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Südafrikanischer Staatsterrorismus
Ein abenteuerlicher Plan
Heimo Claasen
Das Apartheid-Regime wollte mit seinem Biowaffenprogramm die Verständigung zwischen den USA und der UdSSR torpedieren. Auch mit Hilfe von Verbindungen in die Schweiz.
Es wird immer deutlicher: Der Freispruch von Wouter Basson («Dr. Death») im April dieses Jahres bedeutet für seine ausländischen Partner - darunter auch den ehemaligen schweizerischen Geheimdienstchef Peter Regli - keine Entwarnung. Im Gegenteil. Das Urteil von Richter Willie Hartzenberg macht die Sache nur schlimmer: Basson sei mit seinen Chemie- und Biowaffen «in einer Kriegssituation» tätig gewesen, persönlich habe er sich nichts zuschulden kommen lassen, argumentierte der Richter. Hartzenberg wischte in seiner Begründung für den Freispruch auch die Vorwürfe wegen Veruntreuung vom Tisch. Die Streitkräfte seien «zufrieden» gewesen und hätten von Basson bekommen, was sie bestellt und bezahlt hätten. Dabei konnte während des Prozesses kein einziger materieller Beweis der Anklage widerlegt werden. Dies ist nachzulesen in den Prozessakten und im Buch, das nun zum Basson-Prozess erschienen ist.*
Für das Gericht war somit alles seinen korrekten - staatsterroristischen - Gang gegangen. Wer, wie Exdivisionär Regli, die südafrikanischen Verhältnisse gut kannte und mit einer Figur wie Basson kooperierte, arbeitete in der Tat mit einem Regime zusammen, das die «offensive chemisch-biologische Kriegführung» - so die Bezeichnung in Hartzenbergs Urteil für Bassons «Project Coast» - vorantrieb.
Basson nach Den Haag?
Das ist die peinliche Aktenlage, und sie kann böse Folgen haben. Zum einen steht jetzt der Rechtsweg offen. Südafrika hat längst nicht alle Vorwürfe verfolgt. Andere Staaten könnten Basson sowie dessen Vorgesetzte und Helfershelfer vor Gericht bringen, wenn sie ihrer habhaft werden; unter Umständen ist sogar der im Aufbau befindliche Ständige Internationale Gerichtshof in Den Haag zuständig. Namibia prüft entsprechende Optionen, denn die südafrikanische Armee hatte während der Apartheid-Zeit zahlreiche gefangene Kämpfer der namibischen Befreiungsorganisation Swapo ermordet.
Und zum Zweiten steht mit dem Urteil auch die staatliche Verantwortung als solche in den Akten - und gibt einer Sammelklage von Opfern gegen die südafrikanischen Beteiligten wie deren Mithelfer eine formelle Handhabe. Damit erhält die schweizerisch-südafrikanische Zusammenarbeit während der Apartheid-Zeit bis 1994 auch ein bedrohliches Gewicht im Zusammenhang mit den angekündigten Entschädigungsklagen.
Reglis Umfeld hat diese Gefahr deutlich erkannt. Erst jetzt wird allmählich bekannt, dass seit Jahresfrist systematisch und mit einigem Aufwand daran gearbeitet wird, südafrikanische Zeugen aus den oberen Rängen des früheren Regimes davon abzubringen, über den politischen Stellenwert dieser südafrikanisch-schweizerischen Beziehungen auszusagen. So wurde Anton Ackermann, Chefankläger im Basson-Prozess, gemäss «Facts» von einem handverlesenen Klub des rechten Establishments im März in Zürich bearbeitet, ehe er in einer der laufenden formellen Untersuchungen der Bundesbehörden auftrat. Ebenfalls ans Tageslicht kam die Information, dass Chris Thirion, Chef der südafrikanischen Elitetruppen, dazu angehalten wurde, seine früheren, offenherzigen Aussagen gegenüber dem Reporter Jean-Philippe Ceppi zu «korrigieren».
Politische Nuklearzündung
Diese Swiss Connection gewinnt in dem Masse an Bedeutung, wie Zeugenaussagen und Dokumente zu den damaligen Verhältnissen auftauchen. Es wird deutlich, dass das südafrikanische Regime mittels eines internationalen Beziehungsgeflechts seine Strategie des totalen Kriegs - den «total onslaught» - in den achtziger Jahren selbst gegen die Weltmacht USA durchsetzen wollte. Bassons Entwicklung von B- und C-Waffen sollte dabei auch einer Art politischer Nuklearzündung dienen und den Versuch einer Regionallösung der Ost-West-Konfrontation sprengen. Zur Erinnerung: Jahrelang hatte der US-Unterhändler Chester Crocker zuerst unter US-Präsident Ronald Reagan, dann unter dessen Nachfolger George Bush senior eine «Shuttle-Diplomatie» betrieben. Der Deal bestand darin, den Abzug der «sowjetisch-kubanischen» Truppen aus Angola zu erreichen, die die dortige Regierung gegen die vom Westen geförderten Unita-Rebellen des Jonas Savimbi unterstützt hatten. Im Gegenzug sollte das von Südafrika besetzte Uno-Mandatsgebiet die Unabhängigkeit erlangen - ein Vorschlag, der der südafrikanischen Regierung überhaupt nicht ins Konzept passte. Schliesslich verfolgte sie damals noch ihre Strategie einer Destabilisierung aller Nachbarstaaten, um das eigene Regime zu sichern.
Eine solche Lösung musste torpediert werden - und dafür war Bassons «Project Coast» gedacht. Die Logik dieses Vorgangs ist schwer nachvollziehbar, aber inzwischen wohl dokumentiert: Nachdem das Apartheid-Regime selbst ab Anfang der achtziger Jahre die Entwicklung von biologischen und chemischen Waffen vorangetrieben hatte, baute es ab 1986 einen Popanz auf und malte das Schreckgespenst einer chemisch-biologischen Aggression seitens der «kommunistischen Helfer» in Angola an die Wand.
Es folgte ein Schattenkrieg, der in der Geschichte des Kalten Kriegs seinesgleichen sucht. Das südafrikanische Regime stand nicht ganz allein auf weiter Flur. Auch im Washington der Reagan-Ära gab es die Obsession, dem Gegner selbst die absurdesten Absichten anzudichten. Man denke nur an die Geschichte mit den «Mykotoxinen», die der Iran mit sowjetischer Unterstützung angeblich gegen den damaligen US-Verbündeten Irak einsetzen wollte, oder an die Mär vom furchterregenden «gelben Regen» in Indochina, die erst mit viel wissenschaftlicher Mühe widerlegt werden konnte (das Gelbe war Bienenschiss). Aber gewirkt haben solche Behauptungen seinerzeit durchaus. In die schliesslich im Dezember 1988 getroffene Uno-Übereinkunft zu Namibia und Angola (Unabhängigkeit Namibias für den Abzug der KubanerInnen aus Angola) wurde unter Druck der USA der Vorbehalt eingebaut, dass die Vereinbarung hinfällig sei, sollten die sowjetisch-kubanischen Truppen in Angola «Menschenrechtsverletzungen durch Einsatz von Massenvernichtungsmitteln» begehen.
* Marianne Burger, Chandré Gould: «Secrets and Lies - Wouter Basson and South Africa’s Chemical and Biological Warfare Programme». Zebra Press. Cape Town 2002. 231 Seiten. ISBN 1 86872 341 0. Direkt zu beziehen über den Solifonds, Postfach, 8031 Zürich. 25 Franken.
WOZ 46/02
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Inhalt Dossier «Schweiz-Südafrika»
WOZ vom 03.11.2005
WOZ vom 27.10.2005
WOZ vom 20.10.2005
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