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Serbien-Montenegro

Djukanovics Winkelzüge

Von Jean-Arnault Dérens

Der montenegrinische Premier hat es plötzlich sehr eilig, sein kleines Land aus der Union mit Serbien herauszulösen.

Dass die Staatenunion Serbien-Montenegro kein überlebensfähiges Gebilde ist, war von Anfang an klar. Als die Union am 5. Februar 2003 - vor allem auf Druck der EU - ins Leben gerufen wurde, vereinbarten die PolitikerInnen aus Belgrad und Podgorica, dass nach drei Jahren über die endgültige Staatsform entschieden werden soll. Nun droht die Union aber schon nach zweijähriger Existenz auseinander zu brechen.

Eine der wichtigen gemeinsamen politischen Institutionen Serbien-Montenegros ist das Parlament. Es besteht aus Abgeordneten, die noch von den Parlamenten der jeweiligen Teilrepubliken ernannt wurden. Die Abgeordneten müssten nun von der Bevölkerung an der Urne bestätigt werden. Doch das wird von der montenegrinischen Regierung, insbesondere dem Premier Milo Djukanovic, hintertrieben. Djukanovic will noch vor der Wahl eine Abstimmung über die Unabhängigkeit der kleinen Teilrepublik abhalten. Allerdings kann er die Unabhängigkeit erst 2006 ausrufen - nach Ablauf der vertraglich zugesicherten drei Jahre Existenz der Union.

Italien ermittelt

Unabhängigkeit oder nicht - das Thema wird in Montenegro schon seit zehn Jahren diskutiert. Warum hat es Djukanovic plötzlich so eilig? Die Antwort könnte in einem italienischen Strafverfahren liegen. Italiens Behörden ermitteln seit Jahren gegen Djukanovic. Sie sind überzeugt, dass seit 1996 über Montenegro tausende Tonnen Zigaretten nach Italien und andere EU-Länder geschmuggelt worden sind. Dadurch entstand der EU ein Schaden von mehreren Milliarden Euro. Ende Januar kam das Oberste Kassationsgericht in Rom zum Entscheid, dass der Premier Djukanovic keine internationale Immunität besitzt. Denn Montenegro sei als Teil der Union mit Serbien kein souveräner Staat.

Damit ist der Weg für die Anklage frei. Djukanovic, so scheint es, will das mit allen Mitteln verhindern. Die eilige Erklärung der Unabhängigkeit könnte dem starken Mann von Podgorica dazu dienen, sich der Strafverfolgung zu entziehen.

Tiefe Gräben

Die Bevölkerung Montenegros ist sich in Bezug auf die Unabhängigkeit allerdings alles andere als einig. Die letzte Volkszählung vor einem Jahr wuchs sich zu einer politischen Kundgebung aus: Viele AnhängerInnen der Union Serbien-Montenegro trugen sich als «Serben» ein. Gemäss dieser Volkszählung sind heute 30 Prozent der Bevölkerung SerbInnen und «nur» 45 Prozent MontenegrinerInnen. Damit das Projekt der Unabhängigkeit verwirklicht werden kann, braucht Djukanovic also unbedingt die Unterstützung der Minderheiten. Zudem ist nicht auszuschliessen, dass die Auflösung des Staatenbundes zu gewalttätigen Reaktionen führen wird, insbesondere im Norden Montenegros.

Allerdings mehren sich in Serbien die politischen Stimmen, die für einen Alleingang plädieren. Einflussreiche Politiker wie der serbische Vizepremier Miroljub Labus und Finanzminister Mladjan Dinkic vertreten die Meinung, Montenegro und die komplizierten Institutionen des gemeinsamen Staatenbundes seien ein Hindernis für dringend nötige Reformen in Serbien.

Die Auflösung des Staatenbundes hätte noch eine weitere Konsequenz: Der Kosovo würde nach geltender Regelung automatisch an Serbien fallen. Das ist für die Kosovo-AlbanerInnen völlig undenkbar. Die dritte theoretische Möglichkeit, eine Konföderation von drei Teilrepubliken (Serbien, Montenegro, Kosovo) hat bis jetzt keinen einzigen Fürsprecher gefunden.


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