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Südafrika
Viel zu weiss!
Von Daniel Ludwig, Kapstadt
Woran arbeiten südafrikanische Kulturschaffende nach zehn Jahren Demokratie? Eine Einschätzung anlässlich des National Arts Festival in Grahamstown.
Eingebettet in einer hügeligen Landschaft, fast ganz unten an der Südspitze Afrikas, liegt das schmucke Städtchen Grahamstown. Alte Eichen säumen die Strassen, überall verstreut liegen die an Europa gemahnenden Gebäude der altehrwürdigen Rhodes University. Hoch über der Stadt thront das Monument Building, ein aus Apartheidzeiten stammender, protziger Backsteinbunker, jetzt dient es als Festivalzentrum und Veranstaltungsort.
Entlang der Hauptstrasse zur stattlichen Kathedrale stehen kleine Buben in erstarrten, pantomimenhaften Posen. Ihre Gesichter sind weiss geschminkt. Gekleidet in löchrige Kostüme, halten sie eine Zigarre, eine Pistole oder einen Stock. Sie stammen aus den umliegenden Townships und verdienen sich als temporäre Strassenkünstler ein Zubrot. Tief über den Dächern erscheint ein einmotoriges, in der Innerschweiz hergestelltes Flugzeug, ein Pilatus Porter. Es zieht brummend ein paar Kreise über der Stadt und verschwindet dann Richtung Townships. Auf der Flügelunterfläche prangt in blauen Lettern «POLICE». Das National Arts Festival, die seit dreissig Jahren stattfindende Kulturmesse Südafrikas hat begonnen.
Die Klasse von 76
Bongani Linda ist Theaterregisseur und Autor aus Soweto. Seine Victory Sonqoba Theatre Company spielt in der Gymnastikhalle der Rhodes University das Stück «Soweto-Class of 76». Die SchauspielerInnen sind ausnahmslos sehr jung, sie verkörpern die Schüler, die sich im Juni 1976 weigerten, weiterhin Afrikaans als Unterrichtssprache zu benutzen, und damit den ersten, entscheidenden Volksaufstand gegen das Apartheidregime herbeiführten. Die jungen DarstellerInnen identifizieren sich völlig mit ihren Rollen, sie streiten, skandieren, tanzen, singen und weinen. Das fast gänzlich schwarze, jugendliche Publikum geht gebannt mit und schenkt den DarstellerInnen von «Soweto-Class of 76» nach etwas über einer Stunde Spielzeit eine Standing Ovation.
Bongani Linda räumt ein, dass das Stück formal und inhaltlich nicht gerade innovativ sei. Er fügt jedoch bei: «Es ist wichtig für die heutige Jugend zu sehen, dass ihre heutige Freiheit auf den Opfern und Kämpfen ihrer Vorgänger beruhen. Das darf nicht vergessen werden.» Er hat hier in Grahamstown noch fünf weitere Stücke auf der Bühne, darunter die vom Market Theatre ermöglichte Uraufführung «Skin Deep». Bongani weiter: «Das Programm von Grahamstown widerspiegelt nicht unsere politischen Zustände, dieses Festival ist viel zu weiss, wir müssen mit diesem eurozentristischen Theater aufräumen.» Er verweist auf «Antigone», eine Inszenierung des britischen Regisseurs Sean Mathias. Sophokles’ Klassiker ist eine der wenigen Theaterproduktionen in Grahamstown, in denen weisse und schwarze Schauspieler gemeinsam auf der Bühne stehen.
König Kreon wird von John Kani verkörpert, einem der Begründer des berühmten Market Theatre in Johannesburg. Kani agiert seltsam starr, wie die ganze, steril wirkende Inszenierung. Die weisse, junge Antigone leidet und weint von Anfang an, vermittelt statt des Bildes einer zum Letzten entschlossenen Rebellin eher den Eindruck einer zu Larmoyanz und falscher Tragik neigenden Halbwüchsigen und nimmt dem Stück dadurch die Spannung. Keine jugendliche Entschlossenheit, kein überzeugtes, zielgerichtetes Denken ist ihr von der Regie zugestanden worden. «Antigone» ist in siebzig Minuten abgespielt, der Applaus ist höflich und kurz.
Weisser Humor für Weisse
«Im Wahljahr 1994 bekam ich zu Weihnachten exakt vierunddreissig Glückwunschkarten von hochrangigen ANC-Politikern, 2003 deren eine», amüsiert sich Peter-Dirk Uys, Südafrikas bekanntester Kabarettist. Er attackierte zwanzig Jahre die Apartheidschergen und kritisiert nunmehr seit zehn Jahren ebenso konsequent die demokratisch gewählte schwarze Regierung. «Weil das Volk vor seiner Regierung beschützt werden muss», meint er viel sagend. Peter-Dirk Uys hat eine ganze Palette von Politfiguren und Knatterchargen auf Lager. Darunter Pik und P. W. Botha, Winnie Mandela, Bishop Tutu und natürlich Nelson Mandela. Höhepunkt seiner Show ist Uys als Apartheidpräsident P. W. Botha und auf seinem Knie ein sitzender Thabo Mbeki als Puppe. «Sind wir nicht Thabo und Botha», flötet der Kabarettist, «ein politisches Anagramm?» Dem Publikum gefriert das Lachen. Neben dem Autor sitzt einer der fünf schwarzen Zuschauer inmitten eines gut vierhundertköpfigen Auditoriums. Auf die Frage, weshalb so wenig schwarze Zuschauer gekommen seien, meint der aus KwaZuluNatal stammende Notariatsassistent: «Ich persönlich mag Peter-Dirk Uys sehr, und wir Schwarzen haben - ausser der Regierung - nichts gegen ihn. Wir kommen nicht, weil wir den weissen Humor oft nicht verstehen. Es ist nicht unsere Welt.»
Peter-Dirk Uys schreibt ein paar Tage später als Gastkolumnist in der Festivalzeitung «Cue» (Stichwort): «Unser weisses Achtziger-Protesttheater überlebte nur, weil es auf alles eine praktische und denkbar einfache Antwort gab: «Free Mandela! Get rid of Apartheid!» Das war aber auch alles, was wir taten, und mühsam mussten wir uns später aus unseren eigenen Komfortzonen befreien. Die Kunst darf heute keine einfachen Antworten mehr parat haben. Sie muss die richtigen Fragen stellen. Und was passiert in Grahamstown? In einer verstopften Kleinstadt kutschieren Leute aus allen möglichen Kulturen und Rassen in glitzernden Vierradvehikeln von Veranstaltung zu Veranstaltung und fragen sich höchstens noch, ob im Theaterrestaurant ein Tisch frei sei. Es ist «Business as usual». Die Politik tötet nicht mehr. Sie irritiert höchstens noch.»
Bongani Linda hingegen gibt sich frustriert über die in Grahamstown vorherrschenden Konstellationen: «Wir Schwarzen sind eine wunderbare Goldgrube für weisse Autoren und Regisseure. Auf unsere Kosten finden sie ihre interessanten Stoffe.» Bongani nennt als Beispiel «Baby Tshepang», eine vom Schauspieler Mncedisi Shabangu eindrücklich verkörperte und von der Regisseurin Lara Foot Newton glasklar geschriebene und inszenierte Geschichte über eine Babyvergewaltigung in Südafrika. «Baby Tshepang» ist künstlerisch ein Wurf und soll im Oktober in «Sharp-Sharp!», einer in Bern von Pro Helvetia und dem Schlachthaus Theater ermöglichten Veranstaltung südafrikanischer Kultur zu sehen sein. «Warum ladet ihr im Ausland so was ein?», fragt Bongani verständnislos. «Ist es so wichtig, den Leuten in Europa zu erzählen, dass wir schwarze Südafrikaner Babys vergewaltigen? Gut, das kommt vor und ist fürchterlich genug. Aber ich frage: Wann endlich schreibt ein weisser Autor eine schwarze Erfolgsgeschichte?»
Gefahr bei Grün
Der Dramatiker Mike van Graan wird als der neue Shootingstar des südafrikanischen Theaters gehandelt. Die Vorstellungen seines Politthrillers «Green Man Flashing» (Grünes Männchen, blinkend) waren in Grahamstown sehr rasch ausverkauft. Das Stück ist ein inhaltlich riskanter Hochseilakt. Im Mittelpunkt steht Gaby Andersen, die weisse Frau des schwarzen ANC-Aktivisten Aaron Matshoba. Nach langem Exil während der Apartheid übernehmen die beiden Verantwortung im neuen Südafrika. So wie das Land innerlich zerstört wurde, so zerrüttet ist bald auch ihre Ehe. Matshoba ist meist weg im Ausland, um «Deals» für die neue schwarze Regierung einzufädeln. Nachdem ihr einziger Sohn vor einem Supermarkt ermordet wird, trennen sie sich, und es kommt zur Scheidung. Gaby Andersen nimmt eine Stelle bei einem hohen Regierungsbeamten namens Khumalo an. Der vergewaltigt sie später während eines Empfangs im Stadthaus in seinem Büro. Sie will ihn anklagen. Ihr Exmann und ein bulliger Sicherheitsbeamter versuchen, im Auftrag der Regierung die peinliche Sache kurz vor den Wahlen aus der Welt zu schaffen, und bieten ihr ein Geschäft an: «Wenn an der Fussgängerampel das grüne Männchen blinkt, überquerst du dann die Strasse?», fragt ihr Exmann. «Natürlich», antwortet sie. «Und wenn gleichzeitig ein Taxi mit hundert Kilometern pro Stunde heranbraust?» «Dann natürlich nicht», erwidert sie unwirsch. «Siehst du», entgegnet er, «du hast demnach das Recht, Khumalo wegen Vergewaltigung anzuklagen. Aber er bekleidet einen hohen, verantwortungsvollen Posten. Wir stehen kurz vor den Wahlen, und es wäre schlecht für die Partei. Es gibt unserer Meinung nach Wichtigeres als persönliche Gerechtigkeit. Die Regierung bietet dir Folgendes an: Du kriegst für fünf Jahre einen gut dotierten Job weit weg in Australien. Dafür hältst du den Mund. Du brauchst nur zu unterschreiben.»
Fatale Selbstzensur
Ein böser Seitenhieb Van Graans. Von Kapstadt nach Australien emigrierte auch der südafrikanische Literatur- Nobelpreisträger J. M. Coetzee. Sein Buch «Schande» wurde vom ANC von der Liste empfehlenswerter Bücher für die Schulen gestrichen, sozusagen auf den Index gesetzt. Rassistisch sei das Werk, bemerken nach wie vor viele ANC-Intellektuelle. Der als «farbig» geltende Van Graan bringt dafür kein Verständnis auf. Diese Überempfindlichkeit gegenüber Kritik führe nach der jahrzehntelangen Apartheid-Staatszensur unweigerlich zur fatalen Selbstzensur, zur permanenten Schere im Kopf. Das sei das Schlimmste, was diesem Land passieren könne. Der südafrikanische Minister für Kultur, Pallo Jordan, habe ihm hinter vorgehaltener Hand gesagt, Südafrika sei trotz der Zehnjahresfeiern beileibe noch nicht die viel beschworene «Rainbow Nation» und schon gar keine Demokratie.
Der Kritiker Max Rayneard schreibt in der Tageszeitung «This Day» über «Green Man Flashing»: «Armut, Kriminalität und Aids sind Feinde, die nun mal keine Ohren haben. Mögen die Schauspieler noch so ihren Zeigefinger emporheben: Wir wissen längst, dass Kriminalität schlecht ist, dass Armut korrumpiert und dass Aids tötet. Es ermüdet, dauernd im Theater daran erinnert zu werden. Van Graan und seine exzellente Regisseurin Clare Stopford schaffen es, dem Protesttheater endlich ein neues Gesicht zu geben, der Bühne die Subtilität zu injizieren, die der Komplexität unseres Landes und dem, was wir vom Theater erwarten sollten, voll entspricht. Es war an der Zeit.»
Lieber mit den eigenen Leuten
Bongani Lindas Stück «Skin Deep» hat am nächsten Tag Premiere. Das Bühnenbild suggeriert einen weissen, reichen Haushalt. Die Dame des Hauses ist geschieden, hat aber eine halbwüchsige eigene Tochter und ist praktisch Adoptivmutter der Tochter ihrer langjährigen schwarzen Haushälterin. Diese Tochter gibt sich verdorben und will ihre aus den Townships stammende Mutter nicht mehr akzeptieren. Dazu taucht ihre nach wie vor im Township lebende Schwester auf und erzählt vom gemeinsamen Bruder, der verhaftet worden sei. Dieser entweicht später aus dem Gefängnis und klaut wiederum der weissen Hausherrin mit Waffengewalt das Auto.
Spätestens hier wirkt die an und für sich in Südafrika mögliche Geschichte zu sehr übers Knie gebogen, etwas oberflächlich und paradoxerweise formal sehr «eurozentristisch». Bongani stimmt dem überraschend zu. «Ich nahm mir zu wenig Zeit für die Produktion. Und ich komme einfach nicht zurecht mit weissen Schauspielern. Die wollen von mir immer wissen, wie ich es als Regisseur haben will. So? Oder doch lieber so? Das ist nicht meine Welt. Ich arbeite lieber mit meinen eigenen Leuten. Die improvisieren drauflos, da ist Bewegung, da dampft es, da passiert was.»
Wir laufen hinaus in die kalte Nacht und verabschieden uns. Ein kleiner, aus dem Township stammender Strassenkünstler liegt erschöpft auf dem Gehsteig und schläft, den Kopf am plakatgeschmückten Baumstamm angelehnt. Seine weisse Schminke im Gesicht blättert ab. In der schlaffen Hand hält er eine an den kommerziellen Festivalständen zu erwerbende, sehr echt wirkende Pistole. Ein Polizeiwagen fährt vorbei, und es fängt an zu regnen. Mir fällt ein, was Adam Asmal, ein Kameramann, mir Wochen zuvor in Kapstadt zum Thema «Rainbow Nation» erzählte: «Die Schulen sind ja jetzt glücklicherweise gemischt. Wenn meine Tochter von der Schule nach Hause kommt und von ihren kleinen KollegInnen erzählt, weiss ich nie, ob das erwähnte Kind schwarz ist oder weiss. Meiner Tochter scheint dies völlig unwichtig zu sein. Das gibt mir Hoffnung.»
WOZ vom 19.08.2004
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