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Ibrahim Rugova (1944-2006)
Der provisorische Präsident
Von Sonja Wenger
Im Kosovo trauert man um den Präsidenten - aber unumstritten war er nicht.
Trotz der Diagnose Lungenkrebs im letzten September kam die Nachricht vom Tod des Präsidenten des Kosovo am letzten Samstag für viele überraschend. Wenige Tage vor dem Beginn der Verhandlungen in Wien über den zukünftigen Status der Provinz verliert der Kosovo einen vehementen Verfechter im Streben nach Unabhängigkeit. Rugova hatte in den letzten sechzehn Jahren die Politik des Kosovo massgeblich mitbestimmt und war durch seinen konsequenten Gewaltverzicht auch auf internationaler Ebene eine respektierte Persönlichkeit.
Der studierte Philosoph wurde 1988 zum Präsidenten des kosovarischen Schriftstellerverbands gewählt. Als Reaktion auf die Aufhebung der Autonomie des Kosovo durch den damaligen Präsidenten Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, gründete Rugova 1989 die Demokratische Liga des Kosovo (LDK). Nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung 1990 wurde Rugova in einer international nicht anerkannten Wahl das erste Mal zum Präsidenten der «Republik Kosovo» gewählt und 1998 im Amt bestätigt. Die ganzen neunziger Jahre hindurch forderte er ein Ende der serbischen Repression und forcierte den Aufbau einer eigenständigen Infrastruktur im Bereich Verwaltung, Bildungs- und Gesundheitswesen. So gesehen war die LDK nicht nur eine politische Partei, sondern auch eine soziale Bewegung, welche dadurch das Vertrauen der Bevölkerung gewann.
Das Vorgehen der serbischen Armee gegen die ultra-nationalistische Befreiungsarmee Kosovo (UCK) führte im Frühjahr 1999 zum Luftkrieg der Nato gegen Jugoslawien. Seither befindet sich die Provinz Kosovo unter dem Protektorat der Vereinten Nationen.
Nach monatelangem Tauziehen im Anschluss an die Parlamentswahlen 2001 wurde Rugova im März 2002 erneut zum «Präsidenten» des Kosovo gewählt - es war das dritte Mal - und 2005 bestätigt.
Ibrahim Rugova selbst war nicht unumstritten. Trotz eines starken Rückhalts in der Bevölkerung hatte er in den letzten Jahren zunehmend die «Übersicht über die politische Szene» verloren, wie der mazedonische Botschafter in der Schweiz, Mahmud Ibrahimi, der WOZ sagte. Rugova «zog sich immer mehr zurück. Und dadurch verlor er auch den Sinn für die politischen Realitäten.» Diese Distanzierung führte zu einer immer langsameren Umsetzung der politischen Ziele, was die Ungeduld vieler albanischer NationalistInnen weckte.
Andere KritikerInnen warfen ihm vor, sich nicht genug für den Schutz der nichtalbanischen Minderheiten eingesetzt zu haben. Dieser Vorwurf erhärtete sich, als Rugova bei den Pogromen gegen SerbInnen und Roma im Frühling 2004 lange untätig blieb.
WOZ vom 26.01.2006
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