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Südafrika: Ein aktuelles Beispiel für Schuldenstreichung und Wiedergutmachung

Die Versuchung Granny Smith

Annette Hug

Die Uno prangerte die Apartheid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an und verhängte Sanktionen. Die Schweiz beteiligte sich nicht daran. Hat die Schweizer Wirtschaft vom Rassismus profitiert?

Am 17. Juni 2002 sollte Dorothy Molefi auf dem Zürcher Paradeplatz einen wichtigen Auftritt haben. Sie, die Mutter von Hector Peterson, der am 16. Juni 1976 beim Schüleraufstand in Soweto erschossen worden war, kam aber in Zürich kaum zu Wort und wurde von etwa hundert aufgebrachten Frauen und Männern niedergeschrien und über den Platz gejagt. Die Presse konzentrierte sich in der Folge auf Molefis prominenten Anwalt Ed Fagan, der die Openair-Pressekonferenz als Vorgeschmack auf die kommenden Klagen gegen Schweizer Firmen einberufen hatte.

«Für Mandela und Tutu ist es einfach zu vergeben. Sie führen heute ein anderes Leben, sind in ihrem Recht bestätigt worden. In meinem Leben hingegen hat sich nichts verändert, auch nicht das Geringste, seit mein Sohn von Barbaren verbrannt worden ist. Nichts. Deshalb kann ich nicht vergeben.» Mit diesem Zitat der Südafrikanerin Charity Kondile bringt die Journalistin Martina Egli ein Problem auf den Punkt, das endlich auch die Schweiz eingeholt hat. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission hat der südafrikanischen Regierung empfohlen, rund 22 000 Opfer der Apartheid finanziell zu entschädigen. Diese Empfehlung wurden aber von der ANC-Regierung nicht aufgenommen, die wenigsten Opfer haben bisher Geld gesehen. Die von internationalen Institutionen disziplinierte Finanzpolitik erlaubt solche Ausgaben nicht, der Schuldenberg trägt das seine dazu bei, dass der Staat am wirtschaftlichen Ungleichgewicht wenig ändert und die schwarze Bevölkerung weiter auf den lang ersehnten Aufschwung warten muss. Auch Entschädigungsklagen gegen ausländische Firmen unterstützt die südafrikanische Regierung nicht, aus Angst davor, Investoren abzuschrecken. Doch immer mehr NGOs, unter ihnen der Gewerkschaftsbund Cosatu, engagieren sich in der Kampagne für Entschuldung und Entschädigungen, die von der Koalition «Jubilee 2000» koordiniert wird.

Die Ökonomin Mascha Madörin ist Mitarbeiterin der Aktion Finanzplatz Schweiz und hat zusammen mit Gottfried Wellner und Martina Egli einen Bericht über die Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen der Schweiz zu Südafrika geliefert. Darin ist nachzulesen, dass in den siebziger Jahren vier Fünftel des südafrikanischen Goldhandels über Zürich abgewickelt wurden, dass in den achtziger Jahren ein Drittel des südafrikanischen Handels mit ungeschliffenen Diamanten über Luzern lief. Als sich dann im IWF und der Weltbank eine starke Mehrheit gegen Kredite für Südafrika formiert hatte, waren wenige Banken bereit, in die Lücke zu springen und die Apartheid-Regierung weiter mit Kapital zu versorgen. Die Schweizer Banken waren unter diesen wenigen und einige aus Deutschland.

Dass sich in der Schweiz eine industrielle und finanzielle Solidaritätsbewegung für das Apartheid-Regime entwickelt hatte, zeigt eine Anekdote, die Martina Egli am 20. Juni im «Tages-Anzeiger» in Erinnerung rief. Im Oktober 1988 hatte der südafrikanische Präsident Botha die Schweiz besucht. «In einer Rede vor der Swiss-South Africa-Association (SSAA) forderte er die Banken auf, sich für die Bereitstellung neuer Kredite einzusetzen. Während einer Schifffahrt auf dem Zürichsee verlieh Botha dem Vizedirektor der SBG und Geschäftsführer der SSAA, Georges Meyer, die höchste südafrikanische Auszeichnung für Ausländer, den ‚Orden der Guten Hoffnung’ - als Dank für seinen persönlichen Beitrag zur Förderung der guten Beziehungen.»

Gleichzeitig engagierten sich verschiedene Gruppen für den Boykott Südafrikas[90]. Es begann in den siebziger Jahren mit Früchten: Für eine Generation SchweizerInnen sind Granny Smith auch heute noch die glänzenden Äpfel, die man im Laden immer nur anschauen durfte. In den späten achtziger Jahren lancierte die Anti-Apartheid-Bewegung (AAB) die viel befolgte Kampagne «Kein Geld für Apartheid», die BankkundInnen aufforderte, ihre Konten bei den Grossbanken aufzuheben. Präsident der AAB war damals Paul Rechsteiner, heute Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Er wird mit Mascha Madörin und Martina Egli darüber diskutieren, wie die Schweiz heute auf die Entschädigungsklagen und auf die Forderung nach Streichung der Apartheid-Schulden reagiert. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Position der Gewerkschaften.

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Inhalt Dossier «Schweiz-Südafrika»

WOZ vom 03.11.2005

Schweizer Beziehungen zur Apartheid: Georg Kreis im Streitgespräch mit Mascha Madörin über Löcher und Lügen

WOZ vom 27.10.2005

Schweiz-Südafrika: Das Nationalfondsprogramm 42+ sollte Licht in das Verhältnis der Schweiz zum Apartheidstaat Südafrika bringen. Doch die Forscher standen oft vor verschlossenen Archiven

Schweiz-Südafrika: Wie wirksam wären Sanktionen gegen Südafrika gewesen? Besser niemand weiss es, meinen Bundesrat und Banken

WOZ vom 20.10.2005

Seid wieder nett! Schweizer Firmen, die von der Apartheid profitierten, behindern die Aufarbeitung der Vergangenheit. Gegen Versöhnung haben sie nichts - diese darf bloss nichts kosten

Vergangenheitspolitik: Eine Aufarbeitung der Schweizer Apartheid-Geschichte muss den internationalen Kontext einbeziehen. Was taten andere Ländern nicht, was die Schweiz tun «musste»?

Sanktionen: 1990 hatte der Schweizer Bundesrat kein Problem, sich an Sanktionen gegen den Irak zu beteiligen. Südafrika war da ein anderer Fall

WOZ vom 01.09.2005

Alles war noch viel schlimmer: Ein nationales Forschungsprogramm untersucht die Beziehungen zwischen der Schweiz und Südafrika

WOZ vom 19.05.2005

Die Safari-Knospe: Seit dem Ende der Apartheid wird Südafrika als Reiseziel immer populärer. Gibt es faire Reisen dorthin? Und wer verdient am Tourismus?

WOZ vom 17.03.2005

Stadt auf dem Trockenen: In Kapstadt herrscht Wassermangel

WOZ vom 19.08.2004

Viel zu weiss! Woran arbeiten südafrikanische Kulturschaffende nach zehn Jahren Demokratie?

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