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Deutsche Vergangenheitsbewältigung
Geschichte, weich gespült
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Im Umgang mit der «Topographie des Terrors», dem «Beisheim-Center» und der «Flick-Collection» offenbart sich ein neuer Zeitgeist.
In die Stadtgeschichte Berlins wird das Jahr 2004 als das der bedeutungsvollen Bauvorhaben entlang der ehemaligen Mauer zwischen Ost und West eingehen: Anfang Januar wurde am Potsdamer Platz das Beisheim-Center eröffnet - ein Gebäudeturm, der noble Ladenflächen, Edelwohnungen, schicke Büros und ein Fünfsternehotel beherbergt. Gleichzeitig schreitet einen halben Kilometer südlich, vor dem Brandenburger Tor, das Holocaust-Mahnmal seiner Vollendung entgegen. Noch einen Kilometer weiter, hinter dem Reichstag und jenseits der Spree, wird im September dieses Jahres neben dem Hamburger Bahnhof die Flick-Collection im eigenen Domizil eröffnet. Nur etwa 200 Meter nordöstlich vom Potsdamer Platz hingegen stehen derweil die Treppentürme des Zumthor-Baus auf dem Gelände der «Topographie des Terrors» zum Abriss bereit.
Diese, auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Baustellen haben eins gemein: Sie wären zu Zeiten der alten Bundesrepublik undenkbar gewesen - und nicht nur, weil nach der Wiedervereinigung zu einem Gesamtdeutschland jetzt Bauland zur Verfügung steht, das damals als Todesstreifen die Grenze zum Osten markierte. Schaut man genauer, verändert sich mit dem Verschwinden der Mauer nicht nur eine Geografie, sondern auch der Blick auf die Geschichte. Otto Beisheim mit Wohnsitz im schweizerischen Zug, Firmengründer der Metro AG, Europas grösstem Handelskonzern, wurde letztes Jahr in Berlin mit dem Verdienstorden der Stadt willkommen geheissen. Er ist, nachdem vor allem Daimler-Chrysler und Sony fertig gebaut haben, der typische Privatinvestor am neuen Potsdamer Platz - die Stadt, das Land und der Bund sorgten lediglich für den Ausbau der lokalen Infrastruktur. Doch anders als die anderen Global Players, die hier ganze Strassenzüge gestalten konnten, kennt Beisheim den neuen Bauplatz seit seiner Jugend: Er war (wie durch Indizien bewiesen wurde, für Fragen steht er grundsätzlich nicht zur Verfügung) als junger Mann Mitglied der SS-Leibstandarte Adolf Hitler, also als dessen Bodyguard beschäftigt. Einen Steinwurf von Hitlers Reichskanzlei und nur wenige Fussminuten entfernt vom ehemaligen SS-Hauptquartier in der Wilhelmstrasse hat er sich jetzt ein eigenes Denkmal gesetzt. In edlen Stein gekleidet, ergänzt durch bronzene Fensterrahmen und 25 Tonnen Blattgold im Inneren, befindet sich dort seit Beisheims achtzigsten Geburtstag Anfang 2004 das teuerste Hotel der Stadt, Luxusapartments krönen den Turm. An seinem Dachaufbau prangt in goldenen Lettern weithin sichtbar der Name des Besitzers. Es war, so der Architekt Thomas Albrecht nicht ohne Stolz, die schnellste Baustelle Europas.
Derweil bemüht sich der deutsche Staat um ein angemessenes Gedenken der Gräuel des Dritten Reichs. Hervorragende Architekten wurden für das Jüdische Museum und das Holocaust-Mahnmal gefunden. Während der Bau von Daniel Libeskind heute eines der gefragtesten Museen Berlins beherbergt, nehmen die vielen Querelen um das Mahnmal von Peter Eisenman kein Ende: Zuletzt zeigte die Auseinandersetzung um die Verwendung des Anti-Graffiti-Lacks der Firma Degussa, die als Tochterfirma der IG-Farben selbst ins Naziregime verstrickt war, dass eine schwierige Diskussion um die Vergangenheit deutscher Firmen noch zu führen ist. Interessant ist aber auch die Frage, wie diese Gedenkstätte, die aus hunderten roher Betonstelen bestehen wird, vor Vandalismus zu schützen sein wird. Vermutlich wird das Ganze eingezäunt, in gleissendes Licht getaucht, beobachtet von Infrarotkameras und beschützt durch patrouillierendes Sicherheitspersonal. Immerhin werden Staatsgäste dann vermutlich nicht mehr zur historischen «Alten Wache» Unter den Linden gebracht, wo eine aufgeblasene Kopie der Pietà von Käthe Kollwitz keinen Unterschied zwischen Tätern und Opfern macht. Sie gehört zu den Vermächtnissen der Ära Helmut Kohl, der eine Miniaturversion der Mutter mit dem sterbenden Sohn, einem Soldat des Ersten Weltkriegs, zu Hause auf seinem Kaminsims stehen hatte.
Der einzig reale und wahre Ort des Schreckens in Berlin aber ist das Gelände der «Topographie des Terrors». Auf dem seit 1987 so benannten Gelände zwischen Prinz-Albrecht-Strasse (heute Niederkirchnerstrasse), Wilhelmstrasse und Anhalter-Strasse befanden sich zwischen 1933 und 1945 die wichtigsten Zentralen nationalsozialistischer Repressions- und Verbrechenspolitik. In räumlicher Nähe zum traditionellen Regierungsviertel etablierten sich hier das Geheime Staatspolizeiamt, die SS-Führung und das Reichssicherheitshauptamt: In der Prinz-Albrecht-Strasse 8 waren die Dienstzentrale der Geheimen Staatspolizei und das berüchtigte Gestapo-«Hausgefängnis», das benachbarte Hotel Prinz Albrecht diente als Sitz der Reichsführung-SS, der Sicherheitsdienst (SD) der Reichsführung-SS schliesslich war in der Wilhelmstrasse 102 untergebracht. Seit 1939 war die Prinz-Albrecht-Strasse 8 zudem die zentrale Adresse des neu gegründeten Reichssicherheitshauptamtes.
Hier wurde der Terror geplant, hier wurde verhört und gefoltert, hier wurde nach 1945 schon einmal Geschichte durch Sprengung entsorgt. Als Westberliner konnte man auf dieser Brachfläche noch in den Achtzigern ohne Führerschein eine staubige Geländestrecke zum Spass befahren, später standen dort wenige Gedächtnistafeln. Vor zwölf Jahren schliesslich gewann der Schweizer Architekt Peter Zumthor den internationalen Wettbewerb für eine Bebauung, die an den Schrecken des Ortes in der Architektur erinnert. In einem unveröffentlichten Gespräch vom Mai diesen Jahres erzählte er, dass er anfänglich angesichts der Komplexität des Ortes ideenlos war. Schliesslich entwarf er einen Pfahlbau, der als Überbauung die Schutthügel nicht verdecken sollte, sondern wie eine vorsichtige emotionale Intervention wirken sollte. Nicht um ein Gebäude zum Aufstellen erklärender Schautafeln ging es ihm, sondern um einen so historischen wie gegenwärtigen Assoziationsraum, unbeheizbar im Erdgeschoss, gebaut aus Weissbetonstäben, zu dicht gestellt, als dass man hindurchgehen könnte.
Doch schon 1992 sprach sich der damalige Regierende Bürgermeister Berlins, Eberhard Diepgen, offen gegen das Zumthor-Projekt aus. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen um Budgets (immer wieder mussten die Zahlen korrigiert werden), kam nun im Frühsommer das endgültige Aus: Es fehlten drei Millionen Euro, eine Finanzierungslücke, die sich aus der steigenden Stahlnachfrage am Weltmarkt ergeben hatte. Zumthor erfuhr erst aus der Presse, dass sich Bund, Land und Stiftung gegen die «Selbstverliebtheit des Architekten» gewandt und sein Projekt gekippt hatten. Die Einstellung des Bauvorhabens ist wohl weniger finanziellen oder technischen Problemen zuzuschreiben als vielmehr der Tatsache, dass dort, gegenüber dem ehemaligen Reichsluftfahrtministerium und jetzigen Bundesfinanzministerium, ein unbequemes Gebäude auf kontaminiertem Grund nie erwünscht war. Zu Recht argumentiert Zumthor, dass die zentrale Aufgabe, die Erinnerung an die eigene Geschichte sorgsam zu wahren, für den Exportweltmeister Deutschland mit seiner Vergangenheit ein Feilschen um einige Millionen Euro nicht rechtfertigt. Und: Wäre nicht zu bedenken gewesen, dass Deutschland ein Blick von aussen, da es um das Schmerzlichste der eigenen Geschichte geht, gut angestanden hätte?
Als Friedrich Christian Flick Anfang 2003 mit Klaus-Peter Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, vor die Presse trat und die temporäre Ansiedlung seiner aus Zürich abgezogenen Sammlung in Berlin bekannt gab, war das Echo von Anfang an geteilt, ganz anders als bei Beisheim und Zumthor. Inzwischen eskaliert die Kontroverse aber zu einem handfesten Skandal um die Frage, was individuelle Geschichte sei - und um die Autonomie der Kunst. Besonders der Vizepräsident des Zentralrats der Juden Deutschlands, Salomon Korn, wollte der Argumentation, Kunst lasse sich nicht stigmatisieren, nicht folgen. So könne man auch eine «Göring-Collection» vertreten. Zu Recht gibt Korn zu bedenken, dass mit dieser Argumentation offenbar «Umfeld und Geschichte, denen das jeweilige Kunstwerk entstammt, jeglicher Kritik entzogen» werde. Ist Kunst auch dann autonom, wenn «eine wertvolle Sammlung moderner Kunst mit dem Geld aufgebaut wurde, das mittelbar aus dem Blutgeld des Grossvaters stammte» (Korn)?
Mick Flick wird den Verdacht schlecht entkräften können, dass er sich durch seine Kunstsammlung von der Vergangenheit seiner Familie reinzuwaschen suchte. Eugen Blume, Chefkurator der Flick-Collection, sprach in Erwiderung gegen die politischen Anfeindungen von «episodenhaften Ereignissen der Geschichte, die die Autonomie der Kunst nicht berühren dürfen». Michael Fürst, Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, forderte daraufhin, ihn abzuberufen. Inzwischen hat der öffentliche Druck der Debatte zwar dafür gesorgt, dass die Stiftung Preussischer Kulturbesitz die Geschichte des NS-Rüstungslieferanten Friedrich Flick und seiner Familie untersuchen lässt - ob die Untersuchung veröffentlicht wird, ist noch nicht geklärt. Sicher ist hingegen, dass in der Ausstellungshalle keine Hinweise zum Ursprung des Flick-Vermögens auftauchen, betonte Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann: Zwischen der Geschichte Flicks und der Kunst solle keine Verbindung geschlagen werden. Hier stösst ein bürgerliches Verständnis von Unbefleckbarkeit und Selbstreferenzialität der Kunst auf offene Wunden der Wirklichkeit.
Die Stellungnahmen der Politik bleiben mehr als verhalten: Berlins heutiger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der sich einst die Toleranz auf die Fahnen geschrieben hatte («ich bin schwul, und das ist gut so!»), verteidigt inzwischen die Übernahme der Sammlung. Es gäbe angesichts der Debatte keinen Grund, auf die Ausstellung zu verzichten. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder - dessen Schreibtisch ein Foto seines Vaters in Wehrmachtsuniform ziert - pflegt zwar gegen Steuerflüchtlinge zu wettern, unterhält sich aber gerne mit dem Milliardär und Wahlschweizer Flick in der Skylobby seines Bundeskanzleramts: Über das Sammeln von Kunst und die damit verbundene «Leidenschaft oder Verpflichtung».
In dieser Ausprägung der Erinnerungskultur zeigt sich eine Gesellschaft, die es in ihrer Amoralität und Geschichtsvergessenheit den Opfern überlässt, an ihr eigenes Leid zu erinnern. Ihre eingespielte Arbeitsteilung fragt nicht nach den Mitteln, die den Zweck heiligen: Beisheim und Flick dürfen protzen, auch Steuergelder, mit denen die Folgekosten der «Geschenke» zu bezahlen sein werden (siehe WOZ Nr. 19/04), spielen keine Rolle. Flick selbst unterlässt inzwischen keine Gelegenheit darauf hinzuweisen, er sei Deutscher, hier lägen seine Wurzeln, Heimat, Beständigkeit, Halt. Er wolle seiner Familiengeschichte nun eine «hellere» Seite hinzufügen. Einem halbherzigen Zurückrudern gleicht daher die Umbenennung der Ausstellung von «Flick Collection» in «Friedrich Christian Flick Collection».
Auf dem Gelände der «Topographie des Terrors» hingegen werden - zum bereits verbauten Drittel des zur Verfügung stehenden Geldes - jetzt noch die Abrisskosten hinzukommen. Mit der verbleibenden guten Hälfte wird dann eine Hütte gebaut werden, in der eine zweidimensionale Geschichte auf rechteckigen Tafeln so verständlich wie verdaulich wird.
Beisheim ist da, Flick ist da, Zumthor wieder in den Bergen. Damit ist der Weg offen für den in der DDR aufgewachsenen CDU-Rechtsausleger Günter Nooke mit seinem Antrag zur «Förderung von Gedenkstätten zur Diktaturgeschichte in Deutschland - Gesamtkonzept für ein würdiges Gedenken aller Opfer der beiden deutschen Diktaturen». Darin werden dem deutschen Bundestag folgende Sätze zum «Beschluss» vorgelegt: «Beide deutsche Diktaturen waren von einer Gewaltherrschaft geprägt, die sich in der systematischen Verfolgung und Unterdrückung ganzer Bevölkerungsgruppen manifestiert hat.» Hier wird nicht nur ein völlig verfehltes Bild der Repression in den verschiedenen Etappen der DDR vom Terror der ersten Jahre bis zum sich zersetzenden Überwachungsstaat der Endzeit gezeichnet. Indem der Antrag im Zeichen «beider deutscher Diktaturen» Verfolgung und Repression im Nazi-Deutschland und in der DDR in einem Satz zusammenfasst, tilgt er den Unterschied zwischen Massenmord und autoritärer politischer Unterdrückung.
Der Autor
Christian von Borries war Ende der achtziger Jahre Soloflötist am Opernhaus Zürich. Der Dirigent aus Berlin hat im Rahmen seiner Konzertreihe «Psychogeographie» mit den Berliner Symphonikern ein Konzert veranstaltet mit dem Titel «Topographie des Terrors: Die Flick-Collection (Aus dem Reich der Toten)».
WOZ vom 22.07.2004
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Inhalt Dossier «Flick Collection»
WOZ vom 23.03.2006
WOZ vom 02.09.2004
«Die Flicks»: Ein neues Buch verharmlost die Geschichte einer berüchtigten deutschen Dynastie
WOZ vom 22.07.2004
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WOZ vom 16.01.2003
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