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Flick Collection
Flicks fieses Geschenk
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Anders als Zürich reagierte Berlin begeistert auf das Versprechen eines Privatmuseums von Christian Friedrich Flick. Nun wachsen die Bedenken.
Berlin ist pleite, aber reich an Geschichte und reich an Kunst. Das macht diese Stadt so reizvoll, nicht nur für KünstlerInnen aus aller Welt und Galeristen, auch für Friedrich Christian Flick. Er will hier die Kunstwerke seiner privaten Sammlung der Öffentlichkeit zeigen. Für 7,5 Millionen Euro lässt er eine ehemalige Lagerhalle der Deutschen Bahn dafür umbauen, gleich nebenan liegt der ehemalige Hamburger Bahnhof der Reichsbahn, dessen weiträumige Hallen heute als prominentester Ausstellungsraum der Stadt für moderne Kunst genutzt werden.
Besser könnte die Adresse der künftigen Flick Collection, wie die Sammlung vermarktungsgerecht heisst, gar nicht sein. Noch weiss zwar niemand genau, welche Werke im Detail sie enthält, dennoch könnten alle, die Regierung der Stadt ebenso wie die Liebhaber der Kunst in aller Welt, glücklich der geplanten Eröffnung im Herbst dieses Jahres entgegensehen. Denn Kunst kann man ja nie genug haben, gerade dann, wenn man sonst so pleite ist.
Kosten von mehreren Millionen
Nur ist niemand so richtig glücklich über Flicks Geschenk. Selbst Klaus-Dieter Lehmann nicht, der Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, unter deren Obhut die Staatlichen Museen zu Berlin stehen. Auch die Flick Collection wird dazugehören, und vor der Presse lässt Lehmann stets verlauten, welch bedeutender Gewinn das sei. Er weiss es besser, denn der Vertrag, den Flick mit der Stiftung geschlossen hat, verpflichtet zu Sonderleistungen, über deren Kosten bislang niemand laut sprechen mag. Ein Abgeordneter des Bundestages hat mal probeweise nachgerechnet: 1,5 Millionen Euro kostet die Auftaktschau im Herbst, eine Million Euro die Brücke, die Flicks Halle mit dem Hamburger Bahnhof verbindet, für jede der zunächst geplanten sieben Wechselausstellungen werden jeweils 400 000 Euro fällig.
Das ist vorsichtig geschätzt: Flick hat unter anderem Grossinstallationen von Jason Rhoades, Paul McCarthy oder Bruce Nauman in Zürich eingelagert. Ihr Aufbau verlangt wochenlange Arbeit mit den Künstlern und ihren Assistenten. Da Flick besonderen Wert auf die Pflege seiner Sammelstücke legt, kommen weitere Kosten für Sicherheit, Überwachung, Unterhalt und Reinigung hinzu, die noch nicht kalkuliert sind. Auf sein Verlangen soll eine eigene Sicherheitszentrale in der Halle eingerichtet werden, die 24 Stunden besetzt ist. Ebenfalls auf besonderen Wunsch Flicks müssen seine gesamten Kunstbestände von Zürich nach Berlin geholt werden, was bei den Staatlichen Museen weitere Lagerkapazitäten erfordert: Die Kosten könnten bis in den zweistelligen Millionenbereich wachsen.
An eine entsprechende Erhöhung des Etats aus Bundesmitteln ist nicht zu denken. Das Geld wird anderen Projekten und Museen fehlen. Für eigene Ausstellungspläne der Kuratoren bleibt kaum noch Spielraum. Freimütig gab Flick in einem Interview mit dem «Spiegel» zu verstehen, dass er allein darüber bestimmen möchte, was wann in seiner Ausstellung zu sehen ist. So weit bekannt, räumt ihm der Leihvertrag denn auch weitgehende Mitbestimmungsrechte ein. In einem Anhang zum Vertrag ist die Rede von einer «Familien-Sammlung». In einer Übersicht werden Kunstwerke benannt, die bei Bedarf zusätzlich zu den vereinbarten Leihgaben zu vertraglich gesondert zu formulierenden Bedingungen zur Verfügung gestellt werden können. Das Gleiche soll für Neuankäufe während der siebenjährigen Laufzeit des Leihvertrages gelten. Zweifellos wird Flick diesen Passus besonders gerne nutzen und seine Neuerwerbungen, wann immer möglich, in der Rieck-Halle neben dem Hamburger Bahnhof präsentieren. Denn nach allen Erfahrungen des Kunstmarktes treibt nichts den Wert von Kunstwerken so sehr in die Höhe wie die Weihe einer solchen Ausstellung an renommiertem Ort.
Museum zur Namensreinigung
Ein gutes Geschäft also wird die Berliner Flick Collection für Friedrich Christian Flick allemal, den Enkel des Unternehmers, der als Hitlers grösster Rüstungslieferant in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Man möchte dem Enkel glauben, dass er nur die Kunst liebt, aber es fällt schwer. Über die Sammlung, die er zusammengetragen hat, schrieb er in einem Brief an seinen Onkel, sie könne dazu dienen, seinen «Kindern und Nachkommen eine konstruktive und sinnvolle Möglichkeit zur Identifikation mit unserem Namen» zu bieten.
Als er der Stadt Zürich ein Museum bauen wollte, um die Sammlung der Öffentlichkeit zu zeigen, kam es zum Skandal (siehe Dossier auf www.woz.ch). Gerade in Zürich, wo man über Geld besser Bescheid weiss als in Berlin, war das Argument nicht zu widerlegen, dass das Vermögen, mit dem Friedrich Christian Flick seine Werke gekauft hat, aus dem Erbe des Grossvaters stammt. Es ist Blutgeld. Man kann es zwar freundlicher nennen, aber kein Historiker, keine Kunstkritikerin und auch kein Finanzfachmann kann an der Tatsache etwas ändern, das diesen Namen durchaus verdient.
Eben darum fällt ja auch dem Erben selbst die Identifikation mit seiner Familie schwer. Persönlich darf ihn gewiss niemand für die Verbrechen der Vergangenheit zur Verantwortung ziehen. Es ehrt ihn, dass er diese Last dennoch spürt. In Zürich allerdings ist sein erster Versuch, dafür persönlich etwas zu tun, gründlich gescheitert. Selbst ein unpolitischer Kunstsammler würde Schlüsse ziehen. Ein Museum alleine kann den fatalen Ruf offenbar nicht korrigieren. Im Gegenteil, es ist geeignet, die Erinnerung an die Verbrechen erst recht zu wecken.
Schwindelfirma auf Guernsey
Doch Flick hat nicht dazugelernt. Und damit macht er es auch seinen UnterstützerInnen schwer. Der Heidelberger SPD-Abgeordnete Lothar Binding wirft jetzt dem Präsidenten der Stiftung Preussischer Kulturbesitz vor, Geschäfte mit einer Schwindelfirma zu machen. In einem offenen Brief an Klaus-Dieter Lehmann schreibt Binding: «Im Hinblick auf die Ausstellung der Flick Collection ist Vertragspartner der Stiftung Preussischer Kulturbesitz die Contemporary Art Ltd. aus dem Steuerparadies Guernsey. Bis zu diesem Vorgang war es mir nicht vorstellbar, dass die deutsche öffentliche Hand Millioneninvestitionen auf der Grundlage eines Vertrags tätigt, den sie mit einer auf Guernsey ansässigen Briefkastengesellschaft abgeschlossen hat.» Binding sieht in der Ausstellung die Betriebsstättengründung einer ausländischen Kapitalgesellschaft, die in Berlin steuerpflichtig ist.
In der Konsequenz bedeuten Bindings Ausführungen, dass das Flick’sche Firmengeflecht und seine Bilanzen offen gelegt werden müssen. Sonst könnte sich gegenüber der Stiftung Preussischer Kulturbesitz der Anfangsverdacht der Beihilfe zur versuchten Steuerhinterziehung ergeben. Auch Norbert Geis, CSU-Bundestagsabgeordneter ist verärgert und erwägt rechtliche Schritte. In diesem Fall gegen Kulturstaatsministerin Christina Weiss. Sie soll ihm in ihrer Funktion als Vorsitzende des Stiftungsrates zu niedrig bezifferte Auskünfte über die Kosten der Flick Collection in Berlin gegeben haben.
Da war doch der kleine Plausch in der Sky Lobby des Bundeskanzleramts, zu dem die Kulturstaatsministerin Friedrich Christian Flick und seinen Sammlerfreund Heinz Berggruen im November vergangenen Jahres geladen hatte, eine Begegnung der leichteren Art. Und hier, im Beisein des deutschen Bundeskanzlers, behauptete der Sammler, sein Engagement für die bildende Kunst sei - zu Beginn vielleicht noch unbewusst - stets auch vom Versuch getragen, sich mit der belasteten Familiengeschichte auseinander zu setzen. So darf man sich wohl erklären, warum er besonders Künstler sammelt, die an der Schnittstelle von Politik, Ästhetik und Geschichte arbeiten. Christina Weiss lobte ihn dafür als einen «Beuys-Schüler par excellence», um wenig später davon zu schwärmen, wie sehr doch seine Sammlung die «Wunden der Geschichte» heilen werde.
Ausstellung über Flick-Geschichte
Was sie damit meinen mochte, blieb der Fantasie der ZuhörerInnen überlassen. Wahr ist allerdings, dass Berlin reich an Geschichte ist und reich an Menschen, die sich dafür interessieren. Wie alle anderen in dieser Stadt haben sie zwar kein Geld, aber Ideen. Der Förderverein Dokumentation Zwangsarbeit zum Beispiel will eine Ausstellung über die Geschichte der Familie Flick einrichten, möglichst in unmittelbarer Nähe zur Flick Collection. Doch das scheint nicht die Art von Schnittstelle zu sein, die ein Friedrich Christian Flick bewundert. Die Verhandlungen des Fördervereins über eine weitere Halle auf dem Gelände der Deutschen Bahn scheiterten. Ein Antrag an den Senat für einen (kleinen) finanziellen Zuschuss aus den Einnahmen der Landeslotterie wurde erst verschleppt, dann abgelehnt. In der Öffentlichkeit liess Friedrich Christian Flick seinen Sprecher Tyll Schöneman zwar weiterhin verkünden, er begrüsse die Initiative des Vereins. «Wir wissen beide, dass dies so nicht den Tatsachen entspricht», antwortete der Vorsitzende des Fördervereins, Armin Huttenlocher, in einem Brief an Flick. Den Tatsachen entspricht vielmehr, dass weder der Erbe, noch auch die von den Sozialdemokraten und der PDS getragene Stadtregierung bereit sind, eine Dokumentation der Familiengeschichte Flick finanziell zu unterstützen. Vorerst steht der Verein ohne Geld da, doch das ist in Berlin normal.
Das Projekt wird dennoch zustande kommen. Der Bielefelder Historiker Harald Wixforth, der Mitarbeiter am Forschungsprojekt «Die Dresdner Bank im Nationalsozialismus» der TU Dresden war, hat bereits festgestellt, «dass es auch ausserhalb der Flick’schen Familienarchive einiges an hoch interessantem und noch völlig unbekanntem Material zur Geschichte des Familienimperiums gibt». Damit lasse sich «der
Aufbau einiger Grundpfeiler dieses Imperiums ebenso nachzeichnen, wie die Art und Weise der Kollaboration des Firmengründers mit den Nazis und der systematischen Ausbeutung vor allem von Juden und Zwangsarbeitern».
Der Glanz der für September geplanten Eröffnung der Sammlung Flick im Hamburger Bahnhof ist schon heute getrübt. Und Friedrich Christian Flicks Versuch, «der dunkleren Seite meiner Familiengeschichte eine hellere Seite hinzufügen zu können», wie er am 22. April in einem Leserbrief an «Die Welt» schrieb, droht in der Pleite zu enden. Zu viele Aspekte seines Unterfangens erstrahlen weit weniger hell, als zu erwarten war. Es bleibt eben dabei, Berlin ist vor allem auch an Pleiten reich.
WOZ vom 06.05.2004
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