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Kroatien

Geisterpolitik

Von Thomas Bürgisser

Im Urlaubsland an der Adria quält man sich einmal mehr mit der faschistischen Vergangenheit: Der Umgang mit der eigenen Geschichte spaltet noch immer die Gesellschaft.

Eigentlich ist Bleiburg nur eine kleine österreichische Grenzstadt im Kärntner Bezirk Völkermarkt. Eigentlich. 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden hier, wie anderswo, Tausende kroatische, deutsche, slowenische, bosnjakische und serbische Soldaten, Faschist­Innen, andere KollaborateurInnen und deren Familienangehörige in Massenerschiessungen durch kommunistische PartisanInnen ermordet. Dies war das Ende des faschistischen Grosskroatiens, eines Marionettenstaates von Adolf Hitlers Gnaden, das seit 1941 SerbInnen, JüdInnen, Roma und KommunistInnen verfolgt und ermordet hatte. Im nachfolgenden sozialistischen Jugoslawien wurde die «Abrechnung mit den Volksfeinden» durch die PartisanInnen tabuisiert. Umso wichtiger wurde Bleiburg als Mythos kroatischer Nationalist­Innen, die das Terrorregime der Ustascha-Bewegung rehabilitieren und die FaschistInnen zu tapferen «kroatischen PatriotInnen» umdeuten wollten. ExilkroatInnen errichteten der «gefallenen kroatischen Armee» in Bleiburg ein Denkmal.

Spiel mit den Opferzahlen

Im Zuge der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens von Jugoslawien zu Beginn der neunziger Jahre instrumentalisierten HistorikerInnen und PolitikerInnen, unter ihnen auch Kroatiens erster Präsident Franjo Tudjman, Bleiburg als Symbol der Leidensgeschichte der KroatInnen unter kommunistischer und «grossserbischer Tyrannei». Im Vorfeld des Bürgerkriegs von 1991 bis 1995 stilisierten sie mit makabren Zahlenspielen Bleiburg zum «kroatischen Holocaust», während NationalistInnen in Belgrad ihrerseits die serbischen Opferzahlen des Ustascha-Konzentrationslagers Jasenovac in die Höhe trieben und von einem «Genozid am serbischen Volk» sprachen. Mit dem Krieg kehrten dann die von den ScharfmacherInnen beider Seiten beschworenen Geister der Vergangenheit tatsächlich zurück.

Feierlichkeiten in Bleiburg gehörten im Nachkriegskroatien zum festen Repertoire staatlicher Inszenierung und Legitimation. Seit Tudjmans Tod 1999 und einer anschliessenden vierjährigen Mitte-links-Regierung, die das Land aus der internationalen Isolation führte, hat sich das geändert. Mit Lobhudeleien über die faschistische Vergangenheit hält sich die Tudjman-Partei Kroatisch Demokratische Union (HDZ) heute zurück. HDZ-Präsident Ivo Sanader, seit 2003 Ministerpräsident, hält zwar die konservative Basis weiterhin mit patriotischer Rhetorik bei Laune. Ansonsten konzentriert er sich jedoch darauf, das Land baldmöglichst in die Europäische Union zu führen. Eine Wallfahrtsstätte von NationalistInnen und Rechtsradikalen, die jeden Frühling mit Flaggen und Symbolen der Ustascha nach Österreich reisen, ist Bleiburg jedoch bis heute geblieben.

Ein umstrittener Besuch

Am letzten Sonntag pilgerten nun ungewohnte Gäste nach Bleiburg: Spitzenkader der oppositionellen Sozialdemokratischen Partei (SDP) unter Parteichef Zoran Milanovic begaben sich an die Gedenkstätte, um der «unschuldigen Opfer des Kommunismus» zu gedenken. Milanovic wollte mit seinem Besuch den Graben zwischen Linken und Rechten, «Roten» und «Schwarzen» im Land überwinden. Jenseits politischer Ideologien seien «Verbrechen immer Verbrechen, Opfer immer Opfer», sagte er. Den Rechtsnationalen sollte damit das Deutungsmonopol über die Nationaltragödie entzogen werden.

Doch was als staatsmännischer Akt geplant war, geriet zuerst zum Skandal und dann zur Farce: In der kroatischen Presse wurde Milanovics Ankündigung des Bleiburg-Besuchs ab Mitte August kontrovers diskutiert. Viele linke Kroat­Innen - unter ihnen auch der Sozialdemokrat Stjepan Mesic, seit dem Jahr 2000 Staatspräsident - zeigten sich durch den Gang Milanovics nach Bleiburg irritiert. Ivo und Slavko Goldstein, prominente Historiker jüdischer Herkunft, die sich anfänglich der SDP-Delegation nach Bleiburg anschliessen wollten, sagten ihre Beteiligung nach massiven Protesten jüdischer Vereinigungen im In- und Ausland ab. Mit der grossen Geste gegenüber den unschuldigen Opfern der Massenexekutionen, kritisieren Parteilinke und antifaschistische Organisationen, würde auch den Verbrechen der Ustascha-Schergen die Absolution erteilt.

Über Milanovics Beweggründe für den umstrittenen Besuch wird eifrig gerätselt. Presseberichte behaupten, Milanovic habe es seinem parteiinternen Konkurrenten, Zagrebs einflussreichem Bürgermeister Milan Bandic, gleichtun und mit seinem Gang nach Bleiburg bei den Rechtsnationalen auf Stimmenfang gehen wollen. Bandic wurde im Mai von Menschenrechtsorganisationen kritisiert, weil er ein Konzert der neofaschistischen Rockband von Marko Perkovic, genannt Thompson, im Zentrum von Zagreb genehmigt hatte. Nachdem einige von Thompsons Konzerten im Ausland aufgrund rassendiskriminierender Texte verboten wurden (so entzog der Gemeinderat von Lengnau BE im Mai Perkovic die Bewilligung für einen Auftritt), erteilten auch in Kroatien einige Städte dem umstrittenen Sänger eine Absage. Dies löste eine weitere Kontroverse über das Geschichtsbild und darüber aus, was «nur» patriotisch ist und was als Verherrlichung der Ustascha-Vergangenheit verurteilt werden muss.

Der Streit war längst überfällig. Ivo Goldstein, der an der Universität Zagreb Geschichte lehrt, bezeichnet in einem Interview mit der Zeitung «Novi list» Bleiburg als «katastrophalen Ballast für die kroatische Gesellschaft» und ruft zu einem nüchternen Umgang mit der eigenen Geschichte auf: «Mit einem unklaren Verhältnis zur Vergangenheit können wir keine gesunde Zukunft aufbauen.»

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