplünderte Häuser, Überfälle, entführte Frauen die Runde. In die afghanische Polizei hat die Bevölkerung wenig Vertrauen. Die Beamten steckten mit Kriminellen unter einer Decke, lautet die vorherrschende Meinung. Wenden sich die Geschädigten voller Hoffnung an die Isaf, werden sie an afghanische Ordnungshüter verwiesen. Die internationale Schutztruppe patrouilliert, überwacht, unterstützt. Die eigentlichen polizeilichen Aufgaben verbleiben bei den afghanischen Behörden. Die Isaf hat sich entschlossen, an strategisch wichtigen Punkten in und um Kabul mit den unzähligen Kontrollposten bewaffneter Milizen - verwegene Gesellen mit locker um die Schulter gehängtem Gewehr - zusammenzuarbeiten. Von Entwaffnung kann vorerst keine Rede sein. «Man kann nicht nur auf die neue afghanische Armee setzen (die sich erst im Aufbau befindet, ju.) und die ehemaligen Mudschaheddin völlig vernachlässigen», erklärt Brigadegeneral Manfred Schlenker, der das Kommando über das deutsche Isaf-Kontingent führt. «Das ist ein Potenzial, das sich sonst enttäuscht fühlen könnte, mit unabsehbaren Folgen für die Sicherheit.»
Warlords, Garanten der Sicherheit
Die Präsenz der knapp 5000 SoldatInnen zählenden Isaf und ihr Beitrag zur Stabilisierung wird von der Bevölkerung Kabuls durchaus geschätzt - auch wenn böse Zungen behaupten, die geringe Zahl reiche im Krisenfall gerade dazu aus, die anwesenden AusländerInnen zu evakuieren. Ohne die ausländische Truppenpräsenz würden die verschiedenen bewaffneten Gruppen sofort wieder aufeinander losgehen, so eine unter AfghanInnen weit verbreitete Ansicht. Der Wunsch nach einer Ausweitung des Isaf-Mandats auf ganz Afghanistan ist nach wie vor gross, von Regierung wie Bevölkerung. Doch wahrscheinlich ist es dafür schon zu spät: Das Machtvakuum, das die Taliban in den Regionen hinterlassen haben und das die schwache Zentralregierung nicht zu schliessen vermag, wird längst von lokalen Milizenchefs ausgefüllt. Aus deren kleinen Königreichen dringen Berichte über Willkür, private Gefängnisse, Folter, Verfolgung von Minderheiten, Kämpfe zwischen rivalisierenden bewaffneten Gruppen, Wegelagerei. Statt ihre Aktivitäten zu unterbinden, unterstützten die US-Truppen diese lokalen War-lords gar noch. Die bei gemeinsamen Aktionen gegen angebliche Al-Kaida-Kämpfer erbeuteten Waffen leiteten sie an die lokalen Machthaber weiter. «Die Sicherheit wurde in die Hände jener gelegt, die sie am meisten bedrohen», bringt es die US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in ihrem jüngsten Bericht auf den Punkt.
Die Chancen für eine Ausweitung des Isaf-Mandates auf ganz Afghanistan sind gering, sogar nachdem die USA ihren Widerstand dagegen offenbar aufgegeben haben. Niemand sei bereit, die dafür notwendigen Truppen und Finanzen bereitzustellen, sagt Schlenker. Er gibt zu bedenken, was für Unsummen eine solche Operation verschlingen würde, in einem Land, in dem Güter praktisch nur in der Luft transportiert werden können. «Das schaffen wir nicht.» Die Vorstellung, dass ein paar hundert Isaf-Soldaten genügen würden, um Recht und Ordnung wiederherzustellen, sei naiv. Ausserdem würde das Geld viel besser in den Wiederaufbau und in die Schaffung von Arbeitsplätzen investiert. «Damit würde sich so manches Problem wie von selbst lösen.» Investitionen und Arbeitsplätze würden auch das drängende Problem der Entwaffnung und Wiedereingliederung der rund 700 000 ehemaligen Kämpfer entschärfen. In gewissen Gebieten sind sie zu den Praktiken der frühen neunziger Jahre zurückgekehrt: Sie errichten Strassensperren und verlangen Wegegeld. Das trug damals viel zum Erstarken der Taliban bei.
Wiederaufbau
Darauf warten die AfghanInnen nun seit einem Jahr, mit wachsender Ungeduld. Doch bis jetzt hat die Präsenz der rund tausend internationalen nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) in Kabul kaum zu sichtbaren Resultaten geführt. Nach wie vor gibt es keine Strassenbeleuchtung, die Strassen sind voller Schlaglöcher, ein öffentliches Verkehrsnetz ist praktisch inexistent, ganze Stadtteile müssen ohne Strom, ohne Wasseranschluss, ohne Kanalisation auskommen. Die Mieten sind wegen der Präsenz der ausländischen HelferInnen in schwindelerregende Höhen geklettert. Bis zu 10 000 US-Dollar Monatsmiete wird für ein gut gelegenes Haus gezahlt, in einer Stadt, in der Staatsangestellte rund zwanzig Dollar pro Monat verdienen. Überall künden Tafeln von Hilfsprojekten und grosszügigen Geldgeschenken, deren Resultat kaum sichtbar ist. «Sie mauern sich ein, fahren dicke Autos, besetzen die schönsten Villen der Stadt und feiern rauschende Partys.» Hamid O., der selbst lange Jahre in Europa gelebt hat, schüttelt den Kopf über das sorglose Verhalten der AusländerInnen. «Die Leute werden unruhig. Auch die ehemaligen Kämpfer. Jeder hat hier eine Waffe. Man sollte ihnen keinen Vorwand geben, Stimmung zu machen.»
Dass sie dringend sichtbare Resultate vorweisen muss, weiss auch die Übergangsregierung. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit bittet sie die internationale Staatengemeinschaft um Geld und verlangt von den NGOs, dass sie von der Nothilfe zum Wiederaufbau übergehen. Tatsächlich haben die internationalen Hilfsorganisationen ihre Mittel bis jetzt vorwiegend in Nothilfeprojekte gesteckt, viele davon unkoordiniert und kurzfristig angelegt. Die Uno investierte bis jetzt hauptsächlich in den Aufbau ihrer eigenen riesigen Bürokratie und in die Stärkung der Übergangsregierung - mit dem Ziel, das Vertrauen der internationalen Geldgeber in die neuen afghanischen Behörden zu stärken. Doch bis jetzt ist nur die Hälfte der für 2002 versprochenen 1,8 Milliarden Dollar in Afghanistan eingetroffen. Viele Geldgeber wollen zuerst Fortschritte bei Recht und Ordnung sehen, bevor sie ihre Versprechen erfüllen. Eine paradoxe Situation: Gerade die wegen der fehlenden Stabilität ausbleibenden Investitionen würden entscheidend zur erhofften Stabilisierung und Stärkung der Zentralregierung beitragen. Die Konferenz der internationalen Geldgeber im September in Washington beschloss nun, die Finanzen künftig vorrangig an «rentable, sichtbare und wirkungsvolle Projekte» gehen zu lassen (siehe WoZ Nr. 43/02). Die AfghanInnen warten inzwischen erst einmal ab. Und schöpfen aus ihrer langen Erfahrung mit fremder Hilfe und fremder Manipulation. «Mal sehen, ob ihr es schafft, die russische Hilfe zu überbieten», sagt ein afghanischer Freund und spielt auf die von den Sowjets erbauten Spitäler, Schulen, Strassen, Fabriken, ja ganzen Stadtteile an - nach wie vor das Modernste an Infrastruktur, das Kabul zu bieten hat. Bis jetzt sieht es nicht so aus.
Neue Machthaber, neue Flüchtlinge
Selbst die ExpertInnen wurden überrascht. Die Zahl der seit Ende der Taliban-Herrschaft nach Afghanistan zurückgekehrten Flüchtlinge übertrifft ihre kühnsten Voraussagen. Rund 1,8 Millionen Menschen sind es, die bis jetzt einen Neuanfang in der Heimat wagten. Doch viele wurden bitter enttäuscht: Ganze Landstriche leiden nach wie vor unter der Dürre, Trinkwasserquellen sind versiegt, bebaubares Land ist vermint, die Häuser liegen in Trümmern oder werden von anderen Familien bewohnt. Die Willkürherrschaft der regionalen Kriegsherren lässt sie um ihre Sicherheit fürchten. Den Städten fehlt die Infrastruktur, die vielen Menschen aufzunehmen, die Mieten sind ins Unerschwingliche gestiegen, Arbeit ist schwer zu finden. Mit dem Zugang zu Bildung und ärztlicher Versorgung ist es oft schlechter bestellt als in den Flüchtlingslagern der Nachbarländer. Deshalb erstaunt es nicht, dass das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bereits von ersten RückkehrerInnen spricht, die ihrem Land desillusioniert wieder den Rücken kehren.
Wer sich vom Fall der Taliban ein Ende der Fluchtbewegungen versprochen hat, sieht sich heute gründlich getäuscht. Nach wie vor lebt in Afghanistan insgesamt knapp eine Million Vertriebene, im Hilfswerkjargon IDPs (internally displaced persons) genannt: Menschen, die innerhalb der Landesgrenzen auf der Flucht sind. Mindestens 300 000 Menschen haben ihre Häuser und ihre Höfe seit September 2001 verlassen; ein beträchtlicher Teil dieser Vertriebenen geht auf das Konto des von den USA geführten «Krieges gegen den Terror». Besonders verfolgt ist die paschtunische Minderheit im Norden und insbesondere Nordwesten des Landes. Bis heute treffen nach Angaben eines UNHCR-Mitarbeiters monatlich 200 paschtunische Familien in Lagern im unwirtlichen Süden Afghanistans ein. Ein unlängst geflüchteter Paschtune aus der nördlichen Provinz Balkh berichtete dem UNHCR Folgendes: Mitglieder der Dschumbesch-i Milli, der Miliz des usbekischen Warlords Abdul Raschid Dostum, entführten seine Frau und seine Tochter und erschossen den jüngeren Bruder. Die zehnjährige Nichte erlitt ein solches Trauma, dass sie sich umbrachte. Daraufhin floh der Paschtune mit dem Rest der Familie und mit den NachbarInnen in die westafghanische Stadt Herat. Dort wurden die Flüchtlinge zunächst verdächtigt, mit dem Al-Kaida-Netzwerk oder den Taliban unter einer Decke zu stecken - ein Generalverdacht, der heute alle Paschtunen in Afghanistan nur zu schnell trifft.
WOZ 47/02
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