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Ein Kapitel aus «Risse im Patriarchat. Frauen in Afghanistan»
Die Generalin, die den Krieg hasst
Von Judith Huber
Eine Fallschirmspringerin mit Generalsrang und zwei Helikopterpilotinnen: Chatul, Lailuma und Latifa. Drei typisch afghanische Frauen?
Chatul Muhammadsai ist eine berühmte Frau. Sie ist die einzige Fallschirmspringerin Afghanistans und die einzige Frau in der afghanischen Armee mit Generalsrang. Und sie ist bildhübsch. Keine Frau in Afghanistan wurde so überschüttet mit Ehrenbezeugungen, Medaillen, Blumen und Auszeichnungen wie Chatul. Doch der Alltag ist anders als der schillernde Ruf. Die 37-Jährige wohnt mit ihrer mehrköpfigen Familie in einer Zweizimmerwohnung im einstigen Vorzeigeviertel Mikrorayon. Die fünfstöckigen Plattenbauten, von den Sowjets in den achtziger Jahren für Staatsangestellte und die afghanische Nomenklatura gebaut, haben den Krieg praktisch unbeschadet überstanden. Trotz ihrer Baufälligkeit sind die Wohnungen in diesen Häusern bis heute gefragt. Zwischen den Blöcken wächst viel Grün, es gibt Büsche und kleine Bäume, alte Frauen sitzen auf Bänken und beaufsichtigen spielende Kinder. Es ist fast wie in Russland. Welch ein Unterschied zu den traditionellen afghanischen Häusern, die von hohen Mauern umgeben sind und alles Private sorgsam vor allen Blicken verbergen! In Mikrorayon hingegen sind die Wohnungen mit ihren Balkonen nach aussen offen; das Grün und die Spielplätze bilden einen gemeinsamen öffentlichen Raum. Die Unterschiede in Lebensart und Ideologie könnten nicht grösser sein.
Im Treppenhaus fehlen die Fensterscheiben. Wir tappen im Dunkeln nach oben. Licht gibt es im Treppenhaus nicht; der Strom ist wieder einmal ausgefallen. Der Lärm der in der Dämmerung im Hof spielenden Kinder und Musik dringen herein. Auch die Wohnung der Fallschirmspringerin liegt im Halbdunkel. Lediglich eine zischende Gaslampe spendet etwas Licht. Chatul hat sich für unseren Besuch in Uniform, geworfen. Sie trägt hohe schwarze Springerstiefel, eine Hose und Jacke in Tarnfarben, ihr Generalsabzeichen prangt auf der Uniform, und ein weinrotes Béret schmückt ihr pechschwarzes Haar. Chatul ist wunderschön: dunkle, blitzende Augen, tiefschwarz umrandet, ein dunkler Teint, eine lange, gerade Nase und sinnliche Lippen. Die Generalin sprüht vor Energie. Wenn sie spricht, unterstreicht sie ihre Worte mit energischen Gesten. Ihr Gesicht drückt Wut, Entsetzen oder Ablehnung deutlich aus, ebenso wie überschäumende Freude und unbändigen Stolz. Ihr Auftreten hat nichts gemein mit demjenigen vieler afghanischer Frauen, die scheu oder verspielt wirken, schüchtern kichern und meist eine passive Haltung einnehmen. Die martialische Uniform und die Weiblichkeit von Chatul erzeugen eine fast unerträgliche Spannung: weiblicher Charme und disziplinierte Energie.
Im Flur legen ein Kronleuchter und eine Garderobe Zeugnis ab von einer vergangenen, besseren Zeit. Das Wohnzimmer ist, anders als in den meisten afghanischen Wohnungen, westlich eingerichtet: Nicht Kissen, die auf dem Boden liegen, laden zum Sitzen ein, sondern tiefrote Sofas. Auf dem niedrigen Teetischchen und den anderen Möbeln stehen hunderte von bunten Plastikblumen, Abzeichen, Auszeichnungen, Straussen- und Pfauenfedern. In der Ecke stehen zwei Fahnen und Fotos: Präsident Hamed Karsai, der Chatul beglückwünscht, der greise Exkönig Saher Schah, der ihr die Hand drückt. Chatul hat die Symbole ihres Erfolges dauernd um sich.
Am liebsten Astronautin
Chatul hat eine einzige Leidenschaft: Fliegen und Fallschirmspringen. In der Luft fühlt sie sich frei und glücklich. Als Teenager sah sie einst, wie Frauen und Männer an einem Feiertag mit Flugzeugen in den Himmel stiegen und sich mit Fallschirmen zu Boden gleiten liessen. Das hat sie nicht mehr losgelassen. Die junge Frau meldete sich bei der Armee. Das war keine Seltenheit für eine Frau, damals, in der Zeit der Herrschaft der moskautreuen Volkspartei. Doch Chatul ging nur zur Armee, weil es für sie keine andere Möglichkeit gab, fliegen oder Fallschirmspringen zu lernen. Chatul war nie in einer Kampfeinheit, hat nie kämpfen gelernt, nie eine Waffe getragen. Darauf legt sie grossen Wert. Ihr Fallschirmspringen hatte nur einen einzigen Zweck: die Show. Sie war und ist Vorzeigefrau bei allen staatlichen Feiertagen. Sie sei Sportlerin, sagt Chatul. Sie wurde von Präsident Muhammad Nadschibullah ebenso geehrt und geschätzt wie von Burhanuddin Rabbani und von Karsai. Nur unter den Taliban wurde ihr das geliebte Springen verwehrt.
Chatul, die Generalin, hasst den Krieg genauso leidenschaftlich, wie sie das Fliegen liebt. Ein Jahr nach der Hochzeit wurde ihr Ehemann von einer Rakete getötet. Chatul war damals neunzehn Jahre alt und hatte einen kleinen Sohn. Auch die beiden Brüder von Chatul kamen ums Leben. Mit dem Fallschirmspringen hielt sie sich, ihren Sohn, ihre Mutter und ihre verwitweten Schwägerinnen über Wasser. «Wir haben alle genug vom Krieg. Ich kann es nicht mehr ertragen, vom gewaltsamen Tod eines Menschen zu hören. Ich hoffe inständig, dass in der ganzen Welt keine Frau mehr wegen des Kriegs zur Witwe wird, dass keine Männer mehr ihre Frauen und keine Eltern mehr ihre Kinder verlieren und dass keine Kinder mehr elternlos werden. Ich möchte eine Welt ohne Gewehre und ohne Kampf erleben.» Chatul hat sich in Wut geredet. Die einzelnen Worte kommen fast zischend über ihre Lippen. Es besteht kein Zweifel: Jedes ihrer Worte kommt von Herzen.
Als die Taliban in Kabul einmarschierten, ging sie vom ersten Tag an nicht mehr aus dem Haus. «Sie haben verkündet, dass Frauen zu Hause bleiben müssen. Ich bin Soldatin und bin dem Befehl gefolgt. Ich weiss, was ein Befehl ist.» Chatul hielt sich mit Näharbeiten und Stickereien über Wasser. Um ihr Gedächtnis zu trainieren und nichts von ihrer Fertigkeit zu vergessen, bemalte sie riesige Papierbögen mit den nötigen Techniken und Vorbereitungsschritten zum Fallschirmspringen. Als sie nach dem Fall der Taliban wieder springen durfte, war Chatul überglücklich. Sie sprang, obwohl sie sechs Jahre lang nicht trainiert hatte, der Fallschirm alt und die restliche Ausrüstung - der Höhenmesser etwa - gar nicht vorhanden war. Präsident Karsai verlieh ihr, der einzigen übrig gebliebenen Fallschirmspringerin Afghanistans, den Generalsrang.
Doch die lange Leidenszeit hat ihre Spuren hinterlassen. Chatul fühlt sich körperlich zwar gesund, leidet aber immer wieder an Depressionen und will in solchen Phasen nichts von der Aussenwelt wissen. Sie trägt nach wie vor schwer am Verlust ihrer Familie. Auch in ihrem Beruf läuft es nicht ganz so, wie sie möchte: Die meiste Zeit verbringt sie mit Trockenübungen, Sport und Ausbildung am Boden. Da nur ein einziger Fallschirm - nämlich der ihrige - übrig geblieben ist und kein Geld für eine neue Ausrüstung vorhanden ist, kann sie kaum noch Sprünge absolvieren. Und sie kann auch keine jungen Frauen zu Fallschirmspringerinnen ausbilden, wie sie das sehr gerne möchte. Chatul hat viele Wünsche und Ambitionen. Am liebsten wäre sie Pilotin oder Astronautin geworden. Doch das war nicht möglich. Heute wünscht sie sich, weiter springen zu können und viele Frauen um sich herum zu haben. Sie träumt von einem Flugzeug, das von einer Frau geflogen wird, in dem lauter Fallschirmspringerinnen sitzen - «und kein einziger Mann». Chatul lacht übers ganze Gesicht. «Und ich hoffe eines Tages zu hören, dass eine Afghanin Astronautin wird.»
Über der Uniform die Burka
Chatuls Träume werden in nächster Zeit kaum in Erfüllung gehen. Chatul dient für die Regierung als Vorzeigefrau - sie ist ein willkommenes Aushängeschild, das zeigen soll, wie frauenfreundlich und fortschrittlich das neue Afghanistan ist. Das war und ist ihr Schicksal. Chatul wird mit ihren Träumen alleine bleiben. Und an der tatsächlichen Lebensrealität der afghanischen Frau wird sich wenig ändern. Sogar Chatul, die selbstbewusste, mutige und stolze Frau, hat sich noch nicht ganz von der Burka losgesagt. Als sie am 8. März 2002 am Internationalen Frauentag in Uniform teilnahm, hielt sie in einer Hand die Burka. Als sie auf die Strasse trat, zog sie die Burka über die Uniform.
Ähnlich wie Chatul geht es den beiden einzigen Helikopterpilotinnen des Landes, den Schwestern Latifa und Lailuma Tabasom. Die 26-jährige Latifa und die 27-jährige Lailuma sind von der Regierung Karsai nach dem Fall der Taliban aus ihrem Exil nach Afghanistan zurückgeholt worden. Die beiden unverheirateten Schwestern hatten das Exil der Untätigkeit unter den Taliban vorgezogen und lebten unter schwierigen Bedingungen in Iran. Man sieht ihnen an, dass sie viel gelitten haben. Sie haben eine ungesunde Gesichtsfarbe und stumpfe Haare. Auch die beiden einzigen Helikopterpilotinnen Afghanistans sind eher Dekoration für die Regierung als ein Zeichen für eine Wende zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter. Neue Pilotinnen werden nicht ausgebildet. Die Helikopter stammen noch aus sowjetischer Zeit und dürften eigentlich gar nicht mehr geflogen werden. Benzin ist rar und teuer, Trainingsflüge sind selten. Kein Wunder, ist ein Helikopter beim Training abgestürzt. Latifa trägt jetzt den Helm des verunglückten Piloten. Die beiden Schwestern - auf dem Gelände der Luftwaffe in grauer Uniform und mit dünnem weissem Kopftuch - werden von ihren Kollegen sehr geschätzt und als Kameradinnen behandelt. Stark zu schaffen, so scheint mir, macht ihnen ihr Rang: Sie sind «nur» Colonels. Sie beneiden Chatul und hoffen, bald einmal ebenfalls den Generalsrang verliehen zu erhalten. Und das Privileg, einen Chauffeur zu haben ...
Aus der Sicht von Frauen
Sima Samar, Suraya Parlika und Mahbuba Hoquqmal sind drei politisch aktive Frauen, die schon lange vor der Vertreibung der Taliban mit viel Mut und List für die Besserstellung der afghanischen Frau gekämpft haben. Heute sind zwei von ihnen zu hohen politischen Ämtern aufgestiegen. Dieses Buch erzählt die jüngste blutige Geschichte Afghanistans aus der Sicht dieser Frauen, mit denen Judith Huber ausführliche Gespräche geführt hat. Es berichtet aber auch von zahlreichen anderen Frauen, die das Gesicht Afghanistans heute prägen. Ein Buch über den Krieg, Widerstand, Arbeit und Alltag im grössten Chaos.
WOZ 35/03
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«Risse im Patriarchat. Frauen in Afghanistan»
Huber, Judith
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Rotpunktverlag. Zürich 2003
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248 Seiten. 36 Franken
Inhalt Dossier «Afghanistan»
WOZ vom 19.10.2006
Ohne Burka? In Afghanistan beginnen Frauen und Mädchen wieder Sport zu treiben
WOZ vom 07.09.2006
WOZ vom 01.06.2006
Afghanistan: Was falsch läuft in dem besetzten Land
WOZ vom 29.09.2005
WOZ vom 22.09.2005
WOZ vom 15.09.2005
Ehefrauen vor! Wie die afghanischen Warlords zu ihren Stimmen kommen
WOZ vom 08.09.2005
Afghanistan: Früherer Talib kritisiert Bin Laden
WOZ vom 01.09.2005
WOZ vom 16.12.2004



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