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Südafrika: Prozess gegen Wouter Basson

Die halbe Wahrheit

Heimo Claassen, Brüssel

Im Prozess gegen Dr. Death erfährt die Schweiz viel über den eigenen Geheimdienst. Wichtige Aktivitäten der Giftmischer stehen allerdings gar nicht zur Verhandlung.

Die Regierung von Thabo Mbeki hatte ihre eigene Staatsanwaltschaft dermassen geknebelt, dass die Anklage gegen Wouter Basson auf beiden Beinen hinkte: Statt den ganzen monströsen Komplex der Chemie- und Biowaffenentwicklung des «Project Coast» aufzugreifen, durfte sie dem Gericht in Pretoria nur den einen, wenn auch zentralen Manager vorführen: Wouter Basson alias «Dr. Death», nicht aber dessen Vorgesetzte oder wichtigste Mithelfer. Sie tat dies mit zwei Hilfskrücken, die von Bassons Verteidigung nur zu leicht weggeschlagen werden konnten: Zum einen wurde nur Anklage wegen Mord oder Beihilfe zu Mord in zahlreichen Einzelfällen erhoben, anstatt Besson aufgrund der im alten wie im neuen Südafrika zur Verfügung stehenden Rechtsmittel gegen organisiertes Verbrechen zu belangen. Zum andern wurde das Ganze auf nicht mehr als eine Betrugsaffäre zu Bassons persönlicher Bereicherung reduziert, dabei geht es um ein ganzes Netz von Tarn- und Scheinfirmen, mit dem die Rassisten Material zur Fertigung von Mordwerkzeugen und Massenvernichtungsmitteln besorgten - das Budget von «Project Coast» betrug immerhin rund 180 Millionen US-Dollar, mehr als die Hälfte davon für Einkäufe in Europa.

Wouter Basson trat noch vor dem Abschluss seines Medizinstudiums Anfang der siebziger Jahre in die Spezialtruppe des Apartheid-Regimes ein. Seine steile Karriere machte ihn zum Chef des grössten Sanitätsbatallions mit einer angegliederten Klinik in Pretoria und zum Herz- und Hausarzt von Pieter W. Botha - jenem Präsidenten Südafrikas (1978-89), der die rassistische Staatsdoktrin zum Aufbau eines totalitären Staates nutzte. Aufgrund der Wahnidee einer «totalen Bedrohung» durch die Nichtweissen im Land und in der afrikanischen Nachbarschaft, alle natürlich auch «Kommunisten» und «Terroristen», wurde «totale Verteidigung» zum alles beherrschenden Staatszweck und die Staatsführung aus «Sicherheitsgründen» geheim - alle Entscheidungen wurden im früheren «Staatssicherheitsrat» oder späteren «National Security Management» getroffen. Darin sassen unter dem Vorsitz des Präsidenten der Militärminister, der Minister für Polizei und Justiz sowie die Chefs der militärischen wie zivilen Dienste und auch der Chef des Militärgesundheitsdienstes.

Spätestens um 1979 entstand das Vorhaben, Chemie- und Biowaffen im grossen Stil zu entwickeln. Wer dazu die Initiative ergriffen hat, ist nicht klar, es könnte Basson selbst oder General Liebenberg, Chef des Militärgesundheitsdienstes, gewesen sein. Von Letzterem bekam Basson 1980 den Auftrag, das «Project Coast» aufzubauen und dessen Aktivitäten von Anfang an in zivilen Labors zu tarnen. Als Kerneinheiten gründete Basson die Roodeplaat Research Laboratories (Chemie- und Bioforschung) mit angegliederter Zuchtanstalt für Tierversuche, die Delta G Scientific (für Anwendungsentwicklung und Produktion) sowie die Protechnik (Test- und Schutztechnik). Die Wahrheits- und Versöhnungskommission ermittelte darum herum ein Geflecht von über hundert Tarn- und Scheinfirmen, einige Dutzend davon im Ausland, auch in der Schweiz, für Finanzgeschäfte und zum Einkauf auf dem freien Weltmarkt. Da war mit wenigen Ausnahmen alles an Rohstoffen und Ausrüstung zu haben. Das Umgehen der Uno-Sanktionen, die nur wenige, spezifisch militärtechnische Güter betrafen, war die geringere Sorge als jene, bei der systematischen Beschaffung von zivil und militärisch verwendbaren Gütern nicht aufzufallen.

TÖDLICHE VERSUCHE AN GEFANGENEN

Mitte der achtziger Jahre hatte «Project Coast» die klassischen B- und C-Waffen im Griff und konnte Anthrax-Sporen, das Nervenmittel Tabun und das Nervengas Sarin sowie weiterentwickelte Bomben und Granaten produzieren. «Project Coast» entwickelte drei eigene Varianten des Tränengases CR, das um ein Vielfaches stärker ist als das seit Vietnam bekannte CS. Anfang der neunziger Jahre produzierte Delta G davon tausend Tonnen monatlich - mehr als selbst im aufständischen Südafrika benötigt wurde - und erzielte damit jeweils 1 Million Rand (damals rund 5 Millionen US-Dollar). Exportiert wurde über den staatlichen Waffenkomplex Armscor - wohin, ist bisher nicht bekannt.

Bassons besonderes Steckenpferd waren verschiedene Peptide - eine Gruppe von Eiweissverbindungen, unter die Schlangengifte und andere muskel- und nervenbeeinflussende Substanzen bis zu Hormonen und hirnwirksamen Stoffen fallen. Der nach eigener Einschätzung «höchstqualifizierte Kardiologe» bestellte über die Schweiz riesige Mengen eines Pharmamittels, das in zu hoher Dosis Herz und Lungen rapide kollabieren lässt und einen qualvollen Erstickungstod verursacht; Herzmuskelmittel mit ähnlicher Wirkung gehörten gleichfalls zum Arsenal. Experimentiert wurde nicht nur an Tieren, sondern auch an Gefangenen - Bassons «Spezialtruppe» setzte ihre Mordwerkzeuge gegen AktivistInnen der namibischen Befreiungsorganisation Swapo und des südafrikanischen African National Congress ein, die Körper wurden, halb oder ganz tot, von Flugzeugen aus ins Meer geworfen. Am Ende ihrer Sitzungen im Juli 1998 hatte die Wahrheitskommission ein ganzes Paket von Eingaben dazu nicht mehr bearbeiten können; im laufenden Prozess wurde Bassons direkte und persönliche Mittäterschaft in einigen Fällen eindeutig festgestellt; zumindest dafür wird er wohl verurteilt werden.

Andere Projekte und die rassistische Obsession, mit der Basson einige seiner Forschungen betrieb, wurden dagegen weder am Prozess noch in der letzten Sitzungswoche der Wahrheitskommission, an der es am Schluss noch um das «Project Coast» ging, erhellt. Da gab es die aufwendige Suche nach einem pharmakologischen Mittel, das nur bei nichtweissen Frauen Schwangerschaft verhindern würde. Und da gab es verschiedene Peptid-Versuche, um Wege zu finden, biologische Gifte mit Hirn- und Gefühlsbeeinflussung nur bei «Schwarzen» wirken zu lassen. Doch den Militärs mit ihrem Wunsch nach rasch und gezielt wirkenden Waffen war dies zu langsam. Basson hatte zwar allen Spielraum, seine persönlichen Wahnideen zu verfolgen, ihm fehlten aber das Wissen und das Personal für langfristige Grundlagenforschung. Die wurde daher bei Universitäten in Auftrag gegeben: Das Nationale Institut für Virologie in Pretoria und das Veterinär-Forschungsinstitut in Onderstepoort gehörten zu den wichtigsten Stätten.

ALLES GEFÄHRLICHE VON EBOLA BIS AIDS

Eine äusserst merkwürdige Querverbindung gibt es zwischen Basson und der Aids-Forschung oder genauer jenem exklusiven Klub von Virologen und Mikrobiologen, die 1976/77 im damaligen Zaire (Kongo) auf der gänzlich vom US-Militärhaushalt finanzierten Jagd nach dem Ebola-Virus waren und später zu den Aids-Forschern der ersten Stunde gehörten. Basson konnte nicht mitmachen, da er nach eigener Aussage zu jener Zeit an einem anderen «geheimen US-Forschungsprojekt in Zaire» zugange war. Immerhin wurde einer der damals erkrankten Amerikaner der US Air Force in Bassons Militärklinik in Pretoria gebracht. Ebola ist so recht ein Biest nach Wunsch der Militärs, ein schneller, übler Killer. Basson befasste sich weiter mit Ebola-Forschung und betrieb zudem frühzeitig Studien zum Immunsystem, zu dessen Zusammenbruch und zur Schlüsselrolle, die die Thymus-Drüse dabei spielt. Schon seine Dissertation von 1975 befasste sich mit «Aspekten der menschlichen Immunreaktion auf Tripolyzone-Typen» - also auf ein chemisches Produkt und noch nicht auf das Virus. In der Abteilung für Aids-Forschung, die er dann bei Delta G aufzog, standen diese beiden Stränge im Mittelpunkt: die «rassenspezifische» Infektionsweise von HIV/Aids und die Herumprobiererei mit allerlei Thymus-Präparaten.

Seit Prozessbeginn im Oktober 1999 verfolgen Chandré Gould und Marlene Burger für das Centre for Conflict Resolution in Südafrika den Prozess und dokumentieren ihn mit Zusammenfassungen der Sitzungen auf http://ccrweb.ccr.uct.ac.za. Leider ist die Fortsetzung dieses Dienstes infrage gestellt, und das CCR sucht dringend nach finanziellen Spenden.

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