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PR-Reisen ins Apartheidland Südafrika

Tolle Wirtschaft, schwache Geister

Otmar Hersche

Medienreisen nach Südafrika sollten der hiesigen Bevölkerung das Bild einer blühenden und für Schweizer Investoren attraktiven Wirtschaft zeichnen. Die Reisekosten gingen zulasten des Apartheidregimes oder seiner Schweizer Stützen.

Der Historiker David Gygax stellte kürzlich dar, wie führende Kreise der Schweizer Wirtschaft via die Swiss-South African Association (SSAA) eine eigene Aussenpolitik mit dem Apartheidstaat am Kap betrieben (siehe WoZ Nr. 51/01). Sie konnten dabei mit dem aktiven Wohlwollen offizieller Stellen rechnen. Zu den zentralen Anliegen der SSAA gehörte die Imagepflege. Medienvertreter und Prominente wurden zu mehrwöchigen Informationsreisen durch Südafrika eingeladen, um - wie es hiess - ein «objektives Bild» zu erhalten. Auch die südafrikanische Botschaft in Bern und das südafrikanische Ministerium für Tourismus boten derartige Reisen an. Journalisten, Redaktorinnen und Politiker, darunter zahlreiche hochrangige VertreterInnen von führenden Medien des Landes, machten von diesen Angeboten rege Gebrauch.

Südafrika in der NZZ

Wer nun allerdings annimmt, diese Gratisreisen hätten automatisch zu Gefälligkeitsberichten in den Medien geführt, täuscht sich. So fanden sich bei Franz Aschinger, NZZ-Redaktor und während Jahren engagiertes Mitglied der SSAA, kritische Akzente in den Artikeln, die er 1966 in seiner Zeitung und anschliessend in einer Broschüre veröffentlichte. Er beschrieb unter anderem, wie mit immer neuen Bestimmungen das Apartheidsystem, dieses «Narrenhaus», ausgebaut wurde, wobei alle Bemühungen letztlich nur die Absurdität des Konzepts der Rassentrennung demonstrierten. Die Apartheid befand sich nach Aschingers Auffassung in der Sackgasse. Eine mehrrassige Gesellschaft und Politik konnte er sich aber nicht vorstellen. Die weisse Minderheit befürchte eine Majorisierung durch die schwarze Mehrheit: «Ihre Befürchtungen hinsichtlich einer mehrrassigen Gesellschaft sind verständlich, und es wäre der Lösung des südafrikanischen Problems nur förderlich, wenn diese Tatsache auch im Ausland überall als ein Faktum betrachtet würde.»

In einem auffallenden Gegensatz zur politischen Analyse standen Aschingers Ausführungen zur wirtschaftlichen Situation Südafrikas. Die einzelnen Sektoren wurden detailliert behandelt. Erfreuliche Zuwachsraten und gute Renditen registrierte der NZZ-Redaktor in vielen Industriebereichen von der Metallindustrie bis zur Chemie und Textilproduktion. Die Diskriminierungen in der Arbeitswelt - der Ausschluss von Nichtweissen von bestimmten Berufen und krasse Lohnunterschiede zwischen Weissen und Schwarzen - wurden ausgeklammert. Die Schlussfolgerung lautete: «Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind somit im Ganzen als günstig zu beurteilen. Die Wirtschaft hängt aber auch stark von der Politik und im Besonderen von der künftigen Gestaltung der Rassenbeziehungen ab.»

Für die Beziehungen Schweiz-Südafrika in den sechziger und siebziger Jahren und wohl auch später spielte die NZZ eine zentrale Rolle. Nicht zu unterschätzen waren dabei die Beiträge des renommierten Nationalökonomen Wilhelm Röpke. Dieser war während Jahren so etwas wie eine höhere moralische und philosophische Instanz, eine unfehlbare Autorität in Sachen Liberalismus. Seine Ansichten zu Südafrika, die er als Gastprofessor gesammelt hatte, teilte er in Zeitungsartikeln und in einem zusammenfassenden Aufsatz in den «Schweizer Monatsheften» vom Mai 1964 mit. Für Röpke war die getrennte Entwicklung eine ideale Voraussetzung für eine friedliche Entfaltung verschiedener Rassen. Die kulturellen Unterschiede zwischen Weissen und Schwarzen waren nach seiner Auffassung derart gross, dass ein Miteinander gar nicht denkbar war. Nicht akzeptieren wollte Röpke hingegen die «kleine Apartheid», also das pedantische und demütigende Regelwerk für die nichtweisse Bevölkerung. Dass es zwischen der kleinen und der grossen Apartheid direkte Zusammenhänge gab, entging dem Professor offenbar. Er sah in Südafrika ein Musterland und ein Bollwerk gegen den Kommunismus in einer strategisch wichtigen Weltgegend.

Bringolf und Staub

Zu ganz anderen Auffassungen gelangte Nationalrat Walther Bringolf, einer der profiliertesten SP-Politiker der Nachkriegsjahre. Er machte seine Reise auf Einladung der SSAA im Jahre 1966 und fasste die Eindrücke 1968 in einer Publikation des Artemis-Verlages zusammen. «Die Praxis der Apartheid-Politik», so schrieb er in der Einleitung, «ist menschlich unhaltbar - das ist meine feste Überzeugung. Und diese Ansicht hat sich durch meinen Besuch und meine Gespräche in Südafrika eher verstärkt als gemildert.» Allerdings musste Bringolf feststellen, dass die Mehrheit der Weissen die Politik der Rassentrennung stützte. Das galt nach seiner Einschätzung auch für die rund 5000 Schweizerinnen und Schweizer, die in Südafrika lebten. Die Rassentrennung als verbindliches Prinzip konnte er in allen Einrichtungen, in Ämtern, Parteien, Gewerkschaften, Schulen und Hochschulen beobachten. Selbst dort, wo die Schwarzen eine gewisse Autonomie zu haben schienen, erwies sich diese weitgehend als Scheinautonomie, etwa im Vorzeige-Homeland Transkei, wo alle wesentlichen Funktionen direkt von der Zentrale in Pretoria abhängig blieben.

Was lässt sich in einem solchen festgemauerten System bewegen? Mit dieser Frage ging Bringolf zu oppositionellen Politikern, Journalisten und Lehrern. Hin und wieder, zum Beispiel im Gespräch mit dem Friedensnobelpreisträger Albert Luthuli, tauchte die Idee der politischen Gleichberechtigung auf - «one man, one vote». Auch das damals häufig diskutierte Konzept eines Commonwealth, das heisst einer losen Verbindung unabhängiger Staaten, kam zur Sprache. Auf die Frage, ob mit einem kommunistischen Umsturz zu rechnen sei, erhielt Bringolf beruhigende Antworten. Das Regime habe oppositionelle Kräfte fest im Griff. Nach seiner eigenen Beurteilung bestand die einzige Chance einer Veränderung in der wirtschaftlichen Entwicklung. Je grösser der wirtschaftliche Fortschritt, desto mehr werde die nichtweisse Bevölkerung unentbehrlich, und das nicht bloss für schlecht bezahlte Hilfspositionen, sondern für alle Stufen.

Zum gleichen Ergebnis kam Hans O. Staub, als Chefredaktor der «Weltwoche» einer der massgeblichen Publizisten des Landes. In seinem 1975 erschienenen «Südafrikareport» schrieb Staub: «Träume von einer gewaltsamen Beseitigung des Regimes, von revolutionären Umsturzbewegungen, sind Schäume. Erste Opfer einer (durchaus unwahrscheinlichen) Revolution wären die Schwarzen.» Die Wirtschaft enthalte in sich selbst die beste Therapie gegen die Apartheid: «Weshalb, nebenbei gesagt, jene oberklugen Idealisten, die Südafrika boykottieren möchten, um den Schwarzen bei ihrer Emanzipation zu helfen, diesen den schlimmsten Bärendienst erweisen.»

Dabei sah Staub klar, wie sich das Regime nach der Unabhängigkeit von Angola und Moçambique in die Enge gedrängt und bedroht fühlte und mit zunehmender Polizeigewalt darauf reagierte. Trotzdem blieb das Land wirtschaftlich interessant. «Südafrika ist für die europäischen Industriestaaten immer noch das afrikanische Investitionsland par excellence - und wenn auch so manche europäische Regierung unter dem Druck innenpolitischer Strömungen in heldenhafter Aufwallung beschliesst, eine undurchlässige Mauer um Südafrika zu bauen, private Unternehmen aller Art haben bisher immer noch die nötigen Schlupflöcher gefunden.»

Staub schloss mit einer besinnlichen Quintessenz: «Die Herausforderung, welche das letzte Viertel unseres Jahrhunderts an das weisse Südafrika stellt, ist grundsätzlicher Art; sie liegt in einer Revolution des Geistes und der Geister.»

Sympathie für Weisse

Die Reisen von Journalisten und Prominenten trugen zweifellos dazu bei, dass Südafrika als mediales Thema wie kaum ein anderes während Jahrzehnten präsent blieb. Dabei kam, nicht bloss in den hier zitierten Aufsätzen, deutliche Kritik an der Rassentrennung zur Sprache. In den Berichten der Jahre zwischen 1960 und 1980 fällt auf, dass man im Allgemeinen auf Reformen setzte und gewaltsame Aktionen und auch wirtschaftliche Boykotte ablehnte. Vermutlich konnte die weisse Bevölkerung Südafrikas lange Zeit auf eine gewisse Sympathie in der Schweiz zählen. Die zähen und gottesfürchtigen Buren, die sich ihren Platz an der Sonne hart erkämpft hatten, weckten Erinnerungen an die eigene mythische Vergangenheit. Dazu kam die politische Ausrichtung: Südafrika als Bastion westlicher Kultur, als Bollwerk gegen den Kommunismus, konnte mit der vollen Unterstützung der helvetischen Kalten Krieger rechnen. In erster Linie aber war Südafrika eine Goldgrube im wörtlichen und übertragenen Sinn. Der Goldhandel war während Jahren ein lukratives Geschäft, und die Gewinne in zahlreichen anderen Bereichen waren ausgezeichnet.

Fragwürdige Diplomatie

Der radikale Klimawechsel erfolgte in den achtziger Jahren. Die Erwartung, dass die wirtschaftliche Entwicklung automatisch zur Abschaffung der Apartheid führe, erwies sich als Illusion. Das Gegenteil zeichnete sich ab. Die wirtschaftliche Überlegenheit wurde zunehmend als politisches Druckmittel eingesetzt. Ulrich Meister, Afrikakorrespondent der NZZ, skizzierte in einer Publikation der Bank Vontobel («Quo vadis südliches Afrika», 1983) ein düsteres Bild. Alle wesentlichen Zielsetzungen des weissen Regimes seien gescheitert. Die friedliche Koexistenz mit den benachbarten schwarzafrikanischen Staaten sei misslungen. Die Konflikte in Namibia und Angola und die Auseinandersetzungen mit dem ANC blockierten übermässig viele Kräfte und Finanzen. Man müsse sich vor jedem vorschnellen Optimismus hüten, schreibt Meister, «solange die beiden Grundprobleme - Namibias Unabhängigkeit und die politische Mitbestimmung der Schwarzen in Südafrika - weiterhin einer Lösung harren».

Auch die offizielle Schweiz machte sich lange kaum Gedanken über die verbrecherischen Seiten des Apartheidregimes und sah stattdessen nur das wirtschaftliche Potenzial des Landes: «Was die Schweiz betrifft, so hat sich unser Handel in den letzten drei Jahren sehr erfreulich entwickelt», schrieb 1964 Franz Kappeler, langjähriger Botschafter der Schweiz in Südafrika, in einem Aufsatz für die Schweizerische Zentrale für Handelsförderung. Zur Rassenfrage fiel ihm bloss ein knapper Satz ein. Es hätten sich einige Differenzen zwischen Weissen und Schwarzen abgezeichnet: «Daraus ergeben sich scharfe Kontraste und Gegensätze, aber auch ein Reichtum an verschiedenartigsten Talenten.» Ein dickes Kompliment erhielten die Behörden: «Die Konsequenzen, welche die südafrikanische Regierung aus ihren gegenwärtigen aussenpolitischen Schwierigkeiten zieht, sind, fest zu bleiben, sich nicht durch Einschüchterungs- und Einmischungsversuche von aussen beirren zu lassen, sondern selbst die ihrer Meinung nach beste Lösung im Interesse aller Rassen des Landes zu suchen.»

Kappelers simple politische Einschätzung überrascht nicht. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs hatte er in Berlin in enger Zusammenarbeit mit dem Gesandten Hans Frölicher eine nazifreundliche Diplomatie betrieben. In jene Jahre fiel zum Beispiel die Gefangenschaft des Studenten Maurice Bavaud aus Neuenburg, der versucht hatte, Hitler zu töten. Weder Kappeler noch Frölicher noch sonst ein Angestellter der Gesandtschaft fanden eine freie Minute, um sich an Ort und Stelle um ihren Landsmann zu kümmern. Bavaud wurde am 14. Mai 1941 hingerichtet.

Es wäre eine spezielle Untersuchung wert, wie weit die schweizerische Diplomatie das südafrikanische Regime - wie früher das nationalsozialistische - stützte.

Auch Bundesrat und Parlament hielten jahrelang in Kenntnis der Verhältnisse daran fest, Südafrika wegen seiner Politik zwar zu tadeln, aber wegen seines wirtschaftlichen Potenzials nicht weiter zu belangen. Der Bundesrat veröffentlichte im September 1986 eine Erklärung, die er dem Sinne nach be-reits früher abgegeben hatte. Darin verurteilte er das Apartheid-System, lehnte aber wirtschaftliche Sanktionen ab, weil diese «nicht geeignet sind, eine gegebene politische Situation zu ändern». Diese Einstellung erinnert fatal an die Zeit des Zweiten Weltkriegs und an das Verhältnis, das die Schweiz zu Nazi-Deutschland pflegte. Hier wie dort konnte kein politisch Verantwortlicher behaupten, er wisse nicht, was sich wirklich abspiele.

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