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Beispiel Deutschland: Die demografische Entwicklung ist kein Naturgesetz
Moderne Kaffeesatzleser
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In allen europäischen Ländern greifen PolitikerInnen gern zu Statistiken, um den Sozialabbau zu begründen. Dabei kommen sie zu haarsträubenden Schlussfolgerungen.
«Wir Sozialdemokraten haben in der Vergangenheit die drohende Überalterung unserer Gesellschaft verschlafen. Jetzt sind wir aufgewacht. Die Demografie macht den Umbau unserer Sozialsysteme zwingend notwendig.» Mit diesen Worten begründete im Sommer 2003 Franz Müntefering, Chef der SPD-Fraktion und designierter SPD-Vorsitzender, die «Agenda 2010» der rot-grünen Bundesregierung. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder warnte: «Wir müssen anerkennen und aussprechen, dass die Altersentwicklung unserer Gesellschaft, wenn wir jetzt nichts ändern, schon zu unseren Lebzeiten dazu führen würde, dass unsere vorbildlichen Systeme der Gesundheitsversorgung und Alterssicherung nicht mehr zu bezahlen wären.» Kurz zuvor, im Juni 2003, hatte das Statistische Bundesamt Deutschland seine zehnte «Bevölkerungsvorausberechnung» veröffentlicht. Während über die Konsequenzen des Sozialabbaus im Rahmen der «Agenda 2010» hart diskutiert und gestritten wird, gelten die Berechnungen der StatistikerInnen selbst als unumstritten.
Dabei ist die Prognosegläubigkeit unberechtigt. Auch die Fachleute des Statistischen Bundesamtes sehen die Entwicklung nicht so, wie sie jetzt von den PolitikerInnen dargestellt wird. Denn selbst wenn die Vorhersagen so eintreffen würden wie jetzt angenommen, hätten sie bei weitem nicht die Dramatik, die uns in den letzten Monaten vorgeführt wurde.
Die Annahmen
Die im Juni 2003 veröffentlichten Modellannahmen gehen davon aus, dass die Geburtenhäufigkeit von 1,4 Kindern pro Frau bis zum Jahr 2050 (in den neuen Bundesländern erst ab 2011) gleich bleibt und dass die Lebenserwartung zunimmt. Hinsichtlich der durchschnittlichen Lebenserwartung wird eine mittlere Variante zugrunde gelegt. Danach steigt die Lebenserwartung Neugeborener bis 2050 um rund sechs Jahre und beträgt dann für Jungen 81,1 Jahre, für Mädchen 86,6 Jahre. Auch bei den Zu- und Abwanderungen von AusländerInnen nach beziehungsweise aus Deutschland wurden drei Varianten berechnet, wovon die mittlere mit einem jährlichen Wanderungsüberschuss nach Deutschland von 200000 Personen Grundlage der meisten Publikationen ist.
Mit diesen Annahmen lässt sich der Bevölkerungsaufbau für alle Folgejahre berechnen. Der Schwerpunkt der öffentlichen Darstellung wurde auf das Jahresende 2050 gelegt, aber auch die Situationen zu den Zwischenzeitpunkten 2010, 2020, 2030 und 2040 sind veröffentlicht.
«Die Alterung wird also nicht erst in fünfzig Jahren zu Problemen führen, sondern bereits in den nächsten beiden Jahrzehnten eine grosse Herausforderung für Wirtschaft, Gesellschaft sowie vor allem für die sozialen Sicherungssysteme darstellen. Diese Entwicklung ist vorgegeben und unausweichlich.» So interpretierte Johann Hahlen, der Präsident des Statistischen Bundesamtes, die Ergebnisse anlässlich der Pressekonferenz zur Vorstellung der Modellrechnung am 6. Juni 2003. Auf hundert Menschen mittleren Alters (von zwanzig bis unter sechzig Jahre) kamen 2001 44 ältere, 2050 - so Hahlen - werden es 78 sein.
Aber stimmt das wirklich? In einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes ist zu lesen: «Weil die Entwicklung der genannten Bestimmungsgrössen mit zunehmendem Abstand vom Basiszeitpunkt 31. Dezember 2001 immer unsicherer wird, haben solche langfristigen Rechnungen Modellcharakter. Sie sind für den jeweiligen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten keine Prognosen, sondern setzen die oben beschriebenen Annahmen um.»
Die Fachleute des Amtes wissen also nichts von der angeblichen Unausweichlichkeit der Entwicklung, wie sie der politische Beamte Johann Hahlen - er ist direkt dem Bundesministerium des Innern unterstellt, in dem er vorher achtzehn Jahre lang tätig war - der entsetzten Öffentlichkeit präsentierte.
Aber selbst wenn die Modellrechnungen Wirklichkeit würden, zeigen vier Betrachtungen deutlich auf, dass die Folgen einer Alterung der Gesellschaft nicht zu Wohlstandsverlust führen müssen. Das zeigen Fakten, die die Fachleute des Amtes am 6. Juni 2003 ebenfalls der Presse übergeben haben - allerdings blieben sie von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt.
Ein Blick um fünfzig Jahre zurück zeigt, wie sehr solch langfristige Prognosen Kaffeesatzleserei gleichkommen. So hätte man 1950 bei einer Schätzung für das Jahr 2000 unter anderem folgende Einflussfaktoren übersehen müssen:
• Entwicklung und Verbreitung der Antibabypille
• Anwerbung und Zuzug von ausländischen Arbeitskräften und ihren Familien
• Trend zur Kleinfamilie und zum Single-Dasein
• Öffnung der Grenzen im Osten mit dem Zuzug von etwa 2,5 Millionen AussiedlerInnen aus den osteuropäischen Ländern nach Deutschland.
Auch die besten Berechnungsprogramme hätten nichts genutzt, denn auch diese können nur existierende, bekannte Trends fortschreiben. Strukturbrüche sind nicht vorhersagbar - das Problem jeder Langfristprognose.
Noch deutlicher wird die Problematik, wenn wir annehmen, im Jahre 1900 sei eine Fünfzig-Jahres-Prognose gewagt worden. Es wären schlicht zwei Weltkriege übersehen worden! Wenn solch langfristige Prognosen also in der Vergangenheit unmöglich waren, warum sollen sie in unserer schnelllebigen Zeit plötzlich wie Naturgesetze gelten?
PolitikerInnen und Presse stellen die demografische Entwicklung als unveränderbar dar. Dabei sind zwei wichtige Annahmen des Berechnungsmodells direkt durch die Politik beeinflussbar:
1. Kinderanzahl pro Frau: Mit familien- und kinderfreundlicher Politik und mit Berufschancen für Mütter lässt sich einiges bewirken. Das zeigt das Beispiel Frankreich. Dort stieg die Anzahl der Kinder pro Frau von 1,65 (1993) auf 1,88 (2000) - ein Plus von vierzehn Prozent.
2. Wanderungsüberschuss: Der Zuzug von AusländerInnen ist ganz offensichtlich eine Frage der Ausländer-, Europa- und Integrationspolitik. So hängt der Zuzug von EU-BürgerInnen aus den neuen Beitrittsländern, vor allem nach der vollständigen Freizügigkeit für ArbeitnehmerInnen, stark von der Attraktivität Deutschlands ab. Allein die politische Entscheidung, die Türkei in die EU aufzunehmen, hätte immensen Einfluss auf den Bevölkerungsstand in Deutschland.
Zwei der drei wichtigen Stellschrauben des Rechenmodells sind also von der Politik abhängig und nicht umgekehrt.
Auch die dritte wichtige Modellannahme, der Anstieg der Lebenserwartung um etwa sechs Jahre, ist alles andere als eine sichere Prognose. Nicht nur Kinderärzte sind angesichts von Adipositas (rund 25 Prozent der Kinder sind fettleibig), Bewegungsarmut, frühzeitigem Konsum von Alkohol, Nikotin und Drogen unsicher, ob der Trend tatsächlich langfristig in diese Richtung geht.
Wegen der grossen Unsicherheiten bei den Modellannahmen musste das Statistische Bundesamt bisher meist schon nach kurzer Zeit neue Berechnungen vornehmen. Die letzten neun Bevölkerungsvorausberechnungen hatten im Schnitt gerade mal vier Jahre Bestand. So wurden die letzten drei Berechnungen in den Jahren 1992, 1994 und 2000 veröffentlicht.
Zwei Beispiele: In seiner siebten Vorausberechnung für das Jahr 2030 hatte das Amt einen Bevölkerungsstand von 69,9 Millionen EinwohnerInnen errechnet. Nur zwei Jahre später, in der achten Vorausberechnung, lag der Wert je nach Variante um 3,8 bis 11,2 Millionen höher. In seiner zehnten, jetzt veröffentlichten Vorausberechnung reicht die Spannbreite für die erwartete Bevölkerung für das Jahr 2050 von 67 (Variante 1) bis 81,3 Millionen (Variante 9) - eine Differenz von 14,3 Millionen Menschen. (Für die meistzitierte mittlere Variante 5 wurden 75,1 Millionen BundesbürgerInnen errechnet.)
Trotz der oben genannten Zweifel ist natürlich nicht auszuschliessen, dass die zukünftige Realität in der Nähe der Vorausberechnungen liegen wird. Dies hätte aber bei weitem nicht die dramatischen Auswirkungen, die vielfach an die Wand gemalt werden. Das zeigen die folgenden Überlegungen anhand der Daten der Variante 5, die auch den meisten Veröffentlichungen des Amtes und der Presse zugrunde liegen.
Bei so gut wie allen Betrachtungen zum Thema Demografie wird so getan, als hätte die erwerbsfähige Bevölkerung nur ihre Alten zu ernähren. Dass Kinder und Jugendliche neben Essen, Kleidung und Wohnen (oft von den Eltern finanziert) auch gesellschaftliche Ausgaben erfordern - etwa für Kindergärten, Schulen, Gesundheit - wird meist nicht beachtet. Eine seriöse Betrachtung darf also nicht nur den Altenquotienten heranziehen, sondern muss auch den Jugendquotienten berücksichtigen. Nur die Summe beider bietet eine aussagekräftige Grösse über die von den Erwerbsfähigen zu versorgenden Menschen.
Aus der Veröffentlichung der Fachleute des Statistischen Bundesamtes, die sich diesem Gedanken nicht verschliessen, sind die folgenden Daten entnommen: Auf hundert Erwerbsfähige kamen im Jahre 2001 44 ältere und 38 junge Menschen, also insgesamt 82. 2050 werden es - falls die Annahmen stimmen - 78 Ältere und 34 Junge sein (macht insgesamt 112). Während der Altenquotient um 77 Prozent steigt, ergibt sich für den Gesamtquotienten ein Plus von 37 Prozent. Die Dramatik hat sich allein bei Einbeziehung der jungen Generation schon halbiert.
Auch hier lohnt ein Blick in die Vergangenheit. 1970 gab es auf hundert Erwerbsfähige sechzig Junge und vierzig Ältere (Gesamtzahl: 100). Sollte die Prognose des Statistischen Bundesamtes tatsächlich zutreffen, wird die Zahl der zu Versorgenden bis 2050 auf 112 wachsen - das wäre eine Zunahme um nur zwölf Prozent gegenüber 1970.
Bemerkenswert ist auch, dass eben jene politischen DramatisiererInnen, die derzeit unentwegt für längere Lebensarbeitszeiten plädieren, bei der Begründung des Sozialabbaus ihre eigenen Forderungen und mögliche Veränderungen ausser Acht lassen. Sie nehmen an, dass die Menschen deutlich länger leben, gehen aber bei ihren Berechnungen vom heutigen Renteneintrittsalter aus. Derzeit liegt das offizielle Rentenalter in Deutschland bei 65 Jahren, tatsächlich aber gehen die Beschäftigten aufgrund der Arbeitslosigkeit und der frühzeitigen Abnutzung ihrer Arbeitskraft im Schnitt mit 60 Jahren in die Rente. Die Fachleute des Bundesamtes haben auch eine Entwicklung berechnet, wonach heute bis zum Lebensalter von 60 und 2050 bis zum Alter von 65 Jahren gearbeitet wird. Wenn das Erwerbsfähigenalter auf 65 Jahre verlängert würde, kämen auf 100 Menschen mittleren Alters 55 ältere und 30 junge, also insgesamt 85 Menschen, die versorgt werden müssen.
Damit soll nicht für eine generelle Anhebung des tatsächlichen Renteneintrittsalters um fünf Jahre plädiert werden. Aber den durch Arbeitslosigkeit oder ihre Androhung verursachten Zustand der Frühverrentung auf das Jahr 2050 festzuschreiben, ist schlichtweg unseriös. Selbst wenn das tatsächliche Renteneintrittsalter nicht auf 65, sondern auf 63 Jahre ansteigt, würde die demografische Entwicklung jegliche Dramatik verlieren.
Die aktuelle Diskussion ist von einer statischen Betrachtungsweise geprägt: Sie unterstellt, dass die Leistungsfähigkeit eines heutigen Beschäftigten bis zum Jahre 2050 gleich bleibt, und blendet den technischen Fortschritt aus. Wie stark die Arbeitsproduktivität ansteigen wird, kann niemand voraussagen - aber man kann die Werte der letzten Jahrzehnte heranziehen. Im Folgenden beziehe ich mich auf die Prognosen der beiden Kommissionen, die sich in den letzten Monaten besonders stark für einen Sozialabbau ausgesprochen haben - die von der Regierung eingesetzte «Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme» unter Vorsitz von Bert Rürup und die von der CDU installierte Kommission «Soziale Sicherheit» unter Vorsitz des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog. Das heisst: Ich rechne mit den niedrigen Zahlen der «Dramatisierer».
Laut Herzog-Kommission wird die Arbeitsproduktivität jährlich um 1,25 Prozent steigen; das ergibt im Zeitraum von 2001 bis 2050 eine Gesamtsteigerung von 84 Prozent. Die Rürup-Kommission erwartet einen Zuwachs von 140 Prozent, weil sie von einer jährlichen Steigerung der Arbeitsproduktivität um 1,8 Prozent ausgeht.
Aufgrund dieser Leistungssteigerung von mindestens 84 Prozent bis 2050 ist jede beschäftigte Person, die ihren Anteil an der gestiegenen Produktivität auch erhält, in der Lage, etwas mehr für RentnerInnen und Kinder abzugeben, ohne selbst auf die Teilnahme am Fortschritt verzichten zu müssen. Die uns immer wieder eingeredeten Einschränkungen sind also nicht wirklich nötig.
Eine vereinfachte Überschlagsrechnung verdeutlicht die immense Wirkung von Produktivitätssteigerungen. Nehmen wir das Beispiel einer überdurchschnittlich gut bezahlten Gehaltsempfängerin. Wer heute (inklusive des Sozialversicherungsanteils des Arbeitgebers) 3000 Euro monatlich bekommt, zahlt etwa 600 Euro (zwanzig Prozent) in die Rentenkasse, also für die RentnerInnen. Ihr verbleiben somit 2400 Euro. Selbst wenn die Produktivität nur um 1,25 Prozent steigen sollte (Herzog-Kommission), würden aus den 3000 Euro inflationsbereinigt fünfzig Jahre später 5583 Euro. Sogar bei einer Steigerung des Rentensatzes auf dreissig Prozent bekäme unsere Gehaltsempfängerin noch 3908 Euro (plus 63 Prozent). Und sollte sich bis dahin - was völlig unrealistisch ist - der Rentenversicherungsbeitrag auf vierzig Prozent verdoppeln, verblieben dem Beschäftigten mit 3350 Euro noch vierzig Prozent mehr als heute. Von «unbezahlbaren» Renten kann also gar keine Rede sein - vorausgesetzt, die Produktivitätssteigerungen werden auch tatsächlich den Beschäftigten in Form von Lohnerhöhungen entgolten.
Während der ersten Lesung der Gesundheitsreform im Deutschen Bundestag am 9. September 2003 bezeichnete Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die tief greifenden Veränderungen im deutschen Sozialwesen als «grösste Herausforderung des 21. Jahrhunderts», schliesslich gelte es, die «Solidarität auch angesichts der veränderten demografischen Entwicklung zu gewährleisten» (Beifall bei der SPD und den Grünen). So oder ähnlich wird jedes Mal argumentiert, wenn wegen aktueller Probleme in das Gesundheits- oder Rentensystem eingegriffen wird.
Bleiben nur noch ein paar Fragen: Soll mit dem Hammer Demografie von ganz anderen Schauplätzen gesellschaftlicher Auseinandersetzung abgelenkt werden? Und will man die Löhne und Gehälter der Beschäftigten langfristig von der Teilhabe am Produktivitätsfortschritt abkoppeln? Dann wären die LohnempfängerInnen tatsächlich nicht so leicht in der Lage, die Versorgung der Jungen und Älteren zu übernehmen. Das hätte allerdings weniger mit den «unausweichlichen» Folgen des Alterungsprozesses zu tun, sondern wäre eine bewusste politische Entscheidung über die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums.
Der Autor
Gerd Bosbach ist Professor für Statistik, Mathematik und Empirik an der Fachhochschule Koblenz. Der mit seiner Genehmigung leicht gekürzte und bearbeitete Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift «Gewerkschaftliche Monatshefte».
WOZ vom 25.03.2004
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Inhalt Dossier «WOZ Economique»
WOZ vom 25.03.2004
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WOZ 21/03
Editorial: Es geht nicht nur um die Rente



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