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DÄNEMARK

Der kleine Alliierte duckt sich

Von Reinhard Wolff, Stockholm

Nach der Invasion in Afghanistan folterten US-Militärs Gefangene. In Dänemark wusste man das - und schwieg.

Die Folterungen im Bagdader Abu-Ghraib-Gefängnis, über die der US-Fernsehsender CBS am 28. April 2004 erstmals berichtete, hätten womöglich verhindert werden können. Denn vergleichbare Menschenrechtsverletzungen und Verstösse gegen die Genfer Konvention begingen US-Truppen in Afghanistan schon lange zuvor. Und das dänische Militär wusste schon im Februar 2002 davon. Aber es reagierte nicht - offenbar um die alliierten USA zu decken.

Den «Dolmetscherskandal» brachten dänische Medien in den vergangenen Wochen Stück für Stück an die Öffentlichkeit. Zentrale Person ist ein dänischer Soldat (in den Berichten anonymisiert zu «Dolmetscher»), der am 9. Januar 2002 nach Kandahar geflogen wurde. Dolmetscher war einer von 102 dänischen Soldaten, die zusammen mit Elitesoldaten aus sieben anderen Staaten den Auftrag hatten, Taliban und Al-Kaida-Kämpfer im südlichen Afghanistan zu jagen. Name der von der US-Spezialtruppe Seals geführten Geheimaktion: Task Force K-Bar. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse wurde Dolmetscher aus dem dänischen Camp Mjřlner bereits nach einer Woche an das 800 Meter entfernt liegende Gefängnis der US-Truppen (Kandahar Detention Centre) «ausgeliehen». Dort fehlte es an qualifiziertem Personal, um beschlagnahmte Dokumente zu übersetzen.

Doch es blieb nicht bei Dokumenten. In den drei Wochen dort nahm er auch an Gefangenenverhören teil. Was er dabei erlebte, veranlasste ihn zu mehreren Gesprächen mit seinen Vorgesetzten und Angehörigen des dänischen militärischen Nachrichtendienstes FE. Der Inhalt dieser Gespräche ist auch heute noch geheim. Doch von da an war Dolmetscher für seine Vorgesetzten - und offenbar auch für die von ihnen informierten US-Alliierten - ein «Problem». Nach Berichten der Kopenhagener Tageszeitung «Politiken» wurde er deshalb einer «Sonderbehandlung» unterzogen. Als Dänemarks damaliger Verteidigungsminister Svend Aage Jensby Ende Februar 2002 einen Truppenbesuch in Kandahar machte, wurde vom FE sichergestellt, dass der Minister genau diesen einen der 102 Soldaten nicht treffen würde.

Zurück nach Dänemark

Dolmetscher wird überraschend eröffnet, dass sein Auftrag in Afghanistan beendet sei. Er wird von US-Soldaten aus dem dänischen Camp Mjřlner eskortiert, mit einem US-Helikopter auf eine US-Basis ausserhalb Afghanistans gebracht und dann nach Frankfurt ausgeflogen. Dort erwartet ihn ein FE-Angehöriger, der ihn nach Kopenhagen begleitet, an der normalen Passkontrolle vorbeilotst und ihm in einem kleinen Raum ein Formular präsentiert. Dolmetscher muss sich verpflichten, über seine Erlebnisse in Kandahar zu schweigen. Sonst drohe eine Gefängnisstrafe von bis zu vier Jahren.

Warum man Dolmetscher Hals über Kopf nach Hause schickte, geht aus seinen - ebenfalls geheimen - Berichten über die Ereignisse im US-Camp hervor. Darin soll von einem zu Tode geprügelten Gefangenen die Rede sein und von einem alten Mann, dem mit Militärstiefeln die Zähne aus dem Mund getreten wurden. Nach dem dänischen Militärstrafrecht müssen Pflichtverletzungen, auch solche eines militärischen Koalitionspartners, sofort gemeldet werden. Tatsächlich wurde das dänische militärische Oberkommando auch informiert. Unklar ist bislang nur wann. Spätestens müsste dies aber der Fall gewesen sein, als Dolmetscher psychische Beschwerden aufgrund seiner Erlebnisse meldete und sich im Juli 2003 für berufsunfähig erklären lassen wollte.

Doch wieder geschieht nichts. Erst einige Tage nach den CBS-Bildern vom 28. April 2004 wird urplötzlich ein - geheimes - Ermittlungsverfahren wegen der Dolmetscher-Berichte 26 Monate zuvor eingeleitet. Das Verfahren ist mittlerweile wieder eingestellt worden. Dolmetscher lebt heute, nach einem mysteriösen Einbruch in sein Haus, bei dem nichts als seine schriftlichen Unterlagen über Afghanistan gestohlen wurden, sowie anonymen Todesdrohungen, im Ausland. Seine Adresse ist geheim.

Die Mitglieder des Verteidigungsausschusses des dänischen Parlaments sind die wenigen Aussenstehenden, die Einblick in einen Teil der geheimen Unterlagen erhielten. Sie sind zur Vertraulichkeit verpflichtet. Deshalb darf auch Frank Aaen, Verteidigungsexperte der linken Einheitsliste, nichts berichten. Aber er versucht seine Schweigeverpflichtung mit einem offenen Brief an Verteidigungsminister Sřren Gade zu umgehen. Darin schreibt er, dass die dänische Militärführung «es bewusst unterlassen hat, von ihnen bekannten Gefangenenmisshandlungen zu berichten». Das Schreckliche daran sei, dass Dänemark die Möglichkeit vergeben habe, rechtzeitig «eine Entwicklung zu stoppen, die wir nach dem Abu-Ghraib-Skandal alle kennen».

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