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Afghanistan
Am helllichten Tag
Von Judith Huber
Es war um die Mittagszeit auf der stark befahrenen Strasse nahe dem Hotel Intercontinental in Kabul. Ein schwarzer Wagen mit Vierradantrieb und getönten Scheiben zwang den Fahrer eines Uno-Geländewagens anzuhalten. Bewaffnete in Uniformen stiegen aus und kidnappten die drei Uno-WahlhelferInnen Annetta Flanigan, Angelito Nayan und Shqipe Habibi. Darauf verschwanden die Entführer im Kabuler Verkehrschaos. Die Entführung am helllichten Tag mitten in Kabul hat bei der ausländischen «community» einen Schock ausgelöst: Es ist das erste Mal, dass AusländerInnen in der Hauptstadt gekidnappt wurden. Viele befürchten nun, dass sich der afghanische Widerstand mehr und mehr an der Taktik der Aufständischen im Irak orientiert. Die Uno hat die bereits sehr strengen Sicherheitsvorschriften für ihr Personal weiter verschärft.
Hinter der Entführung steht eine Gruppe namens Dschaisch-e-Muslimeen (Armee der Muslime), eine kleine Splittergruppe der Taliban, die sich vom Taliban-Führer Mullah Omar distanziert hat. Sie soll bisher in kleinen Zellen von zwei oder drei Leuten im Süden Afghanistans aktiv gewesen sein. Der Führer der Splittergruppe, Akbar Agha, soll sich mit Mullah Omar darüber zerstritten haben, wie der Aufstand geführt und die Präsidentschaftswahlen sabotiert werden sollen. Dschaisch-e-Muslimeen erhielt offenbar in den letzten Monaten Zulauf, als moderatere Taliban mit der Regierung von Präsident Hamid Karsai Verhandlungen führten. Akbar Agha und sein Sprecher sagten der Nachrichtenagentur AFP, die Gruppe sei dabei, mit bewaffneten Kräften aus dem Norden Afghanistans Allianzen zu schmieden; bisher waren diese Kräfte den Taliban feindlich gesinnt. «Wir sind nicht nur eine Paschtunen-Bewegung, mit uns sind Tadschiken, Hasara und Usbeken und alle Mudschaheddin, die gegen die Invasion der USA in Afghanistan sind.»
Mehrere afghanische Beamte zeigten sich verwundert darüber, dass eine relativ unbedeutende, vor allem im Süden aktive Gruppe es schaffte, in der Hauptstadt eine so gut organisierte Entführung zu tätigen. Es gibt die Vermutung, dass die Neo-Taliban Unterstützung von gewöhnlichen «Kriminellen» oder von Regierungsbeamten erhalten haben. Die Entführer haben damit gedroht, die drei Geiseln zu töten. Sie fordern den Abzug aller ausländischen Truppen und aller Uno-MitarbeiterInnen und die Freilassung der Taliban und Al-Kaida-Häftlinge aus allen US-Militärgefängnissen.
WOZ vom 04.11.2004
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