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Politische Romane aus Südafrika
Zwischen Zeugenschaft, Mythos und Bürokratie
Rezensiert von Annette Hug
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Zwei südafrikanische AutorInnen zeichnen unterschiedliche Spuren der Wahrheitskommission nach. Was sind die Folgen der Verbrechen der Apartheid, und was sind die Antworten darauf?
Das Puppenspiel «Ubu and the Truthcommission» feierte im vergangenen Jahr am Zürcher Theaterspektakel Erfolge, als sich bereits abzeichnete, dass die südafrikanischen Opfer der Apartheid mit ihrer Forderung nach Entschädigungen in Prätoria und in Zürich auf taube Ohren stossen würden. Damit begann einer von drei Pfeilern der Wahrheitskommission einzubrechen: Die Opfer und TäterInnen wurden öffentlich angehört, die TäterInnen wurden amnestiert, aber die Opfer haben (bis jetzt) die vorgesehenen Entschädigungszahlungen nicht erhalten. Der Sparkurs der Regierung hatte Vorrang, und die ausländischen Firmen wurden gar nicht in die Arbeit der Wahrheitskommission einbezogen. Wenn aber den Opfern keine Entschädigungen bezahlt werden, stellt sich die Frage akut, wozu sie ihre schmerzlichen Geschichten aus der Erinnerung geholt und vor Publikum erzählt haben.
Jane Taylor, die Verfasserin von «Ubu and the Truthcommission», beschreibt in der Dokumentation des Theaterprojekts, wie sich in den Anhörungen der Wahrheitskommission individuelle Erzählungen zu einer neuen nationalen Erzählung zusammenfügten. Diese Verbindung von Geschichtsschreibung und Autobiografie, in unzähligen Gemeindesälen im ganzen Land öffentlich inszeniert, ruft geradezu nach literarischen Interventionen, damit die individuellen Geschichten in einem gestalteten Bedeutungsrahmen lebendig gehalten werden können, bevor sie zum neuen Mythos erstarren.
Täter, Opfer, Machtverhältnisse
Gillian Slovo tut das in ihrem Roman «Roter Staub». Sie destilliert aus dem Studium der realen Anhörungen eine fiktive Verhandlung an einem fiktiven Ort: Sarah Barcant, Staatsanwältin in New York, wird von ihrem einstigen Mentor in ihr südafrikanisches Heimatstädtchen Smitsrivier zurückbeordert, um den ANC-Parlamentarier Alex Mpondo zu vertreten. Sein Folterer Dirk Hendricks hat vor der Wahrheitskommission Amnestie beantragt. Mit der Figur Sarah Barcant geht die Bilderwelt eines (gut gemachten) Hollywood-Justizthrillers einher, der in der staubigen und verstaubten Öde der südafrikanischen Provinz ins Stocken gerät. Hier ist der Täter von Anfang an klar: Pieter Muller. Der ehemalige Kollege von Hendricks in der Sicherheitspolizei wird als grobschlächtiger Bure beschrieben, der reinrassige Seidenhühner züchtet. Er hat Steve Sizela ermordet, der damals mit Alex Mpondo zusammen verhaftet worden war und seither als verschwunden gilt. Durch die Befragungen von Alex Mpondo und Dirk Hendricks erhoffen sich die Eltern Sizelas Auskünfte über den Verbleib ihres Sohnes.
Brillant gestaltet Slovo die Szenen vor der Kommission, wo sich Folterer und Gefolterter nach Jahren wieder gegenübersitzen und einander belauern. Die Worte, die hier fallen, sind wie Schachzüge der zwei Männer, die vor der versammelten Bevölkerung in den Bann der Beziehung zurückversetzt werden, die in den Wochen der Folterungen und der perfiden Tröstungen des Folterers zwischen ihnen bestanden hatte. Langsam wird nachvollziehbar, dass die «Wahrheit» für Mpondo gefährlicher ist als für Hendricks, denn der ANC-Parlamentarier ist inzwischen zum Helden geworden und kann durch die Aussagen des Folterers an Glanz verlieren. Seine Geschichte ist Teil des neuen, nationalen Mythos, der durch Berichte von «Schwäche» und «Verrat» unter der Folter gestört würde. Vor Publikum leidet Mpondo nochmals unter der Erniedrigung, während der Strafgefangene Hendricks im formellen Rahmen der Kommission seine Würde als Staatsbürger wiedergewinnt. Mpondo muss sich, um sich erinnern zu können, in eine Position zurückversetzen, in der er halbtot war, jeder Sprache beraubt.
Diesen Roman treibt die Frage an, wer öffentlich was zur Sprache bringen kann und wessen Erzählung einen glaubwürdigen Eindruck hinterlässt. Bar jeder Spannung ist dagegen die Entwicklung der Täterfiguren, aber das liegt nicht an einem Unvermögen der Autorin, sondern es entspricht einem Fazit der Beobachtungen, die sie bei der Wahrheitskommission machte. In der englischen Tageszeitung «The Guardian» hatte sie am 11. Oktober 1998 von ihrem Entsetzen berichtet, mit dem sie die Mörder ihrer Mutter Ruth First aussagen sah, die keine Anzeichen von Einsicht oder Reue zeigten. Nur etwas gibt es in «Roter Staub», das die Täter dazu bringt, ihre Einschätzung von Richtig und Falsch zu revidieren: veränderte Machtverhältnisse. Weil Dirk Hendricks unbedingt wieder frei sein und ein Sportgeschäft eröffnen will, verrät er schliesslich seinen ehemaligen Kollegen Pieter Muller und den Ort, wo Steve Sizela verscharrt wurde. Die Eltern Sizelas erhalten so die Gelegenheit, unkenntliche sterbliche Überreste und ein Paar Turnschuhe zu bergen - doch nach dieser Szene überschlägt sich der Roman in narrativen Saltos und verirrt sich in einer kleinen Lovestory, die erfolglos versucht, die Leere zu stopfen, welche Sizelas Exhumierung hinterlassen hat.
Zum Glück findet die Autorin Gillian Slovo dann zu Mpondo und Hendricks zurück - zu ihren ständig erneuerten und revidierten Versionen der Geschichte. Als Leserin möchte man Mpondo irgendwann zurufen, er solle sich seine Schuldgefühle ans Bein streichen, der Tod seines Freundes liege nicht in seiner Verantwortung. Man möchte auch den dreiköpfigen Hund und Gehilfen von Jane Taylors Apartheid-König Ubu herbeizitieren, eine aus einem Aktenkoffer gebastelte Puppe, die gleichzeitig als Soldat, als General und Politiker sprechen kann. Aber in der Erzählstrategie Slovos kann «das System» keine Figur werden, und so kreisen die Fragen von Schuld und Verantwortung endlos weiter in den Köpfen der Einzelnen.
Opfer, Ehemann und Sohn
Achmat Dangor setzt in seinem Roman «Bitter Fruit» die anonyme Erzählstimme da an, wo die Romanfiguren keine Sprache finden und die erinnerte Gewalt ihre Handlungen und Fantasien regiert. Damit bewahrt sich dieser Autor davor, ins Leere zu laufen, wenn die Unfassbarkeit der Verbrechen in den Text einbricht. Bereits in der ersten Szene des Romans prallen Apartheid-Vergangenheit und Post-Apartheid-Realität unvereinbar aufeinander: Silas Ali, ehemaliger Untergrundaktivist und heutiger Beamter in den höchsten Rängen des Justizministeriums, trifft im Supermarkt zufällig auf den ehemaligen Polizisten Du Boise, der vor knapp zwanzig Jahren Lydia Ali vor den Augen ihres Ehemannes Silas vergewaltigt hatte. Silas starrt Du Boise an, dieser wird nervös und gestikuliert, als werde er von einem unflätigen Teenager angegriffen. Der gut gekleidete, bald fünfzigjährige Regierungsbeamte furzt und blickt in die Augen der stehen gebliebenen Passantinnen und Passanten, die ihn vorwurfsvoll mustern.
Zu Hause erzählt er seiner Frau Lydia in einem Nebensatz von der Begegnung, etwas später zerbricht sie eine Flasche und tanzt sich darauf die Füsse blutig. Silas bringt sie ins Spital, wo sich die Verwandtschaft um das Krankenbett versammelt und ein eingespieltes, familiäres Geplauder fortsetzt: so als sei nichts gewesen.
Während sich Silas im Justizministerium, seinem Arbeitsplatz, mit den bürokratischen und politischen Wirrungen um die Abgabe des offiziellen Berichts der Wahrheitskommission an den Präsidenten beschäftigt, werden die unausgesprochenen und unerträglichen Geheimnisse der Familie Thema für seinen Sohn Mikey, einen Neunzehnjährigen, der seine jugendliche Unsicherheit hinter einem sympathischen Zynismus verbirgt. Er liest heimlich das Tagebuch seiner Mutter, so erfährt er von deren Vergewaltigung und dass er, nach der Meinung der Mutter, das Produkt dieses Verbrechens sei.
Diplomatie und Selbstjustiz
In beeindruckender Art zeigt Achmat Dangor nun, wie sich auf Mikeys spätpubertärer Suche nach einer lebbaren Sexualität seine unbewussten Fantasien mit jenen realen Schrecken der Apartheid verbinden, die das Leben seiner Eltern prägten. Mickey driftet immer mehr ab in esoterische Selbstbeherrschungsversuche und geheime Affären mit älteren Frauen, während sich seine Mutter aufzurappeln versucht und der Vater mit seiner neuen Position in der politischen Elite nicht zurande kommt. Zur gleichen Zeit wie die Justiz- und Politdiplomatie die Formulierungen des Berichts der Wahrheitskommission festlegt, finden Silas und Lydia keine Worte mehr, um sich gemeinsam an das Geschehene zu erinnern. Die Familie zerfällt in drei Wesen, die unabhängig voneinander ihrem aufgewühlten Innenleben einen unauffälligen Alltag abzuringen versuchen. Doch dann stösst Mikey auf einen muslimischen Cousin, der ihn in die Welt seines Grossvaters einführt: Ein Imam, der kurze Zeit sein Mentor wird, ist der Einzige, der ihm anhand der Lebensgeschichte dieses Grossvaters eine kohärente, «schöne» Geschichte erzählt, die auch dem jungen Mann eine Rolle zuweist. Zum Schluss spricht der Imam vom Krieg der Rassen, der weitergehe.
Der Roman endet mit der Abgabe des Kommissionsberichts, mit einer teuren Party zum 50. Geburtstag von Silas, mit der Befreiung von Lydia aus einer nicht mehr existierenden Ehe und damit, dass Mikey den Vergewaltiger seiner Mutter erschiesst. Am Ende verschwindet er in den internationalen Mäandern einer islamischen Bruderschaft.
Obwohl die sexuellen Fantasien und vor allem die ausgelebten Affären Mikeys oft etwas dick aufgetragen sind - Ödipus müsste nicht an jeder Ecke mit dem Zaunpfahl winken - gelingt es Achmat Dangor doch, ein packendes und beängstigendes Porträt einer Gesellschaftsschicht zu zeichnen, zu welcher er als ehemaliger Direktor des Nelson Mandela ChildrenŐs Fund selber gehört.
In Dangors Darstellung reduziert sich die Arbeit der Wahrheitskommission zu einer Beige Papier, um die sich Vertreter unterschiedlicher Interessen im neuen Südafrika streiten. In dem entleerten, politisch-bürokratischen Diskurs bleiben zerstörerische Erinnerungen unbearbeitet. Als Ventil für Wut und Verzweiflung sieht Mikey Ali nur noch die Selbstjustiz. Diese Darstellung ist umso beängstigender, weil sich seit Erscheinen des Buches die Chancen verringert haben, dass der «Wahrheit» so etwas wie «Gerechtigkeit» folgen könnte - und sei es nur in Form von Entschädigungen.
Für die Bestellung südafrikanischer Bücher empfiehlt sich: Clarke's Bookshop, Capetown. books@clarkesbooks.co.za.
WOZ 40/02
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«Roter Staub»
Slovo, Gillian
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Verlag Antje Kunstmann. München 2001
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332 Seiten. Fr. 39.30
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«Bitter Fruit»
Dangor, Achmat
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Kwela Books. Cape Town 2001
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«Ubu and the Truth Commission»
Taylor, Jane
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University of Cape Town Press. Cape Town 1998
Inhalt Dossier «Schweiz-Südafrika»
WOZ vom 03.11.2005
WOZ vom 27.10.2005
WOZ vom 20.10.2005
WOZ vom 01.09.2005
WOZ vom 19.05.2005
WOZ vom 17.03.2005
Stadt auf dem Trockenen: In Kapstadt herrscht Wassermangel
WOZ vom 19.08.2004
Viel zu weiss! Woran arbeiten südafrikanische Kulturschaffende nach zehn Jahren Demokratie?



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