Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ
Artikel  weiterempfehlen |  drucken | Textgrösse [+] / [-]

Entschädigungszahlungen für die Apartheidopfer

Jetzt, nicht erst in fünfzig Jahren

Winston Hugh Njongonkulu Ndungane

Ein Wunder geschah in den letzten zehn Jahren in Südafrika. Das Wunder der Befreiung, erreicht nicht durch Blutvergiessen, sondern durch Aushandeln der Konflikte. Die weitaus wichtigste Ursache für dieses Wunder war der Entscheid, aufbauende Gerechtigkeit über vergeltende Gerechtigkeit zu stellen. Dieses Prinzip sendet seit 1994 einen Strahl der Hoffnung in andere Weltgegenden. Doch er ist in Gefahr zu erlöschen.

Heute anerkennt das internationale Recht, dass die Schuldigen für Verbrechen gegen die Menschheit Entschädigung leisten müssen. Wir können in Südafrika nicht die fünfzig Jahre abwarten, die den Holocaust-Opfern zugemutet wurden. Entschädigung ist zwar nicht allein eine Geldfrage, doch um wirksam zu sein, muss sie den Wiederaufbau voranbringen.

Der erste und sichtbarste Schritt in Richtung aufbauender Gerechtigkeit, den un-

sere neu gewählte demokratische Regierung unternahm, war die Wahrheitskommission (Truth and Reconciliation Commission). Von den Verbrechern im Namen der Apartheid wurde lediglich verlangt, die Wahrheit über ihre Tätigkeiten zu sagen. Um in den Genuss der Amnestie zu kommen, mussten sie keine Reue zeigen, sondern lediglich die verborgenen Fakten aufklären helfen. Für tausende schwarzer Familien war es so dringlich, zu erfahren, wie und wo ihre Angehörigen umgebracht wurden, dass sie dieses unglaublich nachsichtige Verfahren mit den Tätern, die ihnen so grossen Schmerz zugefügt hatten, akzeptierten. Bis vor kurzem unterstützte die Mehrheit der Südafrikaner das Vorgehen der Wahrheitskommission, doch nun wachsen die Zweifel, und immer mehr Forderungen nach vergeltender Gerechtigkeit werden laut, die den zerbrechlichen Frieden gefährden.

Der wachsende Zorn und die tiefe Enttäuschung der Opfer ist verständlich. Diejenigen, die ihren Schmerz vor der Kommission ausbreiteten, wurden dreifach fallen gelassen. Erstens von der Apartheid, zweitens, weil sie ihre Ansprüche dem bestehenden Justizsystem anvertrauten, und drittens, weil sich die Versprechungen für Wiedergutmachung der Regierung, der sie ihre Stimme gaben, bisher als leer erwiesen. Die Regierung scheiterte daran, Gerechtigkeit und Machbarkeit zu verbinden. Sie scheiterte aber auch deshalb, weil das abtretende Regime die Staatskasse leerte, bevor es die Macht an die gewählten Vertreter übergab. Der schwerste Mühlstein am Hals der Regierung sind aber die illegitimen Schulden (odious debts), die sie erbte. Der Schuldendienst ist der zweithöchste Posten in unserem Budget, dafür wird deutlich mehr aufgewendet als für das Gesundheitswesen.

Warum spreche ich nur von Südafrika und nicht von den ärmeren Nachbarstaaten? Wenn mein Land verwundet ist, blutet der ganze Kontinent. Auf den Schultern Südafrikas ruhen die Hoffnungen auf eine afrikanische Renaissance, doch wir leiden unter einer Schuldenlast, die das internationale Recht im Prinzip als illegitim anerkennt.

Wir verlangen keine Almosen, sondern Gerechtigkeit. Wir wollen einen neuen globalen Ansatz. Das ungerechte globale Wirtschaftssystem hält Milliarden Menschen in einem Zyklus der Verarmung gefangen - mit allen bekannten Folgen von Krankheiten, Verelendung und Verzweiflung. Wir wollen keine Rache, sondern ernsthafte Anstrengungen aller anständigen Menschen, um die Auswirkungen des Apartheidsystems zu überwinden, die immer noch Millionen Männer, Frauen und Kinder entwürdigen. Ich appelliere deshalb an die Schweizer Regierung, ihre Stimme für eine Streichung der Apartheidschulden und für Entschädigungszahlungen zugunsten der Apartheidopfer zu erheben.

Wir fordern die Streichung aller ausstehenden Apartheidschulden inklusive der durch das Apartheidregime bewirkten Schulden der anderen Staaten des südlichen Afrika. Darüber hinaus verlangen wir eine Entschädigung für den Schuldendienst des Regimes seit seiner Errichtung 1948 bis zu seinem Ende im Oktober 1993. Und wir glauben, dass Entschädigungen für die Profite, die ausländische Firmen und Banken in diesen 45 Jahren in Südafrika machten, angemessen sind. Im Interesse der aufbauenden Gerechtigkeit stehen dem südlichen Afrika mindestens 78 Milliarden US-Dollar Reparationen zu. So hoch sind die geschätzten Gesamtkosten für die Region durch die Destabilisierung und die Zerstörungen der Apartheid.

Zwischen 1985 und 1989 hatten einige der weltweit grössten Banken drei herausragende Gelegenheiten, das Leben des Apartheidregimes abzukürzen. Eine scharfe Währungskrise drohte das Regime in die Knie zu zwin- gen. Die Sanktionen begannen zu greifen, und der Kapitalboykott durch einige ausländische Banken erwies sich als wirksamer als die Proteste der westlichen Regierungen. In dieser Situation handelten 14 Grossbanken aus Deutschland, der Schweiz, Britannien, den USA und Frankreich, die weitere 30 Banken und 230 kleinere Kreditinstitute repräsentierten, mit der südafrikanischen Regierung drei Abkommen aus, die ihr erlaubten die Menschenrechte weiterhin massiv mit Füssen zu treten. Damals hatte Südafrika bereits den Ruf eines Parias der Weltgemeinschaft, so dass keine der Banken direkt mit Regierungsvertretern verhandeln wollte. Das Problem wurde gelöst, indem der ehemalige Schweizer Nationalbankpräsident Fritz Leutwiler als Vermittler einsprang. Erzbischof Desmond Tutu und Dr. Beyers Naude baten die Banker, die Neuregelung von Südafrikas Auslandschulden vom Ende des Apartheidregimes und der Etablierung einer Übergangsregierung abhängig zu machen. Die Vorsitzenden der Banken gewährten stattdessen so nachsichtige Umschuldungen, dass selbst die Apartheidregierung von einer «freudigen Überraschung» sprach. Die Banken können nicht behaupten, nichts von den Auswirkungen ihres Handelns auf Millionen von entrechteten und unterdrückten Menschen gewusst zu haben. Diese Menschen erwarten jetzt von ihnen aufbauende Gerechtigkeit.



TopTop

Inhalt Dossier «Schweiz-Südafrika»

WOZ vom 03.11.2005

Schweizer Beziehungen zur Apartheid: Georg Kreis im Streitgespräch mit Mascha Madörin über Löcher und Lügen

WOZ vom 27.10.2005

Schweiz-Südafrika: Das Nationalfondsprogramm 42+ sollte Licht in das Verhältnis der Schweiz zum Apartheidstaat Südafrika bringen. Doch die Forscher standen oft vor verschlossenen Archiven

Schweiz-Südafrika: Wie wirksam wären Sanktionen gegen Südafrika gewesen? Besser niemand weiss es, meinen Bundesrat und Banken

WOZ vom 20.10.2005

Seid wieder nett! Schweizer Firmen, die von der Apartheid profitierten, behindern die Aufarbeitung der Vergangenheit. Gegen Versöhnung haben sie nichts - diese darf bloss nichts kosten

Vergangenheitspolitik: Eine Aufarbeitung der Schweizer Apartheid-Geschichte muss den internationalen Kontext einbeziehen. Was taten andere Ländern nicht, was die Schweiz tun «musste»?

Sanktionen: 1990 hatte der Schweizer Bundesrat kein Problem, sich an Sanktionen gegen den Irak zu beteiligen. Südafrika war da ein anderer Fall

WOZ vom 01.09.2005

Alles war noch viel schlimmer: Ein nationales Forschungsprogramm untersucht die Beziehungen zwischen der Schweiz und Südafrika

WOZ vom 19.05.2005

Die Safari-Knospe: Seit dem Ende der Apartheid wird Südafrika als Reiseziel immer populärer. Gibt es faire Reisen dorthin? Und wer verdient am Tourismus?

WOZ vom 17.03.2005

Stadt auf dem Trockenen: In Kapstadt herrscht Wassermangel

WOZ vom 19.08.2004

Viel zu weiss! Woran arbeiten südafrikanische Kulturschaffende nach zehn Jahren Demokratie?

alle Artikel zum Dossier