Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ
Artikel  weiterempfehlen |  drucken | Textgrösse [+] / [-]

Die Nachfolgerin der Apartheid-Partei verbündet sich mit dem ANC

Liebesheirat alter Erzfeinde

Von Ruth Weiss

Erinnert sich noch jemand an den bösen alten Wolf, die burische National Party? An die jahrzehntelang regierende südafrikanische Partei, die 157 Oppositionelle inklusive Nelson Mandela wegen Hochverrats vor Gericht stellte? Und weiss man noch, wie sich die 157 Angeklagten bei ihrer Verteidigung auf die 1955 verabschiedete Freiheitscharta beriefen?

Die Erinnerungen an all das wurden letzte Woche wieder wach, als der regierende African National Congress (ANC) und die New National Party (NNP) ankündigten, künftig eng zusammenzuarbeiten. Die NNP war 1997 aus der alten National Party hervorgegangen. Und was soll die Basis dieser Zusammenarbeit sein? Die Freiheitscharta!

Bereits bei den Wahlen im April waren die beiden Parteien ein Wahlbündnis eingegangen. Im Juni stimmte die Mehrheit der Parteimitglieder der NNP für eine Fusion mit dem ANC. Gemäss NNP-Chef Marthinus van Schalkwyk haben die beiden Parteien dieselben Ziele. Van Schalkwyk ist der einzige Minister in der aktuellen Regierung, der nicht zum ANC gehört. Wie genau die geplante Fusion vor sich gehen soll, ist bislang unklar. Die Kommunistische Partei (SACP) hat bereits die Befürchtung geäussert, dass sie der gegenwärtigen Zusammenarbeit von ANC, SACP und dem Gewerkschaftsdachverband Cosatu schaden könnte.

Was bedeutet die erstaunliche Liebe von ANC und NNP? Die oppositionelle Demokratische Allianz ist der Ansicht, die Fusion sei lediglich ein eleganter Schachzug des alten Establishments, das zu retten, was noch zu retten ist. Um zu verstehen, wie frühere Erzfeinde zu Partnern werden konnten, lohnt es sich, einen Blick in die Geschichte der beiden Parteien zu werfen.

Ihren Ursprung haben die beiden Parteien in der Gründung der Südafrikanischen Union. Die Union entstand 1910 durch die Vereinigung von zwei britischen Kronkolonien mit den zwei besiegten Burenrepubliken. Die Schwarzen waren sich sehr wohl bewusst, dass die Verfassungen der Burenrepubliken sie von den bürgerlichen Rechten ausgeschlossen hatten. Und als eine Delegation von schwarzen Südafrikanern in Britannien mit schönen Worten über die Verantwortung der Weissen abgespeist wurde, ging es nur noch zwei Jahre, bis die erste Schwarzen-Partei entstand. Unter den Buren wuchs gleichzeitig die Angst, von der ökonomischen Macht ihrer Englisch sprechenden MitbürgerInnen überrollt zu werden: Sie gründeten ihre National Party. Beide Gruppierungen zogen sich also in ihr eigenes Lager zurück und bezeichneten sich als Nationalisten: als burische respektive afrikanische. Die Buren, die sich auf den britischen Feind eingeschossen hatten, waren lange Zeit blind gegenüber den Forderungen der Schwarzen. Der afrikanische Nationalismus der Schwarzen richtete sich in erster Linie gegen alle Weissen. Erst der Sieg der National Party bei den Wahlen von 1948 und die Errichtung des Apartheid-Staats machte die Buren zum wichtigsten Widersacher des ANC. Vertieft in ihren anachronistischen Kampf gegen den britischen Imperialismus, gelang es der regierenden burischen National Party nicht, den wachsenden afrikanischen Nationalismus einzudämmen. Die Regierung versuchte, ihn zu schwächen, indem sie lächerliche «Homelands» erstellte. Das Black Consciousness Movement erschien der NP-Regierung lange Zeit gefährlicher als der ANC und seine begrenzte Kampfkraft. Das Black Consciousness Movement, das mit der Zeit sowohl im Ausland als auch im eigenen Land vom ANC aufgesogen wurde, propagierte afrikanischen Stolz und Nationalismus - genauso wie die Buren auf das Burentum stolz waren.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass sowohl ANC als auch NP lange Zeit von ihren eigenen Eliten angeführt wurden. Der geheime «Broederbond» mit seinen ausgewählten Mitgliedern bestimmte Politik und Strategie der National Party. Der ANC wurde vor den vierziger Jahren, als die Jugendliga mit Nelson Mandela, Walter Sisulu, Oliver Tambo und Robert Sobukwe entstand, von Klerikern, Lehrern und Stammeshäuptlingen beherrscht. Die Bevölkerung kam erst in Zeiten der direkten Konfrontation zum Zuge.

Nach der Ära Pieter Botha, als sich die neue Regierung der National Party zur Beendigung der Apartheid verpflichtete, begann der Abstieg der Partei. Vielleicht war er die logische Folge davon, dass die Burenpartei die errichteten Schranken zu den «Farbigen» beseitigt hatte und das Konzept eines einzigen Nationalismus anerkannte - des südafrikanischen. Selbstverständlich passt diese Wandlung der ehemals mächtigen National Party nicht allen Buren. Doch diejenigen, die den alten Idealen nachhängen, sind in der Minderheit.

Mehr als ein Lippenbekenntnis zur Freiheitscharta und ihren sozialistischen Idealen ist von den neuen Partnern kaum zu erwarten. Das Zitieren eines historischen Dokuments macht immer Eindruck. Was wirklich zählt, ist die gegenwärtige Politik des ANC. Diese folgt dem Pfad des Neoliberalismus. Das passt auch der Buren-Partei, die sich seit langem schon dem ökonomischen Mainstream verschrieben hat. ANC und NNP sind zwei gesetzte, nüchterne, konservative Partner, die sich für einen gemeinsamen Weg entschieden haben.

TopTop

Inhalt Dossier «Schweiz-Südafrika»

WOZ vom 03.11.2005

Schweizer Beziehungen zur Apartheid: Georg Kreis im Streitgespräch mit Mascha Madörin über Löcher und Lügen

WOZ vom 27.10.2005

Schweiz-Südafrika: Das Nationalfondsprogramm 42+ sollte Licht in das Verhältnis der Schweiz zum Apartheidstaat Südafrika bringen. Doch die Forscher standen oft vor verschlossenen Archiven

Schweiz-Südafrika: Wie wirksam wären Sanktionen gegen Südafrika gewesen? Besser niemand weiss es, meinen Bundesrat und Banken

WOZ vom 20.10.2005

Seid wieder nett! Schweizer Firmen, die von der Apartheid profitierten, behindern die Aufarbeitung der Vergangenheit. Gegen Versöhnung haben sie nichts - diese darf bloss nichts kosten

Vergangenheitspolitik: Eine Aufarbeitung der Schweizer Apartheid-Geschichte muss den internationalen Kontext einbeziehen. Was taten andere Ländern nicht, was die Schweiz tun «musste»?

Sanktionen: 1990 hatte der Schweizer Bundesrat kein Problem, sich an Sanktionen gegen den Irak zu beteiligen. Südafrika war da ein anderer Fall

WOZ vom 01.09.2005

Alles war noch viel schlimmer: Ein nationales Forschungsprogramm untersucht die Beziehungen zwischen der Schweiz und Südafrika

WOZ vom 19.05.2005

Die Safari-Knospe: Seit dem Ende der Apartheid wird Südafrika als Reiseziel immer populärer. Gibt es faire Reisen dorthin? Und wer verdient am Tourismus?

WOZ vom 17.03.2005

Stadt auf dem Trockenen: In Kapstadt herrscht Wassermangel

WOZ vom 19.08.2004

Viel zu weiss! Woran arbeiten südafrikanische Kulturschaffende nach zehn Jahren Demokratie?

alle Artikel zum Dossier